„Empirisch forschen“ revisited

Gehen Sie manchmal schwimmen?

Im Schwimmbad oder in freier Natur?

Kennen Sie eigentlich die Baderegeln? Oder ist der Erwerb des Seepferdchens bei Ihnen dann doch schon zu lange her?

Vor geraumer Zeit hatte ich einmal darüber geschrieben, wie ich Empirisches Forschen im Studiengang BWL unterrichte – nämlich sehr anwendungsorientiert, indem ich mit den Studierenden eintauche ins praktische Tun. Schwimmen statt Trockenschwimmen.

Mittlerweile habe ich eine neue Variante im Repertoire. In einem anderen Studiengang nutzen wir neuerdings ein Konzept mit zwei Lernwegen. Einige Kleingruppen führen wie gehabt ein Mini-(Mini-Mini-) Forschungsprojekt in zwölf Unterrichtseinheiten tatsächlich durch, andere Kleingruppen erstellen ein Konzept. Das bedeutet, dass diese Studierenden ihr Forschungsprojekt „nur“ planen.

Die „Durchführungs-Gruppen“ packen die Badesachen und gehen schwimmen.

Die „Konzept-Gruppen“ betrachten die Frage, wo man denn als Schwimmanfänger überhaupt schwimmen sollte (besser im Schwimmbad in A-Stadt oder im Schwimmbad in B-Dorf oder vielleicht doch am bewachten Badestrand) und wo man es lieber erst einmal noch bleiben lässt (am einsamen Flussufer). Sie planen den Ausflug ans Wasser, fahren aber nicht los.

Das ist ja einfach!

Ist das nicht ziemlich unfair? Beim Schwimmen würde man die bemitleiden, die nur planen und nicht losziehen dürfen. Beim wissenschaftlichen Arbeiten ist es umgekehrt. Die einen müssen wirklich „im Feld“ empirisch ran und führen beispielsweise eine kleine Befragung durch, die sie selbstverständlich erst einmal vorbereiten und danach auch noch auswerten müssen. Und die anderen Gruppen machen – nichts? Also zumindest gefühlt nichts. Sie dürfen sich hinsetzen, ein bisschen brainstormen und am Ende zusammenschreiben, was sie sich überlegt haben? Klingt gemütlich.

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Die „Konzept-Gruppen“ befassen sich mit dem Ziel, der theoretische Fundierung, den Forschungsfragen und dem Aufbau des Projekts sowie nicht zuletzt mit einem ungefähren Kosten- und Zeitplan. Als groben Orientierungsrahmen gebe ich hier die eigene Bachelorarbeit vor, damit nicht aus Spaß an der Freude Millionenprojekte geplant werden. Davon hätte ja schließlich niemand etwas.

Die „Konzept-Gruppen“ gehen dabei natürlich mehr in die Tiefe als die „Durchführungs-Gruppen“, die aber selbstverständlich auch ein Ziel und Forschungsfragen brauchen und sich Gedanken machen müssen, was umsetzbar ist. Nur eben aus einer viel pragmatischeren Perspektive mit der Umsetzung in wenigen Tagen.

Die „Durchführungs-Gruppen“ arbeiten wie in „Empirisch forschen 101“ beschrieben, allerdings thematisch ausgerichtet auf sozialpädagogische Themen und nicht auf die BWL bezogen. Zudem verfügen sie über sehr nützliches Wissen aus der vorgelagerten Lehrveranstaltung „Grundlagen (sozialpädagogischer) Forschung“. Das ist eine hervorragende Basis. Dazu weiter unten mehr.

Was soll das?

Ähnlich wie in der gleichen Veranstaltung im BWL-Studiengang lernen die Gruppen voneinander – hier nun aber in mehrerlei Hinsicht. Weiterhin findet Trial and Error im eigenen Projekt statt. Das Beobachtungslernen weist nun zwei Ebenen auf: erstens Lernen von den entsprechenden Nachbargruppen („Durchführungs-Gruppen“ von „Durchführungs-Gruppen“) und zweitens Lernen von jenen Gruppen, die den anderen Weg beschritten haben („Durchführungs-Gruppen“ von „Konzept-Gruppen“ und umgekehrt)

Durch die kurzen Resümee-Statements am Ende jedes Termins erfahren alle von den aktuellen Herausforderungen der anderen Gruppen. Sie sehen, welche Fragen die anderen Gruppen umtreiben, und wie diese damit umgehen.

Zum Abschluss der Lehrveranstaltung wird präsentiert und ausführlich reflektiert. Der Fokus liegt hier nicht auf hehren wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auf dem Nachvollziehen des Forschungsprozesses, der Entscheidungen und deren Auswirkungen.

Sehr hilfreich ist…

Was mir bei all dem sehr zugutekommt: Die Studierenden haben im zweiten Semester eine Veranstaltung namens „Grundlagen (sozialpädagogischer) Forschung“ und kennen daher die wichtigsten Ansätze in ihrem Feld (Praxisforschung, Agencyforschung, Evaluationsforschung etc.). Sie wurden sogar darüber geprüft und erfahren nun einen schönen, durchaus erwünschten Nebeneffekt „Oh, das ganze Zeug ist ja wirklich für irgendwas gut…“.

Learnings

Aus Sicht der Lehrenden ist das eine sehr, sehr hilfreiche Erweiterung des bestehenden Formats. Ich ziehe ein positives erstes Fazit. Wirklich wissen kann ich sowieso erst nach den Bachelorarbeiten. Fest steht jedoch: Die Gruppen haben in der Veranstaltung sehr gut gearbeitet und viel voneinander gelernt. Am Ende gab es sogar vereinzelte Stimmen, dass die Zeit gern hätte länger sein dürfen.

Für die Studierenden war die Veranstaltung eine Zumutung (rückblickend jedoch eine positive)! Gerade zu Beginn lässt sich aus Studierendenperspektive schwer abschätzen, worauf das alles hinauslaufen soll und was eigentlich die Erwartungshaltung an ihre Ergebnisse ist. Das hängt damit zusammen, dass die Veranstaltung ja gerade dazu dienen soll, den Studierenden eine realistischere Einschätzung von Forschungsvorhaben zu ermöglichen. Also ahnen sie vorab nur, welche Art und welcher Umfang angemessen ist.

Meine allerbeste Erfahrung will ich zum Abschluss des Beitrags auch noch mit Ihnen teilen.

Denn es war einfach zu schön! Nach der letzten Seminarsitzung kam ein Studierender ungefähr mit den Worten „Ich habe mir da mal was ausgedacht, haben Sie einen Moment für mich?“ auf mich zu. Wer mich kennt, weiß, dass ich für so etwas immer einen Moment Zeit habe. Es stellte sich im Gespräch heraus, dass der Studierende bereits eine Serie von aufeinander aufbauenden Arbeiten bis hin zur Masterarbeit entworfen hatte. So will (und ich bin mir sicher: so wird) er sich multiperspektivisch und multimethodisch mit seinem Thema befassen. Wer weiß, ob ihm das ohne die Lehrveranstaltung „Empirisch forschen“ in den Sinn gekommen wäre. Bei Gelegenheit frage ich ihn einmal.

Wenn Sie das Konzept an Ihrer Hochschule implementieren wollen

ist es notwendig, dass

  • die Studierenden die Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens (im Sinne von „Ziel und Zweck“ des wissenschaftlichen Arbeitens) bereits in den Vorsemestern kennengelernt und verinnerlicht haben
  •  die Studierenden relevante Forschungsansätze in ihrem Feld kennen

ist es optimal, wenn

  • die Gruppe nicht mehr als 40, besser 30 Personen umfasst
  • wenn Sie als Lehrperson ein gemeinsames Oberthema für alle Gruppen vorgeben
  • wenn die 12 UE in 6×2 UE aufgeteilt sind, die zeitlich nicht zu weit auseinander liegen
  • wenn Sie Basisliteratur zu einzelnen Methoden zur Verfügung stellen können, so dass sich die Studierenden schnell einen Überblick erarbeiten können.

Los geht’s, Sie können Ihre Bademeister-Karriere nun starten!

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