Wissenschaftliches Arbeiten lehren: unsere Top 10

(Teil 2)

Ein Gastbeitrag von Katharina Pietsch, Tyll Zybura und Jessica Koch (Unconditional Teaching)

Unconditional Teaching (bedingungslose Lehre) basiert auf der Grundüberzeugung, dass Lernen dann gelingt, wenn Lernende ihr Lernen für sich selbst bedeutungsvoll machen können und es in gleichwürdige, wertschätzende Lehr-Lern-Beziehungen eingebettet sehen. Was das für das Lehren von wissenschaftlichem Arbeiten bedeutet, haben wir hier in zehn Prinzipien zusammengefasst. Die ersten 5 Punkte stellen wir in Teil 1 dieses Gastbeitrags vor:

1) Gute Lehr-Lern-Beziehungen sind die wichtigste Basis.

2) Lernen gehört den Lernenden.

3) Wissenschaftliche Forschung basiert auf Neugier und Kreativität, und Bewertung und Benotung sind für beide schädlich.

4) Wenn wir wollen, dass Studierende sich wie Wissenschaftler*innen verhalten, müssen wir sie auch wie Wissenschaftler*innen behandeln.

5) Bedeutungsvolle Kontexte gestalten.

6) Lernen als Aneignung von Strategien statt von Kompetenzen denken.

Lehre als Vermittlung von Kompetenzen zu denken, lädt zu einer defizitorientierten Sicht auf Lernende ein: Sie verfügen offensichtlich nicht über die Kompetenzen, von denen wir annehmen, dass wir sie unterrichten; sie sind standardmäßig inkompetent. Außerdem ist diese Vorstellung von Lehre mechanistisch und damit unrealistisch: Wenn man eine bestimmte Kompetenz erworben hat, dann kann man etwas Bestimmtes leisten, egal in welchem Kontext oder unter welchen Umständen. Dass wir nur dann etwas so Komplexes wie wissenschaftliches Arbeiten wirklich lernen, wenn wir es in unterschiedlichen Kontexten immer wieder tun, wird dabei nicht berücksichtigt. Diese Vorstellung von Lernen als Kompetenzerwerb trägt auch zu unserer Frustration als Lehrende bei, weil sie uns glauben macht, dass Studierende dieses oder jenes „können sollten“, nachdem sie es einmal „gelernt haben“.

Wenn wir dieser mechanistischen, defizitären Sicht auf Lernen ein Sprechen über Strategien entgegensetzen, wird es viel einfacher, die Fähigkeiten und Ressourcen in den Blick zu nehmen, die Lernende bereits haben. Denn für alles, was wir tun, haben wir bereits Strategien – nur manchmal führen diese nicht zu dem Ergebnis, das wir uns wünschen, oder sie sind weniger effektiv, als wir gut fänden. Dann macht es Sinn, andere oder neue Strategien auszuprobieren – dafür ist es gut, wenn Lernende im Unterricht eine Vielfalt an Strategien angeboten bekommen. Für uns ist das eine funktionalere und nützlichere Vorstellung von Lernen, bei dem im Vordergrund steht herauszufinden, mit welchen Strategien individuelle Lernende die Funktionen von wissenschaftlichem Arbeiten für sich selbst am besten umsetzen können.

Mehr dazu lesen:

Tyll Zybura: „For Strategies-based Teaching“ (https://www.unconditional-teaching.com/index.php?pg=for-strategies-based-teaching)

7) Die eigene Wissenschaftspraxis transparent machen.

Ein Grund dafür, dass wissenschaftliches Arbeiten zu lernen für Studierende schwer ist, hat damit zu tun, dass ihnen Wissenschaft nur als Ergebnis begegnet – in Form fertiger Artikel oder Bücher etwa –‍, der Entstehungsprozess dieser Produkte aber wie eine Black Box ist.

Wann immer möglich sollten wir als Lehrende Studierenden deshalb Einblicke in unserer eigenes wissenschaftliches Arbeiten geben: wie wir selber recherchieren, Texte lesen, Texte schreiben, überarbeiten und publizieren, wie wir uns mit einem Abstract für einen Beitrag auf einer Konferenz bewerben und wie wir uns auf einen Konferenzvortrag vorbereiten. Wir können Studierenden verschiedene Versionen unserer Texte oder Vorträge zeigen, damit sie sehen können, wie viel Entwurfs- und Überarbeitungsarbeit vor dem fertigen Ergebnis passiert.

Darüber hinaus ist es gut, wenn wir uns auch als Personen zeigen: Wir stehen für unsere Studierenden sozusagen Modell als professionelle Akademiker*innen mit Ecken und Kanten, mit Leidenschaft und mit Selbstzweifeln, mit Knicken im Lebenslauf und mit Stolz auf unsere Leistungen. Wir können darüber sprechen, wie wir mit Nervosität vor Vorträgen, mit kritischem Feedback oder dem Imposter-Syndrom umgehen. (Und natürlich sollten wir all das nicht in direktiver didaktischer Absicht tun, um Studierenden vorzugeben, wie sie selbst leben, denken und arbeiten sollen.)

8) Funktionen lehren statt Regeln.

In vielen Bereichen legen wir den Fokus darauf, die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens zu lehren, und vernachlässigen dabei die Funktionen, die diese Regeln erfüllen helfen sollen. Und das ist angesichts der Bewertungsorientierung unserer Lehre auch naheliegend, weil das Einhalten von Regeln oft leichter zu kontrollieren ist. Anwesenheitspflicht durchzusetzen ist einfacher, als die eigene Lehre so zu gestalten, dass Studierende die diskursiven Prozesse in der Präsenzzeit als wertvoll und bereichernd erfahren. Die Anzahl der referenzierten wissenschaftlichen Literatur in einer studentischen Arbeit vorzugeben ist einfacher, als Studierenden dabei zu helfen zu einer Einschätzung darüber zu kommen, welche Literatur für ihre Arbeit sinnvoll und angemessen ist. Und die Verwendung der ersten Person zu verbieten ist einfacher, als über die Funktionen von Wissenschaftssprache zu sprechen und Studierende zu ermutigen, ihre eigene Stimme zu finden.

Regeln sind also immer Abkürzungen, und sie lassen dabei das Wichtigste links liegen: nämlich ein Verständnis von wissenschaftlichem Arbeiten zu vermitteln, das es Lernenden erlaubt, sich eigenständig dazu ins Verhältnis zu setzen. Regeln zu lehren stärkt die Autoritätsposition von Lehrenden und macht Studierende deshalb abhängig von der Bewertung anderer. Diese Abhängigkeit behindert sie darin, selbstständig zu arbeiten und ihre eigene Arbeit einschätzen zu lernen. Je mehr Studierende sich unter dem Druck sehen, die formalen Regeln ihrer individuellen Betreuer*innen herausfinden und einhalten zu müssen, umso mehr geht ihnen der Blick für die kommunikative Funktion ihres Textes verloren. Das buchstabengetreue Befolgen von formalen Regeln wird zu einem Absicherungsverhalten, das zu Texten führt, die vielleicht formal korrekt sind, die aber ihr wissenschaftliches Anliegen nicht gut kommunizieren. Funktionen zu lehren statt Regeln erlaubt Studierenden, ihre eigenen Lösungen zu finden, und hilft ihnen deshalb auch dabei, ihre Arbeit für sich sinnhaft zu machen.

9) Wissenschaft bedeutet, Positionen zu verteidigen, nicht Fakten zu finden.

Medien und Schule vermitteln uns den Eindruck, dass es bei Wissenschaft um das Finden von Fakten geht („Die Wissenschaft hat festgestellt …“). Dieses Verständnis von Wissenschaft führt Studierende jedoch häufig in die Irre; vor dem Etablieren von Fakten geht es in der Wissenschaft um das Verteidigen von Positionen: darum, wessen Theorie, Hypothese, Argument, Erklärung, Interpretation oder Studienergebnis in der Diskursgemeinschaft der jeweiligen Disziplin als valide und überzeugend anerkannt wird. Und das müssen wir immer wieder thematisieren, sowohl bei der Arbeit mit Texten als auch wenn wir wissenschaftliches Schreiben lehren.

Wenn Studierende in den Texten von anderen nur nach Fakten suchen und sich in ihren eigenen Texten nur darauf konzentrieren, Fakten zu präsentieren, übersehen sie leicht, wo Wissenschaftler*innen Positionen austauschen und in welcher Weise – affirmativ oder in Abgrenzung – sie sich auf andere beziehen. Es wird ihnen außerdem schwerer fallen zu verstehen, warum es beim wissenschaftlichen Arbeiten so wichtig ist, jeden Bezug auf andere Wissenschaftler*innen transparent zu machen: Warum sollte das nötig sein, wenn es nur um Fakten ginge? Fakten sind schließlich Fakten, egal, wer darüber schreibt.

10) Plagiate als handwerkliches und nicht als moralisches Problem behandeln.

Plagiate in studentischen Arbeiten sind in der Regel das Ergebnis von Panikreaktionen auf überwältigenden Druck oder von mangelnder Vertrautheit mit den Prämissen der akademischen Wissensproduktion. In beiden Fällen hat Plagiieren seinen Ursprung darin, dass Studierende von der Institution zu wenig Strategien an die Hand bekommen, die ihnen beim wissenschaftlichen Schreiben Klarheit und Sicherheit geben. (Während unser benotungsbasiertes Bewertungssystem gleichzeitig Anreize setzt, die Plagiieren als sinnvolle Lösung erscheinen lassen.) Ein Aspekt dieses institutionellen Versagens besteht darin, dass wir Plagiieren als moralisches und nicht als technisches Problem normalisiert haben.

Statt dieser defizitorientierten Herangehensweise, die sich auf Fehler und Bestrafung konzentriert, sollten wir: Erstens vermeiden, Studierende einzuschüchtern und zu beschämen, und Plagiieren stattdessen ausschließlich als ein spezifisches handwerkliches Problem behandeln. Zweitens den Fokus mehr darauf legen zu verdeutlichen, warum Wissenschaftler*innen so sehr darin investiert sind, die intellektuellen Einflüsse anderer auf die eigene Arbeit offenzulegen.

Anstatt Studierenden zu sagen: „Tut dies nicht, achtet darauf, jenes zu vermeiden“ und damit das wissenschaftliche Schreiben als ein prekäres Unterfangen darzustellen, das leicht zu katastrophalen Fehltritten führen kann, können wir das Erlernen wissenschaftlicher Arbeitsweisen als den Erwerb einer Expertise behandeln, die Studierenden Zugang zu Wissenschaft als Gemeinschaftsprojekt ermöglicht.

Nur wenn Studierende sich selbst als Wissenschaftler*innen verstehen und sich mit ihren eigenen Beiträgen in diese Wissenschaftsgemeinschaft eingeladen fühlen, nur wenn wir ihnen die Freiheit zugestehen, ihre eigenen Ideen und Herangehensweisen zu entwickeln, werden sie verstehen, warum individuelle Autorschaft und die Anerkennung dieser Autorschaft durch andere in der Wissenschaft so eine große Rolle spielen. Und dann werden Plagiate ganz automatisch weniger vorkommen.

Mehr dazu lesen:

Tyll Zybura: „Teaching About Plagiarism (or Not)“ (https://www.unconditional-teaching.com/index.php?pg=teaching-about-plagiarism-or-not)

Über uns:

Wir – Katharina Pietsch, Tyll Zybura und Jessica Koch – sind oder waren Lehrende und Forschende an der Universität Bielefeld in der anglistischen Literatur- und Kulturwissenschaft. Gemeinsam haben wir 2019 das Projekt Unconditional Teaching gegründet mit dem Ziel, Konzepte für beziehungsreiche und machtsensible Lehre zu entwickeln. Auf unserer Webseite veröffentlichen wir Texte und den Unconditional Teaching Podcast zu Haltungen und Praktiken, die dabei helfen können, Lehre bedürfnisorientierter, wertschätzender und menschlicher zu machen. Und wir schulen Hochschullehrende in empathischer Kommunikation, in Sensibilität für mentale Gesundheit und in innovativen Ansätzen kollaborativer Lehre.

Tyll und Katharina haben außerdem zusammen mit Vivian Gramley den Ratgeber Writing in English Studies: A Guide for Students in English Linguistics and Literature (Barbara Budrich 2020) veröffentlicht, der unseren nicht-normativen Ansatz für das Lehren von wissenschaftlichem Schreiben widerspiegelt und den Fokus darauf legt, die Funktionen disziplinspezifischer Konventionen transparent zu machen und Studierende zu ermutigen, Expert*innen ihres eigenen Schreibens zu werden.

Webseite: www.unconditional-teaching.com

E-Mail: team@unconditional-teaching.com

Instagram: @unconditionalteaching

Tyll auf Linkedin: https://www.linkedin.com/in/tyll-zybura/

Katharina auf Linkedin: https://www.linkedin.com/in/katharina-pietsch-4bb626237/

Wissenschaftliches Arbeiten lehren: unsere Top 10

Teil 1

Ein Gastbeitrag von Katharina Pietsch, Tyll Zybura und Jessica Koch (Unconditional Teaching)

Unconditional Teaching (bedingungslose Lehre) basiert auf der Grundüberzeugung, dass Lernen dann gelingt, wenn Lernende ihr Lernen für sich selbst bedeutungsvoll machen können und es in gleichwürdige, wertschätzende Lehr-Lern-Beziehungen eingebettet sehen. Was das für das Lehren von wissenschaftlichem Arbeiten bedeutet, haben wir hier in zehn Prinzipien zusammengefasst:

1) Gute Lehr-Lern-Beziehungen sind die wichtigste Basis.

Alles Lernen findet in Beziehungen statt, aber die Art und Qualität dieser Beziehungen hat großen Einfluss auf die Qualität und den Erfolg von Lernen. Wissenschaftliches Arbeiten zu lehren bedeutet, Studierende in die Diskursgemeinschaft unserer wissenschaftlichen Disziplin einzuladen. Je mehr Studierende sich in dieser Einladung als Personen gesehen, wertgeschätzt und ermutigt fühlen, umso eher sind sie bereit, die Einladung auch anzunehmen und in selbstbestimmter und selbstverantwortlicher Weise nach ihrem Platz in unserer Wissenschaft zu suchen.

Deshalb sind bedürfnisorientierte, empathische, vertrauensvolle und gleichwürdige Lehr-Lern-Beziehungen so wichtig – also Beziehungen, in denen das gemeinsame Menschsein wichtiger ist als Didaktik, Lernziele und Bewertung. Etabliert und gepflegt werden diese Beziehungen durch wertschätzende Kommunikation.

Kommunikation, die es erlaubt, sich in Bildungskontexten als Mensch zu zeigen, schafft nicht nur wohltuende Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden, sondern auch zwischen den Lernenden und dem wissenschaftlichen Gegenstand: Wenn Studierende durch die Beziehung zu uns sehen können, was unsere Expertise uns bedeutet, dass wir Integrität und Würde als forschende Menschen haben, dann können sie viel leichter in eine positive Beziehung zu unserer Wissenschaft treten.

Mehr dazu lesen und hören:

Peter Felten & Leo Lambert: Relationship-Rich Education: How Human Connections Drive Success in College. Johns Hopkins UP, 2020.

Tyll Zybura: „Empathisch handeln (statt empathisch sein)“ https://www.unconditional-teaching.com/index.php?pg=empathisch-handeln

Jessica Koch: „Radical Acceptance and expectations in teaching“ https://www.unconditional-teaching.com/index.php?pg=radical-acceptance

The Unconditional Teaching Podcast: „Radikale Akzeptanz“ (https://www.unconditional-teaching.com/index.php?pg=podcast-radikale-akzeptanz)

2) Lernen gehört den Lernenden.

Lehre ist kein linearer, mechanischer Akt der Wissensvermittlung: aus meinem Mund in deinen Kopf. Als Lehrende*r kann ich nur Angebote machen, und ich muss akzeptieren, dass ich keine Kontrolle darüber habe, ob und wie meine Angebote angenommen werden. Das Lernen ‚gehört‘ mir nicht, es gehört den Lernenden. Wenn wir das zu einem Grundprinzip unserer Lehre machen, wird es für Studierende viel leichter, Verantwortung für ihr eigenes Lernen zu übernehmen und uns als Ressource und Unterstützung wahrzunehmen. Und wenn wir es ernst meinen damit, Lernende nicht als formbare Objekte, sondern als Akteur*innen ihrer eigenen Lernprozesse zu behandeln, dann macht es auch Sinn, sie aktiv nach ihren Lernbedürfnissen zu fragen.

Als Lehrende haben wir trotzdem die Prozessverantwortung für den Lernkontext und damit die Verantwortung für die Angebote, die wir Studierenden machen. Damit meine Angebote angenommen werden können, müssen sie als sinnhaft empfunden werden: Lernen passiert nur, wenn es für die Lernenden bedeutungsvoll ist.

Das kann bedeuten, dass wir den mündlichen oder schriftlichen Beiträgen von Studierenden in unserem Unterricht aktiv einen Wert geben, statt sie lediglich auf Korrektheit zu überprüfen. Oder dass wir Aufgaben so gestalten, dass sie die Basis für die nächste Unterrichtseinheit bilden. Oder dass wir in unseren Kursen Projekte oder Wissenschaftsformate umsetzen, innerhalb derer die einzelnen Unterrichtseinheiten als Schritte hin zu einem Ziel ganz von selbst Sinn ergeben. Oder dass wir den Arbeiten der Studierenden eine reale kommunikative Funktion geben, statt sie als reine Bewertungsobjekte zu behandeln.

3) Wissenschaftliche Forschung basiert auf Neugier und Kreativität, und Bewertung und Benotung sind für beide schädlich.

Neugier und Kreativität sind Grundbedingungen erfolgreichen wissenschaftlichen Forschens und erfolgreichen Lernens. Beides bedeutet, Neues auszuprobieren, oft mit einer beträchtlichen Wahrscheinlichkeit, dabei zu scheitern. Je mehr wir bereit sind, das Risiko des Scheiterns einzugehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir herausfinden, was tatsächlich funktioniert. Mit anderen Worten: Je mehr Neugier und Kreativität in Lern- und in Forschungsprozesse einfließen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir erfolgreich sind und dass wir dabei eine bereichernde Erfahrung machen.

Deshalb haben Lernen und Forschen viel mit Neugier und Kreativität und dem Eingehen von Risiken zu tun – und für all diese Dinge ist es schädlich, wenn andere Menschen sich in bewertender und beurteilender Weise einmischen. Sobald wir uns Sorgen darüber machen, wie andere uns beurteilen, verlagert sich unser Fokus auf das, was im Kopf dieser anderen Person vorgeht, und die Neugier auf das, was wir zu lernen und herauszufinden versuchen, rückt in den Hintergrund. Hinzu kommt: Je mehr Macht diese Beurteiler*innen haben und je mehr von ihrem Urteil abhängt, desto wahrscheinlicher ist es, dass ihr Urteil Gefühle von Angst und Scham hervorruft. Und sowohl Angst als auch Scham sind schädlich für Neugierde und Kreativität und damit für Lernen und Forschen insgesamt.

Wir können als Lehrende für unsere Studierenden ein Diskursumfeld schaffen, das ihnen zeigt, dass wir – als Kolleg*innen im Forschungsfeld – gemeinsam mit ihnen am Inhalt ihrer Arbeit interessiert sind. Indem wir uns nicht als ultimative Bewertungsinstanz zeigen, sondern als ernsthaft interessiert an ihrem wissenschaftlichen Beitrag, können unsere Studierenden uns als Verbündete wahrnehmen, was Scham- und Angstgefühle verringert. Wir arbeiten an einem gemeinsamen Ziel, das durch die Studierenden und ihr eigenes akademisches Interesse definiert wird.

Statt uns in erster Linie als Bewerter*innen und Benoter*innen zu verstehen, sollten wir so weit wie möglich:

  • sichere Räume für die Kreativität und Riskantheit von selbstverantwortlichem Lernen schaffen
  • Studierende als Forschende sehen und behandeln
  • kollegiales Feedback geben, statt zu bewerten und zu benoten
  • revisionsorientierte Schreibbetreuung anbieten, das heißt, Studierenden ermöglichen, einen fortgeschrittenen Text nach Feedback zu überarbeiten (und ihnen damit das gleiche Privileg zugestehen, das jede*r professionelle*r Wissenschaftler*in für sich in Anspruch nehmen kann, nämlich einen Text erst nach einem Rückmeldungsprozess zu finalisieren; das hilft auch dabei, die Ausgeliefertheit gegenüber Bewertung und Benotung abzumildern)

Mehr dazu lesen:

Katharina Pietsch: „Learning With the Freedom to Make Mistakes“ (https://www.unconditional-teaching.com/index.php?pg=learning-with-the-freedom-to-make-mistakes)

Tyll Zybura: „Revision-oriented Supervision of Student Writing“ (https://www.unconditional-teaching.com/index.php?pg=revision-oriented-writing-supervision)

4) Wenn wir wollen, dass Studierende sich wie Wissenschaftler*innen verhalten, müssen wir sie auch wie Wissenschaftler*innen behandeln.

Studierende machen im Studium nur selten die Erfahrung, dass ihre Ideen und die Ergebnisse ihrer Arbeit als Beiträge zur Diskursgemeinschaft ihrer Disziplin wahrgenommen und gewürdigt werden. Obwohl Kommunikation innerhalb der Diskursgemeinschaft zentraler Teil wissenschaftlichen Arbeitens ist, sind Studierende davon ausgeschlossen. Ihre Arbeit wird von anderen üblicherweise nur als Bewertungsobjekt wahrgenommen und behandelt, und das hat Auswirkung auf Sinn, Bedeutung und Motivation bei dem, was Studierende an der Uni tun. Dass etwa studentische Texte, die in wochen- und monatelanger harter Arbeit entstehen, ohne inhaltliche Resonanz mit einer Note versehen oder mit ein paar Credit Points vergütet werden und dann für immer in der Schublade verschwinden, ist eine systematische Abwertung der wissenschaftlichen Leistung, die in diesen Texten steckt.

Unser universitäres Ausbildungssystem leistet sich also die Diskrepanz, von Studierenden zu erwarten, dass sie sich verhalten wie Forschende, aber behandeln lassen wie Schüler*innen – das ist ein Widerspruch, der viele Schwierigkeiten beim Lehren von wissenschaftlichem Arbeiten erklärt. (Und ein Widerspruch, den vor allem Studierende ausbaden müssen, was bis hin zu Beeinträchtigungen ihrer mentalen Gesundheit führen kann.)

Wenn wir wollen, dass Studierende ihre eigene Arbeit als inhaltlich bedeutsam wahrnehmen und sich intrinsisch motiviert für eigene Forschungsthemen interessieren, müssen wir als Lehrende die Bedingungen dafür schaffen. Vermeintlich desinteressierte oder demotivierte Studierende sind meistens das Ergebnis der jahrzehntelangen Erfahrung, immer nur von anderen vorgegeben zu bekommen, was lernenswert ist, und nie nach den eigenen Interessen gefragt zu werden. Eins der wichtigsten Dinge, die Studierende deshalb von uns brauchen, ist die explizite Erlaubnis, ihre eigenen Ideen zu verfolgen.

Um Studierenden zu zeigen, dass wir sie als Forschende wahrnehmen, können wir sie außerdem einladen, an Konferenzen teilzunehmen oder diese selbst zu organisieren, oder sie dazu ermutigen, ihre Arbeit zu publizieren.

Und wenn Studierende eigene Ideen und Forschungsinteressen verfolgen, rückt in der Lehre automatisch die Frage stärker in den Vordergrund, was Studierende dafür brauchen. Die Frage, „was brauchst du?“ wiederum gibt den Lernenden die Verantwortung für ihr eigenes Lernen zurück.

Mehr dazu lesen:

Stefan Kühl: „Der publikationsorientierte Erwerb von Schreibkompetenzen.“ Das Hochschulwesen, 5+6/2015, S. 143–157.

Dzifa Vode & Frank Sowa (Hg.): Schreiben publikationsorientiert lehren: Hochschulische Schreiblehrkonzepte aus der Praxis. wbv, 2022.

5) Bedeutungsvolle Kontexte gestalten.

Das, was Studierende können, hat viel mit dem Kontext zu tun, der ihrem Arbeiten mehr oder weniger Sinn und Bedeutung gibt. Es lohnt sich für Lehrende, Lernkontexte zu schaffen, die zum Vorschein bringen, was Studierende tatsächlich können – das sorgt nicht nur für sinnhafte, selbstwirksame und motivierende Erfahrungen mit wissenschaftlichem Arbeiten für Studierende, sondern beschert auch uns als Lehrenden mehr Erfolgserlebnisse als das defizitorientierte Abprüfen von Wissen und Kompetenzen. Und die Qualität der Arbeiten von Studierenden steigt, weil Studierende, die eigene Forschungsergebnisse präsentieren möchten, ein größeres Bewusstsein für die kommunikative Funktion der Konventionen ihrer Diskursgemeinschaft bekommen.

Statt studentische Arbeiten als Hausaufgaben, Fingerübungen oder Probestücke zu sehen, sollten wir ihnen so weit wie möglich Bedeutung als Teil von Wissenschaftspraxis geben. Kontexte, in denen die Arbeit von Studierenden einen Platz als Forschungsbeitrag bekommt und inhaltliche Resonanz erfährt, können zum Beispiel Kurskonferenzen (professionelle Präsentation eigener Forschung vor Lehrenden und Studierenden des Fachs) oder Writers’ Rooms (publikationsorientierte Texterstellung mit Peer-Feedback) sein.

Mehr dazu lesen und hören:

Katharina Pietsch: „Lehrkonzept Kurskonferenz“ (https://www.unconditional-teaching.com/index.php?pg=student-conference-reflection)

The Unconditional Teaching Podcast: „Teaching a Writers’ Room“ (https://www.unconditional-teaching.com/index.php?pg=teaching-a-writers-room)

In Teil 2 dieses Gastbeitrags geht es weiter mit:

6. Lernen als Aneignung von Strategien statt von Kompetenzen denken.

7. Die eigene Wissenschaftspraxis transparent machen.

8. Funktionen lehren statt Regeln.

9. Wissenschaft bedeutet, Positionen zu verteidigen, nicht Fakten zu finden.

10. Plagiate als handwerkliches und nicht als moralisches Problem behandeln.

Über uns:

Wir – Katharina Pietsch, Tyll Zybura und Jessica Koch – sind oder waren Lehrende und Forschende an der Universität Bielefeld in der anglistischen Literatur- und Kulturwissenschaft. Gemeinsam haben wir 2019 das Projekt Unconditional Teaching gegründet mit dem Ziel, Konzepte für beziehungsreiche und machtsensible Lehre zu entwickeln. Auf unserer Webseite veröffentlichen wir Texte und den Unconditional Teaching Podcast zu Haltungen und Praktiken, die dabei helfen können, Lehre bedürfnisorientierter, wertschätzender und menschlicher zu machen. Und wir schulen Hochschullehrende in empathischer Kommunikation, in Sensibilität für mentale Gesundheit und in innovativen Ansätzen kollaborativer Lehre.

Tyll und Katharina haben außerdem zusammen mit Vivian Gramley den Ratgeber Writing in English Studies: A Guide for Students in English Linguistics and Literature (Barbara Budrich 2020) veröffentlicht, der unseren nicht-normativen Ansatz für das Lehren von wissenschaftlichem Schreiben widerspiegelt und den Fokus darauf legt, die Funktionen disziplinspezifischer Konventionen transparent zu machen und Studierende zu ermutigen, Expert*innen ihres eigenen Schreibens zu werden.

Webseite: www.unconditional-teaching.com

E-Mail: team@unconditional-teaching.com

Instagram: @unconditionalteaching

Tyll auf Linkedin: https://www.linkedin.com/in/tyll-zybura/

Katharina auf Linkedin: https://www.linkedin.com/in/katharina-pietsch-4bb626237/

Sag mir quando, sag mir wann…

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Photo by Jon Tyson on Unsplash

…ich wissenschaftliches Arbeiten lehren kann.

Viele von uns, insbesondere Lehrbeauftragte, lehren wissenschaftliches Arbeiten eben dann, wenn es im Curriculum vorgesehen ist. Eine Einführungsveranstaltung im ersten Semester soll es sein? Dann wird es eine Einführungsveranstaltung im ersten Semester! Eine Vorbereitung auf die Abschlussarbeit ist gewünscht? Dann wird es eine Veranstaltung zur Vorbereitung auf die Abschlussarbeit.

Diejenigen unter uns, die Einfluss auf das Curriculum nehmen können, weil sie beispielsweise einen Studiengang leiten, haben sich oft an den Status quo gewöhnt und lehren das wissenschaftliche Arbeiten eben in den Semestern, für die sie es ursprünglich einmal vorgesehen haben. Denn – wohin schieben, wenn man nicht das komplexe Gesamtgefüge ins Wanken bringen will?

So richtig zufrieden macht einen das oft nicht.

Erstes Semester?

Ja, eine Einführungsveranstaltung im ersten Semester ist sinnvoll. Die Studierenden profitieren davon, gleich einmal einen wesentlichen Unterschied zur Schule nahegebracht zu bekommen. Allerdings sind die ersten wissenschaftlichen Arbeiten oft – zumindest gedanklich – noch weit weg. (Überlegen Sie sich mal, ob Sie damals mit 18 Jahren im Oktober schon viele Gedanken an eine Aufgabe verschwendet haben, die im April fällig war…) In manchen Studiengängen ist es tatsächlich auch so, dass auf die Einführung im ersten Semester erst einmal gar keine Arbeit folgt, die zu schreiben wäre. Die wird dann etwa im dritten Semester in einem bestimmten Seminar verlangt, also sozusagen ein Jahrhundert nach der Veranstaltung zu Studienbeginn.

Letztes Semester?

Ja, auch eine gezielte Vorbereitung auf die Abschlussarbeit ist sicher sinnvoll. Wenn das allerdings der erste echte Berührungspunkt mit wissenschaftlichem Arbeiten ist, wird es ruckelig. Dann halte ich die Frage, die Studierende dann oft stellen, schon für sehr berechtigt: Wieso kommt das jetzt erst so kurz vor knapp? Wieso und vor allem wie sollen wir das jetzt plötzlich können?

Wenn es ungünstig läuft, haben die Studierenden im Laufe des Studiums auch schon richtig schön Angst aufgebaut vor dem wissenschaftlichen Arbeiten. Sei es, weil nie jemand zielführend mit ihnen darüber gesprochen hat, sei es, weil sie mit Trial and Error bei kleineren Studienarbeiten nicht besonders weit kamen und den ganzen Prozess furchtbar fanden.

Ja, was denn nun?

Auch wenn viele von uns gar nicht in der Position sind, die Modulpläne zu verändern, schauen wir heute einmal auf die vielen verschiedenen Modelle für die zeitliche Einbindung des wissenschaftlichen Arbeitens in den Studienverlauf. Denn wer weiß, eines schönen Tages fragt Sie vielleicht doch mal jemand nach Ihrer Meinung 😉, wenn in „Ihrem“ Studiengang der Modul-Komplett-Umbau gewagt wird.

Prinzipiell sind verschiedene Herangehensweisen für die Einbindung des wissenschaftlichen Arbeitens in das Curriculum denkbar – verzeihen Sie mir die provokanten Überschriften:

  • Nie („Schaut, wie Ihr klarkommt“)
  • Immer wieder einmal („Wir hatten da noch eine Lücke im Plan.“)
  • Dauernd („Übung macht den Meister.“)

Es geht nun also nicht mehr darum, wo im Studium das wissenschaftliche Arbeiten verankert wird, sondern wie oft die entsprechenden Angebote stattfinden.

Sehen wir uns die Ansätze einmal genauer an:

Nie („Schaut, wie Ihr klarkommt!“)

Ernsthaft?! Ich dachte, über diesen Ansatz seien wir hinweg.

Er beruht auf dem Gedanken, dass die Studierenden sich wissenschaftliches Arbeiten schon irgendwie selbst beibringen werden. Das werden sie auch tun – manche mehr, manche weniger. Es muss noch nicht einmal sein, dass die eingereichten Arbeiten schlechter sind. Aber der Schmerz, den die Studierenden haben, wird größer sein. Davon bekommen Sie als Lehrperson nicht unbedingt immer etwas mit. Vielleicht ist es Ihnen auch egal. (Im zweiten Fall bin ich übrigens nicht traurig, wenn Sie meine Artikel nicht mehr lesen.)

Immer wieder einmal („Wir hatten da eine Lücke im Plan.“)

Positiv formuliert könnte dieser Ansatz wie folgt beschrieben werden: Wissenschaftliches Arbeiten wird zu Beginn des Studiums eingeführt und dann an den passenden Stellen aufgefrischt und vertieft. Meist findet im ersten Semester oder zumindest im ersten Studienjahr eine Auftaktveranstaltung statt, später noch ein Methodenkurs o.ä. und in Vorbereitung auf den Abschluss noch ein weiterer Kurs.

Das kann gut funktionieren, wenn diese Veranstaltungen gut miteinander und mit der Fachlehre verzahnt sind. Im Optimalfall sind auch noch die Prüfungsleistungen so angelegt, dass die Studierenden davon profitieren. Oft allerdings werden die Veranstaltungen dort platziert, wo sie gerade noch in den Plan passten. Das führt meist zu unmotivierten Studierenden und zu halbherziger Beteiligung. Denn: „Das kann ich mir immer noch richtig aneignen, wenn ich es brauche!“ (was ja irgendwie auch stimmt, aber eben das Potenzial der Veranstaltung nicht ausschöpft).

Dauernd („Übung macht den Meister!“)

Bei diesem Ansatz hat das wissenschaftliche Arbeiten einen festen Platz in jedem Semester. Das kann verschiedene Formen annehmen. Es kann zum Beispiel

  • in jedem Semester als separate Lehrveranstaltung integriert sein,
  • als „Schreiben in der Lehre“ in die Fachlehre Eingang finden,
  • als „Forschendes Lernen“ seinen Platz im Curriculum finden oder aber
  • als kluge Kombination von alledem stattfinden.

Wenn die Studierenden im Dauer-Modell schon nichts mehr vom wissenschaftlichen Arbeiten wissen wollen, weil sie eben dauernd damit befasst sind, sollten wohl noch einmal ein paar grundsätzlichere Überlegungen gemeinsam angestellt werden: Was bedeutet studieren eigentlich? Was hilft es mir, wenn ich wissenschaftlich arbeiten kann, selbst wenn ich später gar nicht in der Wissenschaft bleiben will?

Was ich für sinnvoll halte

Nach allem, was ich weiß und erfahren habe, gelingt wissenschaftliches Arbeiten am besten, wenn es ein ganz selbstverständlicher Teil des Studiums ist, was am ehesten im Dauer-Modell gegeben ist.

Mit „gelingen“ meine ich nicht nur die Ergebnisse, sondern auch den Prozess. Es kommen bei einem kontinuierlichen Angebot wahrscheinlich qualitativ bessere Arbeiten heraus („wahrscheinlich“, weil man gar nicht so genau weiß, was die Studierenden wirklich lernen und mitnehmen). Es ist aber anzunehmen, dass die Studierenden besser zurechtkommen. Sie dürfen ihre Kompetenz stufenweise aufbauen, indem sie sowohl Lehr-Input als auch Feedback der Lehrenden und Peers auf ihre Texte erhalten. Ein Raum für Entwicklung und Reflexion entsteht.

Ein wichtiger Schritt

Ein wichtiger erster Schritt ist der Austausch der Lehrenden untereinander und das Finden eines kleinsten gemeinsamen Nenners. Das wäre in etwa die Frage: Worauf können Sie sich einigen, was allen beteiligten Lehrenden beim wissenschaftlichen Arbeiten und den studentischen Texten wichtig ist? Dazu braucht es keine Änderung des Modulkatalogs. Wenn Sie Hilfe bei diesen Überlegungen brauchen, melden Sie sich gern bei mir.

Für den Fall, dass Sie in absehbarer Zeit den Modulkatalog sowieso neu gestalten wollen, dürfen Sie natürlich grundsätzlicher nachdenken. Unter Umständen lassen Sie dann keinen Stein, äh kein Modul auf dem anderen. Auch dann stehe ich Ihnen für ein gedankliches Sparring gern zur Seite.

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„Mit Freude lehren“ – ein Rückblick zum Erscheinen des Buches

Seit wenigen Tagen ist mein neues Buch erhältlich: „Mit Freude lehren – was eine coachende Haltung an der Hochschule bewirkt“. Das nehme ich zum Anlass, Sie ein wenig durch die Zeit der Entstehung zu führen.

Aktuell stellt sich meine Gefühlswelt auf eine positive Weise sehr übersichtlich dar und bewegt sich zwischen „zufrieden“ und „euphorisch“. Ich finde, das darf so sein, wenn ein solcher Abschnitt abgeschlossen ist. Auf dem Weg dahin sah das anders aus, aber dazu später mehr.

Wie alles begann

Ein Blogbeitrag – wie sollte es anders sein – war der Auslöser für die Buchidee. Die Entstehung all meiner Bücher hängt auf irgendeine Art mit dem Blog zusammen. Meine Dissertation bildet da die Ausnahme, aber a) zählt sie hier nicht mit und b) war Bloggen damals noch kein Ding. Zurück zum aktuellen Buch.

Den besagten Blogbeitrag veröffentlichte ich nach dem Abschluss meiner Coaching-Ausbildung im Dezember 2018: http://www.wissenschaftliches-arbeiten-lehren.de/coaching-ausbildung/ Darin lesen Sie, was ich in dieser Ausbildung für die Lehre gelernt habe. Natürlich war es damals nicht das explizite Ziel, durch die Coaching-Ausbildung die Lehre zu verbessern. Durch die veränderte Haltung aber – oder besser: durch die Bestärkung, dass meine Haltung, die so anders war als die vieler damaliger Kolleg:innen, auch ihre Berechtigung hat – konnte sich mein Lehrhandeln entwickeln. Ich erlaubte es mir.

Der entscheidende Anstoß

Wenn Sie genauer wissen wollen, was in der Anfangsphase des Buchprojekts geschah, empfehle ich Ihnen den folgenden Gastbeitrag, den ich für den Blog des Verlags Barbara Budrich verfasst habe:

Puh, eine laaange Phase in der Mitte

Ja, ich wollte mir Zeit lassen für dieses besondere Buch. In der Mitte zog es sich dann aber doch ziemlich und lief vor allem völlig anders als geplant. Mehr dazu erfahren Sie im zweiten Gastbeitrag:

Und dann endlich…

Anfang April fiel der Entschluss, jetzt wirklich Tempo zu machen, damit das Buch im Juni erscheinen kann. Ein eng getakteter Plan führte mich durch diese Zeit und, man glaubt es kaum in diesen Zeiten, es kam auch wirklich nichts dazwischen. Naja, bis auf ein Problem, das kurz vor Ende noch einmal beinahe die Auslieferung um ein paar Wochen verschoben hätte. Aber eben nur beinahe.

Anstelle eines weiteren Gastbeitrags entstand zum Abschluss ein kleines Interview aus fünf Fragen, in dem ich einen Einblick in die Inhalte zur coachenden Haltung und deren Entwicklung gebe. Zudem bekam ich die spannende Frage gestellt, wie sich die Erwartungen an Lehrende verändert haben.

Hier geht es zum Interview:

https://budrich.de/news/interview-andrea-klein/

Die Inhalte von „Mit Freude lehren“

Für einen ersten Überblick über die Inhalte des Buches lasse ich Ihnen einmal das Inhaltsverzeichnis hier:

Zum Abschluss eine Zusammenfassung

Und hier noch einmal eine kurze Zusammenfassung meiner Gefühlswelt während des Schreibens:

Ach so, hier geht es zur Verlagsseite: https://shop.budrich.de/produkt/mit-freude-lehren/

Wenn Sie Lust auf das Buch bekommen haben, können Sie es dort direkt bestellen oder aber der Bibliothek Ihrer Hochschule zur Anschaffung vorschlagen.

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10 Denkfehler beim Lehren des wissenschaftlichen Arbeitens

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Photo by Jonathan Farber on Unsplash

Es geht selten gut, wenn man denkt, dass…

(1) …alle Studierenden die Relevanz und den Sinn des wissenschaftlichen Arbeitens bereits kennen.

(2) …alle Studierenden dem wissenschaftlichen Arbeiten ablehnend gegenüberstehen.

(3) …die Studierenden selbst wissen und auch äußern, was sie zum Erlernen des wissenschaftlichen Arbeitens brauchen.

(4) …eine schriftliche Handreichung die Lehre und Betreuung ersetzen kann.

(5) …die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens nach einmaligem Erklären auf Anhieb „sitzen“.

(6) …die ausführliche Besprechung von Fehlern, Fehlverhalten, Plagiaten usw. so abschreckend und lernförderlich wirkt, dass so etwas bei den studentischen Texten nicht vorkommen wird.

(7) .…man am besten beim Lehren des Zitierens beginnt.

(8) …die formale Gestaltung der Texte viel Raum in der Lehre einnehmen sollte.

(9) …dass Feedback überflüssig ist und/oder zeitraubend sein muss.

(10) … diese Liste vollständig ist.

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Wofür Ihnen die Studierenden wirklich dankbar sein werden

Ein Gastartikel von Sandra Müller, Master-Studierende der Übersetzungswissenschaften

Literaturverwaltungssoftware! Für mich als Studierende war diese Entdeckung in Bezug auf das wissenschaftliche Arbeiten während meiner Studienzeit einer der größten Augenöffner! Oder genauer gesagt, in meinem Fall: Citavi. Bis heute finde ich es bei jeder Haus- oder Abschlussarbeit immer wieder aufs Neue faszinierend, wie viel Zeit man mit einem einzigen Tool sparen kann und wie leicht einem bestimmte Arbeitsschritte und die Organisation der gesamten Arbeit gemacht werden.

Was ich hingegen schade finde, ist, dass ich diesen Aha-Moment eher zufällig und durch viel eigenes Zutun erreichen musste. Und dass vielen meiner Mitstudierenden dieser Moment deshalb vermutlich vorenthalten bleiben wird…

Woran es aktuell noch scheitert…

Wäre es nicht viel schöner, wenn Veranstaltungen und Dozierende gäbe, die auf so ein effizientes und hilfreiches Tool verweisen würden? Na klar, denken Sie sich jetzt vermutlich, jetzt sollen wir uns den Schuh auch noch anziehen – dabei sind es doch die Studierenden, die keine Lust haben, sich überhaupt mit wissenschaftlichem Arbeiten auseinanderzusetzen…

Ich würde gerne behaupten: es stimmt beides.

Natürlich gibt es genügend Studierende die bei Veranstaltungen mit Namen wie „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“ nur müde abwinken und meinen, sie können ihre Hausarbeiten schon irgendwie aus dem Ärmel schütteln, aber… In wie vielen solcher Veranstaltungen werden Literaturverwaltungsprogramme überhaupt angesprochen, geschweige denn genauer erläutert?

Aus meiner Erfahrung bisher: In den wenigsten!

Fehlende Information in den Veranstaltungen

Aber warum denn eigentlich? Liegt es daran, dass die Dozierenden selbst nicht so viel mit Literaturverwaltungssoftware arbeiten oder den Nutzen für Studierende nicht sehen? Gibt es in diesen Veranstaltungen keine Zeit für so etwas? Wird es von den Verantwortlichen, der Studiengangsplanung nicht gewollt? Ich weiß nicht… Vielleicht hab Sie da ja eine gute Idee?! 😉 Schreiben Sie es gerne in die Kommentare.

In meinem ersten Bachelor-Studiengang bin ich kurz vor knapp – will heißen, im letzten Semester – und eher zufällig auf eine Veranstaltung der Hochschulbibliothek gestolpert: eine kurzes Einführungsseminar in das Arbeiten mit Citavi. Im Master-Studiengang gab es gar keine Angebote zum wissenschaftlichen Arbeiten mehr – es wurde quasi vorausgesetzt, dass man das kann. Schließlich hat man ja schon eine Bachelorarbeit geschrieben… Nach einer Umorientierung fand ich mich in meinem zweiten Bachelor-Studiengang wieder und habe ich dann immerhin eine Übung zum wissenschaftlichen Arbeiten im Vorlesungsverzeichnis gefunden – im Wahlpflichtbereich. Aber von Literaturverwaltungssoftware keine Rede.

Man kann mir also nicht unbedingt fehlenden Willen vorwerfen.

Fehlender Wille und fehlendes Interesse der Studierenden

Natürlich gibt es vermutlich einige Kommiliton:innen, denen dieser Wille generell fehlt… Aber schauen wir uns doch lieber die ganz vielen Studierenden dazwischen an: Die, die sich vielleicht gerne damit auseinandersetzen wollen, aber es bisher nicht tun. Die folgenden Dinge habe ich schon von der einen oder anderen Person dazu gehört:

  • Oh, Citavi klingt irgendwie cool… aber irgendwie ist mir das zu anstrengend mich da für eine große Abschlussarbeit einzuarbeiten.
  • Literaturverwaltungssoftware scheint echt hilfreich zu sein… Aber da gibt es so viele Möglichkeiten, ich wüsste gar nicht, wie ich da überhaupt die richtige auswählen soll.
  • Für ein paar Zitate brauch ich doch keine extra Software, das schaff ich gerade auch noch so, pff!

Status Quo ändern mit den richtigen Angeboten

Wäre es nicht das Ideal, wenn man genau diese Studierende einfangen könnte? Die Frage ist nur: Wie?

Ich denke: Mit den richtigen Informationen und passenden, interessanten Veranstaltungen im Curriculum, in denen Literaturverwaltungssoftware auch angesprochen und gezeigt wird!

Nehmen wir zum Beispiel die Gruppe, die nicht weiß, wie sie sich für eine Software entscheiden soll und deshalb gar nicht erst anfängt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Diesen Studierenden ist oft schon geholfen, wenn das Thema Literaturverwaltung in der Veranstaltung angesprochen und die Tools mit einer kurzen Tabelle mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen illustriert wird.

Die Personen, die finden, dass Citavi irgendwie cool klingt, aber die sich nicht sicher sind, ob sich der Aufwand in Bezug auf den Nutzen lohnt, brauchen etwas mehr Informationen. Hier braucht es vermutlich eine ganze Sitzung, um ihnen das Thema Citavi näherzubringen und zu zeigen, dass es gar nicht so kompliziert ist, wie es im ersten Moment vielleicht wirkt. Und wie groß der Nutzen tatsächlich ist – denn Citavi lohnt sich nicht nur bei der Bachelorarbeit. Überhaupt – wer sagt denn, dass die Bachelorarbeit die einzige große wissenschaftliche Arbeit bleibt, die man schreibt? Aus Erfahrung kann ich sagen: Das Leben kommt meist anders als man denkt… Aber das ist eine andere Geschichte. 😉 

Tja… und die letzte Gruppe? Nun, die brauchen vielleicht eine etwas tiefergehende Einarbeitung in Citavi, um zu erkennen, dass es dabei eben nicht nur um ein paar Zitate geht. Wenn diese Studierenden sehen, wie viel Citavi kann und wie viel leichter man sich Recherche, Literaturerfassung und Co. machen kann, sind sie sicherlich ziemlich schnell begeistert!

Worum es wirklich geht…

Es geht also gar nicht darum, den Studierenden Citavi (oder eine andere Literaturverwaltungssoftware) von vorne bis hinten durchzukauen, sondern eher darum, mit angepassten Infos, das Interesse zu wecken bzw. den individuellen Nutzen aufzuzeigen. Den Studierenden also etwas von der Überforderung abzunehmen, wenn man vor der Auswahl steht oder sich dem großen Funktionsumfang das erste Mal gegenübersieht. Listen Sie die wichtigsten Funktionen doch einfach mal für Ihre Studierenden auf und erklären Sie in ein bis zwei Sätzen, wie das Ganze grob funktioniert:

  • Ein Projekt anlegen
  • Eine Quelle aufnehmen
  • Die Software mit Word verbinden
  • Zitate mit der Software aufnehmen und in die Arbeit aufnehmen

Wenn Sie sich vielleicht mit Literaturverwaltungssoftware selbst noch nicht auskennen und jetzt denken: Puuhhh, das klingt ja alles ziemlich gut, aber wie soll ich mich da bloß einarbeiten (kommt Ihnen die Haltung bekannt vor? 😉), dann habe ich noch einen Link für Sie. Die Technische Universität München gibt einen guten und schnellen Überblick über die verschiedenen Optionen, der ab und an aktualisiert wird: http://mediatum.ub.tum.de/node?id=1316333

Und was denken Sie? Sind wir Studierenden zu faul, um uns mit Thema auseinanderzusetzen oder fehlt hier das richtige Angebot? Oder stimmen Sie mir zu, dass vielleicht beides zutrifft?!

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Der Wunderfitz beim Forschenden Lehren und Lernen

Ein Interview mit Prof. Dr. Christof Arn, Zürich

Christof Arn

Christof Arn coacht und bildet Führungs- und Fachpersonen sowie Teams mit Vorliebe in anspruchsvollen Situationen und zu kniffligen Themen: Übergänge, VUCA-Welt, Neuausrichtungen, Bildung und Entwicklung im Wandel. In seinem Rucksack: Professionelle Arbeit mit Werten: ethikprojekte.ch | Strukturierung von Lernen und Entwicklung: agiledidaktik.ch

Eine ausführliche Beschreibung finden Sie auf der Seite der Hochschule: https://hfab.ch/portfolio-items/team-prof-dr-christof-arn/

Christof, gemeinsam mit einem Team leitest Du die Hochschule für agile Bildung, kurz HfaB. Bitte schildere doch einmal kurz, was Ihr da tut.

Wir – das sind Jean-Paul Munsch, Claudia Ulbrich, Walter Burk, Barbara Borchers, Cathrin Kaufmann und ich – bilden gemeinsam mit einem Team von etwa 40 Fachpersonen Lehrende aus und weiter, forschen rund um Bildung und Lernen und erbringen Dienstleistungen für Schulen. Dabei ist die HfaB vor allem ein Denk- und Ideenort, an dem Erfindungen gemacht und je nach dem in der Praxis ausprobiert werden; im kontinuierlichen Austausch entstehen neue Gedanken. Miteinander schöpferisch zu sein, dabei selbst zu lernen und sich auch als Menschen weiterentwickeln, einander auch dabei zu unterstützen: das verbindet uns. Nicht nur anderen etwas beibringen zu wollen, sondern selbst mit unterwegs zu sein. In diesem Sinn orientieren wir uns an einem Bildungsbegriff, der «Lernen und Entwickeln» zusammenbringt.

Diesem gemeinsamen Weiterdenken geben wir unterschiedliche Formen – physische Treffen, Online-Treffen, gemeinsames Produktivwerden, indem wir etwa gerade gemeinsam ein zweites Buch weitgehend fertiggestellt haben, nach unserer massgeblichen Mitwirkung am Buch «Agilität und Bildung».

Alle rund 50 Personen, die an der HfaB mitwirken, sind zugleich in anderen Bildungsinstitutionen tätig. Wir sind so auch eine Art «Intervisionsnetzwerk», das viel hilft, um mit Herausforderungen in diesen Institutionen kreativ umzugehen und eigene Überzeugungen und Entwicklungen produktiv zu vertiefen und in die Systeme einzubringen.

An der HfaB arbeitet Ihr mit einem besonderen Verständnis von Forschung, das Ihr «forschende Grundhaltung» nennt. Was versteht Ihr darunter?

Was unterscheidet eine Hochschule (und andere Schulen auf der Tertiärstufe) von einem Gymnasium, einer Berufsschule oder anderen Bildungsinstitutionen auf der Sekundarstufe im Kern? Der Punkt ist, dass Hochschulen diejenigen Themenfelder, die sie unterrichten, zugleich beforschen. Das verändert das Verhältnis zum «Wissen» grundlegend. Denn Forschen bedeutet nicht nur, Neues zu entdecken, sondern immer mal wieder sogar Bisheriges zu falsifizieren. Dieselbe Institution, die Inhalte lehrt, stellt diese also zeitgleich in umfangreichen, eigenen Projekten in Frage. Denn nicht nur direkte Falsifizierungen gehen kritisch mit Wissen um. Auch wenn «bloss» Neues entdeckt wird, relativiert das oft Bisheriges, löst es manchmal ab. Pointiert ausgedrückt:

Eine Hochschule ist also genau dann Hochschule, wenn sie das, was sie lehrt, nicht für die Wahrheit hält.

Das Gelehrte ist vielmehr der Stand der Diskussion.

Was ist das Besondere an der forschenden Grundhaltung?

Die Neugier, der «Wunderfitz», ist grösser als das Bedürfnis nach «Sicherheit durch Konstanz». Natürlich brauchen wir alle auch Stabilität. Dazu hilft uns an der HfaB die sorgfältige Institutionalisierung, die Entwicklung einer Art einer eigenen «Verfassung» u.a.m. Doch letztlich sind wir sogar diesbezüglich neugierig: Auch die Grundorientierung selbst unterliegt der forschenden Grundhaltung und darf sich ändern. Sie ist allerdings gültig, bis sie mit guten Argumenten weiterentwickelt, verändert oder überholt ist. Das wiederum gibt Stabilität.

Dass wir sehr stabile Beziehungen, langfristige, verlässliche Zusammenarbeit unter uns und grosse Freude an den Beziehungen, Kontakten und Begegnungen haben, ist eine weitere Quelle von Konstanz. Sie beflügelt und inspiriert sogar die Neugier. So sind Stabilität und Offenheit kein Widerspruch mehr.

Was heißt das für die Lehre denn konkret?

Neugier aller mit allen, im Kollegium wie unter den Studierenden! In welche Richtung ließe sich der Stand der Diskussion weiterentwickeln? Was an diesem Stand sollte vielleicht in Frage gestellt werden? Auch das Gelehrte selbst wird damit zum Anlass für Forschung, sogar mitten im Lehren selbst. Gelingt es, das zu leben, ist Forschung und Lehre schon in ihrem Ursprung, ja schon während man lehrt und lernt, verbunden. Weil die Vorfreude auf Entdeckungen überall schon da ist, kann Forschung nicht von der Lehre getrennt sein. Umgekehrt wird es zu einer Qualität der Forschung, auf die Lehre – und insofern die Lehre in einer Lehrer:innen-Bildung auf die Praxis bezogen ist, auch auf die Praxis – bezogen zu sein.

Eine solche Grundorientierung wirkt also auf die Ausrichtung und Art der Forschung, weiter auf die Art und Intensität der Verbundenheit von Forschung und Lehre, zudem nun auch auf die Qualität der Lehre: Stellt man sich während der Theorievermittlung laufend der Möglichkeit, dass die Theorie auch falsch sein könnte, werden die Studierenden ermutigt, sich eine eigenständige Position dazu zu bilden. Dieser doppelte Prozess – eine Theorie zunehmend zu verstehen und sich zugleich trauen, nochmals darüber nachzudenken, ob sie einen denn überzeugt – führt zu wesentlich tieferer Durchdringung. Ein Nebeneffekt des kritischen Denkens ist, dass man sich das, was man kritisch betrachtet, nicht mehr nur äusserlich aneignen kann. Es wird eben nicht nur das kritische Denken gefördert, sondern auch vertiefte Aneignung jeder Theorie, zu der man kritisch stehen will. Genau damit stärkt eine solche Verknüpfung von Forschung und Lehre die Qualität der Lehre, genauer: die Qualität des Lernens.

Und für die Forschung?

Die Forschung profitiert ebenso von dieser Verknüpfung von Forschung und Lehre. Denn gerade während Lehrende mit Lernenden Theorien durchdringen, welche für die Lernenden noch neu sind, können im Dialog kritische Fragen und neue Ideen entstehen. Dies kann einerseits «innertheoretisch» der Fall sein, also innere Unstimmigkeiten oder Leerstellen in den Theorien selbst können sich zeigen – und damit Forschungsdesiderate. Dies kann auch das Verhältnis der betreffenden Theorie zur Praxis, auf die die Theorie sich bezieht, indem etwa die Diskussion zeigt, wo Praxis in der Realität systematisch anders ist als in dieser Theorie angenommen oder wo sich in der Praxis noch andere, potenziell für das Handeln sogar wichtigere Fragen noch stellen, als die Theorie im Blick hat. Sinnvollerweise entstehen also Anfragen an die Forschung, neue Forschungsfragen in der Lehre und geht also – unter anderem – aus dieser gemeinsamen Infragestellung von Theorie (in ihrem Verhältnis zur Praxis) zusammen mit den Studierenden die eigene Forschung der Lehrenden mit hervor.

In welchem Verhältnis siehst Du Theorie und Praxis?

Vorweg wie ich das Verhältnis nicht sehe: als hierarchisches. Auch wenn es öfter charmant überspielt wird: Die Forschung schaut nicht selten auf die Praxis herab. Man sieht das etwa daran, dass im Hochschulsystem weiterhin die Lehre einen tieferen Status hat als die Forschung. Man erlebt das auch immer wieder dann, wenn «die Theorie» meint, «der Praxis» sagen zu können, was sie zu tun hat.

Dem ist unter anderem entgegen zu halten, dass die Praxis intellektuell anspruchsvoller ist als die Theorie, auch als die Forschung. Denn die Theorie ebenso wie die Forschung schafft sich immer eine «kontrollierte Umgebung»: genau definierte Voraussetzungen für ein Experiment; einen ausgewählten Zugang bzw. Ausschnitt aus der Wirklichkeit – andere Einflüsse und Zusammenhänge als die in der Forschungsfrage möglichst eng formulierten sollen stabil gehalten bzw. ausgeblendet werden. Das ist ähnlich wie Krafttraining an einer Maschine: Gezielte Stärkung bestimmter Muskeln – hoch aussenkontrollierte Bewegungsabläufe. Demgegenüber ist Bewegung im freien Raum wesentlich komplexer. Riskanter. Anspruchsvoller. So ist es auch mit der Praxis im Vergleich zur Theorie. Eine Motivationstheorie ist immer einfacher als Motivation. Eine Lerntheorie simpler als Lernen in der wirklichen Welt. Eine pädagogische Theorie erreicht nie die Komplexität einer pädagogischen Situation. Daher eben ist die Praxis intellektuell (und auch menschlich) anspruchsvoller als die Theorie. Wenn schon Statusunterschied, dass müsste als die Praxis den höheren haben als die Forschung.

Spannend wird es, wenn man beide auf Augenhöhe sieht. Will heissen: Nicht nur Theorie kann Praxis voranbringen, sondern Praxis die Theorie. So evident das ist, so ist doch zuzugeben, dass damit in Frage gestellt wird, ob das Verb «anwenden» eine günstige Beschreibung des Grundverhältnisses zwischen Theorie und Praxis darstellen kann.

Welches Fazit ziehst Du nach zwei Jahren Lehre, die von dieser Grundhaltung geprägt ist?

Die grundlegend neugierige Haltung prägt tatsächlich alltäglich unsere Lern- und Lehrveranstaltungen, wirklich als gemeinsame Haltung aller mit allen. Das gelingt gut. Die Studierenden werden motiviert, selbst auch kritisch an diese Inhalte heranzugehen, und auch wir Lehrenden nehmen substanzielle Impulse mit. Wir sehen klar, dass unsere Studierenden so zu einem tieferen Verständnis der Theorien kommen, als wenn man Inhalte bloss lernt, um sie an einer Prüfung wiederzugeben.

Wir sehen, dass gerade dies zusätzlich der Verknüpfung des Gelernten mit der Praxis dient. Je mehr sich die Studierenden durch kritische Auseinandersetzung Theorien tatsächlich «einverleiben», desto mehr können sie damit in der Praxis anfangen.

Die Studierenden an der Hochschule für agile Bildung sind konsequent parallel in der Praxis tätig. Daher sind sie besonders prädestiniert, aus dieser Praxis heraus relevanten Ideen und Kritikpunkte zu den gelehrten Theorien beizutragen, die helfen können, Forschungsdesiderate aufzuspüren.

Diesen Unterschied zu machen, ist uns wirklich gelungen: In unserem Studiengang gibt es gar keine Trennung mehr zwischen Theorie und Praxis, ebensowenig wie zwischen Theorieaneignung und eigenem Denken. Wir haben herausgefunden: Wenn wir wollen, dass Gelerntes in die Praxis und ins eigene Denken wirken sollen, muss umgekehrt die praktische Erfahrung und das bisherige eigene Denken ins Lernen einfliessen: keine Grenze am Anfang des Semesters bzw. Moduls im Sinne von »vergesst mal Euer bisheriges ›unwissenschaftliches‹ Denken und Eure ›unbedarfte‹ bisherige Praxis« damit das »richtige Wissen« und die »professionelle Praxis« Platz kriegt. Nein, im Gegenteil: Was bisher gedacht wurde, was bisher gemacht wurde, was parallel in der Praxis entdeckt wird, genau das ist es, was wir wagen, mit Theorie, Forschung, Wissenschaft in Kontakt zu bringen! Und genau so erleben wir, funktioniert es, dass Theorie, Forschung, Wissenschaft, wieder in die Praxis unserer Studierenden einfliesst – nachhaltig. Das, könnte man sagen, ist ein weiterer Punkt, an dem die Bezeichnung »entwicklungsorientierte Bildung« gut passt.

Lieber Christof, herzlichen Dank für diese inspirierenden Einblicke!

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Plagiatssoftware – Fluch oder Segen?

Ein Gastbeitrag von Ute Schlüter-Köchling

Nutzen Sie eine Plagiatssoftware, z. B. zur Korrekturhilfe von studentischen Arbeiten oder vielleicht für Ihre eigenen Schreibprojekte? Der Ruf nach einer solchen Software, welche die Lehrenden bei der Korrektur von Hausarbeit, Bachelorarbeit & Co unterstützen soll, wird zunehmend lauter.

Der Ruf ist durchaus verständlich, denn die starke Zunahme von digital verfügbaren Quellen erleichtert das Plagiieren von Texten (z. B. durch einfaches Copy & Paste). Gleichzeitig ist es für Lehrende schwierig bei der Quellenvielfalt und -masse den Überblick zu behalten und die Literatur regelmäßig zu sichten und zu prüfen. Steigende Studierendenzahlen und schlechte Betreuungsschlüssel tun ihr Übriges. Deswegen versprechen sich viele Lehrende (vielleicht auch Sie?) von einer Plagiatssoftware eine Arbeitserleichterung, mit der sich schnell und einfach Plagiate aufspüren lassen.

Vielerorts wird eine Plagiatssoftware bereits genutzt, anderenorts ist sie in Planung. (siehe z. B. das Projekt PlagStopNRW). Ja, eine Plagiatssoftware kann sinnvoll sein – wenn die Software richtig eingesetzt wird. Schauen wir uns einmal an, welche Akteure bei einer elektronischen Plagiatsprüfung überhaupt beteiligt sind.

Wer mischt mit?

Die Lehrenden

Da sind vielleicht Sie, als prüfende Lehrende, die sich von der Software eine Arbeitserleichterung versprechen und sich eine schnelle, konkrete und einfache Antwort auf die Frage: „Plagiat – ja oder nein?“ wünschen. Aber kann dieser Wunsch tatsächlich erfüllt werden? Hierauf möchte ich mit einem klaren „Jein“ antworten oder mit einem „Ja, aber…“. Ihr Wunsch ist durchaus verständlich, aber leider nicht vollständig umsetzbar. DENN: Auch die beste Plagiatssoftware kann nur analysieren, ob eine Ähnlichkeit oder Übereinstimmung mit einem anderen Text vorliegt. Das heißt, der Prüfbericht der Software allein ist nicht aussagekräftig und liefert nur Anhaltspunkte. Ob es sich tatsächlich um eine plagiierte Textstelle handelt, müssen Sie selbst in jedem Einzelfall überprüfen und beurteilen.

Vorteilhaft ist aber: Wenn Sie, als Nutzerin oder Nutzer, eine Plagiatsprüfung mit einer Software durchführen und es wird eine Übereinstimmung oder Ähnlichkeit erkannt, haben Sie direkt die (elektronische) Originalquelle zur Hand. Praktisch, denn so können Sie den Plagiats-Check direkt durchführen, ohne dass Sie lange nach dem Originaltext recherchieren müssen. Diese Vorgehensweise kann aber unter Umständen mehr Zeit in Anspruch nehmen als ohne den Einsatz einer Plagiatssoftware. Denn vielleicht wäre Ihnen die Nähe zum Originaltext ohne eine elektronische Plagiatsprüfung ja gar nicht aufgefallen? 😉

Die Arbeit muss trotzdem noch von Ihnen gelesen werden, denn eine semantische Analyse findet mit einer Plagiatssoftware (bisher) nur in geringem Umfang statt, so dass Strukturplagiate, Ideenplagiate, Übersetzungsplagiate mit einer Plagiatssoftware in der Regel nicht erkannt werden.

Letztendlich ist eine Plagiatssoftware auch nur so gut, wie ihre (elektronische) Quellengrundlage. Das heißt: Quellen, die ausschließlich physisch vorliegen, fließen erst gar nicht in die Plagiatsprüfung ein. Somit gibt es trotz Einsatz einer Plagiatssoftware genug Möglichkeiten, dass ein Plagiat unentdeckt bleibt.

Fazit für die Lehrenden: Der Einsatz einer Plagiatssoftware bedeutet nicht zwingend eine Zeitersparnis, ist aber gründlicher und kann somit ein Segen sein.

Die Studierenden

Neben den Lehrenden, die in der Regel am lautesten nach dem Einsatz einer Plagiatssoftware rufen, gibt es noch eine weitere relevante Gruppe: die Studierenden. Eigentlich ist es ja auch DIE relevante Gruppe: Schließlich handelt es sich um ihre Arbeiten, die mit der Plagiatssoftware überprüft werden sollen.

Die Studierenden rufen selbstredend nicht so laut nach dem Einsatz einer Plagiatssoftware. Ja, der Einsatz dieser Software löst bei den Studierenden häufig sogar große Sorge aus, da sie befürchten (aufgrund von nicht beabsichtigten Fehlern) eines Plagiats überführt zu werden. Wenn in meinen Veranstaltungen der Themenkomplex „Umgang mit Quellen & Zitation“ behandelt wird, kommt früher oder später auch immer das Thema „Plagiat“ auf den Tisch. In diesem Moment kann man die Anspannung und das erhöhte Interesse bei Studierenden spüren. Warum ist das so?

Den Studierenden wird regelmäßig vor Augen geführt, welche Folgen ein Plagiat haben kann. Sei es durch die Medien, die Plagiatsfälle von prominenten Personen aufgreifen oder durch die Hochschulen selbst. Letztere weisen regelmäßig auf das Thema „Plagiat(-sformen)“ und die Konsequenzen einer Plagiatserstellung hin (Wiederholung von Prüfungen, Herabsetzung von Noten, Exmatrikulation etc.). Viele Studierenden fühlen sich dadurch verunsichert und sehen sich häufig einem Generalverdacht ausgesetzt.

Keine Frage, ein vorsätzliches Plagiat von Studierenden ist kein Kavaliersdelikt und sollte geahndet werden. Hierbei kann eine Plagiatssoftware auch eine nützliche, nämlich abschreckende, Wirkung haben. Aber klar ist auch: Viele Studierende begehen ihre Plagiate unwissentlich – weil sie nicht wissen, wie man mit Quellen umgeht und diese zitiert, weil sie die Prinzipien, Funktions- und Arbeitsweisen der Wissenschaft nicht kennen, weil sie kein Problembewusstsein haben oder weil sie aufgrund von Zeitmangel den Überblick über ihre Quellen verloren haben. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Die Studierenden kennen sich zu wenig mit den Techniken sowie dem Sinn und Zweck des „Wissenschaftlichen Arbeitens“ aus.

Was tun?

Abgesehen von Lehrveranstaltungen zum „Wissenschaftlichen Arbeiten“ im oder außerhalb des Curriculums, kann den Studierenden auch der konkrete Einsatz einer Plagiatssoftware helfen, um grundlegende Kompetenzen im Bereich „Wissenschaftliches Arbeiten“ zu erlangen.

Wird eine Plagiatssoftware an einer Hochschule eingesetzt, sollte diese nicht nur als ein reines Kontrollinstrument von den Lehrenden für studentische Arbeiten genutzt werden. Leider wird dies aber in der Regel so praktiziert. Dabei kann eine Plagiatssoftware doch so nützlich sein – für alle Beteiligten, also auch für die Studierenden! Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Ok, für mich als Dozentin oder Dozent ist eine Plagiatssoftware eine prima Sache, auch wenn es eventuell sogar Mehraufwand bedeutet. Aber für die Studierenden?

Hier meine Antwort: Ja, die Studierenden sollten ebenfalls die Software nutzen dürfen. Denn mit Hilfe einer Plagiatssoftware haben die Studierenden die Möglichkeit an ihren eigenen Texten zu erfahren, was ein Textplagiat ausmacht. Natürlich dürfen die Studierenden dabei nicht allein gelassen werden. Denn es nützt wenig, ihnen den Prüfbericht ohne Kommentar in die Hand zu drücken: Den Studierenden muss erklärt werden, warum eine Textstelle von der Software als ein Plagiat eingestuft wird und wie das Plagiat vermieden werden kann (i. d. R. durch korrektes Zitieren). All das könnte z. B. im Rahmen einer Veranstaltung zum „Wissenschaftlichen Arbeiten“ geschehen.

Fazit für die Studierenden: Eine Plagiatssoftware muss nicht zwingend ein Kontrollinstrument sein, sondern kann auch als Lerninstrument genutzt werden und muss somit nicht verflucht werden.

Fazit für ALLE

Eine Plagiatssoftware ist (wie immer im Leben) weder Fluch noch Segen, sondern beides.

Für Sie, als Lehrende, kann eine Plagiatssoftware nützlich sein, indem der Korrekturprozess vereinfacht und unterstützt wird. Eine Zeitersparnis findet aber nicht zwingend oder gar nicht statt. Und: Gelesen werden muss die Arbeit auch weiterhin gemäß den üblichen fachspezifischen und wissenschaftlichen Kriterien.

Für die Studierenden muss eine Plagiatssoftware nicht nur ein Kontrollinstrument sein, sondern kann auch als Lerninstrument zur Plagiatsprävention im Schreibprozess eingesetzt werden.

Natürlich gibt es noch viele andere Dinge, die bei der Nutzung einer Plagiatssoftware eine Rolle spielen: Datenschutz, Quellengrundlage, Prüfungsordnung, Kosten und Lizenzen, Einbindung in Lernmanagementsysteme etc. Aber das sind andere Geschichten…

Literatur zum Thema:

Dagli-Yalcinkaya. Lara: PlagStop.nrw. Abschlussbericht. – Digitale Hochschule NRW, 2021.

Grävemeyer, Arne: Jagd auf Abschreiber. Plagiatchecker finden Verdachtsfälle, lassen sich aber austricksen. IN: c’t, (11) 2020. – S. 142-145

Malo, Markus: Skandalon Plagiarismus? Überlegungen zu einer aufgeregten Diskussion. IN: Forschung & Lehre, (9) 2021. S. 718-719

Reichmann, Gerhard: Textplagiate in der Wissenschaft und deren Verhinderung. Theoretische Überlegungen und empirische Befunde. IN: Informationen – Wissenschaft und Praxis, (4) 2013. – S. 175-184

Weßels, Doris: Wissenschaftliche Arbeiten und KI. Zwischen Original und Plagiat. IN: Forschung & Lehre, (6) 2020. S. 504-505

Weßels, Doris: Verführerische Werkzeuge. Plagiate und KI-gestützte Textproduktion an Hochschulen. IN: Forschung & Lehre, (12) 2021. S. 1018-1019

Ute Schlüter-Köchling ist Sozialwissenschaftlerin, Bibliothekarin und Schreibberaterin. Sie ist als Dozentin für „Wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben“ tätig und berät Studierende zu ihren Schreibprojekten.

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Speck-up for beginners

Kürzlich habe ich Sie gefragt:

„Wie ist es um Ihren Speck bestellt? Haben Sie sich genug angefuttert, um spontan sein zu können? Haben Sie Übungen, Beispiele, Anschauungsmaterial für all die schönen Bereiche, die das wissenschaftliche Arbeiten umfasst?“

Die Bereiche, für die Sie Speck brauchen

Da stellt sich natürlich die Frage, welche Bereiche das wissenschaftliche Arbeiten denn tatsächlich umfasst. Erste Hinweise gibt selbstverständlich der Modulkatalog. Aber, ganz ehrlich, so wahnsinnig aufschlussreich sind die Dinger auch nicht immer 😉

In einem Blogartikel habe ich vor Jahren einmal das Verständnis von „wissenschaftlichem Arbeiten“ und „wissenschaftlichem Schreiben“ gegenübergestellt und bin für Ersteres zu den folgenden Bereichen gekommen:

  • Wissenschafts- und Erkenntnistheorie
  • Themeneingrenzung und Fragestellung, Formulieren von Forschungsfrage(n)
  • Forschungsdesign und Methodenwahl
  • Literaturrecherche und -auswahl
  • Phasen des Schreibens (Gliederung, Rohtext, Überarbeitung)
  • Formale Anforderungen
  • Wissenschaftlicher Schreibstil
  • (Schreibtypen und Schreibstrategien)
  • (Schreibübungen)
  • Zeitplanung
  • und manchmal Inhalte aus angrenzenden Gebieten: Lernen lernen, Prüfungsvorbereitung, Präsentieren usw.

Schauen Sie also einmal genau hin, was Sie selbst von dieser Liste für Ihren Kurs für unerlässlich halten – Modulkatalog hin oder her – und futtern sich dann diesbezüglich Speck an.

Aber: gemach, gemach! Es muss ja nicht alles auf einmal sein. Wenn Sie sich gerade zu Beginn noch nicht wirklich einen nennenswerten Speckmantel aufgebaut haben, spricht auch überhaupt nichts dagegen, einige Lehreinheiten für eine Übergangszeit noch etwas stärker zu strukturieren und den Anteil des Spontanen, Flexiblen im Lauf der Zeit immer mehr zu steigern und auf die verbleibenden Bereiche auszudehnen.

Die Übungen und Aktivitäten

Erste Ideen für viele der Bereiche finden Sie auf der Materialien-Seite: www.wissenschaftliches-arbeiten-lehren.de/materialien.

Ganz allgemein gilt:

Sehen Sie zu, dass Sie die Übungen kleinschrittig aufbauen, so dass der Kurs am besten von einem Erfolgserlebnis zum nächsten kommt und das Gefühl bekommt, dass das ja eigentlich doch alles ganz einfach ist mit wissenschaftlichen Arbeiten. Ist es ja irgendwie auch – wenn man nicht von vorneherein abgeschreckt wird.

Zwischendurch passt übrigens auch immer ein Quiz gut, und gerade in den ersten Semestern dürfen es dabei auch ganz einfache Fragen sein.

Beim Thema Zitieren könnten Sie

  • beispielsweise die Titelei einer Quelle zeigen und nach der Quellenart fragen.
  • Oder aber den Auszug aus einem Text und beispielhaftes indirektes Zitat zeigen. Die Frage wäre dann, ob das ein gelungenes Zitat wäre oder nicht (wenn nein, sollten Sie gemeinsam eine Lösung erarbeiten).

Beim Thema Literaturrecherche und -auswahl können Sie

  • parallel mit verschiedenen Methoden nach Quellen zu einem vorgegebenen Thema recherchieren und die Ergebnisse vergleichen
  • Beispielquellen ansehen und nach Hinweisen suchen, wieso diese zitierwürdig sind.

Und, und, und!

Die Beispiele

Tun Sie sich selbst einen Gefallen und wählen Positivbeispiele von Gliederungen, Textauszügen, Literaturverzeichnissen etc. oder zumindest solche Beispiele, die Sie gemeinsam mit Ihrem Kurs weiterentwickeln können, so dass die „richtige“ (= für richtig befundene oder plausible) Lösung im Gedächtnis bleibt.

Negativbeispiele bringen Sie nicht weiter. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass sich unerwünschterweise die Fehler und Unzulänglichkeiten einprägen. Irgendwer bekommt es immer nicht mit, dass es sich bei dem Beispiel eben nicht um ein Musterbeispiel handelt und dass es eine separate Datei bzw. ein separates Arbeitsblatt mit den Korrekturen gibt 😉

Hilfreiche Ressourcen

Zusätzliches und inspirierendes Material sowie Unterstützung finden Sie bei den Bibliotheken und Schreibzentren!

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Ist Wissenschaft Glaubenssache?

Ein Gastbeitrag von Dr. Anna-Barbara Heindl

Diese Frage ist zurzeit für uns alle wichtiger denn je: In der Corona-Pandemie haben wir in unserem direkten Umfeld Bekannte, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde, vielleicht auch Familienmitglieder, die wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht trauen und als eine Meinung unter vielen abtun.

Ich meine, es stimmt: Wissenschaftliche Argumente können mal mehr und mal weniger gut konstruiert sein und daher auch von wissenschaftlichen Gegenargumenten widerlegt werden. Aber, und da kommen wir schon zum Kern unseres aktuellen gesellschaftlichen Problems: Können wissenschaftliche Argumente auch von nichtwissenschaftlichen Argumenten widerlegt werden?

Nein, da wir sonst Äpfel mit Birnen vergleichen. Das heißt, in den meisten Fällen reden wir und unsere Familie und Freund:innen, die lieber „alternativen“ als wissenschaftlichen Fakten Glauben schenken, aneinander vorbei. Wie sehr wir uns auch in hitzigen Diskussionen anstrengen mögen, wir können nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Da wir von vorneherein unterschiedlichen Glaubens sind.

Moment mal, Wissenschaft soll Glaubenssache sein?

Im Ursprung, ja.Wie genau und warum das auch nicht weiter schlimm ist, erzähle ich euch gerne im Folgenden.

Was unterscheidet das wissenschaftliche vom nichtwissenschaftlichen Argument?

Zu wissenschaftlicher Erkenntnis gelangt man mittels wissenschaftlicher Forschungsmethoden. Wissenschaftliche Forschungsmethoden zeichnen sich durch ein systematisches Vorgehen aus. Systematisch heißt, dass wir nach festgelegten Regeln Phänomene in unserer Umwelt beobachten. Diese Beobachtungen analysieren wir. Anschließend dokumentieren wir den Vorgang unseres Erkenntnisgewinns – damit jede:r die Möglichkeit hat, nachzuvollziehen, wie die Erkenntnis zustande gekommen ist. Systematisch bedeutet also: Ein wissenschaftliches Ergebnis ist nur dann ein nachweisbarer Sachverhalt – ein Fakt – , wenn er auf Beobachtungen in der Umwelt zurückzuführen ist. 

Oft haben Menschen, die „alternative“ Fakten verbreiten, jedoch gar kein Interesse daran, ihren Weg zur Erkenntnis nachvollziehbar zu machen – aus dem einfachen Grund, dass sie keinen Zusammenhang zwischen ihrer Beobachtung und ihrer Erkenntnis nachweisen können.

Nehmen wir als Beispiel die Behauptung, dass die Corona-Impfung Frauen unfruchtbar mache. Zum Aufbau der Plazenta ist ein Protein nötig, das dem Spike-Protein des Corona-Virus‘ ähnelt. Es wurde Vermutung geäußert, dass Antiköper, die durch eine Impfung zur Vernichtung des Corona-Spike-Proteins gebildet werden, nun ebenso das Plazenta-Protein angreifen und vernichten würden. Es ist jedoch bei einer Behauptung geblieben. Weil – wie der Deutsche Welle-Faktencheck[1] berichtet – das Plazenta-Protein zwar dem Spike-Protein ähnelt, aber in unerheblichem Maße: Die Ähnlichkeit ist so gering, dass die Antikörper das Spike- nicht mit dem Plazenta-Protein verwechseln können.  

An dieser Stelle wurde also eine Behauptung aufgestellt und verbreitet, die nicht wissenschaftlich-methodisch an der Realität gemessen wurde: Zur Behauptung der Spike-Plazenta-Protein-Verwechslung gibt es weder ein Phänomen (der Anteil der Unfruchtbarkeit bei Frauen ist infolge der Corona-Impfung nicht gestiegen), noch einen Rückbezug auf eine Beobachtung (die Plazenta-Proteine ähneln den Spike-Proteinen nicht sehr).

Viele Menschen sind mit der Flut an neuen Erkenntnissen überfordert, die wir in den letzten eineinhalb Jahren über das Corona-Virus gewonnen haben. Das liegt auch daran, dass sich in der Berichterstattung oft nicht ausreichend Zeit genommen wird, um den wissenschaftlichen Weg zur Erkenntnis nachzuzeichnen – klar, der ist ja auch oft fachlich sehr speziell und kompliziert.

Es ist wohl kaum zuvor ein wissenschaftlicher Erkenntnisprozess (außer zum Klimawandel vielleicht) so eng von den Medien begleitet worden wie die Erforschung des Corona-Virus‘. Wir können alle ganz gut beobachten, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer mehr Wissen über das Virus produzieren. Was dabei auffällt: Manchmal finden die einen etwas heraus, was sie selbst oder andere später für nicht richtig erklären müssen.

Woran liegt das, und vor allem: Warum ist das nicht schlimm?

Die Welt da draußen ist komplex. OK, das ist uns nicht neu. Aber für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess ist das eine entscheidende Tatsache:

Es gibt (leider) keine wissenschaftliche Super-Methode, die ein Phänomen wie das Corona-Virus und die Interaktion mit seiner Umwelt schnell, präzise und auf einen Blick umfassend erforschen kann. Stattdessen können sich Wissenschaftler:innen stets nur kleinen Ausschnitten des Phänomens (zum Beispiel dem Spike-Protein des Corona-Virus) oder seiner Wirkung (zum Beispiel dem bevorzugten Sitz der Viren im Atmungsapparat) auf einmal widmen. Wissenschaft ist also Teamwork: Viele Wissenschaftler:innen auf der Welt arbeiten an je einem Puzzlestück – und setzen nach und nach gemeinsam ein großes Bild zusammen.

Klingt doch erst mal gut: Puzzlestücke ergänzen sich doch prima zu einem großen Ganzen!

Wie kann es dann sein, dass sich Forschungsergebnisse widersprechen?

Um ein ganzes Bild zu ergeben, müssen nun erst einmal die passenden Gegenstücke für die einzelnen Puzzlestücke gefunden werden. Und hier ist die Crux an der Sache: Wie genau die Puzzlestücke aus verschiedenen Forschungsprojekten zusammenpassen, das untersuchen die Wissenschaftler:innen in ihren einzelnen Forschungsprojekten im Regelfall gar nicht.

Deshalb müssen die Wissenschaftler:innen also zunächst Vermutungen anstellen. Ihre Vermutungen sind jedoch nicht aus der Luft gegriffen: Sie müssen sich auch hier auf bereits bekannte Fakten beziehen und nachvollziehbar machen, wie sich ihr Puzzlestück wahrscheinlich an ein anderes anfügt. Wissenschaftliche Vermutungen müssen erst recht für alle nachvollziehbar gemacht werden, um glaubwürdig zu sein. Bei den Vermutungen handelt es sich jedoch im Gegensatz zu den Puzzlestücken selbst nicht um eine gesicherte Erkenntnis. Die Wissenschaft ist in manchen Bereichen zunächst mit Unsicherheit behaftet: Sie kann sich irren, was die Zusammensetzung der Puzzlestücke angeht.

Ein kluger Schachzug der Wissenschaft ist nun, in neuen Forschungsprojekten exakt jene vermutete Verbindung zwischen den Puzzlestücken systematisch zu untersuchen: Um zu schauen, ob sie wirklich perfekt ineinandergreifen – oder, ob die Puzzlestücke an dieser Stelle doch nicht zusammenpassen.

Das Prüfen vorläufiger Vermutungen ist in der Wissenschaft also ein ganz normaler Vorgang – und überhaupt nicht schlimm, da alle Wissenschaftler:innen wissen, dass man mit vorläufigen Ergebnissen nur eingeschränkt und vorsichtig arbeiten kann.

Warum aber ignorieren nicht wenige Menschen gerade in der Corona-Pandemie die Nachvollziehbarkeit des wissenschaftlichen Arguments?

Das liegt daran, dass auch Wissenschaft ein Stück weit Glaubenssache ist.

Was bei der nichtwissenschaftlichen Argumentation in Bezug auf die Corona-Pandemie und auffällt: Den „querdenkenden“ und „aufgewachten“ Menschen in unserer Mitte ist nicht wichtig, ob sich ihr (fake) „fact“ auf tatsächliche Beobachtungen zurückführen lässt. Im Gegenteil: Sie trauen ihren eigenen Augen und Ohren und denen ihrer Mitmenschen nicht mehr. Was sie sehen, hören, riechen, ertasten und schmecken, scheint für sie nur eine Show, inszeniert von Strippenzieher:innen, die im Verborgenen ihre eigenen Ziele verfolgen. Für sie ist klar: Die herkömmliche Sinneswahrnehmung kann ich nicht mehr als verlässliche Grundlage für meine Behauptungen heranziehen.

Was genau sie jedoch beobachten und mit welcher Methode sie Schlüsse ziehen, um zu ihren „alternativen“ Fakten zu kommen, das legen sie nicht offen – weil sie den systematischen, wissenschaftlichen Weg zur Erzeugung von Fakten von vorneherein ablehnen. Sie verlangen also von uns, ihren Argumenten zu trauen, ohne uns erklären zu können, wie sie zu ihrem Wissen gelangt sind. Klingt eher so, als hätten sie etwas zu verbergen, oder?

Wie wir im Bild des Puzzles sehen, kann die Wissenschaft zu keinem Zeitpunkt alles wissen – und somit nichts in letzter Instanz beweisen. Denn die Welt ist schier unendlich: Wir werden auch in Zukunft unablässig neue Erkenntnisse produzieren mit der Folge, dass vorläufige Vermutungen über den Haufen geworfen werden müssen; vollständig zusammensetzen wird man das große Bild also in absehbarer Zeit nicht.

Das bedeutet, dass auch das wissenschaftliche Weltbild von uns einen Vertrauensvorschuss verlangt. Es verlangt von uns, Unwissenheit aushalten zu können. Es verlangt von uns den Glauben daran, dass wir unseren eigenen Sinnen und Beobachtungen vertrauen können. Genauso verlangen die „Querdenkenden“ den Glauben an das Verborgene, das nicht Sichtbare und das Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung. Insofern ist es doch Glaubenssache, ob man dem wissenschaftlichen oder dem querdenkerischen Weltbild veraut.

Ich finde jedoch, dass es wesentlich leichter ist, dem wissenschaftlichen Weltbild diesen Vertrauensvorschuss zu gewähren: Weil das wissenschaftliche Weltbild uns an der Entstehung seiner Erkenntnisse teilhaben lässt.

Aber die Fronten bleiben, wie sie bleiben: Man muss die Grundprinzipien wissenschaftlicher Erkenntnis zunächst akzeptieren, um diesen sinnhaft widersprechen zu können. Wenn die „querdenkerischen Fakten“ nicht auf diesen Grundprinzipien bauen, dann können wir auf keine sinnhafte Weise unsere Argumente austauschen: Wir werden weiterhin Äpfel und Birnen vergleichen. Es ist also nicht verwunderlich, dass derzeit ein scheinbar unüberwindbarer Graben durch die Gesellschaft führt.

Eine Frage bleibt für uns deshalb höchst relevant: Auf welchem Glauben wollen wir unsere Gesellschaft gründen? Vielleicht ist es an der Zeit, diese Frage in unserer Gesellschaft noch einmal eingehender zu besprechen. Und dafür braucht es meines Erachtens wissenschaftliche Bildung: Nur wer versteht, wie Wissenschaft funktioniert, kann sich für sie entscheiden.

[1] https://www.dw.com/de/faktencheck-impfmythen-corona-impfung-unfruchtbarkeit-dna/a-57223260; 22.09.2021.

Dr. Anna-Barbara Heindl

Dr. Anna-Barbara Heindl beschäftigt sich mit der Kommunikation wissenschaftlicher Themen. Einen besonderen Fokus legt sie auf die Vermittlung von Forschungsmethoden. Ihr Ziel ist es, Wissenschaft greifbarer und verständlicher zu machen. Dazu hostet sie u.a. den Podcast „Methoden:Koffer“: www.methodenkoffer.info

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/dr-anna-barbara-heindl-a6408967/

Twitter: @MethodenK

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