Wissenschaftliches Arbeiten lehren

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Erfahrungen, Einblicke und ein bisschen Ernüchterung nach einigen Jahren Lehre "Wissenschaftliches Arbeiten"

Materialien

Probieren geht über studieren: Ideen für Übungen, die die Studierenden selbst lösen müssen.

Literatur

Bücher, Links und Apps zum Wissenschaftlichen Arbeiten gibt es viele - für Studierende. Aber welche eigenen sich für die Lehre?

Heidler/Krczal/Krczal: Zu viel versprochen

Heidler, Petra; Krczal, Albin und Eva Krczal (2021): Wissenschaftlich Arbeiten für Vielbeschäftigte. Opladen & Toronto: Verlag Barbara Budrich.

19,90 Euro

180 Seiten

Inhaltsübersicht:

1 Einleitung

2 Lernergebnisse und Leitfragen

3 Themenfindung und Konkretisierung

4 Exposé

5 Bestandteile und Gliederung einer wissenschaftlichen Arbeit

6 Arten von wissenschaftlichen Arbeiten

7 Der Forschungsprozess bei empirischen Arbeiten

8 Der Forschungsprozess bei Literaturarbeiten

9 Literaturrecherche

10 Zitierweise

11 Formale Rahmenbedingungen

12 Literaturverwaltungsprogramme

Heidler, Krczal und Krzcal: Zu viel versprochen

Der Titel des Buches klingt toll: „Wissenschaftlich Arbeiten für Vielbeschäftigte“. Im Klappentext ist die Rede davon, dass man „ohne großen Aufwand“ eine gute wissenschaftliche Arbeit anfertigen könne.

Dementsprechend war meine erste Nachfrage, als das Rezensionsangebot kam, ob es denn darum ginge, wie man trotz zeitlicher Restriktionen eine qualitativ hochwertige Arbeit schreibt. Daran wäre ich interessiert; ich dachte an Vielbeschäftigte wie Studierende im dualen oder berufsbegleitenden Studium, für die ich zwar selbst ein paar Tipps auf Lager habe, aber ich lerne ja gern dazu. Einen Ratgeber für Studierende, die nach dem Prinzip „Augen zu und durch“ mit ihrer Arbeit einfach nur fertig werden wollen, hätte ich nicht rezensieren wollen.

Tja, was soll ich sagen? Bei dem Buch von Heidler, Krczal und Krczal handelt es sich keineswegs um einen „Augen zu und durch“-Leitfaden. Die Tipps für Vielbeschäftigte habe ich jedoch auch vergeblich gesucht.

Wie ist das Buch aufgebaut?

In zwölf Kapiteln sollen die Vielbeschäftigten erfahren, wie sie nun eine Arbeit erstellen, die den Anforderungen gerecht wird. Die Reihenfolge der Kapitel bzw. die Zuordnung mancher Inhalte zu den jeweiligen Kapiteln erschließt sich mir allerdings nicht.

In der Einleitung sind kurz und knapp die wesentlichen Anforderungen an eine wissenschaftliche Arbeit beschrieben. Das halte ich für eine solide Basis für alles Weitere und die Vertiefung in den entsprechenden Teilen. Kapitel 2 listet die Lernergebnisse und Leitfragen auf – und „Auflisten“ meine ich durchaus wörtlich: Viel Text gibt es in diesem Kapitel nicht. Ab Kapitel 3 (Themenfindung und Konkretisierung) dreht sich zunächst einmal alles um die grundsätzliche Anlage der Arbeit: Exposé (Kap. 4), Bestandteile und Gliederung einer wissenschaftlichen Arbeit (Kap. 5), Arten von wissenschaftlichen Arbeiten (Kap. 6, warum so spät?), bis dann Kapitel 7 und 8 den Forschungsprozess bei empirischen Arbeiten bzw. Literaturarbeiten beschreiben.

Die Techniken der Literaturrecherche und des Zitierens sind das Thema von Kapitel 9 und 10. Darauf folgen die formalen Rahmenbedingungen in Kapitel 11. Erst dann werden in Kapitel 12 verschiedene Literaturverwaltungsprogramme gegenübergestellt. Das hätte sich meiner Meinung nach viel besser beim Recherchieren und Zitieren gemacht, denn dafür sind die Programme ja nun einmal (auch) da.

Was komplett fehlt, sind Hinweise zur Zeitplanung. Hier hätte ich vermutet, dass gerade Vielbeschäftigte darüber gern mehr wissen würden.

Was mich anspricht

Die Betonung der grundsätzlichen Anlage einer Arbeit und die ausführliche Widmung des Forschungsprozesses möchte ich gern als positiv herausheben. Das ist keine Selbstverständlichkeit, dass diese Aspekte so detailliert behandelt werden. Gerade auch die fast gleichberechtigte Darstellung von quantitativen und qualitativen Methoden findet man nicht oft. Allerdings fehlen die Gütekriterien qualitativer Forschung, während die Gütekriterien quantitativer Forschung als allgemeingültig dargestellt werden.

Gut finde ich außerdem, dass den Literaturverwaltungsprogrammen Platz eingeräumt wurde. Auch das geschieht (noch?) selten in der einschlägigen Ratgeberliteratur. Mir fehlt allerdings eine Einordnung der vorgestellten Programme: Warum gerade diese fünf? Wie soll ich konkret auswählen? Dazu steht ein bisschen was in dem Buch, aber richtig handlungsleitend finde ich das für Studierende nicht.

Mit einem Glossar kann bei mir immer punkten. Hier ist eines vorhanden, das sicherlich beim schnellen Nachschlagen sehr hilfreich ist.

Was mir nicht gefällt

Die Liste der Aspekte, die mir nicht zusagen, ist leider sehr umfassend. Ein Hauptkritikpunkt besteht darin, dass es etliche für Studierende irreführende Punkte gibt. Die Diskussion, ob ein Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten als Beispieltext für die zu schreibenden Texte gelten können muss, ist alt. Aber selbst wenn man gegen diesen Anspruch argumentiert, so finde ich, vergibt man sich als Autor:in nichts, an bestimmten Stellen diejenige Variante zu wählen, die eben nicht irreführend ist. Auf das Buch von Heidler, Krczal und Krczal bezogen ist das – Beispiel Nr. 1 – die Literaturauswahl, auf der der Ratgeber basiert(viel Gutes und Einschlägiges, aber leider auch Veraltetes und nicht zitierwürdige Quellen). Es ist auf der formalen Seite – Beispiel Nr. 2 – die Zitation von Internetquellen, die an vielen Stellen einfach durch Angabe der URL in der Fußnote geschieht, an anderen nicht. Das ist nicht nur ungewöhnlich, sondern auch inkonsistent.

Viele weitere Kleinigkeiten könnte ich anmerken, erspare es uns aber. Nur eines noch: Die Ansprache der Leser:innen finde ich problematisch. Der Klappentext nutzt das Du, im Buch wird die Sie-Form verwendet, an manchen Stellen wird gar über „die Studierenden“ geschrieben. Das wirkt seltsam distanziert, ich werde auch aus diesem Grund mit dem Buch nicht warm. Das abrupte Ende tut sein Übriges dazu (Kapitel 12.2, „Es gibt kein ‚Richtig‘ und kein ‚Falsch‘“). Da geht es eben noch um die Entscheidung für oder gegen ein Literaturverwaltungsprogramm, als dann ein vielleicht darauf bezogener oder vielleicht auch allgemeingültiger gedachter Satz daran anschließt: „Denken Sie daran, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und jede Forscherin und jeder Forscher strebt danach, die beste Fassung seiner Arbeit zu verwirklichen“. Das hinterlässt bei mir Fragezeichen.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Puh… Ich könnte auf Anhieb keine Untergruppe von Studierenden herausdeuten, für die das Buch besonders geeignet wäre. Ist es für den Einstieg gedacht oder für Fortgeschrittene? Für bestimmte Studiengänge?

Für Vielbeschäftigte, wie der Titel suggeriert, ist das Buch genauso geeignet oder ungeeignet wie viele andere Ratgeber auch. Sicher sind viele Beispiele enthalten, aber das allein hilft ja nur bedingt beim Zeitsparen. Was fehlt, um dem Titel gerecht zu werden, sind wirkliche Effizienz-Tipps: Wie finde ich bei der Literaturrecherche schnell qualitativ hochwertige Treffer? Welche Zeitersparnis bieten mir Literaturverwaltungsprogramme? Wie komme ich beim Schreiben zügig voran? Wie kann ich mich beim Überarbeiten fokussieren, so dass das nicht ausufert? (Schreiben und Überarbeiten wurden sowieso komplett ausgeklammert.)

Was bringt das Buch für den Einsatz in der Lehre?

Für Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Arbeiten ist das Buch nicht konzipiert. Manchmal hilft ja an der Stelle das Bonus-Material zum Buch. Hier wurde es angekündigt, allerdings kann ich es auf der Website nicht finden.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Speck-up for beginners

Kürzlich habe ich Sie gefragt:

„Wie ist es um Ihren Speck bestellt? Haben Sie sich genug angefuttert, um spontan sein zu können? Haben Sie Übungen, Beispiele, Anschauungsmaterial für all die schönen Bereiche, die das wissenschaftliche Arbeiten umfasst?“

Die Bereiche, für die Sie Speck brauchen

Da stellt sich natürlich die Frage, welche Bereiche das wissenschaftliche Arbeiten denn tatsächlich umfasst. Erste Hinweise gibt selbstverständlich der Modulkatalog. Aber, ganz ehrlich, so wahnsinnig aufschlussreich sind die Dinger auch nicht immer 😉

In einem Blogartikel habe ich vor Jahren einmal das Verständnis von „wissenschaftlichem Arbeiten“ und „wissenschaftlichem Schreiben“ gegenübergestellt und bin für Ersteres zu den folgenden Bereichen gekommen:

  • Wissenschafts- und Erkenntnistheorie
  • Themeneingrenzung und Fragestellung, Formulieren von Forschungsfrage(n)
  • Forschungsdesign und Methodenwahl
  • Literaturrecherche und -auswahl
  • Phasen des Schreibens (Gliederung, Rohtext, Überarbeitung)
  • Formale Anforderungen
  • Wissenschaftlicher Schreibstil
  • (Schreibtypen und Schreibstrategien)
  • (Schreibübungen)
  • Zeitplanung
  • und manchmal Inhalte aus angrenzenden Gebieten: Lernen lernen, Prüfungsvorbereitung, Präsentieren usw.

Schauen Sie also einmal genau hin, was Sie selbst von dieser Liste für Ihren Kurs für unerlässlich halten – Modulkatalog hin oder her – und futtern sich dann diesbezüglich Speck an.

Aber: gemach, gemach! Es muss ja nicht alles auf einmal sein. Wenn Sie sich gerade zu Beginn noch nicht wirklich einen nennenswerten Speckmantel aufgebaut haben, spricht auch überhaupt nichts dagegen, einige Lehreinheiten für eine Übergangszeit noch etwas stärker zu strukturieren und den Anteil des Spontanen, Flexiblen im Lauf der Zeit immer mehr zu steigern und auf die verbleibenden Bereiche auszudehnen.

Die Übungen und Aktivitäten

Erste Ideen für viele der Bereiche finden Sie auf der Materialien-Seite: www.wissenschaftliches-arbeiten-lehren.de/materialien.

Ganz allgemein gilt:

Sehen Sie zu, dass Sie die Übungen kleinschrittig aufbauen, so dass der Kurs am besten von einem Erfolgserlebnis zum nächsten kommt und das Gefühl bekommt, dass das ja eigentlich doch alles ganz einfach ist mit wissenschaftlichen Arbeiten. Ist es ja irgendwie auch – wenn man nicht von vorneherein abgeschreckt wird.

Zwischendurch passt übrigens auch immer ein Quiz gut, und gerade in den ersten Semestern dürfen es dabei auch ganz einfache Fragen sein.

Beim Thema Zitieren könnten Sie

  • beispielsweise die Titelei einer Quelle zeigen und nach der Quellenart fragen.
  • Oder aber den Auszug aus einem Text und beispielhaftes indirektes Zitat zeigen. Die Frage wäre dann, ob das ein gelungenes Zitat wäre oder nicht (wenn nein, sollten Sie gemeinsam eine Lösung erarbeiten).

Beim Thema Literaturrecherche und -auswahl können Sie

  • parallel mit verschiedenen Methoden nach Quellen zu einem vorgegebenen Thema recherchieren und die Ergebnisse vergleichen
  • Beispielquellen ansehen und nach Hinweisen suchen, wieso diese zitierwürdig sind.

Und, und, und!

Die Beispiele

Tun Sie sich selbst einen Gefallen und wählen Positivbeispiele von Gliederungen, Textauszügen, Literaturverzeichnissen etc. oder zumindest solche Beispiele, die Sie gemeinsam mit Ihrem Kurs weiterentwickeln können, so dass die „richtige“ (= für richtig befundene oder plausible) Lösung im Gedächtnis bleibt.

Negativbeispiele bringen Sie nicht weiter. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass sich unerwünschterweise die Fehler und Unzulänglichkeiten einprägen. Irgendwer bekommt es immer nicht mit, dass es sich bei dem Beispiel eben nicht um ein Musterbeispiel handelt und dass es eine separate Datei bzw. ein separates Arbeitsblatt mit den Korrekturen gibt 😉

Hilfreiche Ressourcen

Zusätzliches und inspirierendes Material sowie Unterstützung finden Sie bei den Bibliotheken und Schreibzentren!

Ist Wissenschaft Glaubenssache?

Ein Gastbeitrag von Dr. Anna-Barbara Heindl

Diese Frage ist zurzeit für uns alle wichtiger denn je: In der Corona-Pandemie haben wir in unserem direkten Umfeld Bekannte, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde, vielleicht auch Familienmitglieder, die wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht trauen und als eine Meinung unter vielen abtun.

Ich meine, es stimmt: Wissenschaftliche Argumente können mal mehr und mal weniger gut konstruiert sein und daher auch von wissenschaftlichen Gegenargumenten widerlegt werden. Aber, und da kommen wir schon zum Kern unseres aktuellen gesellschaftlichen Problems: Können wissenschaftliche Argumente auch von nichtwissenschaftlichen Argumenten widerlegt werden?

Nein, da wir sonst Äpfel mit Birnen vergleichen. Das heißt, in den meisten Fällen reden wir und unsere Familie und Freund:innen, die lieber „alternativen“ als wissenschaftlichen Fakten Glauben schenken, aneinander vorbei. Wie sehr wir uns auch in hitzigen Diskussionen anstrengen mögen, wir können nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Da wir von vorneherein unterschiedlichen Glaubens sind.

Moment mal, Wissenschaft soll Glaubenssache sein?

Im Ursprung, ja.Wie genau und warum das auch nicht weiter schlimm ist, erzähle ich euch gerne im Folgenden.

Was unterscheidet das wissenschaftliche vom nichtwissenschaftlichen Argument?

Zu wissenschaftlicher Erkenntnis gelangt man mittels wissenschaftlicher Forschungsmethoden. Wissenschaftliche Forschungsmethoden zeichnen sich durch ein systematisches Vorgehen aus. Systematisch heißt, dass wir nach festgelegten Regeln Phänomene in unserer Umwelt beobachten. Diese Beobachtungen analysieren wir. Anschließend dokumentieren wir den Vorgang unseres Erkenntnisgewinns – damit jede:r die Möglichkeit hat, nachzuvollziehen, wie die Erkenntnis zustande gekommen ist. Systematisch bedeutet also: Ein wissenschaftliches Ergebnis ist nur dann ein nachweisbarer Sachverhalt – ein Fakt – , wenn er auf Beobachtungen in der Umwelt zurückzuführen ist. 

Oft haben Menschen, die „alternative“ Fakten verbreiten, jedoch gar kein Interesse daran, ihren Weg zur Erkenntnis nachvollziehbar zu machen – aus dem einfachen Grund, dass sie keinen Zusammenhang zwischen ihrer Beobachtung und ihrer Erkenntnis nachweisen können.

Nehmen wir als Beispiel die Behauptung, dass die Corona-Impfung Frauen unfruchtbar mache. Zum Aufbau der Plazenta ist ein Protein nötig, das dem Spike-Protein des Corona-Virus‘ ähnelt. Es wurde Vermutung geäußert, dass Antiköper, die durch eine Impfung zur Vernichtung des Corona-Spike-Proteins gebildet werden, nun ebenso das Plazenta-Protein angreifen und vernichten würden. Es ist jedoch bei einer Behauptung geblieben. Weil – wie der Deutsche Welle-Faktencheck[1] berichtet – das Plazenta-Protein zwar dem Spike-Protein ähnelt, aber in unerheblichem Maße: Die Ähnlichkeit ist so gering, dass die Antikörper das Spike- nicht mit dem Plazenta-Protein verwechseln können.  

An dieser Stelle wurde also eine Behauptung aufgestellt und verbreitet, die nicht wissenschaftlich-methodisch an der Realität gemessen wurde: Zur Behauptung der Spike-Plazenta-Protein-Verwechslung gibt es weder ein Phänomen (der Anteil der Unfruchtbarkeit bei Frauen ist infolge der Corona-Impfung nicht gestiegen), noch einen Rückbezug auf eine Beobachtung (die Plazenta-Proteine ähneln den Spike-Proteinen nicht sehr).

Viele Menschen sind mit der Flut an neuen Erkenntnissen überfordert, die wir in den letzten eineinhalb Jahren über das Corona-Virus gewonnen haben. Das liegt auch daran, dass sich in der Berichterstattung oft nicht ausreichend Zeit genommen wird, um den wissenschaftlichen Weg zur Erkenntnis nachzuzeichnen – klar, der ist ja auch oft fachlich sehr speziell und kompliziert.

Es ist wohl kaum zuvor ein wissenschaftlicher Erkenntnisprozess (außer zum Klimawandel vielleicht) so eng von den Medien begleitet worden wie die Erforschung des Corona-Virus‘. Wir können alle ganz gut beobachten, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer mehr Wissen über das Virus produzieren. Was dabei auffällt: Manchmal finden die einen etwas heraus, was sie selbst oder andere später für nicht richtig erklären müssen.

Woran liegt das, und vor allem: Warum ist das nicht schlimm?

Die Welt da draußen ist komplex. OK, das ist uns nicht neu. Aber für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess ist das eine entscheidende Tatsache:

Es gibt (leider) keine wissenschaftliche Super-Methode, die ein Phänomen wie das Corona-Virus und die Interaktion mit seiner Umwelt schnell, präzise und auf einen Blick umfassend erforschen kann. Stattdessen können sich Wissenschaftler:innen stets nur kleinen Ausschnitten des Phänomens (zum Beispiel dem Spike-Protein des Corona-Virus) oder seiner Wirkung (zum Beispiel dem bevorzugten Sitz der Viren im Atmungsapparat) auf einmal widmen. Wissenschaft ist also Teamwork: Viele Wissenschaftler:innen auf der Welt arbeiten an je einem Puzzlestück – und setzen nach und nach gemeinsam ein großes Bild zusammen.

Klingt doch erst mal gut: Puzzlestücke ergänzen sich doch prima zu einem großen Ganzen!

Wie kann es dann sein, dass sich Forschungsergebnisse widersprechen?

Um ein ganzes Bild zu ergeben, müssen nun erst einmal die passenden Gegenstücke für die einzelnen Puzzlestücke gefunden werden. Und hier ist die Crux an der Sache: Wie genau die Puzzlestücke aus verschiedenen Forschungsprojekten zusammenpassen, das untersuchen die Wissenschaftler:innen in ihren einzelnen Forschungsprojekten im Regelfall gar nicht.

Deshalb müssen die Wissenschaftler:innen also zunächst Vermutungen anstellen. Ihre Vermutungen sind jedoch nicht aus der Luft gegriffen: Sie müssen sich auch hier auf bereits bekannte Fakten beziehen und nachvollziehbar machen, wie sich ihr Puzzlestück wahrscheinlich an ein anderes anfügt. Wissenschaftliche Vermutungen müssen erst recht für alle nachvollziehbar gemacht werden, um glaubwürdig zu sein. Bei den Vermutungen handelt es sich jedoch im Gegensatz zu den Puzzlestücken selbst nicht um eine gesicherte Erkenntnis. Die Wissenschaft ist in manchen Bereichen zunächst mit Unsicherheit behaftet: Sie kann sich irren, was die Zusammensetzung der Puzzlestücke angeht.

Ein kluger Schachzug der Wissenschaft ist nun, in neuen Forschungsprojekten exakt jene vermutete Verbindung zwischen den Puzzlestücken systematisch zu untersuchen: Um zu schauen, ob sie wirklich perfekt ineinandergreifen – oder, ob die Puzzlestücke an dieser Stelle doch nicht zusammenpassen.

Das Prüfen vorläufiger Vermutungen ist in der Wissenschaft also ein ganz normaler Vorgang – und überhaupt nicht schlimm, da alle Wissenschaftler:innen wissen, dass man mit vorläufigen Ergebnissen nur eingeschränkt und vorsichtig arbeiten kann.

Warum aber ignorieren nicht wenige Menschen gerade in der Corona-Pandemie die Nachvollziehbarkeit des wissenschaftlichen Arguments?

Das liegt daran, dass auch Wissenschaft ein Stück weit Glaubenssache ist.

Was bei der nichtwissenschaftlichen Argumentation in Bezug auf die Corona-Pandemie und auffällt: Den „querdenkenden“ und „aufgewachten“ Menschen in unserer Mitte ist nicht wichtig, ob sich ihr (fake) „fact“ auf tatsächliche Beobachtungen zurückführen lässt. Im Gegenteil: Sie trauen ihren eigenen Augen und Ohren und denen ihrer Mitmenschen nicht mehr. Was sie sehen, hören, riechen, ertasten und schmecken, scheint für sie nur eine Show, inszeniert von Strippenzieher:innen, die im Verborgenen ihre eigenen Ziele verfolgen. Für sie ist klar: Die herkömmliche Sinneswahrnehmung kann ich nicht mehr als verlässliche Grundlage für meine Behauptungen heranziehen.

Was genau sie jedoch beobachten und mit welcher Methode sie Schlüsse ziehen, um zu ihren „alternativen“ Fakten zu kommen, das legen sie nicht offen – weil sie den systematischen, wissenschaftlichen Weg zur Erzeugung von Fakten von vorneherein ablehnen. Sie verlangen also von uns, ihren Argumenten zu trauen, ohne uns erklären zu können, wie sie zu ihrem Wissen gelangt sind. Klingt eher so, als hätten sie etwas zu verbergen, oder?

Wie wir im Bild des Puzzles sehen, kann die Wissenschaft zu keinem Zeitpunkt alles wissen – und somit nichts in letzter Instanz beweisen. Denn die Welt ist schier unendlich: Wir werden auch in Zukunft unablässig neue Erkenntnisse produzieren mit der Folge, dass vorläufige Vermutungen über den Haufen geworfen werden müssen; vollständig zusammensetzen wird man das große Bild also in absehbarer Zeit nicht.

Das bedeutet, dass auch das wissenschaftliche Weltbild von uns einen Vertrauensvorschuss verlangt. Es verlangt von uns, Unwissenheit aushalten zu können. Es verlangt von uns den Glauben daran, dass wir unseren eigenen Sinnen und Beobachtungen vertrauen können. Genauso verlangen die „Querdenkenden“ den Glauben an das Verborgene, das nicht Sichtbare und das Misstrauen gegenüber der eigenen Wahrnehmung. Insofern ist es doch Glaubenssache, ob man dem wissenschaftlichen oder dem querdenkerischen Weltbild veraut.

Ich finde jedoch, dass es wesentlich leichter ist, dem wissenschaftlichen Weltbild diesen Vertrauensvorschuss zu gewähren: Weil das wissenschaftliche Weltbild uns an der Entstehung seiner Erkenntnisse teilhaben lässt.

Aber die Fronten bleiben, wie sie bleiben: Man muss die Grundprinzipien wissenschaftlicher Erkenntnis zunächst akzeptieren, um diesen sinnhaft widersprechen zu können. Wenn die „querdenkerischen Fakten“ nicht auf diesen Grundprinzipien bauen, dann können wir auf keine sinnhafte Weise unsere Argumente austauschen: Wir werden weiterhin Äpfel und Birnen vergleichen. Es ist also nicht verwunderlich, dass derzeit ein scheinbar unüberwindbarer Graben durch die Gesellschaft führt.

Eine Frage bleibt für uns deshalb höchst relevant: Auf welchem Glauben wollen wir unsere Gesellschaft gründen? Vielleicht ist es an der Zeit, diese Frage in unserer Gesellschaft noch einmal eingehender zu besprechen. Und dafür braucht es meines Erachtens wissenschaftliche Bildung: Nur wer versteht, wie Wissenschaft funktioniert, kann sich für sie entscheiden.

[1] https://www.dw.com/de/faktencheck-impfmythen-corona-impfung-unfruchtbarkeit-dna/a-57223260; 22.09.2021.

Dr. Anna-Barbara Heindl

Dr. Anna-Barbara Heindl beschäftigt sich mit der Kommunikation wissenschaftlicher Themen. Einen besonderen Fokus legt sie auf die Vermittlung von Forschungsmethoden. Ihr Ziel ist es, Wissenschaft greifbarer und verständlicher zu machen. Dazu hostet sie u.a. den Podcast „Methoden:Koffer“: www.methodenkoffer.info

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/dr-anna-barbara-heindl-a6408967/

Twitter: @MethodenK

Ran an den Speck!

Na, auch ein paar Corona-Kilos zu viel auf den Hüften?

Und jetzt komme auch noch ich und sage: Futtern Sie sich Speck an, viel Speck! Genau genommen sage nicht ich das, sondern Christof Arn in seinem Buch „Agile Hochschuldidaktik“ (2016, S. 73). Auch er hat das von jemand anders, aber das führt jetzt zu weit. Sicher wollen Sie an der Stelle sowieso viel lieber wissen, was damit beim Lehren des wissenschaftlichen Arbeitens eigentlich gemeint sein soll.

Speck anfuttern – das bedeutet, für die Lehre so ausgestattet zu sein, dass man für alle Eventualitäten gerüstet ist. Für jede (noch so abwegige) Frage, die da kommen mag. Für jede spontane Idee, die so brillant ist, dass man ihr sofort nachgehen möchte.

Stresst Sie dieser Gedanke?

Mich nicht.

Denn eines sollte ich dazusagen: Wichtig ist dabei, dass nicht alles tatsächlich genutzt werden muss, was an Material vorhanden ist.

Es ist nicht so gedacht, dass Sie als Lehrperson im Vorfeld den perfekten Plan für eine Lehrveranstaltung ausarbeiten, alles genau durchtakten, die Inhalte vollständig „didaktisieren“ UND zusätzlich noch bestens auf alles vorbereitet sind, was aus dem Moment heraus geschehen mag. Das würde mich auch stressen. Denn dahinter steckt auch die Annahme, dass sich die Lehrperson um Himmels Willen niemals die Blöße geben darf, etwas nicht zu wissen. Das halte ich für belastend und auch nicht für gerechtfertigt. Ergo: kann weg!

Gemeint ist mit der Speck-Verwertung, dass man im Sinne der agilen Didaktik vorrangig aus dem Moment heraus lehrt. Genau dazu brauchen Sie dann all das Material. Dann können Sie, indem Sie als Lehrperson ganz präsent sind, in Interaktion mit den Studierenden treten und echte Begegnungen erleben. (Wenn Sie dazu ein wenig mehr lesen möchten: Rezension). Das Material haben Sie dann als Back-up (Speck-up, scnr), um ganz konkret werden zu können und direkt aufgreifen zu können, was gerade an nützlichen Äußerungen im Raum ist.

Stresst Sie das?

Mich nicht.

Oder besser: mich nicht mehr.

In den Anfangszeiten meiner Lehrkarriere sah das sicher anders aus.

Aktuell hat an einigen Hochschulen das Semester bereits begonnen, an anderen ist es in wenigen Wochen so weit. Daher lesen derzeit auch etliche Menschen den Blog, die gerade neu einsteigen (ich vermute das auch aufgrund der Zahl an Newsletter-Anmeldungen).

  • Wenn Sie kurz davorstehen, zum ersten Mal wissenschaftliches Arbeiten zu lehren, haben Sie vermutlich noch nicht genügend „Speck“. Das ist normal, alles andere würde mich wundern. In diesem Fall empfehle ich Ihnen diesen Beitrag zur Vorbereitung der ersten Einheit in einem neuen Kurs. Den haben Sie vielleicht schon längst entdeckt. Ich habe ihn schon vor einigen Jahren geschrieben, aber er altert gut. Ich gehe auch heute ab und an gern selbst noch so vor, wenn ich in einer Erstsemester-Veranstaltung lehre.
  • Wenn Sie schon länger lehren und in Ihre x-te Runde „Wissenschaftliches Arbeiten“ gehen, frage ich Sie: Wie ist es um Ihren Speck bestellt? Haben Sie sich genug angefuttert, um spontan sein zu können? Haben Sie Übungen, Beispiele, Anschauungsmaterial für all die schönen Bereiche, die das wissenschaftliche Arbeiten umfasst?

The sage on the side

Ein verbundener Gedanke kam mir kürzlich. In den zurückliegenden Jahrzehnten gab es bekanntermaßen in der Lehre einen Paradigmenwechsel vom „sage on the stage“ zum „guide on the side“ (King 1993), auch bekannt als „Shift from Teaching to Learning“ (Barr & Tagg 1995). Also, zumindest ist das in der einschlägigen hochschuldidaktischen Literatur so. In Bezug auf die Praxis habe ich da so meine Zweifel, obwohl ja nun schon ein paar Jährchen vergangen sind, seit diese Gedanken erstmals veröffentlicht wurden… Long story short: Lehrende werden immer weniger als der Mittelpunkt des Lehrgeschehens gesehen und gelten eben nicht mehr als die „Weisen auf der Bühne“ (also nicht mehr als Wissensvermittler am Katheder), sondern vielmehr als Personen, die den Lernenden zur Seite stehen und deren Lernen und Kompetenzaufbau begleiten. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Lehrperson „gar nichts mehr wissen muss“ und „nur noch begleitet“.

Im Sinne des „Specks“ denke ich mir: Wie wäre es mit einer Kombination der beiden Klischees, die sich (vermeintlich) ausschließen. Das wäre dann statt dem „sage on the stage“ und dem „guide on the side“ der „sage on the side“! Die Bedeutung dieses Begriffs würde ich gern folgendermaßen auffüllen: Es handelt sich um eine weise Person, die den Lernenden zur Seite steht und sie begleitet – und zwar in der Art, dass sie ihre Weisheit UND ihren Speck einsetzt, um mit den Lernenden das Terrain zu erkunden.

Literatur

Barr, R. R. & Tagg, J. (1995). From Teaching to Learning. A New Paradigm for Undergraduate Education. Change: The Magazin of Higher Learning, 27 (6), 12-26. Verfügbar unter https://www.esf.edu/openacademy/tlc/documents/FromTeachingToLearningANewParadigmforUndergraduateEducation.pdf

King, A. (1993). From Sage on the Stage to Guide on the Side. College Teaching, 41 (1), 30-35. Verfügbar unter http://www.jstor.org/stable/27558571

Coole Konferenzen

Kommt der Sommer, kommen die Konferenzen. Das ist im akademischen Jahreslauf ebenso unvermeidlich wie schön.

In diesem Artikel möchte ich Sie nachträglich zu zwei Konferenzen mitnehmen, die ich im Juni besucht habe. Auf diese Art erhalten Sie einen Einblick in einen kleinen Ausschnitt meiner Arbeit.

  • Die Teilnahme an der Konferenz „Lesen und Schreiben: Texte rezipieren, integrieren, produzieren“ (eigentlich in Brugg-Windisch in der Schweiz) war von langer Hand geplant. Ursprünglich sollte das bereits im Jahr 2020 stattfinden. Meine Einreichung war schon vor über einem Jahr angenommen worden, und das Kurzreferat wartete darauf, endlich gehalten zu werden.
  • Die Teilnahme an der Konferenz „European Conference on Academic Integrity and Plagiarism“ (ECAIP 2021, eigentlich in Brno, Tschechien) kam vergleichsweise spontan hinzu, weil eine Arbeitsgruppe, der ich seit ihrer Gründung im November 2020 angehöre, sich entschied, ein Proposal für einen Workshop einzureichen, das auch direkt angenommen wurde.

Zeitlich haben sich diese beide Konferenzen um einen Tag überschnitten. Nur durch das Online-Format konnte ich überhaupt an beiden teilnehmen und – noch besser – die Aufzeichnung interessanter Beiträge, die ich verpasst hatte, nachträglich ansehen.

Aber der Reihe nach:

ECAIP 2021: „European Conference on Academic Integrity and Plagiarism“

Die Tagung des European Network for Academic Integrity (ENAI) war Neuland für mich, diese internationale Community kann ich bisher nur aus Erzählungen. Mittwochs ging es los, und mittags stand auch gleich unser Workshop „Who is Responsible for Integrity in the Age of Artificial Intelligence?“ auf dem Programm. Wir hatten 45 Minuten Zeit und wollten der Frage nachgehen, wer im Zusammenhang mit KI-gestützten Schreiben wissenschaftlicher Texte überhaupt die Verantwortung übernehmen kann. Diese Frage kam auf, als wir uns für einen Sammelbandbeitrag intensiv mit den traditionellen Werten auseinandersetzten. (Der Beitrag „Forschungsintegrität und Künstliche Intelligenz mit Fokus auf den wissenschaftlichen Schreibprozess. Traditionelle Werte auf dem Prüfstand für eine neue Ära“ wird in ein paar Wochen zugänglich sein). Im Workshop stellten wir ein vorläufiges Modell mit ausdifferenzierten Rollen zur Diskussion.

Ansonsten wurde der Einsatz künstlicher Intelligenz im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Schreiben kaum thematisiert. Im Mittelpunkt der ECAIP steht vielmehr die Prävention von „klassischem“ akademischem Fehlverhalten und das Erforschen der Umstände, die zu einem solchen Verhalten führen bzw. es eben eindämmen könnten. In diesem Jahr richtete sich der Blick zudem, wie sollte es anders sein, auf die Auswirkungen der Pandemie auf den Studien- und Prüfungsalltag.

Wenn ich von „klassischem akademischen Fehlverhalten“ schreibe, will ich auf keinen Fall implizieren, dass der Einsatz von künstlicher Intelligenz das moderne Gegenstück dazu ist. Sicher ist es möglich, sich weite Teile der Arbeit von KI-gestützten Tools abnehmen zu lassen. Inwieweit das allerdings ein Fehlverhalten darstellt, ist im Detail zu diskutieren.

An dieser Stelle hole ich einen LinkedIn-Beitrag https://www.linkedin.com/pulse/feedback-auf-texte-zu-textfeedback-eine-frage-lehrende-klein/ hervor, den ich im November 2020 veröffentlicht habe. Leider hat damals niemand die vier dort veröffentlichten Textauszüge kommentiert. Meine Frage lautete, ob denn wohl einer der Auszüge nicht eigenständig von dem oder der Studierenden verfasst wurde. Jetzt würde ich gern konkreter fragen und von Ihnen wissen, ob Ihrer Meinung nach KI-Tools genutzt wurden. Schreiben Sie es gern hier oder bei LinkedIn in die Kommentare.

„Lesen und Schreiben“

Nahtlos ging es nach zwei Tagen ECAIP am Freitag für mich weiter zum 8. internationalen Kongress des Forums wissenschaftliches Schreiben (FwS), das in Kooperation mit der Schreibberatung der Pädagogischen Hochschule FHNW und dem Institut für Geistes- und Sozialwissenschaften der Hochschule für Technik FHNW stattfand. Dies war gleichzeitig auch die 2. trinationale Tagung der Gesellschaften für wissenschaftliches Schreiben in Deutschland, Österreich und der Schweiz, also der gefsus (Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung), der GeWiss (Gesellschaft für wissenschaftliches Schreiben) und des FwS. Somit schloss sich diese Tagung an die 1. trinationale Tagung in Klagenfurt vor zwei Jahren an. Während es damals um die Etablierung der Schreibwissenschaften ging, rückte dieses Mal ein bislang regelrecht ausgespartes Thema in den Vordergrund: das Lesen.

Im Gegensatz zur ECAIP war ich hier allein und in einer mir bekannten Community unterwegs. Mein Impulsreferat „Gehört das so ausführlich? Wie Lesen beim Schreiben hilft: Fachartikel als Vorbild für das eigene Methodenkapitel“ fand in zwei Durchgängen à 5 Minuten mit jeweils 10 Minuten anschließender Diskussion statt. Ich berichtete aus meinen Erfahrungen in der Praxis: Wie lese ich mit Studierenden Fachartikel, was diskutieren wir im Anschluss daran, und wie führt das (hoffentlich) zu besseren Methodenkapiteln in ihren Arbeiten?

Dass 5 Minuten Vortragszeit wirklich wenig sind, war mir natürlich von vorneherein klar, so dass ich den Beitrag das eine oder andere Mal mit der Stoppuhr geprobt hatte (besser gesagt: mit dem Tabata-Timer, den ich sonst für den Sport nutze :D). Und auch 10 Minuten sind wirklich kurz für eine Diskussion. Dennoch konnte ich wertvolle Anregungen mitnehmen. Bestätigung und Zustimmung habe ich auch bekommen, was ja auch wertvoll ist.

Extraspannend wurde es dann noch einmal am Freitag kurz vor Ende, als Prof. Dr. Sarah Brommer von der Universität Bremen ihren Vortrag „Wissenschaftliches Lesen und Schreiben lernen mit Schreibratgebern“ hielt. Als Autorin eines solchen Ratgebers interessierte mich natürlich sehr, was sie zu sagen hat. Als ich dann gleich zu Beginn das Cover meines Buches auf ihren Folien sah, schlug mein Herz doch etwas schneller…

Die Hauptthese war, dass echtes Lernen ohne Transfer – also z. B. durch Übungen und Feedback – nicht stattfindet, und dass die Ratgeber allenfalls als Einblick in die Materie und ggf. als Nachschlagewerk dienen können. Innerhalb dieses Rahmens habe ich mich mit meinem Buch wohl aber ganz gut angestellt 😉

Offene Fragen und ein kleines Fazit

Von beiden Konferenzen nehme ich mit, dass derzeit die Frage diskutiert wird, wann das Erlernen des wissenschaftlichen Schreibens eigentlich beginnen sollte. Insbesondere bei der ECAIP liefen viele Diskussionen in diese Richtung: Ist es vielleicht in den ersten Semestern des Studiums zu spät? Muss man damit nicht in der Sekundarstufe ansetzen? Manche gingen sogar so weit zu sagen, dass schon die Grundschule ein guter Ort ist, um die Mitwirkenden und helfenden Hände der eigenen Arbeitsergebnisse zu nennen und sich nicht mit fremden Federn zu schmücken. Gewissermaßen eine frühe Form von Zitieren und Danksagung.

Auch das „Wie“ des Erlernens stand im Fokus, nämlich bei der „Lesen und Schreiben“-Tagung und da natürlich mit dem Blick auf den Umgang mit einer Vielzahl von Texten: Wie geht man mit multiplen Dokumenten um, wie liest man sie geschickt und bereitet sie so auf, dass daraus ein eigener Text entstehen kann?

Insgesamt schien es mir übrigens, als gäbe es wenige Überlappungen zwischen den beiden Communities. Nun ist die ENAI natürlich englischsprachig und „noch internationaler“ als die deutschsprachige, trinationale Tagung. Aber auch zwischen ENAI und der internationalen EATAW sehe ich keine (starke) Verbindung. Integrität wird bei der EATAW von anderen Menschen behandelt als jenen, die ich im Juni gehört habe. Auch das Thema Künstliche Intelligenz im Schreibprozess wird im Juli bei der EATAW-Konferenz zwar vertreten sein, aber auch hier wieder nur am Rande.

Ach so: Warum eigentlich „Coole Konferenzen“ als Überschrift? Es war anstrengend, so viel steht fest. Dennoch freue ich mich eigentlich jedes Mal auf und über den Input durch eine Konferenzteilnahme. Ich erhalte Einblick in die Arbeit anderer, in deren Denkweise und Ergebnisse (die ich gar nicht versuchen wollte, hier darzustellen, weil es nicht annähernd hätte gelingen können). Ich erhalte bei Konferenzen Antworten auf meine Fragen und kann umgekehrt für andere Menschen Verbindungen herstellen, die sie selbst noch nicht gesehen haben. Ich komme auf neue Fragen. Das alles finde ich cool, so dass ich auch gern die Anstrengung in Kauf nehme.

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Kotthaus: So viel mehr Antworten als Fragen

Kotthaus, Jochem (Hrsg.) (2020): FAQ Methoden der empirischen Sozialforschung für die Soziale Arbeit und andere Sozialberufe. Opladen/Toronto: Verlag Barbara Budrich.

17,90 Euro

Inhaltsübersicht:

Teil A: Grundlagen

Teil B: Datengenerierung

Teil C: Methoden qualitativer Sozialforschung

Teil D: Die Auswertung empirischer Daten

Teil E: Besondere Aspekte der empirischen Forschung

Eine Leseprobe finden Sie hier: https://budrich.de/news/geblaettert-faq-soziale-arbeit/

Kotthaus: So viel mehr Antworten als Fragen

In diesem Buch werden Fragen beantwortet. Das ist nun nicht weiter außergewöhnlich für ein Buch, das den Bestandteil „FAQ“ im Titel trägt. Hier gelingt jedoch das Kunststück, dass man auch Antworten auf jene Fragen gebannt liest, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hätte stellen sollen.

Der Herausgeber, Prof. Dr. Jochem Kotthaus (Professor für Erziehungswissenschaft am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund) legt eine FAQ-Sammlung vor, mit der die insgesamt 16 Autor:innen weit über das thematisch Erwartbare hinausgehen.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert. Als erwartbar empfinde ich die Teile B bis D, in denen die Datengenerierung, die Methoden qualitativer Sozialforschung und die Auswertung empirischer Daten thematisiert werden. Das ist nötig, das ist sinnvoll, und das muss ein solches Buch auch leisten, um seinem Titel gerecht zu werden. Was geschieht nun aber in den beiden verbleibenden Teilen des Buches?

Teil A, in dem die wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Grundlagen behandelt werden, gehört für mich zwingend zur Methodenlehre. Immer wieder höre ich allerdings von Lehrenden, dass sie das anders sehen und die Wissenschaftstheorie ausklammern („zu trocken“). Aber wie will ich mit den Studierenden über die Aussagekraft von Ergebnissen sprechen, wenn ihnen diese Hintergründe nicht bekannt sind? Im vorliegende Buch geht es diesbezüglich ans Eingemachte: Die Fragen „Was ist ein Subjekt?“ und „Was sind Theorien?“ kommen noch harmlos daher, aber spätestens bei sperrigeren Fragen wie „Was ist Wirklichkeit?“ oder aber „Was ist Erkenntnistheorie – und warum sollte ich sie nicht ignorieren?“ wird klar: Hier kann man von der Pike auf lernen, was es mit (qualitativer) Forschung auf sich hat und in welchem Verhältnis sie zur Sozialen Arbeit steht.

Der letzte Teil des Buches ist für mich der beste, weil er seinesgleichen sucht. Die anderen Inhalte könnte man alle so oder in ähnlicher Form bereits an anderer Stelle gelesen haben. In Teil E jedoch, („Besondere Aspekten der empirischen Sozialforschung“) erfahren die Studierenden beispielsweise, wie sie die Forschung in ihr Studium integrieren oder welche rechtlichen Details im Forschungsprozess kritisch werden könnten. Auch für mich war das sehr spannend. Da ich ja nicht in diesem Bereich forsche, habe ich nie damit auseinandergesetzt, was denn wäre, wenn ich während meiner Forschung eine Straftat beobachte oder gar selbst im Namen der Forschung eine begehen soll!

Anspruch, Wirklichkeit und noch ein Anspruch

Das Buch soll „Einführung und Anregung“ sein (S. 12). Ich denke, dass es das in jeder Hinsicht schafft. Wie gerade beschrieben, sind die Inhalte vielfältig, hilfreich und relevant. Hinzukommt, dass das Buch mit einem Blick für Studierende geschrieben wurde, ohne dabei anbiedernd zu sein. Bei den Texten hatte ich immer den Eindruck, dass den Autor:innen viel daran liegt, auch tatsächlich verstanden zu werden und den Studierenden Impulse für ihr weiteres Forschen zu geben.

Überhaupt kam mir das Buch sehr zugänglich vor. Das liegt zum einen am Aufbau, zum anderen an der Sprache. Immer wieder wurde ich von witzigen Formulierungen und der direkten Ansprache überrascht. So erhält man in dem von mir hoch geschätzten Teil E – wo sonst? – den Tipp, zumindest zu Beginn nicht in besonders schwierigen oder vulnerablen Gruppen zu forschen. Wenige Seiten später dann liest man: „Sagen Sie bitte nicht, dass Sie doch im Zuhältermilieu oder bei Rockergangs geforscht haben!“

Abschließend möchte ich einen Wunsch äußern, vielleicht erhört ihn ja jemand 😉 Ich wünsche mir, dass auch andere Menschen im Wissenschaftssystem einen solch differenzierten Blick auf ihre Disziplin bzw. deren Methodologie werfen und die Welt mit Hilfe eines ähnlichen Buches daran teilhaben lassen. Das ist anspruchsvoll und wäre gleichzeitig so wertvoll!

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Mit dem Titel ist es bereits gesagt: „für die Soziale Arbeit und andere Sozialberufe“. Das Buch richtet sich genau an Studierende der genannten Fächer, wobei der Begriff „Sozialberuf“ natürlich Interpretationsspielraum zulässt. Es werden sich die Richtigen angesprochen fühlen (und das wahrscheinlich sehr!).

Erstsemester werden mit diesen FAQ sicher mehr anfangen können als Fortgeschrittene, und so ist das Buch auch gedacht. Allerdings denke ich, dass auch Studierende späterer Semester viel Wissenswertes finden werden. Im „schlechtesten“ Fall fühlen sie sich nach der Lektüre „nur“ in ihrem Wissen bestätigt und somit sicherer auf dem Gebiet der empirischen Sozialforschung.

Was bringt das Buch für den Einsatz in der Lehre?

Für den Einsatz in der Lehre wurde das Buch an sich nicht konzipiert. Es ist noch nicht einmal ein Lehrbuch im klassischen Sinn. Der Herausgeber weist sogar ausdrücklich darauf hin, dass sein FAQ-Buch kein Lehrbuch ersetzen kann, und liefert mit dem Kapitel namens „Welche Bücher muss ich lesen?“ eine annotierte Bibliographie, die zehn ausgewählte Werke umfasst.

Wenn ich in entsprechenden Veranstaltungen – also in Methodenfächern innerhalb eines Studiengangs Soziale Arbeit oder Sozialpädagogik – lehre, verweise ich die Studierenden immer wieder einmal auf passende Abschnitte des Buches. Es eignet sich hervorragend zum Schließen von individuellen Wissens- und Verständnislücken.

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Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Zwischen zwei Welten

Kennen Sie diese eine Kraftübung, bei der man sich in einer Art Schwebesitz an der Wand hält? So ganz ohne Stuhl, mit Unter- und Oberschenkeln im rechten Winkel zueinander, den Rücken an der Wand an die Wand gepresst, „sitzt“ man da, ohne dass es eine Sitzfläche gäbe. Man verflucht jenen, der einem das eingebrockt hat, oder sich selbst, auf jeden Fall aber die Uhr, die gnadenlos die Sekündchen zählt, die sich wie Stunden anfühlen, bis die gewünschte Zeit erreicht ist.

Genauso sitze ich manchmal da, zwischen zwei Stühlen, und zähle zwar nicht die Zeit, frage mich aber, wieso ich nicht einfach einen Stuhl benutzen kann.

In der Welt der Hochschulen, in der wir uns beruflich bewegen, prallen mindestens zwei Welten aufeinander. Wenn Sie angestellt sind, merken Sie das wahrscheinlich nicht so sehr wie die freiberuflich Tätigen.

Ich weiß nicht, ob Sie es wussten, aber im Jahr 2018 ist bei mir der Entschluss gereift, aus meiner nebenberuflichen eine hauptberufliche Selbstständigkeit zu machen, was ich dann auch ziemlich schnell in die Tat umgesetzt habe. Seitdem sind bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Artikel schreibe, etwa drei Jahre vergangen. In dieser Zeit haben sich die Beobachtungen verdichtet, die ich zu „Welten“ zusammengefasst habe.

Beginnen wir doch einmal mit der Welt der Dozierenden an Hochschulen. Dabei handelt es sich um eine Welt, die wir alle nur zu gut kennen und die wir sogar mitgestaltet haben und immer weiter mitgestalten.

Die Logik der Dozierenden an Hochschulen

In der Welt der Dozierenden war es lange Zeit so, dass kaum jemand über das Lehren gesprochen hat. Fast schon ein Tabuthema, diese Lehre, die doch einen guten Teil unserer Zeit in Anspruch nimmt. Denn Lehre kann man doch einfach! Das bisschen Vorlesung oder Seminar bekommt man doch auch ohne größere Verrenkungen hin! Im Zweifelsfall sind eben die Studierenden schuld, wenn die Botschaft („der Stoff“) nicht ankommt.

Ganz besonders beim Wissenschaftlichen Arbeiten ist das sichtbar. Ich könnte Seiten über dieses Thema füllen! Gerade eine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten, so wird einem suggeriert, wird man doch wohl aus dem Ärmel schütteln können. Ein paar Techniken der Literaturrecherche, ein bisschen Gliederung, und natürlich Zitieren – nicht, dass die Studierenden dann wie von Guttenberg…, Sie wissen schon, höhö. So kommt es, dass Dozierende ihre Suche nach Unterstützung ins Private verlagern und sich zum Beispiel bei meinem Newsletter keinesfalls mit der dienstlichen Adresse anmelden, sondern mit der privaten (was nicht schlimm ist, aber auffällig).

Wieder allgemein auf die Lehre bezogen, endet(e?) diese Tabuisierung der Lehre darin, dass alle ihr eigenes Süppchen kochen und sich eben keine Hilfe holen und sich nicht austauschen.

Das wandelt sich nach meiner Wahrnehmung gerade. Die Notwendigkeit für eine abrupte Umstellung auf Online-Lehre im Frühjahr 2020 hat einen guten Teil dazu beigetragen, dass Dozierende sich gegenseitig unterstützen und Tipps geben, an Fortbildungen teilnehmen und sich in Didaktikgruppen austauschen. Zudem fördert die OER-Bewegung einen Austausch an Materialien, auch wenn es da immer noch eher schleppend vorangeht.

Die Welt des Geldverdienens

In der Welt des Geldverdienens geht es gemeinhin darum, eine gewisse Leistung gegen Geld einzutauschen. Sie kennen das: Sie gehen für eine bestimmte Anzahl von Stunden zur Arbeit und erhalten eine bestimmte Summe auf Ihr Konto.

Die gleiche Logik wird für Lehrbeauftragte angewandt, denn sie erhalten eine Vergütung, die sich nach der Anzahl der geleisteten Semesterwochenstunden oder Unterrichts-/Arbeitseinheiten richtet. Wie gering diese Vergütung im Normalfall ist, ist ungeheuerlich. Deshalb werden in Anbahnungsgesprächen für solche Lehraufträge eilig Entschuldigungen vorausgeschickt, dass man „ja leider keine Reichtümer von dem Lehrauftrag erwarten kann“, um dann auf die Honorartabelle zu verweisen, in der kürzlich der Satz von 32 auf 35 Euro angehoben wurde, weshalb nun in den nächsten fünf Jahren eher keine weitere Steigerung zu erwarten sei. Aber die anderen zahlen ja auch nicht besser (Finde den Fehler!). Manchmal wird auch der folgende Satz oder die entsprechende Abwandlung davon ins Feld geführt: „Unser Präsident sagt, es sei eine Ehre, an dieser Hochschule zu lehren“. Lassen Sie es mich so sagen: „Dear Mr. President, ein kleiner Realitätscheck wäre gut.“ So viel Ehre und Glanz und Glamour kann ich zumindest nicht daran finden, wenn beispielsweise die Studierenden resigniert haben und die Verwaltung träge ist. Und von den Wänden bröckelt der Putz (ja, ja, ja, glücklicherweise gibt es auch Hochschulen mit schönen Gebäuden und motivierten Menschen darin).

In eine ähnliche Richtung geht ein Artikel aus dem Jahr 2019, in dem ich über die geringe Vergütung für die Betreuung von Abschlussarbeiten geschrieben habe (es lohnt sich übrigens, auch die Kommentare unter dem Artikel zu lesen). Meine persönliche Schlussfolgerung aus dem in dem Artikel Geschilderten lautet: Ich übernehme die Betreuung von studentischen Arbeiten nur noch, wenn ich mir die Zeitspende leisten kann. Für klassische Lehraufträge zeichnet sich das bei mir ebenfalls ab. Ich reduziere mein Engagement in diesem Bereich, weil ich dieses System nicht unterstützen möchte und weil ich mir schlicht und ergreifend nicht leisten will, so viel Zeit zu spenden.

Erfreulicherweise gibt es doch ein paar Ausnahmen – Hochschulen, bei denen gute Honorare gezahlt werden!

Meine Welt

Jetzt kommen wir zum wirklich „lustigen“ Teil des Artikels.

Lassen Sie uns erst einmal die harmlosen Dinge besprechen. Aus der Welt der Dozierenden und Hochschulen kommend, kenne ich das oben beschriebene Problem des Einzelkämpfertums aus eigenem Erleben. Lange habe ich auch allein vor mich hingewurstelt. Seit geraumer Zeit jedoch erscheint es mir sinnvoller, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und gemeinsam Wege und Lösungen suchen. Ich helfe gern, ich teile gern mein Wissen und meine Erfahrungen mit Ihnen. Die Stunden, die ich für diesen Blog aufgewendet habe, zähle ich absichtlich nicht. Auch die Zeit für persönlichen Austausch mag ich nicht zählen. Denn das entspricht meinem Bild einer gesunden Hochschulwelt.

All das funktioniert, wenn ich für meine Leistungen ein anständiges Honorar erhalte. Das Problem beginnt dort, wo ich mit Menschen verhandle, die meinen Tagessatz unanständig hoch finden. Oder mit Menschen, die wissen, dass ihre Vorgesetzten ihn unanständig hoch finden. Wer noch nie nach Tagessatz gearbeitet hat, sieht die Zahl und vergleicht sie mit dem, was am Ende des Monats auf dem eigenen Kontoauszug steht. Da liegt dann der Schluss nahe, dass man freiberuflich nur wenige Tage im Monat arbeiten muss, um mit der gleichen Summe nach Haus zu gehen.

Ok, noch ein Realitäts-Check, dieses Mal bezogen auf die Tagessätze von freiberuflich Tätigen. Diese lassen sich nur mit Löhnen vergleichen,

  • wenn klar ist, dass jeder Tagesworkshop inhaltlicher Vor- und Nachbereitung bedarf (Zeit, in der kein Geld verdient wird)
  • wenn der Aufwand für Akquise und Organisation eingepreist wird (Zeit, in der kein Geld verdient wird)
  • wenn Urlaubs- und Krankheitszeiten einberechnet werden (Zeit, in der kein Geld verdient wird)
  • wenn die Aufwendungen für Krankenversicherung und das Rentenalter bedacht werden (die trage ich selbst)
  • wenn klar ist, dass jeder Konferenzbesuch mich nicht nur eigenes Geld für die Gebühr und ggf. die Reise kostet, sondern mehrere Tage ohne Einnahmen bedeutet.

Die denkbaren Alternativen sind für mich keine: „Workshops aus der Schublade“ (ohne Eingehen auf die konkreten Bedürfnisse der Lernenden, die genau jetzt mit mir lernen wollen), Durcharbeiten ohne Urlaub und auch bei Krankheit oder aber das Abkoppeln von der Community, indem ich nicht an Konferenzen teilnehme. Das wäre für mich schlechte Arbeit und Raubbau an mir selbst.

Ich werde in den kommenden Monaten auch günstigere Kurse und Materialien anbieten. Und im Sinne einer Zeitspende engagiere ich mich natürlich auch weiterhin (neben den bereits genannten Dingen wie „regulär bezahlter“ Lehre und Betreuung studentischer Arbeiten) für den Blog und als Mentorin etc. Ich nehme mir die Zeit, um eigene Forschung zu betreiben (da sind ein paar spannende Dinge im Werden). Gleichzeitig ist am Tagessatz nichts zu rütteln. Im Gegenteil, er wird im Lauf der Zeit steigen. Warum? Damit ich weiterhin meinen Teil dazu beitragen kann, dass in unserer Hochschulwelt das passieren kann, was dort passieren soll: die Entwicklung von Menschen und damit die Entwicklung von Wissen und Wissenschaft.

In welchen Welten bewegen Sie sich? Welche Widersprüche haben Sie für sich noch nicht aufgelöst (vielleicht auch, weil sie sich gar nicht auflösen lassen)?

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Lieberknecht, Agnes; May, Yomb (2019): Wissenschaftlich formulieren: ein Arbeitsbuch. Mit zahlreichen Übungen für Schreibkurse und Selbststudium. Tübingen: narr Studienbücher.

18,99 Euro

Inhaltsübersicht:

1. Die Sprache der Wissenschaft

2. Thema, Forschungsfrage und Zielsetzung formulieren

3. Argumentationsverfahren – Argumentatives Formulieren

4. Wissenschaftssprachliche Strukturen gezielt anwenden

5. Textkohärenz: Den roten Faden verknüpfen

6. Der wissenschaftliche Schreibstil: Den richtigen Ton treffen

7. Verständlich formulieren

Lieberknecht/May: Sprechen Sie Wissenschaftssprache?

„Wissenschaftliche Texte sind selten beliebt und werden meist nicht gern gelesen.“ Mit diesem Satz, in dem sicher viel Wahres steckt, beginnt das Vorwort. Dr. Agnes Lieberknecht und Apl. Prof. Dr. Yomb May von der Universität Bayreuth haben hier ein Buch vorgelegt, durch das sich dieser Umstand ändern könnte. Sie möchten Studierenden nicht nur Kriterien für bessere Formulierungen an die Hand geben, sondern ihnen auch ganz konkret zeigen, wie es geht. Denn die Studierenden kommen, so ihre (und meine) Erfahrung aus Seminaren zum wissenschaftlichen Arbeiten, mit der reinen Nennung von Kriterien oft nicht gut zurecht.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Das Arbeitsbuch umfasst sieben Kapitel und beginnt dabei nicht erwartungsgemäß. Im ersten Kapitel, „Die Sprache der Wissenschaft“, wird zunächst einmal erklärt, was Wissenschaft überhaupt ist. Das halte ich auch dann für sehr wichtig, wenn es „nur“ um das Formulieren von Texten geht (und wie sich im Verlauf der Lektüre zeigen wird, ist das gar nicht der Fall). Hier hat das Buch bei mir also schon einmal gepunktet. Im zweiten Kapitel zu „Thema, Forschungsfrage und Zielsetzung formulieren“ geht es direkt gut weiter. An keiner anderen Stelle habe ich diesen Themenkomplex so ausführlich behandelt gesehen. Definitiv ein Pluspunkt!

Die folgenden fünf Kapitel bieten dann das, was ich unter dem Titel des Buches sowieso vermutet hätte: Hilfestellung beim Argumentieren und bei der sprachlichen Gestaltung aller Ebenen einer wissenschaftlichen Arbeit: vom kompletten Text über die Kapitel und Absätze bis hin zur Satzebene und einzelnen Wörtern.

Hilfreich ist der immer gleiche Aufbau der Kapitel. Nachdem die Regel vorgestellt und ihre Relevanz erklärt wurde, folgen jede Menge Beispiele und Übungen sowie die dazugehörigen Lösungsvorschläge.

Viel mehr als nur Formulierungen

Auf 230 Seiten ist natürlich Platz genug, um in die Tiefe zu gehen und die Wissenschaftssprache in allen Feinheiten nicht nur darzustellen, sondern auch üben zu lassen. Das „Formulieren“ wird hier im weiten Sinn verstanden, was sich an zwei Beispielen zeigen lässt. Erstens, im Kapitel zum Argumentieren geht es nicht nur um den sprachlichen Schliff der Argumente, sondern auch um die Elemente eines Arguments und um den Umgang mit verschiedenen wissenschaftlichen Positionen (ich fühlte mich ein wenig an „They say, I say“ von Graff/Birkenstein erinnert). Zweitens, im Zusammenhang mit Textkohärenz wird auch die Makro-Ebene, also die Gliederung einer Arbeit, betrachtet. Das Buch will also deutlich mehr sein als nur eine Zusammenstellung gut klingender Phrasen, und diesen Anspruch erfüllt es sehr gut!

Die Ausführungen liefern mir in meiner Rolle als Lehrende viele Begründungen für Phänomene, die ich sonst eher aus meinem Sprachgefühl ableite. Hier kann ich nun den Studierenden in Zukunft besser erklären, wieso manche Dinge so formuliert werden und nicht anders.

Zu viel des Guten

Nach ein paar Kapiteln hat sich bei mir eine gewisse Tabellenmüdigkeit eingeschlichen. Auf fast jeder Seite finden sich eine oder mehrere Tabellen, und nur vereinzelt habe ich zwei bis drei zusammenhängende Seiten ohne Tabelle gefunden. Puh! So sehr ich die Übersichtlichkeit schätze, die durch Tabellen entsteht – das war dann ein bisschen viel des Guten.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Um an der Feststellung aus dem Eingangssatz, dass wissenschaftliche Texte meist nicht gern gelesen würden, etwas zu ändern, bräuchte es andere, nämlich bessere Texte. In diesem Sinn empfehle ich das Buch allen Studierenden. Ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass wirklich alle hier mindestens einen Ansatzpunkt finden, um ihren Text zu verbessern! Ob das Buch für das Selbststudium geeignet ist, vermag ich hingegen nicht zu beurteilen. Erfahrungsberichte wären hierzu interessant. Denn meine persönliche Einschätzung wäre, dass es schon eine überdurchschnittlich hohe Motivation braucht, um das Buch allein durchzuarbeiten oder aber auch nur, um zu erkennen, wo man denn ansetzen sollte mit seiner individuellen Sprachverbesserung.

Was bringt das Buch für den Einsatz in der Lehre?

Für Kurse zum wissenschaftlichen Schreiben bzw. zum wissenschaftlichen Arbeiten oder für die curriculare Lehre halte ich das Buch sehr geeignet. Es bietet eine Fülle an Übungen, aus denen man schöpfen kann, und – ja – jede Menge Tabellen, die sich bestimmt gut in einer Präsentation oder einem Handout machen, um die wichtigsten Aspekte eines Gebiets auf einen Blick darzubieten.

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Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Lehrphilosophie revisited

Kürzlich durfte ich an einem Think Tank der Stiftung Innovation Hochschullehre teilnehmen, der unter dem Motto „Hochschullehre innovativ gestalten“ stand. Im Zuge der Vorbereitung waren alle dazu aufgerufen, eine eigene Lehrinnovation zu beschreiben, so dass diese Sammlung am Tag des Think Tanks sichtbar werden kann. Schnell fiel meine Wahl auf meine Lehrphilosophie, denn a) halte ich diese weiterhin für innovativ – dazu gleich mehr – und b) hat ihr Einsatz tatsächlich einen deutlich spürbaren Effekt auf die Lehre.

Ein kurzer Rückblick

Vor ein paar Jahren habe ich begonnen, mich intensiver mit meiner Haltung zur Lehre zu befassen und meinen Gedanken in einer Lehrphilosophie eine Form zu geben. Im Oktober 2017 habe ich das Ergebnis dann erstmals in der Lehre verwendet und auch hier auf dem Blog mitsamt einem Begleitartikel veröffentlicht.

Seitdem hat sich aus meiner Perspektive im Umfeld nichts Wesentliches getan. Weiterhin kenne ich kaum jemanden, der eine Lehrphilosophie verwendet. Auch spricht kaum jemand über ein solches Dokument oder auch nur über das Vorhaben, ein solches zu erstellen und zu nutzen.

Angeregt durch die Reaktionen während des Think Tanks schreibe ich diesen Beitrag, der eine ausführlichere Antwort auf die Fragen und Anmerkungen sein soll, als dies auf dem dort eingesetzten Miro-Board möglich war.

Wie kommt die Lehrphilosophie an?

Diese Frage ist aus mehreren Gründen nicht leicht zu beantworten.

In Präsenzseminaren teile ich die Lehrphilosophie aus und lasse sie lesen. Stille legt sich dann über den Raum, und nach dem Lesen glaube ich in vielen Gesichtern Verwunderung zu sehen. Es ist in diesem Moment auch nicht leicht, das Eis zu brechen. Meist fasst sich doch eine Person ein Herz und bekundet, dass sie gut findet, was sie da gelesen hat. Andere nicken. Oft folgt eine Anmerkung wie „So was haben wir noch nie von jemandem bekommen.“ Ab und an werde ich gefragt: „Meinen Sie das ernst?“, an guten Tagen sage ich „Ja, verdammt!“.

Inhaltliche Fragen tauchen kaum auf. Manchmal möchte jemand wissen, was es mit dem „believing game und doubting game“ auf sich hat oder was ich mit „Schreibaufgaben“ meine. Ausgiebiger wurde gern der Passus zur Nutzung von Laptops und Smartphones diskutiert, was mittlerweile etwas aus der Zeit gefallen scheint.

Was mich zum nächsten Punkt bringt: Im digitalen Raum spüre ich weniger Resonanz auf die Lehrphilosophie. Zum einen ist sie nur eine weitere Datei unter vielen, ich kann sie nicht physisch austeilen. Zum anderen sehe ich meist die Gesichter während des Lesens und unmittelbar nach dem Lesen nicht. Hier geht etwas verloren, weil ich nicht mehr in der Gruppe stehe und gleichzeitig für etwas stehe. Die sonst aufkommende Atmosphäre lässt sich im Digitalen schwer hervorrufen. Auch wenn ich wirklich gern online lehre, fehlt mir dieser Moment zu Beginn eines Seminars.

Was ändert die Lehrphilosophie für mich?

Kurz gesagt: Alles.

Ich kann natürlich nur mein eigenes Vorher und Nachher in der Lehre vergleichen. Meine Lehre ohne Lehrphilosophie war sicher von der gleichen Haltung getragen und von den gleichen Gedanken geprägt. Inhaltlich hat sich also nichts geändert, dafür aber strukturell. Die Haltung und die Gedanken sind nun formuliert und schriftlich festgehalten und somit erst einmal unverrückbar. Ich mache den Studierenden die Lehrphilosophie zugänglich und lege mich damit auf genau diese Haltung und Gedanken fest.

Der Offenheits-Vorschuss

Diese Festlegung nehmen die Studierenden natürlich wahr. Sie haben da nun eine Dozierende vor sich, die einen Standpunkt einnimmt und diesen offen kommuniziert.

Ich gebe durch dieses Vorgehen einen Offenheits-Vorschuss – und erhalte Offenheit zurück. Mein Eindruck ist: Wir kommunizieren auf eine andere Art und Weise, eben offener. Das macht sich bemerkbar in einer Öffnung der Studierenden über die eigenen Unsicherheiten und Zweifel in Bezug auf das Lernen. Als Lehrende bekomme ich mehr mit, kann es aufgreifen und damit arbeiten, so dass am Ende ein besseres und angenehmeres gemeinsames Lernen entsteht.

Festnageln?

Eine solche Transparenz macht Versprechungen. Ich teile meine Haltung und meinen Anspruch an mich selbst den Studierenden mit, woraus die Studierenden zurecht Ansprüche ableiten: „Was sie da verspricht, soll sie einhalten!“

Ich empfinde das nicht als Einengung oder als Festnageln. In der Lehrphilosophie ist gewissermaßen der Kern meiner Ansichten niedergeschrieben. Dieser Kern ist nicht tagesformabhängig, er gilt bis auf Weiteres immer. An den Rändern bin ich beweglich.

Das bedeutet: Mein Menschenbild, meine Werte und mein Verständnis von Wissen unterliegen keinen Schwankungen, die durch den Alltag oder eine bestimmte Lehr-Lern-Situation hervorgerufen werden. Die Aussagen zu den Lehrmethoden, zum Setting und den Lehrzielen sind so grundlegend und gleichzeitig offen, dass sie mich leiten, aber nicht einengen.

Langzeitwirkungen

Ein Großteil der Wirkung entzieht sich wahrscheinlich meiner Kenntnis, weil wir uns im Lauf der Seminare nicht übermäßig über die Lehrphilosophie austauschen. Das eine oder andere Mal habe ich am Ende gefragt, was die Studierenden im Rückblick von der Lehrphilosophie halten. Die Antworten fielen bisher immer positiv aus, was natürlich der Situation geschuldet sein mag – nicht viele haben Lust, am Ende eines Seminars eine Diskussion vom Zaun zu brechen. Vielleicht gehe ich dazu über, mir zu diesem Punkt anonymes Feedback einzuholen.

Einen Teil ihrer Wirkung entfaltet die Lehrphilosophie wohl auch erst geraume Zeit später. Ehemalige Studierende melden sich nach Jahren mit einem aktuellen Anliegen bei mir, getragen von dem gleichen Vertrauen, das sie damals schon hatten. Sie schildern mir, wie sie sich damals gesehen fühlten, und sprechen mit der gleichen Offenheit wie zu Studienzeiten mit mir. All das mag anderen Lehrenden auch ohne Lehrphilosophie geschehen, ich weiß es nicht. Meine Vermutung ist allerdings, dass sich die Wahrscheinlichkeit dafür mit einer Lehrphilosophie erhöht, eben weil diese nach meiner Erfahrung zu einem besseren Miteinander führt.

Wieso die Lehrphilosophie kein Lernkontrakt sein soll

In meinem Verständnis ist ein Lernvertrag oder Lehrkontrakt sehr viel konkreter auf eine einzelne Veranstaltung bezogen und nimmt deren Ziele in den Fokus. Gedanklich nachgelagert werden bestimmte Verhaltensweisen vereinbart („pünktlich sein“, „Handy aus“).

Das Wesen der Lehrphilosophie ist ein anderes: Ich lege meinen Standpunkt dar, von dem aus ich die Welt sehe und von dem aus ich mit anderen Menschen, in dem Fall mit den Studierende, umgehe. Dieser Standpunkt ändert sich nicht so schnell. Das bedeutet gleichzeitig, dass er natürlich nicht auf immer und ewig gleichbleiben muss. Aber eine zweite Version der Lehrphilosophie würde eine intensive Auseinandersetzung mit den potenziell zu ändernden Inhalten erfordern. Dies wiederum setzt eine Unzufriedenheit oder zumindest einen Anlass voraus. Das ist derzeit für mich nicht der Fall, ich bin weiterhin glücklich und zufrieden mit dem, was ich damals geschrieben habe.

Mit einer Einschränkung: Der bereits angesprochene Passus zur Laptop- und Smartphone-Nutzung ist zumindest diskussionswürdig bzw. wäre es in dem Moment, in dem wir wieder Präsenzseminare halten. Das ist noch einmal ein eigener Artikel, dessen Entwurf seit Monaten in der Schublade liegt.

Think again

Der Think Tank hat seinen Zweck erfüllt. Ich konnte sowohl etwas beitragen als auch etwas mitnehmen. Der Think Tank hat, so vermute ich, bei allen Beteiligten weiterführende Denkprozesse angeregt und ihnen eine Richtung gegeben.

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Was Studierende vom Projektmanagement für das wissenschaftliche Arbeiten lernen können

Quelle: https://de.depositphotos.com, Urheberrecht: DmitryPoch

Ein Gastbeitrag von Dieter Zibert

Im Laufe eines Studiums kommt man um das wissenschaftliche Arbeiten nicht herum. Umso früher man lernt, worauf es ankommt, desto einfacher wird es, die späteren Aufgaben, Haus- und Seminararbeiten erfolgreich zu erledigen. Für frisch gebackene Studierende ist das wissenschaftliche Arbeiten meist eine neue Herausforderung, die am Anfang schnell Verunsicherungen stiftet.

Doch die meisten Bedenken über das wissenschaftliche Arbeiten sind absolut unbegründet. Das wissenschaftliche Arbeiten ist zwar anstrengend und zeitintensiv – doch unmöglich ist es ganz und gar nicht. Es kommt allen voran auf die richtige Strategie an.

In diesem Beitrag erfahren Sie,

  • Was Projektmanagement mit wissenschaftlichem Arbeiten zu tun hat
  • welche unterschiedlichen Methoden des Projektmanagements existieren
  • welche dieser Methoden am vielversprechendsten für das Anfertigen und Betreuen einer wissenschaftlichen Arbeit sein könnte
  • was das für die Lehre bedeutet

Was hat Projektmanagement mit wissenschaftlichen Arbeiten zu tun?

Eine wissenschaftliche Arbeit kann neben den eigentlichen Zweck eine wichtige Kompetenz vermitteln – Projektmanagement. Eine wissenschaftliche Arbeit als großes Projekt zu verstehen, ist Methode und Haltung zugleich. Die Studierenden bekommen ein Werkzeug an die Hand, um umfangreiche Arbeiten auf effizientem Weg lösen zu können und entwickeln das systematische und planerische Denken. Damit kann es gelingen, die Komplexität der wissenschaftlichen Frage durch Systematisierung zu vereinfachen.

Welche Projektmanagementwerkzeuge gibt es, um eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben?

Selbstverständlich haben alle in ihrer Schulzeit einige Texte geschrieben, doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Eine Arbeit im Studium ist wesentlich komplexer. Um die wissenschaftliche Arbeit so gut wie möglich zu meistern, gibt es Projektmanagementwerkzeuge, die nachfolgend genauer erklärt werden.

Klassische Projektmanagementwerkzeuge

Wer seine wissenschaftliche Arbeit als Projekt versteht, wird durch eine strukturierte Vorgehensweise und den Fokus auf das Wesentliche mit einem besseren Erfolg belohnt werden. Am Anfang stellt die wissenschaftliche Arbeit die Studierende vor eine große Herausforderung. Umso wichtiger ist es, das Projekt in mehrere Abschnitte zu unterteilen. Hier können die Maßnahmen im Projektmanagement helfen. Hier wird das Projekt folgendermaßen unterteilt.

Ein klassisches Projekt zeichnet sich durch einen Projektstart bzw. durch eine Initiierung aus. Dieser muss anschließend geplant werden. Erst danach kann es zur Umsetzung kommen. Während der Umsetzung wird das Projekt fortlaufend kontrolliert. Schlussendlich kommt es dann zum Projektabschluss.

Der Projektstart

Am Anfang einer wissenschaftlichen Arbeit steht der Projektstart. Der Projektstart wird durch einen Projektauftrag (im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeiten auch Exposé genannt) erstellt und muss von der Betreuungsperson freigegeben werden. Hierfür eignet sich ein Dokument, welches alle wichtigen Punkte beinhaltet. Auf diese Weise wird das Projekt übersichtlich dargestellt und wenn man einmal den Faden verlieren sollte, hat man eine gute Übersicht, an welcher man sich orientieren kann.

Die Projektplanung

In dieser Phase wird die Recherche durchgeführt. Zudem kommt es in diesem Abschnitt zur Gliederung der Arbeit in einen realistischen Ablaufplan für die wissenschaftliche Arbeit.

Die Projektdurchführung

Wenn die beiden oberen Schritte erledigt sind, erfolgt die eigentliche Arbeit – das Schreiben der wissenschaftlichen Arbeit.

Die Projektüberwachung und die Steuerung

Die Fortschritte in einem Projekt müssen regelmäßig überwacht und in die richtige Richtung gesteuert werden. Das Gleiche gilt auch für eine wissenschaftliche Arbeit.

Während die Arbeit geschrieben wird, sollte es regelmäßige Abstimmungen mit der Betreuungsperson geben, wo die Fortschritte der Arbeit besprochen werden.

Nachdem die Arbeit fertig geschrieben wurde, muss die Arbeit korrigiert werden. Dabei ist es ratsam, dass mehrere Personen die Arbeit noch einmal lesen. So lassen sich Fehler in der Rechtschreibung und Grammatik leichter finden.

Der Abschluss des Projektes

Zum Schluss muss die Arbeit fertiggestellt werden. Wie das genau erfolgen muss, hängt immer von der Uni ab. In den meisten Fällen wird die Arbeit ausgedruckt und gebunden verlangt. Zu guter Letzt wird die Arbeit abgegeben und die große Herausforderung der wissenschaftlichen Arbeit ist geschafft.

Eignung für wissenschaftliche Arbeiten

Wie man merkt, sind rein klassische Projektmanagementwerkzeuge ziemlich linear und sind weniger empfehlenswert für das Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten. Die agilen und hybriden Projektmanagementwerkzeuge sind deutlich besser dafür geeignet.

Agile Projektmanagementwerkzeuge – Die SCRUM Methodologie

Die SCRUM Methodologie ist das am weitesten verbreitete Werkzeug im agilen Projektmanagement. Das Hauptziel ist dabei, in sehr regelmäßigen Zeitabständen auch Sprints genannt, die Produktanforderungen Stück für Stück abzuarbeiten und diese Teilanforderungen von Stakeholdern am Ende eines Sprints abnehmen zu lassen.

Im Rahmen der SCRUM Methodologie werden unter anderem SCRUM Events (z.B. Sprintplanung, Sprint Review, Daily Scrum bzw. Daily Stand-Up und Retrospektive), und SCRUM Artifacts bzw. Hilfswerkzeuge (z.B. Produktbacklog, Springbacklog) eingesetzt, um einem Projekt einen Rahmen zu geben. Diese Scrum Events und Artifacts werden im Folgenden erklärt.

Der Produktbacklog

Der Produktbacklog beschreibt, wie die fertige Arbeit aussehen soll. Sämtliche Anforderungen an die Arbeit werden angeführt und priorisiert, um die Arbeit mit gutem Erfolg abschließen zu können. Für den Produktbacklog sind Studierende verantwortlich und sollten sich diesbezüglich mit den Lehrenden abstimmen

Der Sprint – das Zeitmaß der Zyklen

Der Sprint ist ein bestimmter Zeitraum (in der Regel 1-4 Wochen), in welchem Studierende an den Aufgaben der wissenschaftlichen Arbeit arbeiten. Die Sprints sollten immer kurz gehalten werden.

Auf diese Weise kann man sichergehen, dass man nicht allzu lange in die falsche Richtung arbeitet. Ein Sprint dauert so lange, wie dieser im Vorhinein vereinbart wurde und kann auch nicht nach hinten verschoben werden.

Der Sprintbacklog

Bei einer wissenschaftlichen Arbeit kann das Sprintbacklog als ein Kapitel der Arbeit angesehen werden. Hierfür muss ausgearbeitet werden, was genau in dem Kapitel stehen soll. Danach können die Aufgaben verfasst werden. Nachfolgend werden die Aufgaben entsprechend verteilt und abgearbeitet. Diese Aufgaben sind komplett von Studierenden zu erledigen. Ggf. können sich Studierende mit einer Betreuungsperson kurz abstimmen, falls Bedarf besteht.

Die Sprintplanung

In der Planung des Sprints wird erläutert, welches Kapitel der wissenschaftlichen Arbeit bearbeitet wird.

Daily Stand-Up

Bei einer wissenschaftlichen Arbeit ist es besonders empfehlenswert, jeden Tag eine Kurzplanung der nächsten Schritte durchzuführen. So wird am Anfang des Tages festgelegt, was in Bezug zu dem jeweiligen Kapitel an diesem Tag erledigt werden muss. Dies liegt komplett in der Verantwortung der Studierenden. Dabei werden drei Fragen beantwortet:

  • Was habe ich gestern gemacht?
  • Was werde ich heute machen?
  • Welche Hindernisse gibt es und sollen geklärt werden?

Sprint Review

Nach jedem Sprint werden die Aufgaben zur Korrektur übergeben (z.B. ein fertiges Kapitel). Hierbei wird die Arbeit gegengelesen und entsprechend der ausgemachten Merkmale korrigiert. Im Idealfall wird z.B. ein fertiges Kapitel zur Korrektur an eine Betreuungsperson übergeben. Das können aber auch externe Feedbackgeber sein.

Sprint Retrospektive

Nach dem Sprint Review erfolgt ein Rückblick über den letzten Sprint. Hier konzentriert man sich darauf, was bei den nächsten Sprints besser gemacht werden kann. Diese Maßnahmen werden z.B. gleich beim Schreiben des nächsten Kapitels der wissenschaftlichen Arbeit berücksichtigt.

Eignung für wissenschaftliche Arbeiten

Agile Projektmanagementwerkzeuge sind besonders für komplexe wissenschaftliche Arbeiten gut geeignet.

Hybride Projektmanagementwerkzeuge

Die hybride Methode beinhaltet die Integration der klassischen, aber auch der agilen Methoden. Diese Methode ist abhängig von der Komplexität und der Größe des Projektes.

In der hybriden Methode wird das Beste aus beiden Welten kombiniert. Die Kombination klassischer und agiler Methoden sorgt für ein höheres Maß an Flexibilität und steigert die Effizienz deutlich. Es werden lediglich Teilprojekte agil organisiert, doch die grundsätzliche Struktur des Projektes bleibt klassisch.

Die Initiierung

Im ersten Schritt der wissenschaftlichen Arbeit muss das passende Thema gefunden werden. Da die Initiierung immer eine kritische Phase ist, müssen die Ziele des Projektes durchdacht, messbar, realistisch, umsetzbar und klar verständlich sein.

Die Planung der wissenschaftlichen Arbeit

Nachdem das passende Thema gefunden worden ist, muss die Arbeit genau geplant werden. Hierfür muss eine Gliederung der einzelnen Kapitel erfolgen und darin muss beschrieben werden, was in den einzelnen Kapiteln stehen soll. Danach kann die eigentliche Recherche der wissenschaftlichen Arbeit stattfinden.

Die Durchführung, Überwachung und Steuerung nach der SCRUM-Methode

Die Durchführung, Überwachung und Steuerung bei der hybriden Methode erfolgt wie bei der SCRUM Methodologie mit Hilfe von Sprints.

Der Abschluss

Die wissenschaftliche Arbeit wurde nun geschrieben und korrigiert. Dementsprechend kann die wissenschaftliche Arbeit nun zur Abgabe vorbereitet werden und schlussendlich abgegeben werden.

Eignung für wissenschaftliche Arbeiten

Hybride Projektmanagementwerkzeuge sind in der Regel für das Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten am besten geeignet, da aus beiden Welten (klassisch und agil) das Beste verwendet wird.

Stakeholdermanagement ist das Wichtigste beim wissenschaftlichen Arbeiten

Stakeholdermanagement bedeutet, dass die Kommunikation so gesteuert wird, dass alle wichtigen Anforderungen einer wissenschaftlichen Arbeit erfüllt werden und die anfallenden Probleme gemeinsam mit allen Stakeholdern (z.B. Betreuern einer Arbeit) gelöst werden können. Der Kernpunkt dabei ist ein regelmäßiger, wenn auch kurzer Austausch mit den involvierten Personen wie z.B. einer Betreuungsperson, um die wichtigen Punkte der Stakeholder zu erfassen, Probleme so früh wie möglich zu erkennen und diese dann zu beheben.

Wer sind die wichtigsten Stakeholder?

Die wichtigsten Stakeholder werden im Rahmen des Projektstartes bzw. der Initiierung identifiziert und entsprechend priorisiert. Eine Stakeholderanalyse ist hierbei die Grundlage für die Entwicklung der wissenschaftlichen Arbeit. Die Identifikation und die Kommunikation sind wichtige Bestandteile des Stakeholdermanagements und sind somit ausschlaggebend für einen geordneten Ablauf sowie späteren Erfolg.

Die Wichtigkeit von Feedbackrunden

Besonders am Anfang ist regelmäßiges Feedback bei der Findung eines Themas wichtig. Doch auch bei der Recherche und bei der Gliederung der Arbeit sind regelmäßige Feedbackrunden ausschlaggebend für den Erfolg. Auch während des Schreibens einer wissenschaftlichen Arbeit sollten möglichst kurze, aber regelmäßige Feedbackrunden stattfinden. Am einfachsten lässt es sich mit der SCRUM Methodologie gestalten.

Was bedeutet das für die Lehre?

Für die Lehre kann Folgendes festgehalten werden:

  • Lehrende sollten sich die Grundlagen des Projektmanagements (vor allem agiles Projektmanagement am Beispiel von SCRUM) aneignen, um die Studierenden besser begleiten können. Der SCRUM Leitfaden ist auch in Deutsch verfügbar.
  • Lehrende sollten es möglich machen, mit Studierenden regelmäßiger einen Austausch zu haben (z.B. im Rahmen eines Sprints), um es zu ermöglichen, dass Studierende frühzeitig korrigiert und in die richtige Richtung gelenkt werden
  • Lehrende sollten die Studierenden dabei unterstützen, regelmäßiges Reflektieren im Rahmen einer Arbeit (z.B. am Ende eines Sprints) zu machen und Verbesserungen kontinuierlich umzusetzen.
  • Lehrende sollten bei der Formulierung der Anforderungen für den Produktbacklog einer wissenschaftlichen Arbeit die Studierenden dabei unterstützen, auf welche Punkte besonders zu achten ist, damit die Studierenden lernen, das Wesentliche zu erkennen und richtig zu priorisieren.

Dieter Zibert ist Trainer und Consultant für Projektmanagement mit über 10 Jahren Erfahrung im Projektmanagement. Er hat klassische, agile und hybride Projekte in den Branchen Bahnindustrie, Fabrikautomation, Automobilindustrie und Healthcare geleitet und verfügt über PMP, PMI-ACP, Professional Scrum Master und Professional Scrum Product Owner Zertifizierungen. Mehr unter https://greenprojectsconsulting.com/

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