Plagiatssoftware – Fluch oder Segen?

Ein Gastbeitrag von Ute Schlüter-Köchling

Nutzen Sie eine Plagiatssoftware, z. B. zur Korrekturhilfe von studentischen Arbeiten oder vielleicht für Ihre eigenen Schreibprojekte? Der Ruf nach einer solchen Software, welche die Lehrenden bei der Korrektur von Hausarbeit, Bachelorarbeit & Co unterstützen soll, wird zunehmend lauter.

Der Ruf ist durchaus verständlich, denn die starke Zunahme von digital verfügbaren Quellen erleichtert das Plagiieren von Texten (z. B. durch einfaches Copy & Paste). Gleichzeitig ist es für Lehrende schwierig bei der Quellenvielfalt und -masse den Überblick zu behalten und die Literatur regelmäßig zu sichten und zu prüfen. Steigende Studierendenzahlen und schlechte Betreuungsschlüssel tun ihr Übriges. Deswegen versprechen sich viele Lehrende (vielleicht auch Sie?) von einer Plagiatssoftware eine Arbeitserleichterung, mit der sich schnell und einfach Plagiate aufspüren lassen.

Vielerorts wird eine Plagiatssoftware bereits genutzt, anderenorts ist sie in Planung. (siehe z. B. das Projekt PlagStopNRW). Ja, eine Plagiatssoftware kann sinnvoll sein – wenn die Software richtig eingesetzt wird. Schauen wir uns einmal an, welche Akteure bei einer elektronischen Plagiatsprüfung überhaupt beteiligt sind.

Wer mischt mit?

Die Lehrenden

Da sind vielleicht Sie, als prüfende Lehrende, die sich von der Software eine Arbeitserleichterung versprechen und sich eine schnelle, konkrete und einfache Antwort auf die Frage: „Plagiat – ja oder nein?“ wünschen. Aber kann dieser Wunsch tatsächlich erfüllt werden? Hierauf möchte ich mit einem klaren „Jein“ antworten oder mit einem „Ja, aber…“. Ihr Wunsch ist durchaus verständlich, aber leider nicht vollständig umsetzbar. DENN: Auch die beste Plagiatssoftware kann nur analysieren, ob eine Ähnlichkeit oder Übereinstimmung mit einem anderen Text vorliegt. Das heißt, der Prüfbericht der Software allein ist nicht aussagekräftig und liefert nur Anhaltspunkte. Ob es sich tatsächlich um eine plagiierte Textstelle handelt, müssen Sie selbst in jedem Einzelfall überprüfen und beurteilen.

Vorteilhaft ist aber: Wenn Sie, als Nutzerin oder Nutzer, eine Plagiatsprüfung mit einer Software durchführen und es wird eine Übereinstimmung oder Ähnlichkeit erkannt, haben Sie direkt die (elektronische) Originalquelle zur Hand. Praktisch, denn so können Sie den Plagiats-Check direkt durchführen, ohne dass Sie lange nach dem Originaltext recherchieren müssen. Diese Vorgehensweise kann aber unter Umständen mehr Zeit in Anspruch nehmen als ohne den Einsatz einer Plagiatssoftware. Denn vielleicht wäre Ihnen die Nähe zum Originaltext ohne eine elektronische Plagiatsprüfung ja gar nicht aufgefallen? 😉

Die Arbeit muss trotzdem noch von Ihnen gelesen werden, denn eine semantische Analyse findet mit einer Plagiatssoftware (bisher) nur in geringem Umfang statt, so dass Strukturplagiate, Ideenplagiate, Übersetzungsplagiate mit einer Plagiatssoftware in der Regel nicht erkannt werden.

Letztendlich ist eine Plagiatssoftware auch nur so gut, wie ihre (elektronische) Quellengrundlage. Das heißt: Quellen, die ausschließlich physisch vorliegen, fließen erst gar nicht in die Plagiatsprüfung ein. Somit gibt es trotz Einsatz einer Plagiatssoftware genug Möglichkeiten, dass ein Plagiat unentdeckt bleibt.

Fazit für die Lehrenden: Der Einsatz einer Plagiatssoftware bedeutet nicht zwingend eine Zeitersparnis, ist aber gründlicher und kann somit ein Segen sein.

Die Studierenden

Neben den Lehrenden, die in der Regel am lautesten nach dem Einsatz einer Plagiatssoftware rufen, gibt es noch eine weitere relevante Gruppe: die Studierenden. Eigentlich ist es ja auch DIE relevante Gruppe: Schließlich handelt es sich um ihre Arbeiten, die mit der Plagiatssoftware überprüft werden sollen.

Die Studierenden rufen selbstredend nicht so laut nach dem Einsatz einer Plagiatssoftware. Ja, der Einsatz dieser Software löst bei den Studierenden häufig sogar große Sorge aus, da sie befürchten (aufgrund von nicht beabsichtigten Fehlern) eines Plagiats überführt zu werden. Wenn in meinen Veranstaltungen der Themenkomplex „Umgang mit Quellen & Zitation“ behandelt wird, kommt früher oder später auch immer das Thema „Plagiat“ auf den Tisch. In diesem Moment kann man die Anspannung und das erhöhte Interesse bei Studierenden spüren. Warum ist das so?

Den Studierenden wird regelmäßig vor Augen geführt, welche Folgen ein Plagiat haben kann. Sei es durch die Medien, die Plagiatsfälle von prominenten Personen aufgreifen oder durch die Hochschulen selbst. Letztere weisen regelmäßig auf das Thema „Plagiat(-sformen)“ und die Konsequenzen einer Plagiatserstellung hin (Wiederholung von Prüfungen, Herabsetzung von Noten, Exmatrikulation etc.). Viele Studierenden fühlen sich dadurch verunsichert und sehen sich häufig einem Generalverdacht ausgesetzt.

Keine Frage, ein vorsätzliches Plagiat von Studierenden ist kein Kavaliersdelikt und sollte geahndet werden. Hierbei kann eine Plagiatssoftware auch eine nützliche, nämlich abschreckende, Wirkung haben. Aber klar ist auch: Viele Studierende begehen ihre Plagiate unwissentlich – weil sie nicht wissen, wie man mit Quellen umgeht und diese zitiert, weil sie die Prinzipien, Funktions- und Arbeitsweisen der Wissenschaft nicht kennen, weil sie kein Problembewusstsein haben oder weil sie aufgrund von Zeitmangel den Überblick über ihre Quellen verloren haben. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Die Studierenden kennen sich zu wenig mit den Techniken sowie dem Sinn und Zweck des „Wissenschaftlichen Arbeitens“ aus.

Was tun?

Abgesehen von Lehrveranstaltungen zum „Wissenschaftlichen Arbeiten“ im oder außerhalb des Curriculums, kann den Studierenden auch der konkrete Einsatz einer Plagiatssoftware helfen, um grundlegende Kompetenzen im Bereich „Wissenschaftliches Arbeiten“ zu erlangen.

Wird eine Plagiatssoftware an einer Hochschule eingesetzt, sollte diese nicht nur als ein reines Kontrollinstrument von den Lehrenden für studentische Arbeiten genutzt werden. Leider wird dies aber in der Regel so praktiziert. Dabei kann eine Plagiatssoftware doch so nützlich sein – für alle Beteiligten, also auch für die Studierenden! Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Ok, für mich als Dozentin oder Dozent ist eine Plagiatssoftware eine prima Sache, auch wenn es eventuell sogar Mehraufwand bedeutet. Aber für die Studierenden?

Hier meine Antwort: Ja, die Studierenden sollten ebenfalls die Software nutzen dürfen. Denn mit Hilfe einer Plagiatssoftware haben die Studierenden die Möglichkeit an ihren eigenen Texten zu erfahren, was ein Textplagiat ausmacht. Natürlich dürfen die Studierenden dabei nicht allein gelassen werden. Denn es nützt wenig, ihnen den Prüfbericht ohne Kommentar in die Hand zu drücken: Den Studierenden muss erklärt werden, warum eine Textstelle von der Software als ein Plagiat eingestuft wird und wie das Plagiat vermieden werden kann (i. d. R. durch korrektes Zitieren). All das könnte z. B. im Rahmen einer Veranstaltung zum „Wissenschaftlichen Arbeiten“ geschehen.

Fazit für die Studierenden: Eine Plagiatssoftware muss nicht zwingend ein Kontrollinstrument sein, sondern kann auch als Lerninstrument genutzt werden und muss somit nicht verflucht werden.

Fazit für ALLE

Eine Plagiatssoftware ist (wie immer im Leben) weder Fluch noch Segen, sondern beides.

Für Sie, als Lehrende, kann eine Plagiatssoftware nützlich sein, indem der Korrekturprozess vereinfacht und unterstützt wird. Eine Zeitersparnis findet aber nicht zwingend oder gar nicht statt. Und: Gelesen werden muss die Arbeit auch weiterhin gemäß den üblichen fachspezifischen und wissenschaftlichen Kriterien.

Für die Studierenden muss eine Plagiatssoftware nicht nur ein Kontrollinstrument sein, sondern kann auch als Lerninstrument zur Plagiatsprävention im Schreibprozess eingesetzt werden.

Natürlich gibt es noch viele andere Dinge, die bei der Nutzung einer Plagiatssoftware eine Rolle spielen: Datenschutz, Quellengrundlage, Prüfungsordnung, Kosten und Lizenzen, Einbindung in Lernmanagementsysteme etc. Aber das sind andere Geschichten…

Literatur zum Thema:

Dagli-Yalcinkaya. Lara: PlagStop.nrw. Abschlussbericht. – Digitale Hochschule NRW, 2021.

Grävemeyer, Arne: Jagd auf Abschreiber. Plagiatchecker finden Verdachtsfälle, lassen sich aber austricksen. IN: c’t, (11) 2020. – S. 142-145

Malo, Markus: Skandalon Plagiarismus? Überlegungen zu einer aufgeregten Diskussion. IN: Forschung & Lehre, (9) 2021. S. 718-719

Reichmann, Gerhard: Textplagiate in der Wissenschaft und deren Verhinderung. Theoretische Überlegungen und empirische Befunde. IN: Informationen – Wissenschaft und Praxis, (4) 2013. – S. 175-184

Weßels, Doris: Wissenschaftliche Arbeiten und KI. Zwischen Original und Plagiat. IN: Forschung & Lehre, (6) 2020. S. 504-505

Weßels, Doris: Verführerische Werkzeuge. Plagiate und KI-gestützte Textproduktion an Hochschulen. IN: Forschung & Lehre, (12) 2021. S. 1018-1019

Ute Schlüter-Köchling ist Sozialwissenschaftlerin, Bibliothekarin und Schreibberaterin. Sie ist als Dozentin für „Wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben“ tätig und berät Studierende zu ihren Schreibprojekten.