Aller Anfang ist… steinig?

Erinnern Sie sich noch an Ihre allererste Lehrveranstaltung?

Nicht die, die Sie als Studierende besucht haben, sondern die, bei der Sie sich auf der anderen, auf der aufregenderen Seite des Geschehens wiederfanden?

Die allererste Lehrveranstaltung! Die, für die Sie tagelang einen Foliensatz erstellt und anschließend optimiert und noch einmal optimiert haben? Die, bei der Sie dann vor lauter Nervosität das Laptop nicht mit dem Beamer verbinden konnten, weil der verflixte Stecker einfach nicht in die Buchse passen wollte? Die, bei der Sie am Ende so erleichtert waren, weil niemand eine Zwischenfrage gestellt hat, die Sie nicht beantworten können?

Ich bin mir sicher, Sie erinnern sich. Oh, und wie Sie sich erinnern!

Mittlerweile sind Sie Profi und nehmen diese Situationen mit links. Aus den Schwierigkeiten, die einst groß wie Felsen vor Ihnen lagen, sind Kieselsteinchen geworden.

Aller Anfang ist… einsam

Szenenwechsel. Ein Arbeitstreffen in München, April 2017. Ich rede mit Natascha Miljkovic aus Wien, und zwar zwei Tage am Stück. In einem Café im Westend, am nächsten Morgen in einem weiteren Café nahe des Englischen Gartens, mittags in einem kleinen Restaurant und nachmittags in einer Hotellobby beim Tee.

Kennengelernt haben wir uns virtuell, über unsere jeweiligen Blogs, die ja thematisch gut zusammenpassen. Natascha Miljkovic hat mir im Januar 2016 ein Interview gegeben, ich habe wenige Monate darauf mit meinem Manifest an ihrer Blogparade teilgenommen. Später kamen mehr oder minder regelmäßige Skype-Termine dazu, die dann zu dem besagten Live-Treffen in München geführt haben.

Unsere Gespräche kreisten (und kreisen) immer wieder um ein Thema: „Wie kann man den Studierenden das Erlernen des wissenschaftlichen Arbeitens erleichtern?“

Von diesem Punkt gelangen wir schnell zum nächsten: „Vieles liegt an den Lehrenden.“

Der nächste Gedankenschritt war schnell gemacht: „Schon der Einstieg in die Lehre ist schwierig. Am Anfang sind die meisten Lehrenden auf sich gestellt. Und neben der Lehre warten außerdem noch viele andere Aufgaben auf sie.“

Der Anfang ist ein Thema

Ab diesem Moment war uns beiden klar, dass wir uns dieses Themas annehmen wollten. Wir überlegten, welche Form einer Veröffentlichung wir anstreben sollten. Einen Fachartikel vielleicht? Im Laufe der Zeit entstand die Idee, eine Umfrage unter Lehrenden aufzusetzen, um neben unseren subjektiven Eindrücken auch die Erfahrungen weiterer Personen mit den unterschiedlichsten fachlichen und institutionellen Hintergründen einzubeziehen. Wir erstellten eine kurze Umfrage mit etwa 20 Fragen, die wir nach dem Pre-Test über per E-Mail, in einschlägigen Foren und Gruppen sowie natürlich über unsere Blogs bekanntmachten.

Die Ergebnisse der Umfrage bestätigten in weiten Teilen unsere Wahrnehmung: Der Anfang ist ein Thema. Der Einstieg in die Lehre sollte noch viel stärker behandelt werden, als das bisher geschieht. Vor allem die Fragen, bei denen freie Textantworten möglich waren, gaben uns tiefe Einblicke in das Denken und Fühlen der Lehrpersonen. Sie berichteten von ihrer aktuellen Situation, aber auch von ihrem oft steinigen Weg hin zu dem Tag, an dem sie sich wirklich erstmals als kompetente Lehrkraft wahrnehmen.

Der Anfang verdient ein Buch

All das führte Natascha Miljkovic und mich zu einer neuen Idee: „Daraus könnte doch ein Buch werden!“ Nur wie und wo sollten wir das veröffentlichen? Die Idee, das Buch im Self-Publishing herauszubringen, haben wir relativ schnell verworfen. Zu groß wäre an der Stelle für das Risiko gewesen, von den bei diesem Thema so wichtigen Bibliotheken nicht ausreichend wahrgenommen zu werden.

Das Exposé für die Verlagssuche war dank der Vorarbeiten zügig geschrieben. Nach einer intensiven Recherche wendeten wir uns an den ersten Verlag. Dieser reagierte prompt – zu unserer großen Freude auch noch positiv: Ja, das sei ein hervorragender Vorschlag, wir müssten unbedingt ins Gespräch kommen! Diese Freude löste sich allerdings in Luft auf, als wir den Vertragsentwurf sichteten. Die Verhandlungen zogen sich dementsprechend in die Länge, weil die Vorstellungen sehr weit auseinanderlagen. Letztlich waren die Konditionen für uns als Autorinnen einfach nicht stimmig, so dass wir beschlossen, erneut auf die Verlagssuche zu gehen.

Wir sichteten unsere Optionen und wendeten uns an einen zweiten Verlag. Auch hier erhielten wir sehr schnell eine positive Antwort. Aufgrund der Vorerfahrungen war die Freude darüber zunächst etwas verhaltener. Nachdem dann jedoch die Vertragsverhandlungen recht angenehm und vor allem zufriedenstellend verliefen, breitete sich das gute Gefühl aus, dass das Buch nun – endlich! – seine Verlagsheimat gefunden hatte.

Long story short: Wir freuen uns, mitteilen zu dürfen, dass das Buch im Oktober 2019 bei Haupt/UTB erscheinen wird!

Aller Anfang ist… ein Kieselstein?

Wir verbinden mit diesem Buch die Hoffnung, den Neu-Lehrenden hilfreiche Gedanken auf den Weg zu geben, damit sie aus den anfangs erwähnten Felsbrocken Kieselsteinchen machen können.

„Den Einstieg in die Hochschullehre erfolgreich zu meistern, ist nicht einfach: Wie gelingt es, den Anforderungen des Lehrstuhls/des Instituts gerecht zu werden? Wie gelingt es, die Studierenden abzuholen; die wesentlichen Inhalte in knapp bemessener Zeit zu lehren und gleichzeitig Begeisterung für das Studienfach zu wecken? Und wie soll es gelingen, neben diesem ganzen Anforderungskatalog die eigene Forschung und die eigene Karriere weiter voranzutreiben? Mit ihrem Ratgeber werden Andrea Klein und Natascha Miljkovic die offensichtlich dringend nötige Unterstützung leisten. Das praxisorientierte Konzept mit vielen Beispielen und Reflexionsfragen hat uns als Verlag sofort überzeugt.“ – Dr. Martin Lind, Lektor im Haupt Verlag

 

 

Falls Sie auf dem Laufenden bleiben möchten, tragen Sie sich am besten in diese Liste ein:

Ja, ich möchte Informationen über die Neuerscheinung zum Einstieg in die Hochschullehre erhalten.

Wir versorgen Sie dann in unregelmäßigen Abständen mit Neuigkeiten. Sie können sich selbstverständlich jederzeit aus der Liste austragen.

 

Lehrveranstaltungen zum Wissenschaftlichen Arbeiten – So packen Sie Ihre Studierenden

Ein Gastbeitrag von Dr. Ulrike Hanke

 

Langsam füllen sich die Reihen. Es wird getuschelt, technische Geräte werden platziert und angeschlossen, Schreibutensilien bereitgelegt. Vorne steht Frau Dr. Barlin und beobachtet das Treiben. Sie ist schon sehr gespannt auf das Seminar, denn sie hat sich ein neues Konzept ausgedacht.

Dann beginnt sie mit dem Unterricht. Sie begrüßt die Studierenden, stellt sich kurz mit Namen vor und benennt das Thema des Seminars. Dann beginnt sie zu erzählen: Sie erzählt, wie sie vor ein paar Jahren vor der Aufgabe stand, ihre BA-Arbeit schreiben zu müssen, wie verloren sie sich gefühlt hat, wie sie bei der Literatursuche nicht weiterkam, wie ihr Betreuer ihre erste Gliederung niedergemacht hat, wie er verlangte, dass sie viel mehr Quellen benennen sollte. Sie erzählt, wie sie danach verzweifelt suchen musste, wo sie die Informationen herhatte und wie sie oft einfach alles hinschmeißen wollte.

Noch schauen die Studierenden Frau Dr. Barlin etwas irritiert an, aber die Aufmerksamkeit hat sie.

Nun deutet sie auf den Stapel gebundener Hefte auf ihrem Tisch und erklärt den Studierenden: „Dies sind BA-Arbeiten. Und in ca. 2 ½ Jahren stehen sie vor der Aufgabe, eine solche Arbeit zu schreiben. Schon davor müssen Sie kürzere Arbeiten wie Seminararbeiten schreiben.“ Dabei deutet sie auf den kleineren Stapel von Schnellheftern neben den BA-Arbeiten. Sie fährt fort: „In diesem Seminar zum Thema ‚Wissenschaftliches Arbeiten‘ möchte ich Sie dabei unterstützen, dass Sie von Anfang an, keine solchen Erfahrungen machen müssen, wie ich, sondern schon Ihre erste Seminararbeit souverän schreiben. Dafür möchte ich Sie nun bitten, sich diese Arbeiten anzusehen und dann in Gruppen zu überlegen, was Sie in diesem Seminar lernen müssen, damit es Ihnen künftig nicht so geht, wie es mir ergangen ist.“

Dann teilt sie die BA-Arbeiten und Seminararbeiten unter den Studierenden aus.

Sogleich blättern diese interessiert darin herum und beginnen zu diskutieren.

Frau Dr. Barlin freut sich. Ihr Konzept ist aufgegangen. Der Einstieg ins Seminar ‚Wissenschaftliches Arbeiten‘ ist gelungen.

Warum? Was hat diese Dozentin richtig gemacht?

Sie hat die Studierenden mit ihrer persönlichen Geschichte überrascht. Dadurch hat sie sie irritiert und ihre Aufmerksamkeit geweckt. Nicht ausgeschlossen, dass die eine oder der andere Student ihr die Geschichte nicht abgekauft hat; dessen Aufmerksamkeit hat sie dennoch geweckt.

Dann hat sie den Studierenden aufgezeigt, was auf sie zukommen wird und hat dadurch ganz nebenbei die Relevanz der Lehrveranstaltung und deren persönlichen Nutzen für die Studierenden verdeutlicht.

Durch die beiden Schachzüge

  • Storytelling und
  • Relevanz/Nutzen aufzeigen

hat sie die Bereitschaft der Studierenden geschaffen, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Ein solcher Einstieg in Lehrveranstaltungen zum ‚Wissenschaftlichen Arbeiten‘ ist vor allem dann wichtig, wenn diese Lehrveranstaltungen nicht direkt am sogenannten Point of Need durchgeführt werden, also nicht genau dann, wenn die Studierenden aktuell an einem Projekt arbeiten, das wissenschaftliches Arbeiten erfordert, also z.B. gerade an ihrer BA-Arbeit schreiben. Schreiben Studierende gerade eine solche Arbeit, benötigt man als Dozent/in keinen solchen Einstieg. Dann kann man sich der Aufmerksamkeit auch so sicher sein, weil die Studierenden sich von der Veranstaltung Unterstützung erhoffen.

In Lehrveranstaltungen, die nicht direkt am Point of Need stattfinden, eignet es sich deshalb, mit Storytelling zu beginnen und den Nutzen der Veranstaltung für die Studierenden klar herauszustellen.

Aber warum ist das so? Warum und wie wirkt Storytelling beim Lehren und Lernen? Und warum sollte man den Nutzen einer Lehrveranstaltung aufzeigen?

Die Psychologie des Einstiegs in Lehrveranstaltungen

Menschen haben in jeder Situation verschiedene Möglichkeiten zu handeln. Es gibt stets zahlreiche Dinge, denen sie ihre Aufmerksamkeit schenken können. So auch in Lehrveranstaltungen: Sie können der Lehrveranstaltung folgen, sie können sich ihren Kommiliton/inn/en zuwenden, sie können im Internet surfen, Whatsapps schreiben oder einfach ihren Gedanken nachhängen, um nur einige zu nennen.

Was aber gewinnt den „Wettkampf“ um die Aufmerksamkeit? Es ist das, was die meiste Aufmerksamkeit erzeugt. Dabei wird Aufmerksamkeit dann erzeugt, wenn ein sogenanntes mentales Ungleichgewicht (Piaget, 1976) ausgelöst wird, wenn Menschen also mit etwas konfrontiert werden, das sie irritiert, das sie nicht verstehen, das neu und andersartig ist, etwas das ihre Emotionen (Jäncke, 2014, Beck, 2015) anspricht, jedoch nicht bedroht. Da Menschen nach innerem Gleichgewicht streben, führt ein Ungleichgewicht automatisch dazu, dass Menschen beginnen, sich mit dem Ungleichgewicht und möglichen Lösungen dafür zu beschäftigen (Seel, 2017). Sie haben also einen Grund, ein Motiv dafür, etwas zu tun: Sie erwarten, so ihr Gleichgewicht wiederherzustellen. Sie erkennen also einen Nutzen darin, Engagement zu zeigen (Martin, 2017, Lewin, 1969).

Grundsätzlich sind auch Studierenden immer in Lehrveranstaltungen, weil sie darin einen grundsätzlichen Nutzen erkennen: Sie möchten mehr über das Thema erfahren (vor allem bei Wahlveranstaltungen), sie möchten eine Prüfung bestehen, sie möchten nötige ECTS sammeln, um schließlich ihr Studium absolvieren zu können.

Zumindest bis zu einem gewissen Grad sind die Studierenden, die einer Lehrveranstaltung sitzen, also motiviert und bereit, sich anzustrengen.

Wie oben gezeigt wurde, konkurrieren in der Lehrveranstaltungssituation dann aber dennoch viele verschiedene Dinge um die Aufmerksamkeit der Studierenden. Es ist deshalb die Aufgabe der Dozierenden, die Aufmerksamkeit der Studierenden zu halten und zu verstärken und ihnen den Nutzen des Themas aufzuzeigen.

Mit dem Storytelling (Adamczyk, 2015) zieht die Dozentin in unserem Beispiel zu Beginn der Lehrveranstaltung die Aufmerksamkeit der Studierenden auf sich und ihre Geschichte. Durch die Geschichte löst sie bei den Studierenden einen Ungleichgewichtszustand aus, denn diese beginnen nachzuvollziehen, dass ihnen die in der Geschichte erzählte Situation auch bevorstehen könnte. Die Dozentin verstärkt dieses Gefühl bei den Studierenden dann noch dadurch, dass sie explizit sagt, dass die Studierenden demnächst eine Seminararbeit schreiben müssen und ihnen solche Arbeiten zur Ansicht gibt. Sie zeigt ihnen damit auf, was sie nicht können und macht dadurch das Ungleichgewicht spürbar. Indem sie dann aufzeigt, dass diese Lehrveranstaltung die Studierenden dabei unterstützt, solche Arbeiten zu schreiben, indem sie ihnen also in Aussicht stellt, sie dabei zu unterstützen in ein neues Gleichgewicht zu finden, zeigt sie den Nutzen auf und gibt den Studierenden damit einen Grund, der Lehrveranstaltung zu folgen.

Denken also auch Sie daran,

  • die Aufmerksamkeit der Studierenden zu Beginn der Lehrveranstaltung auf sich und vor allem auf das Thema der Veranstaltung zu lenken.
  • Sprechen Sie dabei Emotionen an und lösen Sie dadurch ein Ungleichgewicht aus, so dass die Studierenden den Nutzen der Lehrveranstaltung für sich erkennen.

 

Viel Spaß beim Ausprobieren.

 

Sind Sie neugierig, wie unsere Dozentin Frau Dr. Barlin den weiteren Verlauf der Veranstaltung gestalten könnte? Dann schauen Sie doch mal in das E-Book „Ideen für gelingende Lehrveranstaltungen“ oder schauen Sie in der Facebook-Gruppe „Hochschuldidaktik“ vorbei.

Weitere Ideen für Einstiege in Lehrveranstaltungen finden Sie im kostenlosen Online-Kurs „Aktivierende Methoden für Einstiege in Lehrveranstaltungen“.

 

 

Dr. Ulrike Hanke ist Privatdozentin für Erziehungswissenschaft an der PH Freiburg und freiberufliche Dozentin für Hochschul- und Bibliotheksdidaktik. Sie hat zahlreiche Fachbücher publiziert, Online-Kurse erstellt und ist in den Sozialen Medien aktiv. Weitere Infos unter: www.hanke-teachertraining.de

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur

Adamczyk, G. (2015). Storytelling. Mit Geschichten überzeugen. 2. Auflage. Freiburg: Hauffe.

Beck, H. (2015). Hirnrissig. Die 20,5 größten Neuromythen – und wie unser Gehirn wirklich tickt. München: Goldmann-Verlag.

Jäncke, L. (2014). Die Neurobiologie des menschlichen Lernens. In: Bachmann, H. (Hrsg.), Kompetenzorientierte Hochschullehre. Die Notwendigkeit von Kohärenz zwischen Lernzielen, Prüfungsformen und Lehr-Lern-Methoden (2. überarbeitete und erweiterte Auflage) (S. 127-146). Bern: hep.

Lewin, K. (1969). Grundzüge der topologischen Psychologie. Bern.

Martin, A. (2017). Handlungstheorie. Grundelemente des menschlichen Handelns. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Piaget, J. (1976). Die Äquilibration der kognitiven Strukturen. Stuttgart: Klett-Verlag.

Seel, N. M. (2017). Model-based learning: a synthesis of theory and research. Educational Technology and Research and Development 65 (4), S. 931-966.

Phänomenal dual

Vor ein paar Monaten sprach ich am Rande einer Lehrveranstaltung mit einem Studierenden über die Pläne für mein zweites Buch. Thema: Wissenschaftliches Arbeiten im dualen Studium. Er tat mein Vorhaben ab: „Wissenschaftliches Arbeiten im dualen Studium? Da sind Sie ja schnell fertig mit dem Schreiben. Das braucht man nicht, das ist sowas von überflüssig.“

Zum Glück lasse ich mir ja meinen Enthusiasmus nicht so schnell nehmen, und zum Glück weiß ich auch, dass seine Aussage in dieser Form einfach nicht stimmt. Aber seit ich in dualen Studiengängen lehre, kenne ich ähnliche Gedanken, die Studierende in den Lehrveranstaltungen „Wissenschaftliches Arbeiten“ äußern, wie etwa: „Hätte ich Wissenschaftler werden wollen, hätte ich doch gleich klassisch an der Uni studiert!“

An Dualen Hochschulen und Berufsakademien kursiert übrigens der folgende Witz:

Sagt der Uni-Bachelor in der Master-Einführungsveranstaltung zum Dualen Bachelor: „Oh je, wissenschaftliches Arbeiten, da habe ich keinen Plan…“. Sagt der duale Student: „Was, echt? Das habe ich gleich ab dem ersten Semester gelernt!“

Eine verkehrte Welt, oder? (Dazu auch interessant: Unterrichten wir zu viel Wissenschaftliches Arbeiten?). Ich finde, es ist an der Zeit, mit dem alten Vorurteil aufzuräumen, dass ein duales Studium „unwissenschaftlich“ ist.

Der wissenschaftliche Anspruch in einem dualen Studium

Der Wissenschaftsrat hält in seinen „Empfehlungen zur Entwicklung des dualen Studiums“ fest:

„Ziel des dualen Studiums ist eine Doppelqualifizierung der Absolventinnen und Absolventen mit wissenschaftlichem Anspruch. […] Der Praxisbezug darf nicht die Qualität der wissenschaftlichen Ausbildung beeinträchtigen. Das duale Studium soll die Absolventen befähigen, innovativ und kreativ auf neue Problemstellung zu reagieren und kritisch urteilen zu können. […] Wissenschaftliche Kernkompetenzen sorgen für Innovations-, Anpassungs- und Weiterbildungsfähigkeit der künftigen Mitarbeiter, also für Eigenschaften, die für technologische Veränderungen und die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen/Einrichtungen von großer Bedeutung sind.“ (Wissenschaftsrat 2013, S. 29).

Und weiter:

„Bei der Gewährleistung wissenschaftlicher Mindestanforderungen gilt es für die Hochschulen/Berufsakademien, den Balanceakt zu bewältigen, eine höhere Praxiskompetenz zu befördern und gleichzeitig breite wissenschaftliche Methoden- und Grundlagenkenntnisse zu vermitteln, die über die unmittelbaren Kompetenzbedarfe der Unternehmen hinausgehen.“ (Wissenschaftsrat 2013, S. 31 f.)

Der generelle wissenschaftliche Anspruch des dualen Studiums ist damit festgeschrieben. Die Vermittlung von wissenschaftlichen Grundlagen- und Methodenkenntnissen unterscheidet das Studium von einer Ausbildung, und im Vergleich zu einem klassischen Studium soll der Praxisbezug hinzukommen, ohne die Qualität der wissenschaftlichen Ausbildung zu beeinträchtigen.

Kann das funktionieren? Wie kann man denn etwas hinzufügen, ohne das Vorhandene entsprechend zu reduzieren? Erstens: Das geht sehr gut, wenn man die Gesamtarbeitsbelastung erhöht. Die jüngsten Erhebungen ermitteln etwa 50 Stunden pro Woche für Studium und Beruf in dualen Studienmodellen gegenüber 41 Stunden im klassischen Vollzeitstudium (BMBF 2017, S. 60). Ob das gut so ist, seit einmal dahingestellt.

Zweitens: Das geht auch dann hervorragend, wenn man das Vorhandene modifiziert und mit dem Neuen verbindet. Et voilà, schon haben wir das duale Studienmodell. Durch Verknüpfung des wissenschaftlichen Arbeitens mit dem Praxisbezug entsteht ein neuer Weg. In dualen Studiengängen braucht es daher eine modifizierte Art des wissenschaftlichen Arbeitens, die es erlaubt, die Praxis zu integrieren.

Inhaltliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Lehre

Wer in der Lehre in einem dualen Studiengang nach seinem 08/15-Konzept „Wissenschaftliches Arbeiten“ vorgeht, wird damit zwar einigermaßen weit kommen und den Studierenden sicher auch wichtige Inhalte auf ihrem Weg mitgeben. Aber der Kern der Sache bleibt leider unbeachtet. Das zeigt sich dann in den vielen speziellen (und berechtigten!) Fragen, die die Studierenden im Laufe der Stunden stellen werden.

Die Gemeinsamkeiten zu den gewöhnlichen Lehrveranstaltungen beinhalten selbstverständlich die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens wie akademische Redlichkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit usw. sowie das Arbeiten mit wissenschaftlicher Literatur. Auch der Schreibprozess gestaltet sich nicht wesentlich anders (das Überarbeiten hingegen schon, da hier der Praxispartner auch Ansprüche an den Text stellt).

Im dualen Studium stoßen die Studierenden jedoch auf Schwierigkeiten, die im klassischen Studienmodell selten oder nie auftauchen, und auf Ungewöhnliches, das in den herkömmlichen Ratgebern nicht abgedeckt ist. Deswegen ist es umso wichtiger, diese Themen in der Lehre anzusprechen.

Beginnen wir bei den Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Schreibens im dualen Studium:

  • Es liegen ein anderes Forschungsverständnis und ein anderer Forschungsansatz zugrunde: die Praxisforschung.
  • Es ist notwendig, eine Theorie-Praxis-Verknüpfung herzustellen und einen Transfer zu leisten.
  • Eine zusätzliche Wissensart fließt in die Arbeiten ein: das Praxiswissen.
  • Die Arbeiten richten sich an einen doppelten Adressaten: Die Texte werden an der Hochschule und beim Praxispartner gelesen.

Auch bei der Gestaltung des Texts sind zusätzliche Aspekte zu beachten:

  • Welche Arten von wissenschaftlichen Arbeiten gibt es im dualen Studium?
  • Wie ist der korrekte Umgang mit Informationen des Praxispartners?
  • Welche Arten der Gliederung eignen sich für die Verknüpfung von Theorie und Praxis?

Aus der Prozessperspektive bleiben schließlich zu erwähnen

  • die veränderte Zeitplanung und
  • das Überarbeiten im Zusammenspiel mit dem Praxispartner.

In diesem Artikel möchte ich mir eine sehr wichtige Rahmenbedingung herausgreifen, die Notwendigkeit der Theorie-Praxis-Verknüpfung.

Duale Arbeiten verknüpfen Theorie und Praxis

Ohne Zweifel ist die viel zitierte Theorie-Praxis-Verknüpfung die Besonderheit des dualen Studiums und zugleich eine riesige Herausforderung für alle Beteiligten.

Das Verständnis dafür, was „Theorie“ überhaupt ist, muss dabei mit den Erstsemestern erst einmal aufgebaut werden. Oftmals wird unter „Theorie“ eben das verstanden, was in Büchern steht. Der ganze theoretische Kram eben, Sie wissen schon. Alles, was nicht unmittelbar mit Praxis und eigenem Handeln zu tun hat, muss ja wohl Theorie sein. Eher allgemein gehaltene Aussagen sind „Theorie“. Letztlich ist „Theorie“ in dieser Sichtweise weltfremd und nutzlos. Man beschäftigt sich damit, weil es das Curriculum so vorsieht.

Ein wenig verhält sich das wie in der Fahrschule, in der man Theoriestunden und Fahrstunden nimmt. Bei Ersteren wird in klassischem Unterricht Basiswissen über den Straßenverkehr gepaukt mit dem Zweck, die Prüfung zu bestehen. Danach „darf“ man das in weiten Teilen wieder vergessen, denn „in der Praxis ist eh vieles anders“.

Der Begriff „Theorie“ im wissenschaftlichen Sinn muss daher in den Lehrveranstaltungen erst aufgebaut und gefestigt werden, bevor der gute alte Lewin bemüht werden darf: „There is nothing so practical as a good theory.“ (Lewin 1951, S. 169). Diese Aussage erschließt sich den Studierenden in den seltensten Fällen direkt und bietet somit einen guten Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen.

Ähnliches gilt für den Satz „Theorien sind […] Handlungs- und Praxisinstrumente.“ (Fichten 2012, S. 17). Es ist nach Fichten eine „Rückübersetzung“ zu leisten: Die entsprechenden Theorien müssen auf die praktischen Probleme (rück)bezogen werden, für die sie passend erscheinen und für die sie ursprünglich entwickelt wurden. Fichten bezieht das auf das forschende Lernen, für das duale Studium passen das ebenso.

Umsetzung in den Texten

Die so verstandene Theorie-Praxis-Verknüpfung durchzieht im Idealfall den kompletten Text und soll sich selbstverständlich auch in einer aussagekräftigen Gliederung niederschlagen. Aus der Gliederung eines solchen Texts ist neben dem logischen Aufbau und der Gewichtung der Textteile auch die besondere Art der Fragestellung ersichtlich.

Im Wesentlichen gibt es zwei Möglichkeiten, um die Verknüpfung darzustellen: mit einer Blockgliederung oder mit einer alternierenden Gliederung. (Das IMRAD-Modell für bestimmte empirische Arbeiten lassen wir einmal außen vor.). Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. In der Lehre gilt es daher, mit den Studierenden gemeinsam zu erarbeiten, welche Art der Gliederung für ihre Fragestellung passender erscheint. Aber auch der Schreibprozess sollte beleuchtet werden. Beim Schreiben fällt es vielen Studierenden – so meine Erfahrung der vergangenen Jahre – deutlich leichter, nach dem Blockmodell vorzugehen. Dabei werden im ersten Block die theoretischen Inhalte dargestellt und im zweiten die praktischen. Dieses Vorgehen erscheint einfacher, weil „man ja die Theorie einfach nur zusammenschreiben muss“, sprich einfach schon einmal mit dem Schreiben loslegen kann. Letztlich kommt es dann sehr stark auf die Überarbeitungsphase an, so dass nicht Theorie und Praxis unverbunden nebeneinanderstehen, sondern sich die beiden Blöcke wirklich stimmig zueinander verhalten.

Verkehrte Welt

Nach nunmehr zehn Jahren Lehre und Betreuung im dualen Studium komme ich zu dem Schluss: Wissenschaftliches Arbeiten im dualen Studium ist garantiert nicht überflüssig und schon gar nicht einfacher als anderswo.

 

Das eingangs erwähnte Buch ist übrigens mittlerweile fertiggestellt und im Handel erhältlich:

Klein, Andrea (2018): Wissenschaftliches Arbeiten im dualen Studium. München: Vahlen.

 

Literatur

BMBF (2017): Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2016. 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. Bonn und Berlin: o.V.

Fichten, Wolfgang (2012): Über die Umsetzung und Gestaltung Forschenden Lernens im Lehramtsstudium. Verschriftlichung eines Vortrags auf der Veranstaltung „Modelle Forschenden Lernens“ in der Bielefeld School of Education 2012. In: Schriftenreihe Lehrerbildung in Wissenschaft, Ausbildung und Praxis, Hrsg. Didaktisches Zentrum der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Internetquelle abgerufen unter https://www.uni-oldenburg.de/fileadmin/user_upload/diz/download/Publikationen/Lehrerbildung_Online/Fichten_01_2013_Forschendes_Lernen.pdf.

Lewin, Kurt (1951). „Problems of Research in Social Psychology“. In: Field Theory in Social Science. Selected Theoretical Papers, Lewin, Kurt und Dorwin Cartwright (Hrsg.), New York: Harper & Row.

Wissenschaftsrat (2013): Empfehlungen zur Entwicklung des dualen Studiums. Positionspapier. Drs. 3479-13, Mainz: o.V. Internetquelle abgerufen unter https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/2479-13.pdf.

Weiterführende Links

Antwort an Leonie: Die besondere Situation im dualen Studium

 

Die Sektkorken knallen – der 100. Blogartikel steht online

Lassen Sie uns feiern!

Mittlerweile stehen in diesem Blog sage und schreibe 100 Beiträge online. Ein guter Zeitpunkt, um ein wenig zurück- und anschließend auch vorauszuschauen.

Der bisher einzige Jubiläumsbeitrag erschien im Juli 2016 („Oh, Du bist aber groß geworden“), darin blicke ich auf das erste Blogjahr und 50 veröffentlichte Beiträge zurück. Dass es nun zwei weitere Jahre für die nächsten 50 brauchte, liegt an der veränderten Frequenz. Die Beiträge erscheinen regulär nur noch zweiwöchentlich statt wöchentlich.

Eine kleine Blog-Statistik

Von den 100 echten Beiträgen (Ankündigungen habe ich herausgerechnet) sind

  • 86 selbst verfasste Artikel
  • 10 Gastbeiträge und
  • 4 Interview-Beiträge.

Von den aktuell 112 Kommentaren stammen 66 von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, und 46 Mal habe ich mich daraufhin zu Wort gemeldet.

Die fünf meist gelesenen Artikel sind aktuell:

Nicht verschweigen möchte ich an der Stelle, dass der mit Abstand am häufigsten geklickte Artikel gar nicht von mir ist, sondern der Gastbeitrag von Daniela Keller zum Thema Statistische Auswertungen, Irrtümer vermeiden. Dieses Thema trifft einen Nerv!

Weiterhin sehr beliebt ist das Schlagwort „Zeitmanagement“ (das war es schon im ersten Blogjahr), mit den Schlagwörtern „Schreibberatung“ und „Studierende“ bildet es die Top 3. Bei den Kategorien sind die „Materialien“ der Spitzenreiter.

Meine persönliche Statistik

Bei mir persönlich hat sich einiges getan seit dem ersten Bloggeburtstag:

Mein Buch zum wissenschaftlichen Arbeiten ist erschienen, von mir mittlerweile liebevoll „Buch 1“ genannt (sorry, Diss, Du zählst da nicht).

Denn Buch 2 und 3 sind im Entstehen:

  • Der Titel von Buch 2 ist „Wissenschaftliches Arbeiten im dualen Studium“, es erscheint im Oktober bei Vahlen. Hier bin ich gerade am letzten Feinschliff.
  • Bei Buch 3 handelt es sich um ein gemeinsames Projekt mit Dr. Natascha Miljkovic. Details dazu folgen zu gegebener Zeit.
  • Eine Idee für Buch 4 hat sich bereits in mein Gehirn geschlichen, aber das muss wohl erst einmal warten.

Abseits des Schreibens gibt es auch einige neuere Entwicklungen. Hier weiß ich gar nicht, wo ich anfangen (und aufhören!) sollte mit dem Erzählen. Vielleicht eine Information noch: Seit einigen Monaten bin ich übrigens Mitglied in der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung (gefsus) und deren SIG Forschung und durfte bei der Erstellung des Positionspapiers mitwirken.

Neue, spannende Projekte warten in den kommenden Monaten auf mich. Diese sind allerdings auch noch nicht spruchreif. Nur so viel: Es geht um Lehrende, um Konzepte und Workshops und außerdem um Coaching.

Und jetzt Sie!

Ich, ich, ich – ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich mich in diesem Beitrag so in den Mittelpunkt gestellt habe.

Sie könne sich aber sehr gern einbringen und mir in den Kommentaren schreiben

  • Über welche Themen möchten Sie mehr lesen?
  • Wen soll ich dringend einmal interviewen?

Außerdem dürfen Sie mir gern behilflich sein, indem Sie Interessierte auf den Blog aufmerksam machen.

  • Welche fünf Kolleginnen und Kollegen sollten unbedingt von diesem Blog wissen?

 

 

 

Nein, die ist nicht klug!

Dieser Beitrag knüpft an den Beitrag „Nein, der ist nicht faul!“ an.

Folgendes Szenario: Sie lesen Hausarbeiten (wieder einmal) und kommen zur Arbeit einer Ihnen bereits bekannten Studentin. Sie sehen ein wohl recherchiertes Literaturverzeichnis (wieder einmal). Sie sehen einen roten Faden in der Gliederung und eine schlüssige Argumentation (wieder einmal).

Ein tiefes, wohliges Seufzen.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie?

  • „Die hatte wohl richtig Lust auf das Thema.“
  • „Die hat es einfach verstanden.“
  • „Die hat es halt drauf.“
  • „Die ist so klug.“

Übrigens, ab hier nimmt der Artikel eine andere Wendung als der Vorgänger-Artikel. Sie müssen also nicht befürchten, sich beim Weiterlesen zu langweilen.

Eine Warnung

Im ersten Beitrag haben Sie erfahren, welche verheerenden Auswirkungen negative Zuschreibungsmuster haben. Diese sollten wir als Lehrende daher nicht noch ungewollt verstärken. Stattdessen bauen wir besser gemeinsam mit den Studierenden neue positive Muster auf. So weit, so gut.

Was hat es jetzt aber mit den positiven Zuschreibungen auf sich? Die müssten ja eigentlich gut sein.

Oder?

Achtung, auch die positiven Muster sind ein wenig mit Vorsicht zu genießen.

Die ständige Wiederholung einer internen, stabilen und globalen Zuschreibung hat vielleicht gar nicht so positive Auswirkungen, wie Sie sie meinen.

Wie bitte?

Sollen Sie jetzt Ihren Studierenden nicht mehr sagen dürfen, dass Sie sie für klug, überdurchschnittlich intelligent, ganz besonders intellektuell begabt und wundervoll halten?

Was passiert, wenn Sie jemanden so etikettieren? Sie zementieren damit unter Umständen eine Vorstellung, die heißt: „Ich verfüge über ein bestimmtes, vergleichsweise hohes Ausmaß an Intelligenz. Meine Arbeit muss mir also mühelos gelingen, anderenfalls wäre ich ja vielleicht doch gar nicht so klug.“ Carol S. Dweck, die bekannte amerikanische Psychologin, nutzt dafür den Begriff fixed mindset. Sie zitiert eine ihrer Studentinnen:

„I remember often being praised for my intelligence rather than my efforts, and slowly but surely I developed an aversion to difficult challenges. […] This was my greatest learning disability – this tendency to see performance as a reflection of character and, if I could not accomplish something right away, to avoid that task or treat it with contempt.“ (Dweck 2008, S 176)

Das Gegenstück zum fixed mindset ist das viel hilfreichere growth mindset. Menschen mit dieser Ansicht glauben, dass sie sich durch Anstrengung und Übung und ja, auch durch das Genießen guter Lehre, verbessern können. Das erhöht laut Dweck nicht nur ihre Motivation, sondern auch ihre Leistung.

Sie verstehen, worauf ich hinaus möchte?

Beim Begutachten das growth mindset fördern

Beim Begutachten können wir als Lehrende viel dafür tun, dass Studierende sich weiter entwickeln wollen und auch die dafür nötige Anstrengung als etwas Positives begreifen.

Besonders gelungene Textstellen dürfen Sie natürlich der Person und nicht den Umständen zuschreiben. Sobald Sie dabei jedoch Stabilität und Allgemeingültigkeit implizieren, wird es problematisch. Wenn Sie also „Sie sind so klug“ im Sinne von „Sie sind immer so klug in allen Bereichen“ meinen, hemmen Sie unter Umständen die angesprochene Person.

Das bedeutet, dass wir bei gelungenen Textstellen lieber die damit verbundene Anstrengungen, den Aufwand und die Bemühung (effort) loben sollten.

Was merken Sie also am Rand der Arbeit an? Abwandlungen der folgenden Gedanken vom Anfang sind mehr oder weniger hilfreich:

  • „Die hatte wohl richtig Lust auf das Thema.“

Sie können die Studierende gern wissen lassen, dass Sie das aus ihrem Text herauslesen. Vielleicht im Stile von „Hier spüre ich Ihre Begeisterung für das Thema!“

  • „Die hat es einfach verstanden.“

Auch das ist kein Problem, wenn Sie damit meinen, dass die Studierende die an sie gestellten Anforderungen dieses Mal gut verstanden und erfüllt hat. Am Rand stünde dann wohl etwas wie „Hier zeigen Sie, dass Sie die Anforderungen verstanden haben.“

Oder meinen Sie es eher wie im folgenden Satz?

  • „Die hat es halt drauf.“

Einmal gelernt, für immer gekonnt? Diese Zuschreibung geht langsam in die falsche Richtung. Was ist, wenn die Aufgaben schwieriger werden?

  • „Die ist so klug.“

Mit dieser Aussage erklären Sie die Studierende für dauerhaft und übergreifend kompetent. Eigentlich eine schöne Sache, wenn nicht… Sie wissen ja. Besser als eine persönliche Zuschreibung wäre also etwas wie „Kluger Gedanke!“ oder „In diese Argumentation haben Sie sicher viel Arbeit hineingesteckt“, weil es mehr auf den Prozess des Denkens abhebt.

 

Das Zwischenfazit aus dem Vorgängerartikel („Interne, stabile und globale Zuschreibungen scheinen im Fall von Erfolgserlebnissen hilfreich und im Fall von Misserfolgen nicht hilfreich zu sein.“) können wir also so nicht stehenlassen.

Auch bei gelungenen Stellen im Text tun Sie Ihren Studierenden einen Gefallen, wenn Sie diese als zunächst einmal als vorübergehend und spezifisch betrachten. Sie bereiten damit den Boden für die positive Wahrnehmung von Anstrengung.

Für das Einordnen von Misserfolgen hat Dweck übrigens auch ein gutes Wort: „noch“ (yet). Anstatt „Der hat es nicht verstanden.“ denken Sie einfach „Der hat es noch nicht verstanden.“ Das lässt Raum für Entwicklung sowie Dazulernen und stützt damit das growth mindset.

Zum Weiterlesen

Dweck, Carol S. (2008): Mindset. The new psychology of success. New York: Ballantine Books.

 

 

Nein, der ist nicht faul!

Folgendes Szenario: Sie lesen Hausarbeiten (wieder einmal) und kommen zur Arbeit eines Ihnen bereits bekannten Studenten. Sie vermissen eine solide Literaturbasis für die Ausführungen (wieder einmal). Sie sehen Fehler über Fehler (wieder einmal).

Ein tiefes Seufzen.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie?

  • „Der hatte wohl keine Lust.“
  • „Der hat es nicht verstanden.“
  • „Der kann es einfach nicht.“
  • „Der ist ja faul.“

Wahrscheinlich gehen Ihnen diese Sätze abwechselnd durch den Kopf. Vielleicht fangen Sie sogar an, die schlechte Arbeit als Angriff auf Ihre eigene Arbeit mit den Studierenden zu werten: „Ich habe in diesem Kurs so viel erklärt. Ganz genau habe ich gesagt, wie ich es haben will.“

Aber bekanntermaßen ist gehört ja noch nicht verstanden und verstanden noch nicht umgesetzt…

Vielleicht unterstellen Sie zwischendurch sogar einmal Absicht: „Will der mich ärgern?!“ Was genau hätte er eigentlich davon?

Hm, ganz schön schwierig, eine schlechte studentische Arbeit nicht persönlich zu nehmen. Also schieben Sie die Verantwortung schnell zum Studierenden – wo sie hingehört. Der hat die Arbeit ja schließlich geschrieben. Also denken Sie, er hatte wohl keine Lust. Oder er hat es nicht verstanden. Oder er kann es einfach nicht. Oder aber er ist grundsätzlich ein fauler Mensch.

Schauen wir doch einmal etwas genauer auf die Unterschiede in diesen Erklärungsansätzen.

  • „Der hatte wohl keine Lust.“: eine Erklärung, die auf einen zeitweiligen Zustand abhebt
  • „Der hat es nicht verstanden.“: eine Erklärung, die dem Studenten Inkompetenz unterstellt
  • „Der kann es einfach nicht.“: eine Erklärung, die dem Studenten dauerhafte und nicht veränderbare Inkompetenz unterstellt. Mitgedacht ist ja „und er wird es auch nie lernen…“.
  • „Der ist ja faul.“: eine Erklärung, die dem Studenten eine Eigenschaft zuschreibt

Halb voll, halb leer?

Aus der Attributions- und Motivationsforschung ist bekannt, dass sich die Erklärungsmuster für Erfolg und Misserfolg je nach Ausprägung des Optimismus unterscheiden. (Oder umgekehrt, je nach Erklärungsmuster werden Menschen optimistischer oder pessimistischer. Wer kann da schon sagen, was Henne und was Ei ist.)

  • Optimisten schreiben einen Erfolg sich selbst zu, Pessimisten halten ihn für Zufall.
  • Optimisten halten den Erfolg auch für in der Zukunft wahrscheinlich, Pessimisten gehen von einem einmaligen Glücksfall aus.
  • Optimisten sehen im Erfolg in einem Teilbereich ein Anzeichen für weitere mögliche Erfolge in anderen Bereichen, Pessimisten erkennen keinen Zusammenhang.

Bei Misserfolgen verkehrt sich das Bild in das Gegenteil:

  • Pessimisten halten den Misserfolg für persönlich bedingt, dauerhaft und verallgemeinerbar.
  • Optimisten sehen das Scheitern als vom Umfeld verursacht, vorübergehend und begrenzt an.

Das hört sich dann beim Optimisten so an: „Ich war schon immer bei Schreibaufgaben aller Art gut“ (wenn er eine 1 bekommt) und „Hier habe ich jetzt mal eine schlechtere Note, weil mir das Thema nicht lag und der Prof so streng ist“ (wenn er eine 3 bekommt).

Es ist leicht vorstellbar, dass solche Gedanken die zukünftigen Handlungen und die Erfolgswahrscheinlichkeit beeinflussen. Die Annahme „Ich konnte noch nie gut schreiben“ führt eher nicht zu einer tollen nächsten Hausarbeit. Und eine gut bewertete Hausarbeit, deren Note der Student auf „die einfache Aufgabe“ oder „den gnädigen Gutachter“ zurückführt, wirkt sich nicht positiv auf den Selbstwert und die zukünftigen Aufgaben aus. Studierende mit solchen Gedankenmustern fallen mitunter in eine Art Starre: Da hilft ja sowieso nichts, die schlechte Note ist sozusagen vorprogrammiert. Um es mit Seligmann zu fassen, diese Menschen sind erlernt hilflos. Sie glauben nicht (mehr), dass ihre Handlungen etwas am Ergebnis ändern.

Zwischenfazit:

Interne, stabile und globale Zuschreibungen scheinen im Fall von Erfolgserlebnissen hilfreich und im Fall von Misserfolgen nicht hilfreich zu sein.

Optimismus vermitteln beim Begutachten

Beim Begutachten sollten wir Lehrenden besonders aufpassen, dass wir eventuelle negative Erklärungsmuster nicht noch aus Versehen verstärken.

Das bedeutet, dass wir uns bei Fehlern und Unzulänglichkeiten im Text auch tatsächlich auf den vorliegenden Text begrenzen sollten. Wir schreiben an den Rand „Hier haben Sie nicht genügend recherchiert“ und nicht „Hier haben Sie wieder mal nicht genügend recherchiert“ und schon gar nicht „Sie sind einfach zu faul zum Recherchieren, hier zeigt sich das wieder“. Ich hoffe inständig, dass das sowieso niemand tun würde. Gefährlich ist auch „Sie können wohl nicht recherchieren“ – aus den oben genannten Gründen.

Noch einmal im Detail zu den Gedanken vom Anfang des Artikels:

  • „Der hatte wohl keine Lust.“

Da diese Erklärung auf einen zeitweiligen Zustand abhebt, unterstellt sie keine Dauerhaftigkeit. Der Studierende könnte sehr wohl recherchieren, wenn er denn zum Beispiel genügend Motivation finden würde. Hier ist also noch nicht viel verloren.

  • „Der hat es nicht verstanden.“

Hier wird dem Studenten Inkompetenz unterstellt. Er hat nicht verstanden, wie Recherche geht, also kann er keine durchführen. Die Variante, dass der Student recherchieren kann und es nur nicht getan hat, ist bei dieser Aussage nicht möglich.

  • „Der kann es einfach nicht.“ („und er wird es auch nie lernen…“.)

Das geht über den vorgenannten Satz noch hinaus, denn hier wird der Student als dauerhaft inkompetent hingestellt. Es besteht keine Hoffnung auf Besserung. Sie haben den Studenten abgeschrieben.

  • „Der ist ja faul.“

Der letzte Satz ist offensichtlich eine interne, stabile und globale Zuschreibung. Wie Beschimpfungen eben so sind…

 

Das Glas füllen: Was wäre hilfreich?

In Anlehnung an den Talmud: Achten Sie auf Ihre Gedanken, denn sie werden Worte. Diese Worte haben Auswirkungen auf die Studierenden. Sie prägen sie mehr, als Sie denken (und als sie – mit kleinem „s“ – denken).

Bei Fehlern und Schwachstellen in Texten tun Sie Ihren Studierenden einen Gefallen, wenn Sie diese als zunächst einmal als vorübergehend und spezifisch betrachten. Fehler kommen nun einmal vor, und dass der Student bei dieser Hausarbeit nicht genügend recherchiert hat, sagt nur etwas über diese Hausarbeit aus. Mehr nicht.

Schreiben Sie die Ursache von Fehlern nicht den Eigenschaften der Studierenden zu, denn die Formulierung einer Eigenschaft lässt mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auf eine interne, stabile und globale Attribution schließen. Selbstverständlich sind die Studierenden für ihre Texte verantwortlich und niemand sonst. Für ihre Fehler dürfen sie nicht das Umfeld oder die Umstände als Ausflucht nehmen. Wir als Lehrende sollten das auch nicht zulassen. Aber negativen Selbstbeschreibungen sollten wir keine Nahrung geben. Denn diese Prophezeiung erfüllt sich garantiert selbst.

Zum Weiterlesen

Die klassische Attributionstheorie finden Sie in den einschlägigen Veröffentlichungen von Bernard Weiner. Mehr zu Optimismus lesen Sie bei Martin Seligman.

Außerdem

Mehr zu diesem Thema kommt im nächsten Blogbeitrag. Darin wird es um den Umgang mit gut gelungenen Textstellen gehen.

 

 

 

„Traumhafter Höhepunkt des Studiums statt traumatischer Höhepunkt“: Interview mit Silvio Gerlach, Teil 2

Dieser Beitrag ist der 2. Teil des Interviews mit Silvio Gerlach. Falls Sie Teil 1 noch nicht gelesen haben, geht es hier entlang.

 

Sie bieten auch eine Art Themenbörse. Das ist natürlich eine gute Sache. Woher kommen denn die Themen? Nehmen wir einfach einmal das Thema Forschendes Lernen als Beispiel. Ich kann mir das gerade in der Praxis noch gar nicht vorstellen.

Die Themen kommen von unseren Themen-Kuratoren. Das sind Experten in einem Fach. Wir arbeiten dabei mit Themenmustern. Die Muster sehen in der Anwendung z.B. so aus:
„Erfahrungen mit dem Konzept Forschendes Lernen in deutschen Hochschulen – eine empirische Analyse von Fallbeispielen“ oder „Barrieren der Einführung des Konzepts Forschendes Lernen in Hochschulen – eine systematische Analyse“.
Es gibt recht viele solcher Muster, über 30, die stimmig sind und sich methodisch sehr gut greifen lassen. Das ist wichtig für die Klarheit über das Vorgehen. Und damit für die Motivation der Forscher bzw. Schreiber. Denn jedes Thema wird begleitet von einem Online-Guide, je nach Art der Arbeit und Art der Analyse.

Mit unserer Themenbörse können wir vielen Thesis-Schreibern einen echten Auftrag geben und damit ganz unbürokratisch Forschungsprojekte anstoßen. Peer-Themen sind natürlich auch sinnvoll.

Klar ist ein Themen-Template ein Frame. Aber irgendwo müssen wir anfangen. Sonst schaffen wir es nie, dass die Thesis endlich ein traumhafter Höhepunkt des Studiums statt ein traumatischer Höhepunkt wird.

Wie geht es dann weiter?

Ich habe die obigen Themen in unsere Themenbörse eingestellt: https://aristolo.com/search/topic?q=hochschule. Die Suchfunktion wird noch weiter verbessert. Und natürlich werden wir weiter viele schöne Themen eintragen.

Sie haben schon sehr viele Personen bei deren Arbeiten begleitet. Wie kann ich mir das praktisch vorstellen?

Praktisch ist das ein ausgedehnter Workshop. Es gibt einen Gesamtplan, und wir besprechen immer nur konkrete Probleme wie ein bestimmtes Modell oder die Methoden für die Datenerhebung oder den Umgang mit bestimmten Modellen aus Quellen. Das ist sehr unterschiedlich, je nach Coachee. Auffällig ist aber, dass die Probleme zu 80% methodischer Natur sind und nicht inhaltlicher Natur. Das WIE ist wichtiger als das WAS. Wie das schon im Faust Teil 2 heißt: „Das Was bedenke, mehr bedenke WIE“. Das unterstreicht auch, dass die Coachees ihre Diss selbst erstellen. Schließlich dringen sie auch tiefer in ein Gebiet ein als irgend jemand sonst auf der Welt.

Bilden Sie auch Experten aus, die nach Ihrer Methode arbeiten?

Andere in Dissertation Coaching auszubilden ist sehr schwierig. Aber ich denke, dass wir das auf der Basis unseres Online Guides angehen können. Im Moment arbeiten wir daran, den Guide mit Algorithmen smart zu machen. Man kann damit die Kongruenz von Thema, Leitfrage, Ziel und Gliederung automatisch prüfen lassen. Das ist die Zukunft.

Ist das wirklich Coaching, so wie Sie es nennen? Sind Sie ausgebildeter Coach, oder muss man das gar nicht sein?

Ich bin ein Fach- und Methoden-Coach und sehe mich vor allem als Sparringspartner. Wie schon gesagt, meine Coachees sind selbst Experten in ihrem Fach, viel mehr als ich das je sein werde.

Sehr gerne leite ich meine Coachees mit einfachen Fragen auf den richtigen Weg. Dazu gehört am Anfang übrigens immer die Frage: Was ist eigentlich XY? Und XY ist der Hauptbegriff. Da kommt manchmal zu wenig Griffiges. Dann arbeiten wir daran. Ich bin ein großer Fan von Definitionen. Sie helfen, das Projekt in den Griff zu kriegen.

Eine Ausbildung zum Coach habe ich nicht. Aber schon in der 5. Klasse habe ich Nachhilfe gegeben, in Mathe und Geschichte und Deutsch. Dann war ich im gesamten Studium Nachhilfe-Lehrer und Tutor und Repetitor. Das hat mich geschult. Wenn Menschen Geld für eine Leistung bezahlen, die sie gleich nebenan in der Uni oder Schule kostenlos bekommen können, dann muss man sich was einfallen lassen und was anbieten… Der Sprech-Coach aus „The Kings Speech“, Lionel, der jungen traumatisierten Soldaten half, wieder normal sprechen zu können, ist ein gutes Beispiel dafür, dass dieser Weg funktioniert. Aber natürlich habe ich sehr viel über meine Arbeit reflektiert. Ich bekomme ja auch immer unmittelbar Feedback von meinen Coachees.

Wie sind die Preise gestaltet? Wie kann sich ein Studierender oder Doktorand das leisten?

Mein Coaching ist nicht günstig. Aber die gesparte Zeit ist weit kostbarer, was Lebensqualität angeht, aber auch real, ganz praktisch gesehen als Verdienstausfall. Die Kosten sind natürlich abhängig vom Aufwand und vom Ziel. Das ist immer individuell und lässt sich nicht pauschal sagen.

Wie nahe bewegen Sie sich am Rande der Illegalität? Inwiefern greifen Sie in die Arbeiten Ihrer Kunden ein?

Ich bin mit Leib und Seele Diss Coach und Thesis-Coach. Eine Stunde Coaching zieht zwischen 20 und 40 Stunden Arbeit für den Coachee nach sich. Damit ist zweifelsfrei klar, wessen Arbeit das am Ende ist, oder?

Was sind Ihre nächsten Ziele mit dem Buch und Ihrem Online-Service Aristolo?

Wir wollen wissenschaftliches Arbeiten von seinem schlechten Image befreien. Wissenschaftliches Arbeiten ist für alle, nicht nur für Wissenschaftler. Und es kann Spaß machen, wenn es klappt und man neue Erkenntnisse gewinnt. Deshalb ist auch unser Motto: Enjoy Research!

Am liebsten würde ich das sperrige Wort wissenschaftliches Arbeiten durch Analysieren ersetzen. Denn das ist der Kern des wissenschaftlichen Arbeitens, Analysieren. Das ist die wesentliche Technik, die wir ja auch im richtigen Leben brauchen und jeden Tag viele Male anwenden.

Unser großes Ziel ist, die vielen Millionen Stunden des Thesis-Schreibens für gute Zwecke zu nutzen, nämlich relevante Themen zu bearbeiten und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Was relevant ist, entscheidet natürlich das Leben, kein einzelner. Am Ende stehen dann Tausende neue Bücher und Ebooks, die für alle zugänglich sind und die Welt besser machen.

Herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Interview!

Silvio Gerlach, Diplom-Volkswirt. Studierte Außenpolitik in Potsdam und Moskau und VWL in Marburg und Córdoba/Argentinien. Gründer und Leiter des Studeo Verlages (seit 2002), der Studeo Repetitorien (von 1995 bis 2002) und des Studeo Coachings für Thesis und Dissertation (seit 2003). Er will jedem Studierenden einen Monat bei seiner Thesis sparen und jedem Promovierenden ein ganzes Jahr.

Studeo Group, Berlin
Thesis Coaching www.studeo.de
Thesis Guide www.aristolo.com

„Traumhafter Höhepunkt des Studiums statt traumatischer Höhepunkt“: Interview mit Silvio Gerlach, Teil 1

 Ein Interview mit Silvio Gerlach

Das Interview mit Silvio Gerlach, dem Autor des Diss Guide und des Thesis Guide, lesen Sie aufgrund der Länge auf zwei Seiten.

Teil 1: Diss Guide, Promotion
Teil 2: Themenbörse, Coaching

Herr Gerlach, Sie haben ein Buch veröffentlicht namens „In 200 Tagen zur Diss“, das ich auch rezensiert habe. Nun bin ich kein Fan von Patentrezepten und des „Quick ’n dirty“-Ansatzes. Der Titel hat mich, offen gesagt, erst einmal in eine ziemlich falsche Richtung denken lassen.

Danke, dass Sie das so offen ansprechen. Sie wissen natürlich, dass ein knackiger Titel wichtig ist. Interessant ist aber, dass am Ende auch in fünf Jahren kaum mehr als 2.000 Stunden effektives Arbeiten an der Diss zusammenkommen. Ein Tag pro Woche im Durchschnitt. Das können viele interne Doktoranden bestätigen. In manchen Monaten kommen sie gar nicht zum Schreiben. Oder sie schieben es vor sich her, weil eine Diss eben nicht trivial ist.

Zur Qualität: Wenn das Ziel der Diss, nämlich die gewünschten neuen Erkenntnisse, auf Basis eines gründlichen Reviews frühzeitig klar formuliert und operationalisiert sind und auch methodisch erreichbar sind, dann ist doch egal, wie lange jemand dafür braucht. Solange das Ergebnis den formulierten Anforderungen genügt, ist der Zeitrahmen sekundär. Von dieser Maxime gehe ich keinen Millimeter ab! Was nützt ein schnell gebautes Haus, wenn es darin zugig ist und die Heizung im oberen Stockwerk nicht wärmt.

Unsere 60 Sprints sind nichts für Kandidaten, die an der Oberfläche bleiben wollen. Das ist viel zu viel Arbeit!

Auf dem Markt gibt es jede Menge Ratgeber, die eine Diss in wenigen Wochen versprechen. Aber natürlich machen die sich nicht die Mühe einer konkreten Aufstellung der Schritte wie sie unser Diss Guide enthält.

Sie haben selbst noch nicht promoviert. Wie entstand das Buch?

Ich bin dabei, kumulativ zu promovieren, über Barrieren für wissenschaftliches Arbeiten. Nur gibt es da so viele Baustellen und folglich Themen. Ich verbinde das Promovieren mit dem Bau unseres Online Guides.

Das Buch ist die große Schwester des Thesis-ABC „In 31 Tagen zum Text“. Seit vielen Jahren bin ich Coach für wissenschaftliches Arbeiten. Mit der Zeit kamen immer mehr Doktoranden, und ich merkte, dass ich ihnen helfen kann, obwohl ich selbst noch nicht den Titel hatte.

Ich bin Volkswirt und habe auch einige Semester Außenpolitik studiert, mit Schwerpunkt Geschichte der internationalen Beziehungen. Mein Spezialfach an der Uni Marburg war „Wissenschaftstheorie und Dogmengeschichte“ bei Professor Wilhelm Meyer. Auf das Fach hatten nur wenige Lust. Wir waren eine kleine Gruppe in der Vorlesung, also war das recht intensiv. Eher ein Bootcamp als eine Vorlesung. Wir nudelten ein Modell nach dem anderen durch, von allen möglichen Nobelpreisträgern in Wirtschaft. Das war hart, aber eine gute Schule im Denken. Nach meiner Erfahrung ist ein Modell der Anfang und das Ende von wissenschaftlichem Arbeiten. Das wird aber viel zu wenig an den Hochschulen trainiert, vermutlich weil das wirklich nicht im Vorbeigehen zu schaffen ist. Da muss man tief einsteigen. Ich liebe so was.
Aristoteles, der Vater der Wissenschaft, war einer meiner Helden. Deshalb heißt mein Online Guide übrigens auch Aristolo.com. Wir wollen Aristoteles stolz machen.

Die Inhalte im Diss Guide kommen direkt aus meinem Erfahrungsschatz mit vielen Thesis-Schreibern und Doktoranden. Das sind Antworten, die ich schon viele Male gegeben habe und die praktisch zum Ziel geführt haben. Ich würde meinen Ansatz als eine Art Technologie bezeichnen. Das erklärt auch die zeitliche Komponente. Schließlich hilft uns Technologie überall im Leben, Zeit zu sparen.

Heißt das im Umkehrschluss, die konventionelle Betreuung von Doktoranden durch deren Professoren und Professorinnen hat versagt?

Nein, es gibt jede Menge gute Betreuung. Und auch inspirierende Umgebungen. Aber mit der Betreuung ist es wie beim Arzt, es ist nie genug Fürsorge, nie genug Anteilnahme. Immer wünscht man sich mehr davon. Aber es ist ein Geben und Nehmen. Die Betreuenden müssen auch besser „behandelt“ werden. Die Vorbereitungen von Konsultationen müssen viel besser werden. Man muss vorgearbeitet haben, dann wird die Betreuung auch besser. In vielen unserer Sprints wird explizit auf die Konsultationen Bezug genommen. Übrigens ist die Nachbereitung noch wichtiger. Warum soll ein Betreuender sich beim nächsten Gespräch ins Zeug legen, wenn vom letzten Mal gar kein Feedback kam? Meine Coachees schreiben immer ein Protokoll von Gesprächen mit konkreten To Dos. Das macht einen guten Eindruck und bringt das Projekt voran.

Mein Ziel mit dem Diss Guide ist, eine erprobte Vorgehensweise anzubieten und viele unnötige Fragen und Diskussionen mit Betreuern abzukürzen oder sogar zu vermeiden. Promovierende können sich mit dem Buch viele technische und organisatorische Fragen selbst beantworten. Zum Beispiel wird ein Literature Review in der Masterarbeit oft noch nicht verlangt. Also macht man ihn während der Diss zum ersten Mal. Im Buch steht alles Wichtige dazu.

Das Arbeiten mit Modellen ist sehr zeitaufwändig. Da müssen die Betreuenden eine gute Vorbereitung erwarten, damit in der Sprechstunde was rauskommt. Auch das behandelt der Guide ausführlich.

Was ist mit strukturierten Promotionsprogrammen? Da müsste es doch eigentlich besser laufen. Oder fehlt dort auch etwas?

Nun, ich habe schon einige Promovierende aus solchen Programmen betreut. Das läuft schon strukturierter ab. Aber wenn es um die Tiefe geht, dann fehlen auch dort die Werkzeuge. Unser Diss Guide hilft dabei, sich gut auf die tiefer gehenden Etappen vorzubereiten.

 

Hier geht es weiter zu  Teil 2.

Zuerst üben, dann aufführen

Ein Gastbeitrag von Dr. Christian Wymann

 

 „Rehearsals are where you can screw up and feel safe to experiment.“

Bruce Dickinson, What Does This Button Do? An Autobiography, 2017

 

Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einer Bühne mit tausenden Menschen vor Ihnen. Die Erwartungen sind groß, schliesslich haben Ihre Fans Geld und Zeit investiert, um Sie spielen zu sehen. Aber Sie haben ein Problem: Gestern habe Sie die Gitarre zum ersten Mal in die Hände genommen und daran herumgezupft; Sie haben Angst, Ihre Fans zu enttäuschen.

Selbstverständlich ist das ein unrealistisches Beispiel. Wie könnte jemand von Ihnen wissen und zu Ihrem Konzert kommen, wenn Sie vorher noch nie Gitarre gespielt haben? Doch es gibt Parallelen zum wissenschaftlichen Schreiben: Viele Schreibende kämpfen mit ähnlichen Gefühlen und Vorstellungen. Sie setzen sich zum Schreiben hin und denken, dass Sie sogleich „aufführen“ müssen, auch wenn ihnen die nötige Übung fehlt. Sie sehen nicht, dass sie zuerst üben müssen, um dann aufführen zu können.

Während Sie üben, dürfen Sie Verschiedenes tun: mit Ideen spielen; kreative Methoden austesten, um zu neuen Ideen zu kommen; oder einen ersten (schlechten) Entwurf schreiben, den Sie danach mehrmals überarbeiten. Sie dürfen jemanden um Feedback bitten, um herauszufinden, wie Sie den Erstentwurf verbessern könnten. Sie dürfen eine Weile üben, bevor es Zeit ist, den Text zu polieren und fertigzustellen. Wenn Sie den Text Ihrer Betreuungsperson, den Verantwortlichen einer Zeitschrift oder einem Verlag geben, betreten Sie das erste Mal die Bühne. Vielleicht handelt es sich erst um einen Probedurchlauf, mit den Lichtern und Effekten, aber ohne Publikum. Darauf erhalten Sie womöglich eine Rückmeldung, die es Ihnen erlaubt, Ihren Text nochmals zu überarbeiten. Und dann reichen Sie ihn endgültig ein. Sobald Ihr Text akzeptiert oder publiziert wurde, führen Sie Ihre Ideen und Einsichten vor einem Publikum auf.

In den Worten von Bruce Dickinson, Sänger von Iron Maiden, experimentieren und üben Sie zuerst (Fehler und Irrwege inklusive), bevor Sie die Bühne betreten und spielen. Genauso wie MusikerInnen das so machen, dürfen auch wissenschaftlich Schreibende das.

 

 

Dr. Christian Wymann arbeitet an der Universitätsbibliothek Bern und berät und schult mit seiner Firma Mind Your Writing Schreibberatung Studierende und Forschende. Er ist Autor von mehreren UTB-Schreibratgebern. Jüngst erschien „Checkliste Schreibprozess“ (mit Franz Neff).

www.myw.schreibcoach.ch

Der Gastbeitrag ist die Übersetzung dieses Artikels, der im November 2017 erschien.

 

 

Weitere Beiträge, die wissenschaftliches Arbeiten (lehren) mit etwas ganz Anderem vergleichen:

Wissenschaftliches Arbeiten ist wie Krafttraining

Was mich Yoga über wissenschaftliches Arbeiten lehrt

 

 

Lange Nacht der Aufschieberitis

Jedes Jahr am ersten Donnerstag im März wiederholt sich ein fast schon irrwitziges Spektakel namens „Die lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“. Dutzende, ach was Hunderte Studierende, ziehen abends mit Laptop und Material bepackt, in die Bibliothek oder ins Schreibzentrum, lassen sich in Workshops und Einzelberatungen Tipps geben, setzen sich an ihre Arbeiten, kommen ein gutes Stück weiter oder vollenden sie sogar. Arbeiten, die seit Wochen liegen und vor sich hergeschoben wurden. Das Rahmenprogramm hat auch einiges zu bieten, gern Schreibtisch-Yoga oder Entspannungsübungen, und für den kleinen Hunger zwischendurch wartet ein reichhaltiges Snack-Buffet. Das ist alles ist auch aus der Ferne und auch jetzt im Nachhinein noch bestens nachzuverfolgen, wenn man einmal bei Twitter den Hashtag #lndah bemüht.

Einige auserwählte Studierende werden während der Schreibnacht gern von den Vertretern lokalen/regionalen/nationalen Presse kurz befragt, damit deren Artikel ein paar nette O-Töne aufweisen, im Stile von

„Hiltrud, 16. Semester Kunstgeschichte: ‚Endlich habe ich mal den Hintern hochbekommen. Hier war so eine tolle Stimmung, da hat es einfach Spaß gemacht zu schreiben. Jetzt lege ich mich erst einmal schlafen.‘“

Oder

„Gerwin, 3. Semester Wirtschaftsinformatik: ‚Gut, irgendwann muss die Arbeit ja geschrieben werden. Warum also nicht heute mit der Unterstützung von Profis? Ich habe super Tipps zur Plagiatskontrolle bekommen.‘“

Motivationsschub

Den Sinn der Aktion verstehe ich so: Durch ein Event wie die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten soll eine besondere produktive Atmosphäre entstehen, die die Studierenden bei der Anfertigung ihrer Texte unterstützt. Da entsteht ein Motivationsschub, vielleicht werden da sogar Blockaden durchbrochen und die Teilnehmer fangen „endlich mal“ mit ihrer Hausarbeit an oder machen sie „endlich mal“ fertig. Ich halte es für gut, wenn Probleme ans Tageslicht geholt werden (ok, eher an das Licht der des Nachts brennenden Schreibtischlampe) anstatt dass sich alle alleine damit herumschlagen und dabei auch noch denken, es ginge nur ihnen so. Prokrastination ist nun einmal eines der Riesenthemen des Studiums. Ich halte es für gut, dass Studierende auf diese Art auf die unterstützenden Angebote der Schreibzentren und Universitätsbibliotheken aufmerksam werden. In die Vorbereitung des Events fließt viel Herzblut, das ist richtig kreativ, und auch die Durchführung bis spät in die Nacht zeugt von dem großen Engagement der Beteiligten.

Motivationsschübchen

So, und jetzt kommt’s: Ich finde das alles zwar sinnvoll. Aber es greift für mich zu kurz. Die Lange Nacht ist für mich nur einer von vielen möglichen Ansätzen der Schreibförderung und ja, auch der Öffentlichkeitsarbeit. Ich frage mich: Wie nachhaltig ist das denn? (Gibt es dazu eigentlich Erkenntnisse? Solche, die über die unmittelbar am Veranstaltungstag durchgeführte Evaluation hinausreichen?)

Andere Formate würde ich – zusätzlich – auch für sinnvoll halten. So etwas wie „Der kurze und knackige Morgen der Frühstarter“ oder „Die wahnsinnig produktive Woche“. Entschuldigen Sie bitte, das sind nur Arbeitstitel. Sie verstehen hoffentlich trotzdem gut, in welche Richtung ich denke. Mit solchen zusätzlichen Formaten meine ich nicht die bestehenden Angebote der Schreibzentren, sondern ein ebenso öffentlichkeitswirksames Format wie die Lange Nacht. Allein schon um dem Bild entgegenzuwirken, dass alles Aufgeschobene im Studium letztlich in einer durchgemachten Nacht erledigt werden „muss“. (Ist das eigentlich ein Naturgesetz?) Darf man eigentlich laut sagen, dass man Frühaufsteher ist? Unter Studierenden ist das eher verpönt. In vielen Köpfen hat sich – von dieser Frage abgesehen – zumindest der Gedanke festgesetzt, dass es zumindest eine Hauruck-Aktion braucht, um eine wissenschaftliche Arbeit zu Ende zu bringen. „Das gehört zum Studieren doch einfach dazu…“ Sind solche Gedanken hilfreich? Ich denke: nicht so sehr. Ich denke, dass der Aufbau von individuell sinnvollen Arbeitsroutinen mehr Raum einnehmen sollte.

Aufschieben hat Gründe

Darüber hinaus bleibt außerdem das grundsätzliche Problem bestehen: der innere Konflikt, der sich im Aufschieben zeigt. Aus Studierendensicht: Was ist der Sinn dieser Arbeit, die ich da schreiben soll? Wieso soll ich Zeit dafür aufwenden, wenn ich doch sowieso für die Schublade schreibe oder die Rückmeldung meines einzigen Lesers laaange auf sich warten lässt? Daran ändert eine Lange Nacht natürlich nichts. Aber man kann mit den Studierenden an ihrer Haltung dazu arbeiten. Das dauert wahrscheinlich länger als einen Workshop lang und sollte kontinuierlich studienbegleitend stattfinden.

Vielleicht ist die Ursache für das Aufschieben aber auch in einer ganz anderen Ecke zu suchen. Manche Studierende haben zu viel Zeit in den Semesterferien, verlieren sich in Details und entwickeln keinen Blick für das Wesentliche. Wie lange bräuchten diese Studierenden eigentlich tatsächlich, wenn sie sich einen sinnvollen Arbeitsplan schreiben und für einen überschaubaren Zeitraum den vollen Fokus auf die Hausarbeit legen würden? Ja, ich weiß, alle (!) müssen in den Semesterferien jobben, niemand (!) mehr hat so viel Zeit wie vor Bologna etc. Ich glaube das nicht.

Prokrastination hat Gründe, und zwar viele unterschiedliche. Wegweisend hierzu ist immer noch das Buch von Hans-Werner Rückert, „Schluss mit dem ewigen Aufschieben“.

Aufschieberitis lässt sich durch eine einzige Lange Nacht nicht heilen. Das ist zu kurz gedacht.

Wo sind weitere öffentlichkeitswirksame Angebote, die den Studierenden zusätzlich helfen?

 

Ergänzung (Juli 2018): Diesen tollen Artikel von Gerd Bräuer habe ich erst nach dem Schreiben dieses Beitrags entdeckt. Darin schlägt der Autor den Bogen vom Event „Lange Nacht“ zum Literacy Management“. Sehr lesenswert!