Fröhlich/Henkel/Surmann: Raus aus dem stillen Kämmerlein

Fröhlich, Melanie, Christiane Henkel und Anna Surmann (2017): Zusammen schreibt man weniger allein – (Gruppen-)Schreibprojekte gemeinsam meistern. Opladen und Toronto: Verlag Barbara Budrich (UTB).

Preis: 12,99 Euro

Den Überblick über den Inhalt finden Sie aufgrund seines großen Umfangs am Ende des Artikels.

Fröhlich/Henkel/Surmann: Raus aus dem stillen Kämmerlein

Schreiben in der Gruppe – die einen lieben es, die anderen hassen es. Das Buch bietet seiner Leserschaft drei Zugänge zur Thematik: über theoretische Ausführungen zum Prozess des Schreibens, über praktische Übungen und über vier Szenarien mit jeweils einem fiktiven Fall (Philipp gründet eine autonome Schreibgruppe, Esma und Jule verfassen ihre Abschlussarbeit zu zweit, Alberto muss eine Gruppenhausarbeit verfassen und Svetlana besucht begleitend zu ihrem Schreiben ein Bachelor-Kolloquium). In den vier großen Kapiteln – „Einführung“, „Anlässe“, „Prozesse“ und Praxisteil –werden diese Fälle an den passenden Stellen immer wieder herangezogen. Durch diesen Aufbau sollte der Einstieg in das Schreiben in der Gruppe nicht nur für die, die es sowieso lieben, möglich sein, sondern auch für die, die es (noch) hassen.

Die Autorinnen Melanie Fröhlich, Dr. Christiane Henkel und Anna Surmann befassen sich beruflich intensiv mit Peer Learning. Somit flossen viele wertvolle Erfahrungen in das Buch ein: Wie können Studierende beim Schreiben ihrer Arbeiten miteinander und voneinander lernen? Macht das Schreiben außerhalb des stillen Kämmerleins vielleicht sogar Spaß?

Das Buch ist nicht als eigenständige Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten zu verstehen, sondern eher als Ergänzung zu nutzen. Oder, andersherum betrachtet: Viele der Übungen lassen sich auch hervorragend für nicht-wissenschaftliche Texte einsetzen.

Sehr viel und an einer Stelle etwas zu wenig

Das Buch als solches ist mit seinen 116 Seiten eher schlank. Das dazugehörige Online-Material wiederum ist mit 46 Seiten relativ umfangreich und ergänzt den Praxisteil mit zusätzlichen Übungen. Diese sind durch ihren einheitlichen Aufbau und acht Leitsymbole sehr übersichtlich gestaltet. Besonders gefreut hat mich, dass auch psychologische Themen Beachtung finden, wie zum Beispiel Schreibzweifel (S. 87 f.).

Elektronische Tools dürften durchaus ausführlicher thematisiert werden. Sicher ist meine Sicht auf das Thema „Software beim wissenschaftlichen Arbeiten“ nicht ganz neutral. Dennoch denke ich, dass es nicht nur Studierenden im Fernstudium oder im dualen Studium, sondern etwa auch solchen mit Nebenjobs und anderen Verpflichtungen häufig Probleme bereitet, sich in angemessener Frequenz persönlich zu treffen, um mit ihren Schreibprojekten voranzukommen. Hier wäre es sicher hilfreich, alternative Wege der Zusammenarbeit stärker zu gewichten.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Dieses Buch dürfen Sie ohne Bedenken allen empfehlen, die gemeinsam Texte schreiben wollen oder müssen. Durch die vier verschiedenen Szenarien sind die verschiedenen Ausgangslagen sehr gut abgedeckt, und alle Schreibenden werden sich gut wiederfinden. Die Übungen lassen sich ohne Vorkenntnisse durchführen und eignen sich daher auch sehr gut für Studierende in den Anfangssemestern. Fortgeschrittene Studierende finden sicherlich auch nützliche Ansätze für die Optimierung ihrer Arbeitsweise.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Auch in der Lehre lassen sich viele der Übungen sehr gut einsetzen. Selbst wenn die Studierenden in Ihrer Veranstaltung gar keine Texte in einer Gruppe schreiben, reduzieren Sie durch die Übungen die Zentrierung auf sich als Lehrperson und können die Studierenden eigenständig und im Sinne des Peer Learning arbeiten lassen.

Ein weitere Plus: Sie selbst profitieren möglicherweise für Ihre eigenen Gruppen-Schreibprojekte, wie etwa gemeinschaftliche Publikationen.


 

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 


Inhaltsverzeichnis

1 Einführung – So können Sie dieses Buch nutzen

2 Anlässe für gemeinsames Schreiben: Szenarien

2.1 Autonome Schreibgruppe

2.2 Abschlussarbeit zu zweit

2.3 Gruppenhausarbeit

2.4 Schreiben im Seminar

3 Prozesse in gemeinsamen Schreibprojekten

3.1 Projektplanung und Zusammenarbeit

3.1.1 Projekte planen, überwachen und steuern

3.1.2 Einzel- und Zusammenarbeit organisieren

3.1.3 Gruppentreffen moderieren

3.1.4 Risiken der Zusammenarbeit entgegenwirken

3.1.5 Chancen von Zusammenarbeit nutzen

3.2 Schreibprozess und Selbstorganisation

3.2.1 Schreibstart: Ins Denken, Arbeiten, Schreiben kommen

3.2.2 Themenfindung und inhaltliche Planung

3.2.3 Literatur suchen, finden und auswerten

3.2.4 Strukturieren und einen roten Faden entwickeln

3.2.5 Textfeedback

3.2.6 Überarbeitung und Endredaktion

4 Praxisteil

4.1 Projektplanung

4.1.1 Startschuss für Schreibprojekte

4.1.2 Balkendiagramm und Klebezettel-Kalender

4.1.3 Kanban-Board

4.1.4 Moderationsplan für Arbeitstreffen

4.1.5 Moderationsplan für gemeinsame Schreibzeit

4.1.6 Sprechstundengespräche vorbereiten

4.1.7 Auswertungsgespräch

4.2 Zusammenarbeit konstruktiv gestalten

4.2.1 Probleme lösen, Entscheidungen treffen

4.2.2 Checkliste: Probleme in der Gruppe lösen

4.2.3 Synergie-Check

4.3 Schreibstart: Ins Denken, Arbeiten und Schreiben kommen

4.3.1 Arbeits- und Schreibjournal

4.3.2 Inkshedding: Freewriting in der Gruppe

4.3.3 Schreibstrategien

4.3.4 Schreiborte und Schreibzeiten

4.3.5 Schreibblockaden lösen

4.3.6 Schreibzweifel überwinden

4.3.7 Auswerten und motiviert weiterarbeiten

4.4 Themenfindung und inhaltliche Planung

4.4.1 Themenklärung und Aushandlung in Gruppen

4.4.2 Clustering

4.4.3 Themenklärung im Gespräch

4.5 Literatur: Suchen, Finden und Auswerten

4.5.1 Literatur auswählen

4.5.2 Exzerpiertabelle

4.5.3 Texte gemeinsam besprechen

4.6 Strukturieren und einen roten Faden entwickeln

4.6.1 Mindmapping

4.6.2 Strukturieren mit Karten

4.6.3 Denkbilder

4.7 Textfeedback

4.7.1 Textfeedback mit Zeichen

4.7.2 Beschreibendes Textfeedback

4.7.3 Textentwürfe überarbeiten

4.7.4 Feedbackrundlauf

4.8 Überarbeitung und Endredaktion

4.8.1 Schrittweise überarbeiten

4.8.2 Redaktionssitzung

4.8.3 Wissenschaftssprache überprüfen

5 Literaturverzeichnis

Wissenschaftliches Arbeiten versus Wissenschaftliches Schreiben

Hat Ihnen die Überschrift ein Déjà-vu beschert? Wundern Sie sich nicht: Einen ähnlichen Artikel habe ich bereits vor über zwei Jahren veröffentlicht. Mir schien es an der Zeit, ein paar Änderungen, Ergänzungen und Aktualisierungen vorzunehmen, zumal mein Blog mittlerweile deutlich häufiger gelesen wird als damals. (Kunststück, denn damals war er auch gerade wenige Wochen alt.)


Auf meiner „Über diesen Blog“-Seite schreibe ich von Anfang an:

„Deshalb blogge ich: Weil ich meine Erfahrungen mit dieser „Prozessbegleitung“ [im Wissenschaftlichen Arbeiten] weitergeben und mich darüber austauschen möchte. Es existiert noch kein Ratgeber zur Lehre in diesem Fach. Gerade zu Beginn meiner Lehrtätigkeit vor etwa zehn Jahren hätte ich mir einen gewünscht.“

Moment mal. Kein Ratgeber? Gibt es nicht ungezählte Bücher zum Wissenschaftlichen Arbeiten? Ja, gibt es, und jedes Jahr kommen ein paar neue dazu. Mittlerweile habe ich sogar selbst einen geschrieben. Diese Publikationen richten sich allerdings an Studierende und nicht an diejenigen, die den Studierenden die Methoden und Techniken des Wissenschaftlichen Arbeitens vermitteln sollen.

Ok, aber was ist mit all den Büchern für Schreibberater, Schreibtrainer, Schreibdidaktiker und wie sie nicht heißen? Stimmt, da ist schon deutlich mehr zu holen. Sie bedienen sich der angelsächsischen Tradition des Academic Writing und haben viel zu bieten, weil das im deutschen Sprachraum immer noch nicht so verankert ist, wie es sein sollte. (In der Zwischenzeit habe ich ein, zwei davon gelesen, z.B. Beans „Engaging Ideas“ und Gottschalks/Hjortshojs „The Elements of Teaching Writing“). Sie sind für die Lehre im Fach „Wissenschaftliches Arbeiten“ und die Lehre in den Fächern allgemein ziemlich hilfreich. Und dann auch wieder nicht. Warum ist das so?

Stellen wir einmal die Inhalte der beiden Ansätze gegenüber.

Klassische Inhalte „Wissenschaftliches Schreiben“

  • Phasen des Schreibens (Fragestellung, Recherche, Gliederung, Rohtext, Überarbeitung)
  • Formale Anforderungen
  • Wissenschaftlicher Schreibstil
  • Schreibtypen und Schreibstrategien
  • Schreibübungen
  • Zeitplanung des Schreibprojekts

Das Schreiben steht hier also ganz klar im Fokus, so sagt es ja auch schon der Name. Der Ausgangspunkt aller Gedanken ist die Textproduktion in der Wissenschaft – Schreiben als Schlüsselkompetenz für ein erfolgreiches Studium. Diejenigen Phasen im Schreibprozess, die nicht direkt mit der Produktion von Hilfstexten und dem Text an sich zu tun haben (also etwa die Literaturrecherche), scheinen dem Schreiben untergeordnet oder nur ein Teil davon zu sein. Sie dienen als Mittel zum Zweck, denn ohne sie gäbe es schließlich niemals einen guten fertigen Text. Immerhin rückt die Notwendigkeit, das wissenschaftliche Lesen zu lehren, mehr und mehr ins Bewusstsein.

Diese Fokussierung auf die Textproduktion mag damit zu tun haben, dass die Schreibzentren der Hochschulen fachübergreifend tätig sind und entsprechende Kursangebote oft dezentral organisiert werden. Ein kompetenter Austausch zu den konkreten fachlichen Inhalten ist vermutlich nicht immer bzw. eigentlich nur in Ausnahmefällen zu gewährleisten. Es wäre ja schon ein großer Zufall, wenn immer ein Schreibberater aus der benötigten Disziplin verfügbar wäre.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich finde diese Vorgehensweise weder besser noch schlechter. Es ist einfach ein anderer Ansatz.

Seit kurzem bin ich übrigens Mitglied in der gefsus, der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung, und möchte mich vor allem im Bereich der Schreibforschung engagieren. Das zeugt davon, für wie sinnvoll ich den Zugang zum Wissenschaftlichen Arbeiten über das Schreiben an sich halte.

Weiter mit der Gegenüberstellung:

Klassische Inhalte „Wissenschaftliches Arbeiten“

  • Wissenschafts- und Erkenntnistheorie
  • Themeneingrenzung und Fragestellung, Formulieren von Forschungsfrage(n)
  • Forschungsdesign und Methodenwahl
  • Literaturrecherche und -auswahl
  • Phasen des Schreibens (Gliederung, Rohtext, Überarbeitung)
  • Formale Anforderungen
  • Wissenschaftlicher Schreibstil
  • (Schreibtypen und Schreibstrategien)
  • (Schreibübungen)
  • Zeitplanung
  • und manchmal Inhalte aus angrenzenden Gebieten: Lernen lernen, Prüfungsvorbereitung, Präsentieren usw.

„Wissenschaftliches Arbeiten“ umfasst also erst einmal mehr Inhalte. Es ist meist in der jeweiligen Disziplin verortet – ohne sich dessen bewusst zu sein. Deshalb betrachten die Studierenden die Wege des Erkenntnisgewinns speziell in dem von ihnen gewählten Studienfach. Sie erhalten einen Einblick in das in ihrer Disziplin Übliche und das aktuell Mögliche. Sie erfahren meist nicht oder nur zufällig, dass Wissenschaftliches Arbeiten anderswo anders ist – weil die Lehrenden häufig sehr stark in ihrem Fach verwurzelt sind.

Daher rückt die Betrachtung des Schreibens an sich in den Hintergrund. Schreiben wird dort als ein Baustein von vielen gesehen, die zu einem erfolgreichen Studium beitragen.

Mancherorts werden genau deswegen auch noch Inhalte aus angrenzenden Gebieten gelehrt, wie etwa Lerntechniken oder das Präsentieren von wissenschaftlichen Ergebnissen. „Wissenschaftliches Arbeiten“ geht also grundsätzlicher an die Thematik heran als „Wissenschaftliches Schreiben“.

Vom alten Schlag?

Jetzt behaupte ich einfach mal etwas. Wer „Wissenschaftliches Arbeiten“ unterrichtet, ist in den seltensten Fällen gleichzeitig auch ausgebildeter Schreibberater. Eher handelt es sich wohl um (Nachwuchs-)Wissenschaftler, die dieses Fach neben ihrem eigentlichen Fach lehren.

Es würde mich also nicht wundern, wenn im „Wissenschaftlichen Arbeiten“ vielerorts noch gelehrt würde, dass man gefälligst erst dann zu schreiben habe, wenn die vorbereitenden Phasen abgeschlossen sind. So sind auch die entsprechenden Anleitungen zum Wissenschaftlichen Arbeiten verfasst. Schreiben als Weg zur Erkenntnis oder als Dialog mit sich selbst ist überwiegend noch nicht vorgesehen, auch wenn Ausnahmen existieren.

Auch bei den verschiedenen Schreibstrategien oder Schreibtypen  bin ich mir nicht sicher, inwieweit diese schon in die Curricula des Wissenschaftlichen Arbeitens integriert sind. Daher auch die Klammern in der obigen Aufzählung. Ich kann mir gut vorstellen, dass der planende Schreiber als Ideal gelehrt wird – mit der Folge, dass einige Studierende im Unterricht gedanklich aussteigen, weil sie eben anders an ihre Schreibprojekte herangehen. Oder, schlimmer noch, sie versuchen, dieses vermeintliche Ideal zu erreichen, verbiegen sich dabei und kommen schlechter voran als vorher.

Voneinander lernen?

Wäre es nicht toll, wenn die beiden Ansätze „Wissenschaftliches Arbeiten“ und „Wissenschaftliches Schreiben“ voneinander lernen könnten? Wahrscheinlich bedeutet das vor allem, dass „die Fachlehrenden“ von „den Schreibberatern“ lernen. (Ich benenne die beiden Gruppen von Lehrenden jetzt einfach verkürzt so und stelle das für den Moment einmal so gegenüber). Das betrifft vorrangig die Stellung des Schreibens im Prozess der Erkenntnisgewinnung und die Techniken des Schreibens selbst.

Glücklicherweise gibt es auch den Ansatz des „Writing in the Disciplines“ und in Deutschland die Reihe „Schreiben im Studium“, herausgegeben von Swantje Lahm bzw. deren Buch „Schreiben in der Lehre“.

Und dennoch: Auch über zwei Jahre nach Erscheinen des ursprünglichen Artikels halte ich es für eines der größten Probleme, dass die Erkenntnisse aus der Schreibforschung und die vielen hilfreichen und bewährten Impulse aus der Schreibdidaktik bei den meisten Fachlehrenden gar nicht oder nur mit großer zeitlicher Verzögerung ankommen.

Was meinen Sie? Decken sich meine Beschreibungen mit Ihren Erfahrungen?

 

Wie das persönliche Engagement Studierender mit integrierten Schreibübungen gefördert werden kann

Ein Gastbeitrag von Dr. Friederike Kunath

 

Schreiben in Lehrveranstaltungen zu integrieren, bringt schnelle Konzentration der Studierenden, Tiefe in der Beschäftigung mit Methoden und Sachfragen und eine Aufwertung der Studierenden als Beitragende von Erkenntnis mit sich.

Diese Aspekte haben sich mir in den letzten Monaten meiner Tätigkeit als schreibinteressierter wissenschaftlicher Mitarbeiterin und Schreibberaterin gezeigt. In diesem Beitrag möchte ich einen Einblick in meine Erfahrungen mit den ersten Schritten zu einer fakultär integrierten Schreibförderung an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich geben. Dabei werden die Erfahrungen mit in Seminare integrierten Schreibübungen im Fokus stehen. Es gab daneben auch eine nicht ins Curriculum integrierte Schreibwerkstatt. Diese hat natürlich ihre eigenen Vorteile, aber auch den klaren Nachteil, dass sie nur begrenzt die Anforderungen der einzelnen theologischen Teilfächer berücksichtigen kann. Dies ist in der Form schreibintensiver Seminare oder auch nur einmalig integrierter Schreibübungen sehr viel besser möglich.

Bereits vor meiner Ausbildung zur Schreibberaterin habe ich anspruchsvolle Schreibaufgaben („Essays“) in meine Lehrveranstaltung im Fach Neues Testament (ev. Theologie) integriert. Diese waren stark an der finalen Schreibaufgabe, der Proseminararbeit, orientiert und mussten von den Studierenden in Heimarbeit angefertigt werden. Jeder Studierende musste einen Essay im Laufe des Semesters verfassen. Diese Schreibaufgaben wurden als extrem hilfreich wahrgenommen, viele Rückmeldungen besagten, dass die Studierenden bei dem Thema am meisten gelernt hätten, wo sie einen Text produzieren mussten.

Mehr Verbindlichkeit und höhere Textqualität

Diese Essays habe ich inzwischen um studentische, schriftliche Feedbacks erweitert, die zusammen mit dem Essay kurz im Rahmen der Seminarsitzungen besprochen werden. Das heisst, bei dieser Aufgabe schreiben die Studierenden ihren Essay mithilfe von spezifischen Anleitungen selbständig zuhause, basierend auf den Inhalten der Sitzungen, laden ihn auf der Online-Lernplattform hoch und geben dort einander schriftliches Feedback. Da bei dieser Lehrveranstaltung pro Sitzung ein eigenständiger exegetischer Methodenschritt behandelt und abgeschlossen wird, kann unmittelbar im Anschluss der jeweilige Essay verfasst werden. Auf diese Weise entsteht sukzessive eine Sammlung an schriftlichen Ausarbeitungen aller Methodenschritte, die den Inhalt des Proseminars und zugleich die Aufgabe für die Proseminararbeit darstellen. Schon das Schreiben ist offensichtlich sehr hilfreich für die Studierenden. Seit es dazu Feedbacks und eine kurze Besprechung in den Sitzungen gibt, haben sich die Verbindlichkeit und die Qualität der Texte spürbar verbessert.

Diese Form der in die Lehrveranstaltung integrierten Schreibaufgabe hat den Vorteil, dass sie sehr nah an der Proseminararbeit orientiert ist und darauf hinführt. Die Motivation der Teilnehmer ist entsprechend hoch. Der zeitliche Mehraufwand macht sich für sie schnell bezahlt, wobei sie diesen Nutzen meist erst im Zuge des Schreibens feststellen. Zugleich sehe ich jedoch in dieser Form auch eine Begrenzung, die in der starken Orientierung an einer Norm liegt.

Einstieg in produktive Gespräche

Eine andere Form von integrierten Schreibübungen habe ich in einem mir fachfremden theologischen Seminar gewählt, in das ich als Schreibberaterin eingeladen wurde. In diesem homiletischen Seminar lernen Studierende Theorien des Predigens kennen und üben dies auch praktisch bis hin zu Gottesdiensten, die sie selbst gestalten. Die Rolle des Schreibens liegt auf der Hand, denn Predigten werden schriftlich entwickelt, wenn auch mit Blick auf die mündliche Performance. Der Seminarleiter und ich hatten uns darüber verständigt, dass Methoden kreativen Schreibens eine Rolle spielen sollten. Dies ergab sich aus der spezifischen Anforderung an Predigten, einen ansprechenden, auch emotionalen, jedenfalls nicht allein rationalen Charakter zu haben. Studierende müssen hier bewusst einen anderen Stil als den wissenschaftlichen erlernen.

Die Person des Schreibenden, ihre Einstellungen, Überzeugungen und Erfahrungen spielen hier eine wichtige Rolle. Erzählen und gut beschreiben zu können, sind essentielle Eigenschaften bewegender Predigten, die nicht mit einem Überzeugungsduktus daherkommen. Um diese Haltung aufzurufen bzw. in sie hineinzufinden, wählte ich als erstes eine Schreibübung aus, bei der es um das genaue Beschreiben eines Gegenstandes, Menschen oder Momentes ging („Nahaufnahme“ aus der Musenkussmischmaschine von Bettina Mosler und Gerd Herholz). Ich gab als Oberthema „Weihnachten“ und einige Vorschläge vor, erklärte aber sonst nur wenig zu dieser Übung. Innerhalb weniger Momente waren die Teilnehmer eifrig und sehr konzentriert am Schreiben. Der nachfolgende Austausch führte sehr schnell in ein produktives Gespräch über die unterschiedlichen Sprachstile, den Wert einfachen Beschreibens und genauen Hinschauens für das Predigen. Die Teilnehmer waren sichtlich erstaunt über die Wirksamkeit dieser kaum 10-minütigen Schreibübung.

Mehr Qualität durch Tiefe

Die zweite Übung war herausfordernder. In Anlehnung an „Was schlimm ist“ (ebenfalls Musenkussmischmaschine) erstellten die Studierenden Gedichte darüber, was an Weihnachten schlimm, besonders schlimm und am schlimmsten ist. Die existentielle Tiefe, die diese Übung aufbricht, war für alle Beteiligten spürbar und konnte produktiv erlebt werden. Ich war beeindruckt von der Professionalität im Umgang mit herausfordernden, auch existentiellen Themen, die diese angehenden Pfarrpersonen bereits mitbringen. Diese Übung ist sicher nicht für alle Seminare geeignet und muss gut begleitet und moderiert werden, kann dann aber eine ungeheure Qualität in ein Seminar bringen, wo sich alle Beteiligten auf einem vielleicht eher ungewohnt tiefen Level mit Inhalten beschäftigen sollen.

Diese Schreibübungen, die in die Sitzung integriert waren und den Auftakt zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Seminarthema bildeten, und auch die flankierenden Essays in meinem Methodenseminar zeigen, wie leicht und schnell durch das Schreiben die Beschäftigung der Studierenden mit methodischen und sachlichen Aspekten fokussiert und beschleunigt werden kann, ohne in zeitlichen Druck zu geraten.

Das Potential gerade der kreativen Schreibübungen für die qualitative Vertiefung von Lehrveranstaltungen nicht nur im Theologiestudium, sondern in jedem Studiengang, das auf eine persönliche, tiefgehende Auseinandersetzung mit Lerninhalten zielt, kann nicht genug hervorgehoben werden. Wie mir in Interviews mit den Professor_innen der Theologie und Religionswissenschaft mehrfach deutlich geworden ist, wird gerade das persönliche Moment häufig vermisst, also die erkennbare Involviertheit der Person des Studierenden, ihr Engagement.

Raum geben

Mein Eindruck ist: Nicht das Engagement der Studierenden fehlt, sondern ein Raum diesem Ausdruck zu geben. Wir müssen sie vielleicht mehr als früher dazu auffordern. Ein hervorragendes Mittel dafür ist das Schreiben und zwar in einer Weise, die das intrinsische Wissen und Interesse der Studierenden sichtbar macht und ernst nimmt. Studierende als Schreibende anzusprechen, wertet sie als Beitragende, Gebende, Aktive im gemeinsamen Lernprozess auf. Voraussetzung für das Gelingen ist natürlich eine neugierige, annehmende Haltung von mir als Dozentin. Interessiert uns als Lehrende das eigene, individuelle Denken unserer Studierenden, dann sind integrierte Schreibübungen ein hervorragendes Mittel, dies erlebbar zu machen.

 

kunathDr. Friederike Kunath, Studium der Germanistik und ev. Theologie, nach Stationen in Leipzig und Berlin nun wissenschaftliche Assistentin im Fach Neues Testament an der Theologien Fakultät der Universität Zürich. Seit 2016 ist sie ausserdem zertifizierte Schreibberaterin für den Hochschulkontext (CAS an der ZHAW Winterthur). Neben dem wissenschaftlichen Schreiben schätzt sie das freie, kreative Schreiben, das sie auf ihrem Blog www.schreibstimme.ch/blog pflegt. Dieser ist Teil einer freien Tätigkeit als Schreibcoach, die sie gemeinsam mit dem Theologen und Vortragstrainer PD Dr. Franz Tóth unter www.schreibstimme.ch anbietet.

 

Lahm: Schatzkiste

Lahm, Swantje (2016): Schreiben in der Lehre. Handwerkszeug für Lehrende. Opladen & Toronto: Verlag Barbara Budrich (UTB).

Preis: 16,99 Euro

Überblick über den Inhalt:

Spaß in der Lehre?

1 Fachlich lernen durch Schreiben
2 Schreibprozesse als Lernprozesse
2.1 Schreiben können – was heißt das genau?
2.2 Schreiben im Studium: Erfahrungen und Strategien von Studierenden
2.3 Spontan, elaboriert, komplex: Fähigkeiten, die das Schreiben fordert und fördert
3 Das Schreiben in der Lehre vorbereiten
3.1 Lehre, was Du tust: die eigene Schreibpraxis erkunden
3.2 Die Latte hochhängen: anspruchsvolle Schreib- und Arbeitsaufträge entwickeln
3.3 Den Rahmen abstecken: Lehrveranstaltungen vorausdenken
4 Vom Fragen und Zuhören
4.1 „Wer nicht fragt …“: wie Schreiben das Fragenlehren unterstützt
4.2 Lesen wie der Lauscher an der Wand: Lesen lehren durch Schreiben
5 Vom Denken und Sprechen
5.1 Informell und explorativ: Denken lehren durch das Schreiben in und zwischen den Sitzungen einer Veranstaltung
5.2 Gemeinsam Wissen schaffen durch Schreiben
6 Vom Forschen
6.1 Schritt für Schritt: Forschen lehren durch Schreiben
6.2 Anleitung zur Selbständigkeit: Studierende beim forschenden Schreiben begleiten
7 Von der Neugier und der Lust auf gute Texte
7.1 Ein guter Text ist kein One-Night-Stand: Überarbeitung ermöglichen
7.2 Benoten und dennoch neugierig bleiben
8 Zum Abschluss: eine Einladung zum Austausch

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Lahm: Schatzkiste

Wer über „Schreibintensive Lehre“ spricht, kommt in Deutschland an Bielefeld nicht vorbei. Hier finden richtungsweisende Aktivitäten statt, mit denen das fachliche Lernen der Studierenden durch Schreiben in der Lehre gefördert wird. Studentische Texte dienen nicht nur als Prüfungsleistungen, die nach dem Benoten in der Schublade verschwinden, sondern erleichtern ihren Verfassern den Einstieg in die jeweilige Disziplin mit ihren spezifischen Denkweisen.

Augenöffner

Das vorliegende Buch von Swantje Lahm hilft hoffentlich dabei, die lange vernachlässigte Kraft des Schreibens im Lernprozess zu verdeutlichen und den Ansatz des Schreibens in der Lehre im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Die Autorin stellt dafür ihr gesammeltes Wissen und ihre Erfahrung aus ihrer langjährigen Tätigkeit zur Verfügung (mehr zur Autorin und ihrem Hintergrund: Interview). Dabei gelingt es ihr en passant, Verständnis für die Studierenden zu schaffen. Sie kennt deren Nöten und Sorgen sowie deren Schwierigkeiten auf allen Ebenen, wenn sie Texte verfassen sollen. Gerade denjenigen Fachlehrenden, die sich nicht intensiv mit Schreiben und Schreibdidaktik auseinandergesetzt haben, öffnet das vermutlich das eine oder andere Mal die Augen.

Stöbern in der Schatzkiste

Die Abfolge der acht Kapitel wirkt gut durchdacht: Der Leser wird behutsam in die für ihn neue Denkweise eingeführt, seine möglichen Vorbehalte („Wer soll das alles lesen?“) werden entkräftet, und er wird Schritt für Schritt in die Lage versetzt, entsprechende Änderungen in seiner Lehre vorzunehmen. Die Sprache des Buches ist lebendig, oft wird der Leser auch direkt angesprochen. Konkrete Anregungen für die Umsetzung in der eigenen Lehre bieten die integrierten Übungen, bei denen es sich sowohl um Übersetzungen aus der englischen Literatur als auch um Übungen der Autorin handelt.

Der Begriff „Handwerkszeug“ im Untertitel kommt recht schnöde daher, so passend er auch sein mag. Für mich persönlich trifft es „Schatzkiste“ besser, denn ich habe so viel Wertvolles in Swantje Lahms Buch gefunden: die Bestätigung eigener Erfahrungen, etliche Quellen zum Weiterlesen, zahlreiche Übungen und Gedankenanstöße.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Das Buch richtet sich nicht an Studierende. Übungen für Studierende sind zwar enthalten. Diese werden jedoch den Lehrenden vorgestellt und erläutert, damit sie sie gewinnbringend in der Lehre einsetzen können.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Viel, sehr viel. Das Buch baut neben der Wissensvermittlung über den Ansatz des Schreibens in der Lehre vor allem auf erprobte und kommentierte Übungen. Dadurch wird zum einen sichergestellt, dass die Lehrenden nicht mit „Übungen vom Reißbrett“ arbeiten. Zum anderen lernen sie durch die Erläuterungen, wie (und dass!) sie die Übungen an ihre Veranstaltung und ihre Vorlieben anpassen sollten. Das Auflisten in zwei getrennten Verzeichnissen („Übungen für Lehrende“ und Übungen für Studierende“) erleichtert das Wiederfinden.


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

„Schreibvermittlung ist eine Gemeinschaftsaufgabe“ – ein Interview mit Swantje Lahm

Mit „Schreiben in der Lehre“ ist kürzlich ein Buch mit vielen Anregungen für eine schreib-intensive Lehre erschienen. Das habe ich zum Anlass genommen, ein ausführliches Interview mit dessen Autorin Swantje Lahm zu führen.

Wie kamen Sie ursprünglich darauf, sich beruflich mit Schreiben und Schreibberatung zu befassen? Gab es einen konkreten Auslöser dafür?

Ja, es gab einen konkreten Auslöser, sogar eine Krise. Ich hatte direkt nach meinem Studium ein Promotionsprojekt angefangen, aber die Forschungsgruppe, in der ich arbeiten wollte, kam nicht zustande. Ich wollte aber unbedingt im Team arbeiten und so stellte sich die Frage: Wenn keine Promotion, was dann?

Ich war nach wie vor sehr an Wissenschaft interessiert. In einem Praktikum im Bielefelder Schreiblabor konnte ich mich aus einer anderen Perspektive mit Wissenschaft befassen – mit den Prozessen der Ideen- und Erkenntnisgenerierung durch Schreiben. Das hat mich sofort angesprochen.

Sie arbeiten seit 2002 im Schreiblabor an der Universität Bielefeld. Was hat sich in dieser langen Zeit geändert? Merken Sie einen Wandel bei den Studierenden? Bei den Lehrenden? Ist die Arbeit für Sie leichter oder schwieriger geworden?

Einrichtungen wie das Schreiblabor werden immer mehr als zur Infrastruktur einer Universität zugehörig betrachtet. So wie niemand daran zweifelt, dass eine Universität eine Bibliothek braucht. Nur noch wenige glauben, wir wären nur dazu da, um leistungschwächere Studierende zu unterstützen – besonders seit wir mit einem Team von Kolleg/innen zusammen arbeiten, die Lehrende in den Fächern sind.

Ob Studierende sich verändert haben, ist schwierig zu sagen. Eine Professorin in der Soziologie sagt immer, man bekommt die Studierenden, die man sich durch die Rahmenbedingungen und Curricula schafft, d.h. wenn alles darauf ausgerichtet ist, dass Studierende in kurzer Zeit möglichst viele Punkte sammeln sollen und jede Leistung darüber hinaus noch benotet wird, darf man sich nicht wundern, wenn vor allem eine extrinsische Motivation greift.

Wir erleben aber gerade im Schreiblabor, dass Lehrende und Studierende beide gleichermaßen unter solchen Bedingungen leiden. Und wer würde behaupten, dass früher alles besser war? Als Andrea Frank das Schreiblabor 1993 gegründet hat war die explizite Vermittlung des Schreibens an Hochschulen noch etwas Exotisches und viele Studierende haben sich in überfordernde Projekte verstrickt, weil ihnen Deadlines, Betreuung – kurz: Struktur – fehlte. Einen gute Balance zwischen Freiheit und Struktur zu finden, ist eine fortlaufende Aufgabe.

Sie haben sich zum Coach ausbilden lassen. Welche Vorteile ziehen Sie daraus? Und: Sollte jeder Schreibberater eine Coaching-Ausbildung haben?

Ich verstehe Coaching als die prozessorientierte Begleitung von Menschen in professionellen Kontexten. Für die Schreibberatung und auch die Arbeit mit Lehrenden ist die Ausbildung als Coach aus folgenden Gründen für mich sehr wichtig:

  1. Ich kenne meine eigenen Schwächen und Vorannahmen, d.h. ich laufe weniger Gefahr, meine Themen auf mein Gegenüber zu projizieren.
  2. Ich weiß, wo Schreibberatung endet und psychosoziale Beratung anfängt. In der konkreten Situation ist das ja nicht immer sofort klar zu erkennen. Jemand, der mit seinem Schreibprojekt nicht weiterkommt, kann sehr verzweifelt sein und z.B. eine depressive Symptomatik entwickeln. Für mich ist entscheidend, darauf zu achten, ob sich die Symptome verändern, sobald wir in die Schreibberatung einsteigen und ob die Person in der Lage ist, die von mir angebotene Unterstützung produktiv zu nutzen. Wenn ich merke, dass die Schreibberatung nicht greift, würde ich an unsere Kolleg/innen in der Zentralen Studienberatung verweisen.
  3. Haltung ist wichtig. Im Kontakt mit Lehrenden versuche ich, ihre Situation und die Eigenlogiken ihres Handelns nachzuvollziehen. Das bewahrt mich davor, im Hinblick auf das Schreiben missionarisch zu werden. Ich gehe immer erstmal davon aus, dass ich keine Ahnung davon habe, was für jemand anderen richtig und hilfreich ist.
  4. Schließlich hat die Ausbildung mein Verständnis für Veränderungsprozesse geschärft und mich Methoden gelehrt, sie zu gestalten. Für mich ist das Arbeiten mit analogen Methoden, also allem was man haptisch im Raum nutzen kann (Figuren, Karten etc.), wichtig – gerade auch in der Schreibberatung, wo es hilfreich sein kann, Gedanken wirklich ‚greif-bar‘ zu machen.

Wie viel Kontakt haben Sie mittlerweile in einer normalen Arbeitswoche noch mit Studierenden? Wenn ich das richtig sehe, besteht Ihre Tätigkeit mittlerweile auch aus vielen anderen Projekten.

Es stimmt: der Fokus meiner Tätigkeit liegt auf der Arbeit mit Lehrenden. Wir haben es uns im Team aber zur Regel gemacht, dass wir mindestens alle zwei Semester selbst eine Veranstaltung geben. Dadurch habe ich regelmässig Kontakt zu Studierenden.

Die Schreibberatung für Studierende wird mittlerweile zu fast 100% von Studierenden der studentischen Schreibberatung skript.um durchgeführt. Mit diesen Studierenden stehen wir Mitarbeiterinnen des Schreiblabors im engen Austausch. Und ich höre natürlich viel von den anderen Lehrenden. Ich hoffe, dass ich also ingesamt noch ganz gut dran bin, an der Lebens- und Schreibwelt von Studierenden.

Das Buch „Schreiben in der Lehre“: Man spürt beim Lesen des Buches, wie wichtig Ihnen das Thema Schreiben ist. Wieso ist es Ihnen ein solches Anliegen?

Ich glaube, weil das Schreiben im besten Sinne ein Prozess der Individuation ist. Also ein Prozess, in dem man sich selbst (er)findet, aber im Kontakt mit anderen. Der extreme Pendelschlag zwischen auf sich selbst zurückgeworfen sein und gleichzeitig dabei doch permanent auch auf andere bezogen sein fasziniert mich. Deshalb ist mir die Gesprächsmetapher in dem Buch auch so wichtig.

Darüber hinaus bin ich fasziniert von den Wegen, die das Schreiben eröffnet. So habe ich zum Beispiel im Jahr 2007 Keith Hjortshoj an der Cornell University in den USA einen Brief geschrieben, weil ich sein Buch „The Transition to College Writing“ so großartig fand. Darüber kam ein Email-Austausch zustande, der mich dann 2008 für einen Monat an das Knight-Institute-for-Writing-in-the-Disciplines nach Cornell geführt hat. Das hatte dann wiederum viele weitere Auswirkungen, eine davon ist das Buch „Schreiben in der Lehre“. Aber alles begann mit diesem Brief. Das ist also das, was mich begeistert, dass man durch Schreiben in der Welt handeln und etwas bewirken kann.

Sie waren immer wieder in den Vereinigten Staaten. Das hat Sie in Ihrer Arbeit sehr geprägt. Wie stark schätzen Sie selbst den amerikanischen Einfluss auf Ihre Gedanken ein? Und wo wären Sie heute ohne die USA-Aufenthalte?

Sicherlich gäbe es das Buch „Schreiben in der Lehre“ ohne die USA-Aufenthalte nicht. Das heißt nicht, dass für mich die USA das geheiligte Land sind und alles dort nur wunderbar ist. Aber durch eine spezifisch historische Konstellation, ist Schreiben an amerikanischen Universitäten bereits im 19. Jahrhundert gelehrt worden und das hat dazu geführt, dass es bereits sehr früh einen expliziten Diskurs über Formen, Ansätze und Methoden gab. Dieser Diskurs fehlte in Deutschland bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhundert vollkommen.

Wenn man sich also für die Vermittlung des Schreibens an Hochschulen interessiert, kommt man um die USA eigentlich nicht drumherum. Es ist spannend, in die dortigen Debatten einzutauchen und schnell wird deutlich: es gibt natürlich nicht einen Weg, das Schreiben zu lehren, es ist ein umstrittenes und vieldiskutiertes Thema, wie am besten vorzugehen ist. Wir Europäer sind seit vielen Jahren auf der EATAW (European Association for the Teaching of Academic Writing) mit amerikanischen Kolleg/innen im Austausch und durch diesen Austausch und natürlich der ganz konkreten praktischen Arbeit bin ich nach und nach zu einer Einschätzung gekommen, was in unserem Kontext funktionieren könnte. Aber ich lade ja mit dem Buch auch weiterhin zum Experimentieren ein. Es enhält weniger Rezepte als Versuchsanleitungen. Von meinen USA Aufenthalten habe ich vor allem die Gewissheit mitgenommen, dass schon viele, viele Lehrende sich darauf eingelassen haben, mit dem Schreiben in der Lehre neue Wege zu gehen und davon profitiert haben.

Was von den amerikanischen Konzepten ist übertragbar, was nicht?

Ich würde sagen, Grundideen und Haltungen sind übertragbar. So zum Beispiel die Idee, dass Schreiben nicht jenseits der regulären Lehre in Extra-Kursen gelehrt werden sollte, sondern als integraler Bestandteil der fachlichen Auseinandersetzung. Oder das Verständnis, dass Schreiben ein Prozess ist und gute Texte nicht aus einem Geniestreich heraus enstehen, sondern das Ergbnis von handwerklichen Tätigkeiten sind, die man erlernen kann. Wie ich bereits gesagt habe, ich finde es eigentlich das wichtigste, das mal live zu erleben. Wie sieht es aus, wenn diese Ideen und Überzeugungen gelebt werden?

Der Rest ist dann Handwerkzeug und kontextsensible Umsetzung. Hier spielt die Taktung der Seminarsitzungen sicherlich eine Rolle. Wenn in den USA Studierende wöchentlich mehrere Sitzungen mit einem Lehrenden verbringen, bringt das bestimmte Möglichkeiten für regelmässige Schreibaufgaben mit sich. Aber auch in unserem Ein-Wochen-Rhythmus können Schreibaufgaben von einer Sitzung zur anderen gestellt werden. Von all den Konzepten, die ich kennen gelernt habe, fällt mir keines ein, das in unserem Kontext in keinem Fall machbar wäre. Natürlich sind dabei Anpassungen immer notwendig.

Das Lesen als Teil des wissenschaftlichen Arbeitens rückt seit einigen Jahren stärker in den Fokus, auch in Ihrem Buch. Wieso?

Vermutlich habe ich als jemand, der die Vermittlung des Schreibens immer vom Schreibprozess her gedacht hat, eine etwas andere Wahrnehmung. Für das Schreiblabor hat Lesen immer schon unbedingt dazu gehört. Eine der wichtigsten und ältesten Übungen aus dem Repertoire des Schreiblabors stammt von Gabriela Ruhmann und heißt „Aus alt mach neu“ und thematisiert den Übergang vom Lesen zum Schreiben des eigenen Textes.

Sie haben viele Fachkulturen kennengelernt durch Ihr Studium, durch die Tätigkeit in den verschiedenen Projekten und als Reihenherausgeberin. Was war in all den Jahren die überraschendste Erkenntnis in Hinblick auf die unterschiedlichen Fachkulturen?

Überrascht hat mich, dass viele Naturwissenschaftler/innen, das was sie vor dem Aufschreiben des eigentlichen Textes verfasst haben, nicht als Schreiben bezeichnen würden, obwohl ohne Zweifel viel geschrieben wird, wie z.B. die Laborprotokolle in der Biologie oder der Chemie.

Was ist Ihrer Meinung nach das Verbindende zwischen den Fachkulturen? Oder ist das so wenig, dass Wissenschaftliches Arbeiten zwangsläufig fachspezifisch gelehrt werden muss?

Verbindend ist, dass man sich für das Schreiben in jeder Disziplin auf einen ergebnisoffenen Prozess einlassen muss, d.h. man weiß am Ende noch nicht, was dabei heraus kommen wird. Die Tätigkeiten im einzelnen sind fachspezifisch, z.B. die Art und Weise, wie mit wissenschaftlicher Literatur gearbeitet wird. Ich halte eine fachübergreifend arbeitende Schreibdidaktik für sinnvoll und zwar dann, wenn sie sich auf die Schreibprozesse konzentriert.

Wie kann es noch besser und über die Universität Bielefeld hinaus gelingen, die Fachlehrenden für die Bedeutung des Wissenschaftlichen Arbeitens zu sensibilisieren? Wer sollte das tun, und wie?

Ich gehe davon aus, dass Lehrende sich weitgehend einig sind über die große Bedeutung des wissenschaftlichen Arbeitens. Die Meinungen gehen allerdings dahingehend auseinander, wer, wo, an welcher Stelle im Studium für die Vermittlung zuständig ist. Manchmal wird hier gerne der schwarze Peter immer an die nächste Stelle weiter gereichtet: Betreuer von Abschlussarbeiten beklagen, dass die Fähigkeiten nicht bereits im ersten Semester erworben wurden, die Lehrenden der Grundlagenveranstaltungen beschweren sich über das Niveau, mit dem Schüler/innen aus der Schule entlassen werden usw.

Es wäre wichtig, den Mythos, dass es eine Instanz und einen Ort geben könne, an dem Studierende das Schreiben erlernen, aufzugeben. Schreibvermittlung ist eine Gemeinschaftsaufgabe und gelingt am besten in der Zusammenarbeit von Lehrenden in den jeweiligen Fachbereichen und auch in der Zusammenarbeit mit Schreibzentren. Schreiben muss im ganzen Studium stattfinden – mit entsprechender Rückmeldung auf Texte und Gelegenheiten zum Austausch.

Ich versuche in Gesprächen mit Lehrenden deutlich zu machen, dass sie ihre Fachlehre nicht verlassen, wenn sie das Schreiben explizit zum Thema machen, sondern sich im Gegenteil genuin mit dem Fach beschäftigen, nämlich die Art und Weise, wie dort Erkenntnisse generiert werden. Das ist für viele überzeugend.

Über diese individuelle Ebene hinaus, halte ich es hochschulpolitisch momentan für besonders wichtig, sich über die Schreibinitativen Gedanken zu machen, die im Zuge des „Qualitätspakt Lehre“ an vielen Hochschulen in Deutschland entstanden sind. Viele dieser Projekte sind mittlerweile in der zweiten Förderphase, die 2020 ausläuft. Hier müssten dringend Wege zur Verstetigung gefunden werden, weil sonst kostbar erworbenes Erfahrungswissen verloren geht.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Vorbehalte der Lehrenden gegenüber „Schreiben in der Lehre“?

Einige Lehrende fürchten, dass ihnen noch etwas Zusätzliches, Fachfremdes aufgezwungen wird. Ich kann das gut nachvollziehen. Lehrende sind seit Jahren in Reformprozesse involviert – wer begibt sich schon gerne erzwungenermaßen in Veränderung? Hinzu kommt, dass Lehrende in der Regel ja selbst in ihrem Studium erfolgreich Schreibende waren und deshalb erschließt sich nicht jedem, warum eine Veränderung überhaupt notwendig ist.

Wie können Lehrende das Schreiben in die Lehre integrieren, wenn das Lehrformat nicht passt? In Blockseminaren stelle ich es mir beispielsweise schwierig vor, mehr als nur einfache Minutenpapiere zu nutzen.

Ich würde empfehlen, weniger von den Formaten auszugehen, sondern von den Zielen. Was sollen die Studierenden am Ende der Veranstaltung wissen und können? Und wie könnte das Schreiben dabei helfen? Es muss ja nicht um jeden Preis geschrieben werden. In den USA gab es an der Miami University vor einigen Jahren eine Initiative „Less is more“, d.h. es wurde hier sogar empfohlen, die Menge der Schreibaufgaben zugunsten einiger, weniger aber lernträchtiger Aufgaben zu reduzieren.

Das Wichtigste ist also, sich genau zu überlegen, warum man mit welchem Ziel was schreiben lässt. Mit Blockveranstaltungen habe ich gute Erfahrungen, weil Studierenden zu den Sitzungen umfangreichere Texte einreichen können und man dann auch ausreichend Zeit hat, um sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Wenn die Fach-Lehrenden den Ansatz des Schreibens in der Lehre übernehmen, haben sich dann die Schreibberater nicht selbst abgeschafft?

Ich hatte ja bereits den Mythos erwähnt, die Fiktion, dass Schreiben an einer Stelle im Studium von einer Instanz vermittelt wird. Lehrende und Schreibberater/innen haben jeweils eigene Möglichkeiten und im besten Fall ergänzen sich die Angebote. Wir sind in Bielefeld tatsächlich mit dem Anspruch angetreten, uns im Laufe der Jahre überflüssig zu machen. Das war eine etwas vereinfachte Vorstellung.

Was tatsächlich passiert, ist Ausdifferenzierung: Schreibberater/innen sind für mich Schreibprozessexpert/innen mit eigener Beratungsexpertise. Studierende sind in punkto Bewertung und Noten von ihnen nicht abhängig, daher ist die Beratung gerade in persönlich schwierigen Situationen hilfreich. In der Zusammenarbeit mit Lehrenden bringen die Berater/innen eine überfachliche Perspektive mit ein. Sie rezipieren aktuelle Forschung und pflegen den Austausch mit Kolleg/innen – sind also eine Art „Think Tank“ für Themen rund um das Schreiben. Es ist Sache der Universitäten zu entscheiden, ob sie diese Art von Arbeit als Luxus oder als selbstverständlichen Teil ihrer Infrastruktur betrachten.

Wenn Sie einem Studierenden nur einen einzigen Ratgeber zum Wissenschaftlichen Arbeiten empfehlen dürften, welcher wäre es?

Meine Empfehlung ist, sich mehrere Ratgeber zur Hand zu nehmen, es gibt inzwischen ja unglaublich viele, ein bisschen darin zu lesen und dann zu schauen, wie man sich angesprochen fühlt. Ein guter Ratgeber ist ein Herz- und Hosentaschenbuch, eine Vade mecum, das man immer mich sich herumschleppen möchte. Ein Buch, das sich so anfühlt, als sei es genau für einen selbst geschrieben. Und dann damit arbeiten. Ausprobieren, was empfohlen wird. Schreiben!

Welche Projekte stehen bei Ihnen als nächstes an? Oder ist jetzt nach der Fertigstellung des Buches erst einmal eine kreative Pause angesagt?

Mal schauen, was kommt. In jedem Fall werde ich weiterhin Herausgeberin der Reihe „Schreiben im Studium“ sein. Hier sind einige Bände in Arbeit. Als nächster Band erscheint ein Ratgeber zum „Zusammen schreiben“. Darauf freue ich mich sehr.

Swantje Lahm

Swantje Lahm MA

Swantje Lahm arbeitet seit 2002 im Schreiblabor der Universität Bielefeld. Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist derzeit die Zusammenarbeit mit Lehrenden. Ihr Motto ist: „Schreiben ist Planung. Schreiben ist Improvisation.“ Zwischen diesen beiden Polen bewegt sie sich auch selbst – lehrend und schreibend. Hilfreich für die Arbeit mit Schreibenden, Forschenden und Lehrenden aus unterschiedlichen Disziplinen ist der Blick auf Texte und Prozesse, den sie im Laufe ihres Studiums (Geschichte, Soziologie, Osteuropäische Studien) entwickelt hat. Jüngste Publikation: Schreiben in der Lehre. Handwerkszeug für Lehrende. Verlag Barbara Budrich (2016).

 

Ergänzung vom 16. Dezember 2016

An der TU Dresden entsteht ein Schreibzentrum. Aus diesem Anlass ist eine gekürzte Version des Interviews im dortigen Universitätsjournal erschienen (S. 3).