Wissenschaftliches Arbeiten lehren

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Blogartikel

Erfahrungen, Einblicke und ein bisschen Ernüchterung nach einigen Jahren Lehre "Wissenschaftliches Arbeiten"

Materialien

Probieren geht über studieren: Ideen für Übungen, die die Studierenden selbst lösen müssen.

Literatur

Bücher, Links und Apps zum Wissenschaftlichen Arbeiten gibt es viele - für Studierende. Aber welche eigenen sich für die Lehre?

Miljkovic/Merten: Wunderwuzzis am Werk

Miljkovic, Natascha und René Merten (Hrsg.) (2017): Erfolg in Studium und Karriere – Fit durch Selbstcoaching. Verlag Barbara Budrich (UTB): Opladen und Toronto

19,99 Euro

Die vier Hauptkapitel können auch einzeln als E-Book erworben werden.

  

Inhaltsübersicht

I. KOMPETENZEN

Soft Skills vs. Hard Skills / Soft Skills und Schlüsselqualifikationen – Welche brauchen Sie, welche haben Sie? / Schreiben für die eigene Weiterentwicklung

II. STUDIUM

Lernen lernen / Study Life Balance – Ihr Studium und Sie / Tipps für gutes wissenschaftliches Arbeiten / Tipps für wissenschaftliches Schreiben / Wissenschaftliche Unredlichkeiten und Plagiate vermeiden / Studium done or undone – Studienübergänge sind auch Gänge!

III. KONTAKTE

Netzwerke aufbauen und nutzen / Kennen und gekannt werden / Unterstützung brauchen, finden … und bieten! / Beruf und Freizeit – zusammen, was zusammengehört / Schreiben im Netz

IV. KARRIERE

Ihre Karriereentwicklung – Nehmen Sie sie in die Hand! / Der Arbeitsmarkt – Seine Schwächen sind Ihre Stärken / Self Branding und Selbstmarketing / Schreiben für die Karriere / Job Style – Ihr Beruf und Sie

Miljkovic/Merten – Wunderwuzzis am Werk

Was bitte ist ein Wunderwuzzi? Der Duden und Wikipedia haben es mir verraten: Dieser österreichische Begriff meint einen Alleskönner, einen Tausendsassa, ein Multitalent. Wieder was gelernt. Ich finde den Begriff herrlich.

Der Begriff „Wunderwuzzi“ wird im Buch verwendet als Gegenstück zum „Bummelstudi“ verwendet (S. 83), aber er beschreibt auch ganz gut, was das Buch selbst ausmacht. Es verbindet die Themen Studium und Karrieren und eignet sich somit für alle, die kurz vor ihrem Hochschulabschluss stehen oder ihn gerade hinter sich gebracht haben. Diese Zielgruppe benötigt in ihrer Umbruchphase sowohl Anregung als auch Beruhigung – beides findet sie in dem vorgelegten Ratgeber.

Werkelnde Wunderwuzzis

Natascha Miljkovic und René Merten ist es gelungen, gemeinsam mit den beiden Co-Autorinnen Regina Fenzl und Kathrin Miglar ein Buch vorzulegen, das sich angenehm leicht und zuweilen sogar spannend liest . Es hält in jedem Kapitel so vieles bereit, ohne überfrachtet zu sein. Die Sprache steckt voller Bilder und Metaphern, die das Gehirn anregen.

Der in meinen Augen wichtigste Aspekt wird dabei direkt am Anfang beschrieben: „ins Tun kommen“ (S. 11). Denn vieles dürfte den Lesern bekannt sein, aber ob sie es (jemals) umsetzen (würden), ist tatsächlich die andere Frage…. Daher ist der Ansatz mit vielen, vielen Übungen sehr gut gelungen. Wer eine Passage gelesen hat, findet immer eine Anregung, selbst etwas zu tun und anzuwenden oder zu reflektieren.

Was mir außerdem an dem Buch gut gefällt, ist die Berücksichtigung des Themas „Freizeit“ bzw. der „Study-Life-Balance“. Es handelt sich in dem Sinn um einen ganzheitlichen Ratgeber, dass Karriere nicht mit seelenlosem Arbeiten rund um die Uhr gleichgesetzt wird, sondern es wird auch das Bedürfnis nach Sinn und Ausgleich bedient. Den Angehörigen der Generation Y und aber auch denen der darauffolgenden Generation Z dürfte das entgegenkommen.

Das Werkeln an Studium und Karriere sollte den Leserinnen und Lesern nun also deutlich leichter fallen.

Wirre Wunderwuzzis

Ok, zugegebenermaßen trägt dieser Abschnitt nur wegen der Alliteration das Adjektiv „wirr“. Denn wirklich wirr ist das Buch natürlich nicht. Dennoch hätte ich mir als Leserin an manchen Stellen mehr Übersichtlichkeit gewünscht. Es wäre hilfreich, wenn die Übungen und Tipps nummeriert oder auch mit aussagekräftigen Namen versehen wären, damit man sie bei Bedarf schnell wiederfinden kann. Auch ein Sachverzeichnis zum schnellen Nachschlagen finde ich immer sinnvoll, dieses gibt es hier nicht. Bei einer hoffentlich nötigen zweiten Auflage ließen sich diese Punkte schnell integrieren.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Studierenden im letzten Studienjahr und frisch gebackenen Absolventen, die ins Berufsleben einsteigen möchten. Das Studienfach spielt dabei keine Rolle, das Buch ist so breit angelegt, dass alle einen Nutzen daraus ziehen können.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Für den Einsatz in der Lehre ist das Buch nicht konzipiert. Empfehlen Sie es Ihren Studierenden, wenn diese Ihnen sagen, dass sie sich gerade orientieren und dabei Unterstützung gut brauchen könnten.

 


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Weiterführende Links:

Interview zu Plagiatprävention mit Dr. Natascha Miljkovic

Gastartikel von Dr. Natascha Miljkovic

Meine Lehrphilosophie

Lehrphilosophie Dr. Andrea Klein

Oktober 2017

 

Welche Gedanken liegen meiner Lehrtätigkeit zugrunde? Wie sieht darauf aufbauend meine Lehre aus? Welchen Mehrwert haben Sie davon? Als Studierende haben Sie ein berechtigtes Interesse daran, dies zu erfahren.

Menschenbild

Als Studierende tragen Sie die volle Verantwortung für sich selbst, Ihren Lernprozess und Ihren individuellen Fortschritt. Sie haben sich – als Erwachsene und selbstbestimmte Individuen – dafür entschieden, etwas zu lernen und sich weiterzuentwickeln zu wollen. In meiner Rolle als Dozentin helfe Ihnen ich nach Kräften dabei.

Werte

Das Zulassen von Individualität halte ich für maßgeblich für einen gelungenen Lernprozess. Jeder Mensch bringt seine persönlichen Vorlieben mit und darf seinen eigenen Weg gehen. Nur wenn dieser nachweislich nicht funktioniert, suchen wir nach Alternativen. Ich biete Ihnen an, Sie bei Ihrer Entwicklung zu begleiten.

Ehrlichkeit und Verlässlichkeit sind zwei bedeutsame Werte für mich. Ich wünsche mir daher eine offene, vertrauensvolle Kommunikation und Zuverlässigkeit bei Absprachen.

Verständnis von Wissen

Wissen wird gemeinsam konstruiert; es kann nicht einfach von einem Kopf in den anderen transferiert werden. Wissen wandelt sich zudem und hängt vom Kontext ab. Bei unserem gemeinsamen Lernen dürfen alle Beteiligten auch einmal nichts wissen und Fehler machen.

In dieser Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden wünsche ich mir kritische Geister und eine Ausgewogenheit von „believing game“ und „doubting game“. Für neue Ideen kann ich mich immer begeistern, ich tausche mich gern mit Ihnen darüber aus. Durch das gemeinsame Denken und Kritisieren schärfen wir die Argumentation.

Lehrmethoden und -setting

In der Lehre wähle ich die Methoden und das Setting. Ich bitte Sie um Ihr Vertrauen, auch wenn es vielleicht einmal herausfordernd für Sie wird.

Gern beginne ich die Veranstaltungen mit einem kurzen Input, an den sich Fragen und Gruppenarbeiten anschließen. Dabei sind mir Feedback und Ergebnissicherung wichtig. Von Zeit zu Zeit lasse ich Sie schreiben, insbesondere zur Reflexion.

In meinen Veranstaltungen gibt es Laptops, Smartphones u.ä. nur nach Aufforderung. Ich brauche Sie als aktiven, engagierten und mit allen Sinnen anwesenden Menschen.

Lehrziel

Ich möchte Ihnen helfen, Ihre Ziele zu erreichen. Ich möchte Ihnen Zugänge zu Inhalten und Personen ermöglichen, so dass Sie Ihre Ideen umsetzen und damit glänzen können.

Ansätze, die mich prägen

Christoph Arns „Agile Hochschuldidaktik“, Carol Dwecks „Growth Mindset“, Sonja Radatz‘ „Relationale Weiterbildung“, Carl Rogers‘ „Effective Teacher“, die Positive Psychologie und Hartmut Rosas „Resonanz“

 


Kommentare sind willkommen!

You and me and the philosophy

„Wie sieht Ihre Lehrphilosophie aus?“

Säßen wir im Gespräch beieinander und ich würde Ihnen diese Frage stellen – was dann? Neben der (sicher spannenden) inhaltlichen Antwort würde mich ein weiterer Aspekt stark interessieren: Beziehen Sie sich bei der Antwort auf die Frage nach Ihrer Lehrphilosophie auf ein bereits erstelltes Dokument, oder würden Sie Ihre Antwort für mich spontan formulieren?

Eine „Lehrphilosophie“, auch „Teaching Statement“ genannt, ist ein sehr individuelles Schriftstück und zeichnet ein unverwechselbares Bild einer Lehrperson. Sie beschreibt deren Überzeugungen in Bezug auf Lehren und Lernen. Dies geschieht lehrveranstaltungsübergreifend und ist somit etwas anderes als ein Lehrkonzept.

Mögliche Inhalte Ihrer Lehrphilosophie:

  • Ihr Verständnis davon, wie Lernen vonstattengeht, und wie Sie in der Folge lehren
  • die Ausgestaltung Ihrer Rolle als Lehrperson
  • die Ziele, die Sie mit der Lehre verfolgen
  • die Werte, die Sie vermitteln möchten
  • die didaktischen Konzepte und Grundprinzipien, die Ihnen wichtig sind
  • Ihre (Lieblings-) Methoden
  • Beispiele aus der Lehre.

Wozu das alles?

Die Lehrphilosophie kann mehreren Zwecken dienen. Sie selbst erlangen beim erstmaligen Erstellen durch die Selbstreflexion mehr Klarheit über Ihre Lehre. Im Laufe der Zeit, wenn Sie Ihre Lehrphilosophie einmal überarbeiten und anpassen möchten, dokumentieren Sie damit gleichzeitig Ihre Entwicklung. Nach außen wirkt die Lehrphilosophie selbstverständlich auch. Sie zeigen damit Ihren Studierenden den Wert der Lehre und machen für Dritte, die Sie nicht in der Lehre erleben, Ihr Profil sichtbar (z.B. für Kolleginnen und Kollegen). Zu guter Letzt kann die Lehrphilosophie bei Bewerbungen Teil des Lehrportfolios sein und die studentischen Evaluationen begleiten bzw. relativieren. Denn bekanntermaßen erhalten „unbequeme“ Lehrende manchmal schlechtere Bewertungen.

Informationen darüber, wie eine Lehrphilosophie genau aussehen kann und wie sie entsteht, habe ich in Form von Links am Ende des Beitrags für Sie zusammengestellt.

Meine eigene Lehrphilosophie

Wie komme ich dazu, gerade jetzt eine Lehrphilosophie verfassen?

Für mich war es der nächste logische Schritt nach all der Auseinandersetzung mit der Lehre des wissenschaftlichen Arbeitens und den damit verbundenen allgemeineren didaktischen Fragen. In den vergangenen Monaten habe ich viel gelesen und wollte dann meine persönliche Quintessenz daraus zu Papier bringen.

Mit Beginn des neuen Semesters werde ich die Lehrphilosophie den Studierenden zugänglich machen. Bei den neuen Erstsemestern erhoffe ich mir davon, gleich von Anfang deutlich machen zu können, wie ich denke und was sie von mir erwarten dürfen. Die Studierenden, die mich schon kennen und mit denen ich in einem mehr oder minder intensiven Austausch stehe, werden mir offen ihre Meinung sagen. Davon gehe ich einfach einmal aus.

Jetzt fragen Sie natürlich, wo Sie meine Lehrphilosophie nachlesen können. Hier entlang!

Ich bin insgesamt sehr gespannt auf die Reaktionen – ab Semesterstart auf die der Studierenden, aber natürlich mindestens genauso sehr auf Ihre! Gern dürfen Sie auch Ihre Lehrphilosophie verlinken oder in die Kommentare kopieren.


Hilfreiche Links rund um das Thema Lehrphilosophie:

Eine übersichtliche Einführung

https://cft.vanderbilt.edu/guides-sub-pages/teaching-statements/ (englisch)

Welche Ziele verfolge ich eigentlich mit meiner Lehre?

http://fm.iowa.uiowa.edu/fmi/xsl/tgi/data_entry.xsl?-db=tgi_data&-lay=Layout01&-view (englisch)

Wie schreibt man eine Lehrphilosophie?

http://www.chronicle.com/article/How-to-Write-a-Statement-of/45133 (englisch)

http://www.chronicle.com/article/4-steps-to-a-memorable/124199 (englisch)

https://www.acs.org/content/acs/en/education/students/graduate/six-tips-for-writing-an-effective-teaching-statement.html (englisch)

www.prolehre.tu-muenchen.de/cms/images/stories/tenure/vorlage_lehrportfolio.pdf (PDF, deutsch, hat gleich zu Beginn einen ausführlichen Abschnitt zur Lehrphilosophie)

Welchen Beitrag kann eine Lehrphilosophie bei der Berufung spielen?

http://www.chronicle.com/article/Whats-Your-Philosophy-on/45132/ (englisch)

https://chroniclevitae.com/news/103-beyond-the-teaching-statement?cid=articlepromo (englisch)

https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/43914 (deutsch, bezieht sich auf Lehrportfolios)

Umfrage zum Einstieg in die Lehre: Bitte um Unterstützung

Werte Kollegin!
Werter Kollege!

Didaktik wird nicht umsonst als Kunst(!) und Wissenschaft vom Lehren und Lernen definiert: Lehre ist bereichernd, kreativ und herausfordernd zugleich! Die Erstlehre ist dabei sicherlich die schwierigste Phase für Lehrpersonen, da sie auf keine oder kaum eigene Erfahrungen zurückgreifen können, wenn sie vor der Aufgabe stehen eine neue Veranstaltung zu entwickeln.Für eine geplante Publikation suchen wir Hochschullehrende, die uns über ihren Einstieg in die Hochschullehre und die Betreuung von Studierenden Auskunft geben könnten. Wie lange der Einstieg zurückliegt oder welches Fachgebiet unterrichtet wird/wurde, ist dabei nicht relevant. Die Befragung wird in etwa 15 Minuten dauern:

https://www.soscisurvey.de/erstlehrende/

Von den Ergebnissen erhoffen wir uns neue Ansätze für eine Verbesserung der Einstiegsphase, damit zukünftige Lehrende diese Zeit mit all ihren Herausforderungen gut meistern können.

Bitte leiten Sie den Umfragelink an Ihre KollegInnen in der Lehre, DissertantInnen, Post-Docs, HabilitandInnen und Alumni weiter. Gerne können Sie den Link auch in Ihren Social-Media-Kanälen und Newslettern teilen.

Über Ihre Unterstützung würden wir uns sehr freuen!

Vielen Dank vorab

Andrea Klein und Natascha Miljkovic

Impressum / Kontakt

Dr. Andrea Klein
Anna-Bender-Straße 22
D-68535 Edingen-Neckarhausen
andrea.klein@wissenschaftliches-arbeiten-lehren.de
www.wissenschaftliches-arbeiten-lehren.de/

Dr. Natascha Miljkovic
Müllnergasse 12/13
A-1090 Wien
office@plagiatpruefung.at
www.plagiatpruefung.at/

 

Wie ein Schreibratgeber hilft – im Privatleben und in der Wissenschaft

Ein Gastbeitrag von Birgit Schreiber

Warum in aller Welt sollten Studierende oder Graduierte bei all der Zeitnot und dem Druck auch noch einen Ratgeber mit dem Titel „Schreiben zur Selbsthilfe“ lesen? Was soll das – bitteschön – für das Studium und die wissenschaftliche Arbeit bringen?

Andrea Klein hat mir diese Frage gestellt, als sie mich zu diesem Gastbeitrag einlud. Sie hat es – zugegeben – viel freundlicher formuliert, aber die Richtung stimmt. Das ist etliche Wochen her und zunächst wusste ich darauf überhaupt keine Antwort. Sie schien mir zu offensichtlich. Ein Studium ohne den Möglichkeitsraum, den das Schreiben bietet und zu dem ich in meinem Schreibratgeber einlade? Wie soll das gehen? Dann wurden die Antworten zahlreicher und differenzierter.

1.Schreiben schafft Möglichkeitsräume

Darunter ist diese: Studieren ist eine Herkulesaufgabe. Schnell, effektiv, flexibel und nachhaltig soll es sein (wie fast alles in der modernen Welt). An der Uni Göttingen bieten sie Zeitmanagement-Seminare für Erstsemester an. Manchmal gebe ich eines davon, es heißt nach einem Klassiker des Zeitmanagements „Wer schnell sein will, muss langsam gehen“.

In diesem Seminar lernen die Studierenden alle gängigen und empfohlenen Techniken von Pomodoro bis Eisenhower, von Tages- über Wochen- bis Jahresplanung. Die Anleitungen könnten sie sich auch selbst aus dem Internet herunterladen, dafür brauchen sie mich nicht. Was ich ihnen mitbringe, ist etwas anderes.

Es ist eine Spielwiese, ein Raum, in dem sie experimentieren dürfen und einen Schritt zurück treten aus den Alltagsroutinen. Ich nenne das in meinem Schreibratgeber den „Potential Space“, der kann je nach Bedarf ein Kraftraum, Ruheraum, Fluchtraum, Denkraum oder auch ein Weltraum sein. Hier dient er dem „bigger picture“.  Damit Studierende etwa ihre Antriebskräfte finden, die sie durch ihr stressiges Studium trägt. Und damit sie auf das stoßen, was für sie wesentlich ist, ihre Werte, das, was sie ausmacht und begeistert. Sei es Karriere, Ansehen, Berufung, Forschergeist, das Bedürfnis, die Welt besser zu machen oder manchmal auch: Die Eltern glücklich.

2. Schreiben schafft Studienmotivation

Darum dürfen die Studierenden bei mir viel schreiben – beispielsweise eine Abschiedsrede für sich selbst nach 20 Jahren im Beruf – aus Sicht einer Person, die sie verehren. Manchmal machen wir es sogar noch drastischer und schreiben eine Grabrede für uns selbst. Darin kommt noch zuverlässiger zur Sprache, was die Schreibenden im Positiven ausmachte, was sie geleistet haben, was sie anderen Menschen bedeutet haben. Wie wichtig andere Menschen, wie wichtig Leistungen waren.

In Wahrheit eröffnet der Perspektivwechsel ihnen die ideale Version von ihrem Selbst und ihrem Leben. Für manche ist das eine Überraschung, manchen gibt es Kraft, manche überdenken ihre Studienwahl.

Andere müssen auch innere und äußere Kritiker besänftigen und schreiben etwa einen „unsent letter“ an eine Person der Vergangenheit, den Vater, der immer wollte, das sie eigentlich Rechtsanwältin wird oder an die ganze Familie, die womöglich fordert, das er im heimischen Dorf bleibt und den Hof übernimmt, statt an der Uni ein Doktor zu werden.

Am Schluss schreiben die Studierenden sich selbst einen detaillierten Studienplan ebenso wie ein „Mission Statement“ – nach Vorbild großer Firmen oder auch im Stile von Gene Roddenberry, der einst die Reise in „unendliche Weiten“ anstieß, um „fremde Länder zu erforschen und unbekannte Zivilisation“. „Mein Mission Statement hängt am Badezimmerspiegel. Es beflügelt mich täglich“ – bestätigte mir eine Teilnehmerin in einer persönlichen Mail einige Wochen nach dem Seminar.

3. Methoden nützen im Studium

Diese Studierende hatte auch von ihrem „Unsent Letter“ an ihre Eltern profitiert. Dies ist eine von 18 Methoden, die Kathleen Adams, Pionierin der amerikanischen „Journal“-Bewegung für die tägliche Selbstorganisation empfiehlt. Ich schreibe auch über sie in meinem Ratgeber und stelle Übungen vor, die mir besonders gefallen. Die Brief-Methode eignet sich beispielsweise wunderbar für höhere Semester und Graduierte, ja für wissenschaftliche Arbeit ganz allgemein. Ich selbst habe einen solchen Brief an einen Projekt-Antrag geschrieben und mich über seine Sperrigkeit und Komplexität beschwert. Danach kam ich einige Tage wieder in Schreibfluss, brauchte aber noch eine weitere Übung, um auch inhaltlich Klarheit über mein Thema zu gewinnen und Argumente zu ordnen. Dabei half mir der „Dialog“. Wie beim Streit mit dem Liebsten warfen das Projekt und ich uns zunächst unschöne Dinge an den Kopf, dann wurden wir zugänglicher für Argumente und schließlich entwickelten wir die Idee für Aufbau und Struktur des Antrags.

4. Schreiben schafft „scientific community“

Das Beispiel eben zeigt: Schreiben ist Denken – die Reihe der wissenschaftlichen Ratgeber ist lang, die sich auf diese Erkenntnis beziehen und die Vorteile benennen, etwa : Schreiben hilft, vom Diffusen und Abstrakten zu eigenen Worten zu kommen; es schafft kognitive Gewinne durch Formulierungsarbeit; es erlaubt epistemische und heuristische Entwicklung von Gedanken …. 
Schreiben ist außerdem Kommunikation – mit dem Thema und mit uns selbst (siehe vorheriger Absatz) vor allem aber mit der „scientific community“. Es ist das Medium, in dem wir funktionieren, in dem wir uns verständlich machen (hoffentlich), in dem wir mit anderen WissenschaftlerInnen in Kontakt treten. Und unsere Erkenntnisse und Freude teilen.

Die „Lust des abduktiven Schließens “ so lautete der Titel eines Aufsatzes, für den eine Kollegin und ich während unserer Promotion gemeinsam Argumente sammelten. Wir waren wir noch ganz euphorisiert von dem Ertrag unserer gemeinsamen Denk- und Schreibarbeit in einer Forschungswerkstatt. Die Ergebnisse hatten sich endlich zum Gesamtkunstwerk geordnet, ein „abduktiver“ Schritt war vollzogen, den wir nicht hatten erzwingen können, aber für den wir mit all unseren Memos und Einträgen in die Forschungstagebücher (im free writing) die Vorarbeit geleistet hatten. Wir hatten gesät und fuhren jetzt die Ernte ein. Den Aufsatz haben wir nie veröffentlicht, aber er liegt noch immer in meiner heiligen Sammlung von wissenschaftlichen Aufsätzen und erinnert mich an die Lust, die das gemeinsame Schreiben, das gemeinsame Sammeln von Argumenten uns bereitete. Für meine Kollegin und mich wurde mit dem Aufsatz klar, dass der Prozess des gemeinsamen Schreibens und Entwickelns für uns ebenso wichtig war wie das Produkt. Es war unsere geheime Kraftquelle in der  wissenschaftlichen Arbeit.

5. Schreiben fördert die eigene „Wissenschaftsstimme“

Damit das so sein kann, muss Schreiben selbstverständlich und leichtfüßig gelingen. Es darf kein Angang sein, sondern muss sich anfühlen wie ein Fluss, in den ich springe, und von dem ich mich mittragen lasse, bis ich erfrischt und gestärkt wieder heraus steigen kann. Das Gegenteil, so musste ich erfahren, ist für viele Studierende und Graduierte der Fall. Sie drohen beim Schreiben ihrer Abschlussarbeiten, in Promotionen und Habilitationen, zu ertrinken. In einer Schreibwerkstatt für Graduierte erzählten mir gestandene Frauen von ihrer Angst vor dem Schreiben, davor, nicht die richtigen Worte zu finden, ihren BetreuerInnen nicht zu genügen, nicht wissenschaftlich genug zu schreiben, sprich: keine eigene Stimme zu haben.

Die Angst ist berechtigt. Wer keine eigene Stimme hat, kann sie auch nicht mit Souveränität erheben. Die Schule des Schreibens, durch die sie in Kindheit, Jugend, an der Uni, in ihrem Fach gegangen waren, hatte ihnen gute Werkzeuge mitgeben, sie waren weit gekommen. Aber jetzt, da sie graduiert waren und in die erwachsene Welt der Wissenschaft eintreten wollten, machte ihnen der Maulkorb zu schaffen, den andere und sie selbst sich angelegt hatten. Statt eigenen Formulierungen zu trauen, schrieben manche seitenlange Paraphrasen oder zitierten andere WissenschaftlerInnen, was nebenbei bemerkt, die Gefahr des Plagiierens erhöhen kann, wenn man den Überblick dabei verliert.

An einem Workshop-Tag lassen sich diese Schwierigkeiten nicht überwinden. Eine eigene Wissenschafts-Stimme zu entwickeln braucht Zeit. Es braucht eine Spielwiese, einen Ort zum Ausprobieren, einen Ort fürs Ausruhen, zum Kraft schöpfen, zum Ideen kreieren. Am besten täglich. Wer Schreiben zu einem Begleiter in allen Lebensbereichen macht, zu einer Freundin und einem Ratgeber, ist hier eindeutig im Vorteil. Nicht nur in der Wissenschaft.

Darum, und das ist mein wichtigstes Argument für einen Schreibratgeber, lade ich auch Studierende ein, mein Buch zu lesen. Eigene Worte zu finden und sich selbst zu stärken – damit kann man in der Wissenschaft nicht früh genug anfangen.

 

 

Dr. Birgit Schreiber ist Coach, Journalistin, Schreibtrainerin und Biographieforscherin.

www.schreibercoaching.de

Im Frühjahr 2017 kam ihr Buch „Schreiben zur Selbsthilfe“ heraus. Hier geht es zur Rezension.

 

 

 

 

 

Danner-Schröder/Müller-Seitz: Qualitativ hochwertig

Danner-Schröder, Anja und Gordon Müller-Seitz (2017): Qualitative Methoden in der Organisations- und Managementforschung. Ein anwendungsorientierter Leitfaden für Datensammlung und -analyse. München: Vahlen.

Preis: 14,90 Euro

 

Überblick über den Inhalt:

1. Möglichkeiten und Herausforderungen qualitativer Methoden der Organisations- und Managementforschung

1.1 Problemstellung – Herausforderungen qualitativer Methoden der Organisations- und Managementforschung und Konsequenzen für diesen Leitfaden

1.2 Wie der Leitfaden zu nutzen ist

2. Fallauswahl sowie Ein- und Abgrenzung

2.1 Überblick

2.2 Forschungslücken identifizieren und Forschungsfragen ableiten

2.3 Fallauswahlstrategien

2.4 Empirische Rahmenbedingungen

3. Datensammlung

3.1 Überblick

3.2 Vorbereitende Maßnahmen und Überlegungen

3.2.1 Ethische und politische Erwägungen

3.2.2 Feldzugang herstellen

3.2.3 Gütekriterien

3.3 Interviews führen

3.3.1 Formen von Interviews

3.3.2 Entwicklung eines Interviewleitfadens

3.3.3 Hinweise, was es zu berücksichtigen und zu vermeiden gilt

3.4 (Teilnehmend) beobachten

3.4.1 Formen der Beobachtung und verschiedene Beobachtungsdimensionen

3.4.2 Das Protokollieren der erfassten Daten

3.4.3 Hinweise, was es zu berücksichtigen und zu vermeiden gilt

3.5 Dokumente und Artefakte erfassen

4. Ausgewählte Datenanalyseformen

4.1 Überblick

4.2 Sichten und sortieren der Daten

4.3 Daten kodieren und kategorisieren

5. Daten für Ergebnisdarstellungen aufbereiten

5.1 Überblick

5.2 Auswertungsprozess darstellen

5.3 Ergebnisse durch Abbildungen unterstützen

6. Fazit

Danner-Schröder/Müller-Seitz: Qualitativ hochwertig

Vorab: Das Buch erfüllt seinen eigenen Anspruch aus dem Untertitel sehr gut, es ist tatsächlich eine „anwendungsorientierte, methodische Arbeitshilfe für Seminar- und Abschlussarbeiten“. Das unterscheidet es von den meisten (allen?) deutschsprachigen Werken zu Methodenfragen. Es ist das Buch, das im Regal mit der Methodenliteratur noch fehlte.

Auf 112 Seiten geht es von der Fallauswahl über die Datensammlung und die Datenaufbereitung bis hin zur Ergebnisdarstellung. Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig bei der Datensammlung.

Zwei durchgängige Beispiele aus Danner-Schröders und Müller-Seitz‘ eigener Forschung veranschaulichen die theoretisch-methodischen Inhalte. Das ist zum einen ein Projekt der Autorin („Routinen im Katastrophenmanagement“), zum anderen ein Projekt des Autors („Umgang mit Unsicherheit“). Bei beiden Projekten handelt es sich um „echte Forschung“, nicht um Lehrprojekte.

Als Leserin erhalte ich einen detaillierten Einblick in den Ablauf von A bis Z, die Unwägbarkeiten und die zu treffenden Entscheidungen. Die Schilderungen sind dabei sehr offen, so dass noch unerfahrene Leser direkt sehen können, dass eben nicht immer alles nach Schema F wie aus dem Lehrbuch abläuft. Es werden auch Aspekte thematisiert, die sonst eher ausgeklammert werden, etwa so alltägliche (und gleichzeitig allesentscheidende!) Probleme wie der Zugang zum Feld (S. 36 f.). Weiterhin fand ich sehr wichtig, dass die ethische Dimension bei Befragungen und Beobachtungen angerissen wird (S. 26 ff.), und auch die Subjektivität qualitativer Methoden offengelegt wird. Letzteres wird zum Beispiel an der Frage deutlich, wie man denn ein Ende für seine Datenerhebung findet („Das Gefühl, dass Sie das alles schon einmal gesehen oder gehört haben, ist meist ein guter Indikator, dass Sie genügend Daten gesammelt haben“ (S. 69) – danke, dass es einfach mal jemand so offen schreibt!). Für hilfreich halte ich auch die Anregungen, wie man die Ergebnisse für die Darstellung aufbereitet (S. 98 ff.). Das kommt in vergleichbaren Werken oft zu kurz.

Zielgenau verfasst

Das Buch ist sehr gut lesbar, einfach und verständlich ausgedrückt, so dass nicht die Sprache unnötig den Zugang zu den Inhalten erschwert. Ich finde, man merkt dem Buch an, dass es „vom Leser her gedacht“ ist. Didaktisch sinnvoll der Aufbau: „Ausgewählte Lernziele“ stehen zu Beginn jedes Kapitels, es wurden viele Übungen und Beispiele integriert, und am Ende eines Kapitels finden sich oft so genannte „Anregungen aus der Literatur“. Dabei handelt es sich um Hinweise auf fremde Studien, die in Hinblick auf eine gute Nachvollziehbarkeit ausgewählt wurden. Zu guter Letzt erleichtert ein Glossar das Nachschlagen der Fachbegriffe.

Ausbaufähig an zwei Stellen

Aus meiner Sicht weist das Buch zwei kleinere Schwachstellen auf:

Erstens kommt die Transkription etwas kurz (S. 52 f.). Vor allem über den (oft unterschätzten!) Zeitaufwand finden die Leser keine Angaben und leider auch keine Hinweise auf weiterführende Literatur. Gerade bei zeitlich eng abgesteckten Arbeiten wie eben Seminar- oder Bachelorarbeiten sollten die Studierenden einen Anhaltspunkt dafür bekommen, was machbar ist, um sich notfalls auch gegen die Vorstellungen ihrer Betreuungsperson abgrenzen zu können.

Zweitens wären bei den Studierenden Lösungen oder zumindest Lösungsansätze für die vielen Übungsaufgaben und Reflexionen bestimmt gern gesehen. Hier tappen die Leser im Dunkeln, ob ihre Gedanken denn in eine sinnvolle Richtung gehen.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Die Zielgruppe des Buches sind Studierende der Wirtschaftswissenschaften und anderer Fachbereiche, insbesondere der Sozialwissenschaften, die für Seminar- oder Abschlussarbeiten qualitative Methoden einsetzen. Das bedeutet, dass die Entscheidung für die qualitativen Methoden bereits gefallen ist. Denn über die Abwägung „quantitativ vs. qualitativ vs. kombinierter Einsatz“ findet man im Buch keine Informationen oder Entscheidungshilfen – was auch nicht nötig ist, dazu gibt es andere Ratgeber.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

In der Lehre sind die vielen Beispiele und Übungsaufgaben sicher hilfreich. Bei der nächsten passenden Gelegenheit werde ich es testen.

 

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Verwandte Themen

„Empirisch forschen 101“

 

Ehrenwörtliche Danksagung

Ja, richtig gelesen, ehrenwörtliche Danksagung.

Gibt es nicht.

In diesem Beitrag möchte ich zwei Themen verknüpfen, die sonst getrennt voneinander behandelt werden. Wenn sie überhaupt behandelt werden. Denn es geht um zwei Themen, die in Ratgebern eher wenig Beachtung finden, um

  1. die ehrenwörtliche Erklärung und
  2. die Danksagung.

Die ehrenwörtliche Erklärung

Die ehrenwörtliche Erklärung, oft auch eidesstattliche Erklärung oder Selbständigkeitserklärung, wird wohl überall für die meisten Prüfungsleistungen verlangt. Sie fehlt in keinem der von Hochschulen, Fachbereiche oder Institute herausgegebenen Leitfäden zum wissenschaftlichen Arbeiten. Die Formulierungen variieren etwas. Im Grunde besagt die Erklärung jedoch, dass die vorliegende wissenschaftliche Arbeit selbständig und ohne fremde Hilfe verfasst wurde, dass nur die angegebenen Hilfsmittel genutzt und alle Zitate kenntlich gemacht wurden. Zudem unterschreiben die Studierenden, dass ihre Arbeit noch nicht in gleicher oder ähnlicher Form oder auszugsweise im Rahmen einer anderen Prüfung vorgelegt worden ist.

Was ist also erlaubt beim wissenschaftlichen Schreiben und was nicht?

Unstrittig dürfte sein, dass Ghostwriting nicht zulässig ist: Es wurden dann, technisch gesprochen, nicht alle Hilfsmittel angegeben, und von einem selbständigen Verfassen der Arbeit sind wir hier meilenweit entfernt. Ebenso unzulässig ist natürlich Plagiarismus: Hier fehlt die Kennzeichnung aller Zitate. Ein zweites Einreichen von ein und derselben Arbeit wird auch ausdrücklich untersagt, damit der Punktevergabe jeweils auch eine echte Leistung gegenübersteht.

So weit, so gut.

„Ohne fremde Hilfe“

Bliebe noch der Aspekt der fremden Hilfe. Was soll das bedeuten – die Arbeit wurde „ohne fremde Hilfe“ verfasst? Regen wir als Lehrende die Studierenden nicht sogar an, sich Hilfe in Form von Feedback und Korrekturlesen zu suchen? Schlagen wir ihnen nicht vor, andere Personen zu Rate zu ziehen, um einen zweiten Blick auf die Arbeit zu bekommen? Und, zu guter Letzt, geben wir nicht sogar selbst eine Art von Hilfe, wenn wir die Studierenden bei ihren Arbeiten beraten und betreuen? Wir reden mitunter stundenlang über alle möglichen Aspekte mit ihnen – über fachliche und methodische Fragen, über die Struktur ihres Texts, über den Prozess des Schreibens, und und und.

Oder soll die Phrase „ohne fremde Hilfe verfasst“ in den Erklärungen einfach nur bedeuten, dass die Arbeit „ohne fremde Hilfe geschrieben“ wurde? Dies würde auf eine enge Auslegung des Wortes „schreiben“ deuten, die wirklich nur das Niederschreiben meint und nicht die vorgelagerten Schritte der Themeneingrenzung, Gliederung etc. Aber das ergibt wenig Sinn, denn Überarbeiten gehört zum Schreiben dazu, und Überarbeiten kennt die Modi „allein“ und „gemeinsam“ – womit wir wieder am oben genannten Punkt stehen: Wir selbst sagen den Studierenden doch, dass es sehr gern gesehen ist, wenn sie sich dabei Unterstützung holen. Stichwort „Textblindheit“ und „Vier Augen sehen mehr als zwei“ usw.

Mit ein bisschen fremder Hilfe: die Grenzfälle

Neben den eindeutigen Fällen wie Ghostwriting, Plagiarismus und Doppelteinreichung haben wir es demnach auch noch mit Grenzfällen zu tun: Ab welchem Umfang oder welcher Art von Hilfe wird die Anforderung des selbständigen Verfassens nicht mehr erfüllt?

  • Darf ich meine Mitstudierenden und Freunde Korrektur lesen lassen? – Ja.
  • Darf ich ein professionelles Korrektorat bezahlen? – Hm. Für manche ist da bereits eine Linie überschritten.
  • Darf ich ein professionelles Lektorat bezahlen? – Doppelt hm.
  • Darf ich mit meinem Betreuer alle Fragen rund um die Arbeit diskutieren? – Ja.
  • Darf ich mir in der Beratungsstelle der Hochschule Hilfe holen, wenn die Belastung zu groß wird und ich mit der Arbeit nicht mehr vorankomme? – Ja.
  • Darf ich das Schreibzentrum in Anspruch nehmen? – Ja.
  • Darf ich für all das, was Betreuer, Beratungsstelle und Schreibzentrum tun einen Coach bezahlen? – Hm, das würden viele kritisch sehen. (Ich meine: Ja, das darf ich.)

Viele (die meisten? alle?) studentischen Arbeiten entstehen also in Gemeinschaft. Dabei ist, wie wir eben gesehen haben, nicht klar abgrenzbar, welche Art von Hilfe überhaupt zulässig ist. Überdies ist nicht zu bemessen, wessen Beitrag tatsächlich wie viel Hilfe bedeutet und ab wann die Selbständigkeit beim Verfassen nun gefährdet ist. Hat vielleicht eine kleine Frage des Peer Tutors eine große Erkenntnis ausgelöst? Hat eine Anmerkung des fachfremden Onkels dazu geführt, dass bestimmte Aspekte deutlicher herausgearbeitet wurden? Weist mich ein Feedbackgeber auf einen relevanten Fachartikel hin, den ich bei meiner Recherche übersehen habe?

Unterlassene Hilfe

Wie helfen die Hochschulen bei diesem gedanklichen Zwiespalt weiter?

Gar nicht.

Sie tun einfach so, als gäbe es all das nicht und verlangen eine ehrenwörtliche oder eidesstattliche Erklärung mit den oben genannten Formulierungen zu Selbständigkeit und Hilfe. Wissenschaftliche Veröffentlichungen, also Arbeiten abseits einer Prüfungsleistung, nutzen meist das Vorwort oder eine separate Danksagung , um all jene zu nennen, die das Zustandekommen ermöglicht haben.

Aber die Studierenden unterschreiben am Ende trotz all dieser Hilfe oder Anregung, die mir völlig normal erscheint, dass sie ihre Arbeit „ohne fremde Hilfe“ verfasst haben. – Triple hm.

Sind Danksagungen in studentischen Arbeiten angebracht?

Jetzt kommt das zweite Thema ins Spiel, die Danksagung. Vielerorts unüblich, vielleicht auch einfach nur peinlich? Albern? Übertrieben? Heuchlerisch und schleimig?

Ich habe mich einmal in Studierendenforen umgesehen, was in einschlägigen Threads zu dieser Frage geschrieben wird. Tenor: Eine Danksagung, ob separat oder in einem Vorwort, wird bei der Bachelorarbeit und oft auch noch bei der Masterarbeit für lächerlich gehalten, weil diese Arbeiten durch ihren vergleichsweise geringen Umfang und durch die relativ kurze Bearbeitungszeit gar nicht so anstrengend gewesen sein können, als dass man sich bei irgendwem bedanken müsste (!). Ein persönlich ausgesprochenes Danke wäre im Fall der Fälle eine gute Alternative. Ab der Doktorarbeit, die ja schließlich auch publiziert wird, könne man dann einmal darüber reden bzw. da wäre es ja nun geradezu Pflicht! Eine Ausnahme scheinen Bachelor-/Masterarbeiten zu bilden, bei denen externe Partner involviert waren, etwa bei Arbeiten in einem Unternehmen oder wenn man fremde Labore nutzen durfte. Ansonsten unterscheiden sich die Gepflogenheiten stark zwischen den Fächern oder auch zwischen den Institutionen.

Einer der Forenbeiträge stellt übrigens explizit die Verbindung zum selbständigen Verfassen der Arbeit her und „warnt“ vor allzu großer Offenheit:

„Ich würde es nicht machen, weil es einfach überzogen finde. Und mehr als deinen Familienangehörigen und/oder deinem Freund/deiner Freundin würde ich eh nicht danken, sonst könnte der Prof. noch auf andere Gedanken kommen (bezüglich der eidesstattlichen Erklärung).“ (https://www.studis-online.de/Fragen-Brett/read.php?3,940774)

Aber wäre nicht gerade eine Danksagung nötig, um die erhaltene Hilfe transparent zu machen? Wäre das nicht der beste Platz dafür?

 

Was raten Sie Ihren Studierenden in Hinblick auf die Danksagung? Vor allem: Wie begründen Sie es, wenn es keine Danksagung in den Abschlussarbeiten geben soll?

 

Weiterführende Links:

Ein Artikel von Dr. Natascha Miljkovic: http://www.plagiatpruefung.at/eidesstattlich-erklaerung/

Splendid – EATAW 2017!

Sie haben das sicher schon erlebt: Ein Termin für ein bestimmtes Treffen oder eine wichtige Konferenz steht an, und Sie kennen dort noch niemanden. Unsicherheit macht sich breit. Sie fragen sich: „Was mich da wohl erwartet?“

Als EATAW-Newbie befand ich mich vor wenigen Wochen in genau dieser Situation. Zwar bin ich schon seit ein paar Monaten Mitglied in der Gesellschaft, also der European Association 0f Teaching Academic Writing, aber es war eben meine erste Teilnahme an einer der zweijährlich stattfindenden EATAW-Konferenzen. Der Titel lautete dieses Mal: „Academic Writing Now: Policy, Pedagogy and Practice“.

Meine Vorfreude auf drei Tage voller Input und Austausch stieg seit der Zusage immer mehr an. Vorfreude und gleichzeitig Unsicherheit – ich fahre also mit gemischten Gefühlen los.

Mit diesem Beitrag möchte ich Sie teilhaben lassen an meinen Erfahrungen. Wer weiß, vielleicht bekommen Sie ja Lust, beim nächsten Mal dabei zu sein?

Vibrant: die Community

Alle, wirklich alle, die ich kennengelernt habe, waren offen und hilfsbereit. Meine anfängliche Unsicherheit stellte sich als völlig umsonst heraus. Ich empfand es als sehr leicht, ins Gespräch zu kommen und Anknüpfungspunkte zu finden. Bereits im Bus vom Flughafen zum Konferenzort entstand die erste zufällige Begegnung, und beim ersten Abendessen ging es an einem großen Tisch direkt weiter mit den neuen Bekanntschaften. An einem Morgen habe ich ausgedehnt mit jemandem gefrühstückt, den ich bis dahin nur vom Papier her kannte. Und nicht zuletzt gab es ungezählte angeregte Pausengespräche mit so vielen unterschiedlichen Menschen. All diese Begegnungen waren einfach schön und bereichernd. Das habe ich von so manch anderer Konferenz als etwas steifer in Erinnerung.

Inspiring: die Inhalte

Die drei Tage waren prall gefüllt mit Inhalt in den verschiedensten Formaten. Natürlich gab es jeden Tag eine Keynote address sowie klassische Präsentationen und Posterpräsentationen, dazu Workshops und Symposien, am Abend des ersten Tages außerdem noch so genannte Lightning Talks von nur fünf Minuten Länge. Eine klassische Podiumsdiskussion fand am zweiten Tag statt. Auf dem Programm standen einige große Namen der Academic Writing-Szene und viele weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der schönen, weiten Welt. Insgesamt haben dieses Mal gut 400 Personen aus 47 Ländern teilgenommen.

Die Keynotes waren genau das, was sie sein sollten: inspirierend und mit dem Blick auf die großen Zusammenhänge.
• Rowena Murray: „What do we do about policy? – not just a rhetorical questions“
• Ronald Barnett: „Academic Writing – a thing of beauty, a joy to behold“
• Katrin Girgensohn: „Institutionalizing academic writing now: from margin to center“

Die Keynotes sind übrigens alle online verfügbar, wie einige der Präsentationen auch.

Die Präsentationen und Workshops liefen an allen Tagen in bis zu neun parallelen Sessions ab. Die Qual der Wahl war groß und ich mag zufällig eine sehr gute Auswahl getroffen haben, aber ich fand den Informationsgehalt und die Qualität durchgehend gut oder sogar sehr gut.

Invigorating: das Feedback zur eigenen Präsentation

Das Ziel meiner eigenen Präsentation – „The Role of Attribution and perceived Self-Efficacy in Writing Development ¬ Possibilities of evaluating a novel approach at iba, the largest private University of Cooperative Education in Germany“ – habe ich zu hundert Prozent erreicht. (Die Bezeichnung „meine Präsentation“ ist nicht ganz korrekt, denn ich habe stellvertretend für meine Kollegin Prof. Dr. Monika Zimmermann und mich präsentiert. Gemeinsam mit ihr entstand unser Lehrkonzept und alles, was damit zu tun hat. Leider konnte Sie nicht mit mir nach London reisen.) Wir wollten hochwertiges Feedback, und wir bekamen sehr viele Anregungen, die uns auf jeden Fall weiterhelfen. Ich habe darüber hinaus erfahren, wer aktuell an ähnlichen Themen arbeitet. Das wäre auf anderem Wege nicht möglich gewesen.

Inhaltlich stufe ich den Besuch der Konferenz als vollen Erfolg ein. Ich habe jede Menge Input für Forschung und Lehre im Gepäck.

Very British: das Rahmenprogramm

Der Ort für die Konferenz war natürlich außergewöhnlich: Royal Holloway, University of London, im Vorort Egham im grünen Surrey. Auf der Website der Universität steht: „Frequently named as one of the most beautiful campuses in the world: Our Founder’s Building is widely recognised as one of the most spectacular university buildings in the world.“ Recht haben sie.

Das Rahmenprogramm kam oh so very British daher. Herauszuheben ist die Garden Party im innenliegenden Garten dieses wirklichen grandiosen Gebäudes, das einen mehr als würdigen Rahmen für den lockeren Austausch am Abend bot.

Die ausführliche Darbietung der Morris Dancers verlieh der Party ein besonderes Flair (Falls Sie nicht wissen, was das ist, bitte sehr. Mir war das vorher auch kein Begriff.).

Mein Fazit: Splendid!

Insgesamt hat sich der Besuch der Konferenz für mich als goldrichtig erwiesen. Zu den bereits genannten Aspekten, Community,Inhalte und Feedback (und ja, Rahmenprogramm), kommt noch ein weiterer Punkt von unschätzbarem Wert hinzu:

die Erkenntnis, wie sehr sich die Herausforderungen überall ähneln.

Mir ist erst jetzt so richtig klar geworden, dass Lehrende des Wissenschaftlichen Arbeitens bzw. Schreibens überall ähnliche Problemchen und Probleme bearbeiten. Nicht nur wir, also Sie und ich, befassen an unseren jeweiligen Standorten damit, sondern auch die Kolleginnen und Kollegen weltweit. Dabei denke ich an drei Themenkreise, die während der Konferenz deutlich wurden:

• Themen im Umgang mit den Studierenden:

So gut wie alle Lehrenden berichten von den gleichen Unsicherheiten und Fragen der Studierenden. Die speziellen Studierenden an einem Ort, in einem Studiengang, in einem Workshop sind also nicht so speziell, wie sie manchmal hingestellt werden. Die Studierenden dort verhalten sich und denken genau wie Studierende an Hunderten anderer Orte dieser Welt.

• Themen im Umgang mit Fachlehrenden und die Zusammenarbeit mit ihnen:

Auch hier ähneln sich die Fragen und – ich darf das sagen, ich bin ja selbst auch Fachlehrende – die Konflikte. Hierzu plane ich für die kommenden Wochen einen eigenen Blogartikel.

• Themen in der Zusammenarbeit mit den Entscheidern (policy-makers):

Freundlich formuliert wird die Bedeutung des Schreibens und Schreiben-Lernens von den Lehrenden und den Entscheidern unterschiedlich eingeschätzt. Dieser Aspekt zog sich durch alle einschlägigen Vorträge.

Für weitere Einblicke und Fotos und Videos

Link zur Konferenz-Website: EATAW 2017 (Für weitere Fotos schauen Sie auch mal bei Twitter und Facebook vorbei oder auch hier).
Link zur Gesellschaft: EATAW

Haben Sie schon Lust bekommen, an der nächsten Konferenz teilzunehmen? Sie findet im Sommer 2019 an einem noch nicht benannten Ort statt.

Der nächste Blog-Artikel erscheint Anfang Juli

Liebe Leserinnen und Leser,

in den Sommermonaten veröffentliche ich weniger Beiträge als sonst. Der nächste Artikel erscheint Anfang Juli.

Wenn Sie benachrichtigt werden möchten, sobald es etwas Neues zu lesen gibt, tragen Sie sich am besten einfach in den Newsletter ein. Dann sind Sie immer auf dem Laufenden.

Schöne Grüße

Andrea Klein

 

 

 

Wissenschaftliches Arbeiten ist wie Krafttraining

Nutzen Sie manchmal Vergleiche, um Ihren Studierenden in der Lehrveranstaltung die Inhalte zu veranschaulichen? Meine Vergleiche haben meistens etwas mit Sport (und noch viel öfter etwas mit Essen) zu tun. Heute möchte ich drei Gedanken zum Thema „Wissenschaftliches Arbeiten ist wie Krafttraining“ mit Ihnen teilen.

Festige die Technik, bevor Du Dich an die schweren Gewichte wagst.

Der Bewegungsablauf einer Übung sollte exakt sitzen, bevor man sich die Hantel volllädt. Anderenfalls riskiert man Überlastungen oder Verletzungen. Beim wissenschaftlichen Arbeiten sollten die grundlegenden Techniken des Recherchierens, Lesens und Schreibens gefestigt sein, ehe man sich mit größeren Arbeiten befasst. Beim Krafttraining steigert man sich über Wochen und Monate; beim wissenschaftlichen Arbeiten wird man hoffentlich über die Semester hinweg entsprechend angeleitet und erhält im besten Fall Aufgaben mit dem jeweils angemessenen Schwierigkeitsgrad.

Pack‘ nur so viel auf die Hantel, wie realistisch ist.

Jeder sollte sich nur so viel zumuten, wie er auch gut zu Ende bringen kann. Das gilt am Squat Rack gleichermaßen wie beim wissenschaftlichen Arbeiten. Wer das Gewicht der Hantel unterschätzt, bringt die letzte Wiederholung nicht sauber zu Ende ­­­­– was  unschön aussieht und bei Umstehenden für Erheiterung, Mitleid oder Kopfschütteln sorgt. Wer sich beim wissenschaftlichen Arbeiten zu viel vornimmt und dann nicht fertig wird, erntet das Kopfschütteln der Betreuungsperson. Diese hat wie ein guter Trainer hoffentlich im Vorfeld gewarnt. Ich denke hier vor allem an zu große Fragestellungen in studentischen Arbeiten, die im Beratungsgespräch identifiziert und gemeinsam handhabbar gemacht werden sollten.

Trainiere ausgeglichen alle Partien.

Wer ausschließlich die Arme trainiert und dann „keine Zeit“ (hüstel) mehr für die Beinübungen hat, sieht nach einiger Zeit ziemlich unproportioniert aus. Wie ein Discopumper eben, der durch seinen Bizeps Eindruck schinden möchte ­– was übrigens nur selten gelingt. Der Wissenschafts-Discopumper ist für mich jemand, der inhaltlich einseitig arbeitet und nur solche Quellen heranzieht, die seine vorgefertigte Meinung stützen. Er setzt sich nicht oder zumindest nicht ernsthaft mit anderen Argumenten auseinander und baut auf diese Art niemals eine echte Position auf. Daher wird er von jenen, die ernsthaft arbeiten, genauso belächelt wie ein Discopumper.

Für uns als Trainerinnen und Trainer bedeutet das aus meiner Sicht:

  • Die grundlegenden Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens sollten im Lauf des Studiums ordentlich vermittelt werden, bevor es an die Abschlussarbeit geht.
  • Unsere Studierenden benötigen unsere Anleitung, um den passenden Schwierigkeitsgrad für Ihre Arbeiten auszuwählen.
  • Wir sollten unseren Studierenden zeigen, wie sie eine ausgewogene Arbeit anfertigen, mit der sie in der Community ernstgenommen werden.

 

Einen ähnlichen Artikel finden Sie hier: Was mich Yoga über wissenschaftliches Arbeiten lehrt