Manifest für Lehrende

Ein Beitrag zur Blogparade „Die Zukunft des Wissenschaftlichen Arbeitens“

 

Wie auch immer die Zukunft der Wissenschaft konkret aussehen mag: Die Methoden des Wissenschaftlichen Arbeitens bleiben der Schlüssel zur Gewinnung neuer Erkenntnisse. Dennoch existiert für deren Vermittlung keine Fachdidaktik. Sie muss dringend entwickelt werden.

Es ist wichtig, dass das Fach „Wissenschaftliches Arbeiten“ gut gelehrt wird. Studierende finden dann reibungsloser in das Wissenschaftssystem hinein und produzieren früher bessere Ergebnisse. Das hilft nicht nur ihnen selbst, sondern ist auch im Sinne der Lehrenden und der Wissenschaft.

Losgelöst von eigenen Lehrveranstaltungen zum Wissenschaftlichen Arbeiten sprechen Lehrende aller Disziplinen anlässlich fachlicher Fragestellungen über Wege der Erkenntnisgewinnung. Es ist wichtig, dass Lehrende ihre Haltung reflektieren, denn sie prägen damit die Studierenden.

Das Manifest enthält die Grundlagen meiner Lehr- und Betreuungstätigkeit. Es spiegelt meinen Alltag wider und ist die Essenz dessen, was sich für mich über die Jahre als didaktisch sinnvoll herausgestellt hat. Die Aussagen erscheinen möglicherweise vielen Lehrenden banal. Das wäre ein Grund zur Freude.

 

Manifest für Lehrende

 

Grundhaltung

 

  • Ich ermutige die Studierenden zum Wissenschaftlichen Arbeiten.

Die Studierenden sollen Lust auf Wissenschaftliches Arbeiten bekommen. Belehrungen, Abschreckungen und demotivierende Aussagen vermeide ich, so gut wie es geht.

  • Ich vermittle, dass der Prozess des Wissenschaftlichen Arbeitens nicht linear verläuft.

Die Studierenden erfahren, dass die Wiederholung von Arbeitsschritten nicht nur normal ist, sondern sogar ein Zeichen von Fortschritt im Lern- und Forschungsprozess darstellt. Ich lehre also kein vermeintlich allgemeingültiges Phasenschema des Wissenschaftlichen Arbeitens.

  • Ich verhalte mich den Studierenden gegenüber wertschätzend.

Jedes Anliegen ist zunächst einmal berechtigt. Auch und gerade wenn mir manche Ideen und Fragen der Studierenden seltsam vorkommen, bemühe ich mich um eine hilfreiche Antwort. Diese muss nicht unmittelbar die Problemlösung liefern, sondern kann auch aus Hilfe zur Selbsthilfe bestehen.

  • Ich achte die Individualität im Prozess des Wissenschaftlichen Arbeitens.

Alle Studierenden pflegen – wie andere Schreibende auch – einen eigenen Arbeitsstil, den sie im Laufe der Zeit weiterentwickeln. Dabei helfe ich ihnen, indem ich verschiedene Arbeitstechniken und (Schreib-)Methoden vermittle, die sie flexibel einsetzen können, um mit ihren Arbeiten besser voranzukommen.

 

In der Lehre

 

  • Ich erkläre den Sinn und Unsinn von Konventionen in der Wissenschaft.

Die Studierenden sollen verstehen, dass Konventionen in der Wissenschaft keine Schikane sind, sondern dazu dienen, Texte zugänglicher und verständlicher zu machen. Gleichzeitig halte ich die Studierenden an, solche Konventionen kritisch zu reflektieren, die nicht mehr zeitgemäß sind.

  • Ich thematisiere ab und zu meine eigenen Schreibprojekte.

Ausgehend von meine eigenen Erfahrungen rede ich über den Schreibprozess und mache deutlich, dass Texte „nicht einfach so entstehen“. So zeige ich, dass selbst fortgeschrittene Schreibenden mit Problemen kämpfen und wie sie diese lösen. Dabei erhebe ich meine Schreibpraxis nicht zum allgemeingültigen Ideal.

 

In der Beratung

 

  • Ich bin transparent, was die Möglichkeiten und Grenzen der Beratung angeht.

Mein Feedback ist nur so direktiv wie unbedingt nötig. Wenn Entscheidungen zu treffen sind, lege ich aus meiner Sicht die Optionen dar. Die Entscheidungshoheit und die Verantwortung für den Text bleiben beim Verfasser.

  • Ich bin mir der Doppelrolle bewusst, die durch das Aufeinanderfolgen von Beraten und Bewerten entsteht.

Bei der Benotung konzentriere ich mich auf den vorliegenden Text und blende so gut wie möglich aus, was ich über dessen Entstehungsgeschichte weiß.

8 Kommentare zu “Manifest für Lehrende

  1. Liebe Frau Klein,

    vielen Dank für Ihre Zusammenfassung, mit der Sie zugleich Grundlegendes schaffen wie Gemeinschaft stiften. Ich spreche vornehmlich aus der Sicht als Schreibberaterin und -dozentin und freue mich über die zahlreichen Parallelen in der Einstellung sowohl gegenüber den Studierenden als auch dem wissenschaftlichen Schreiben an sich. Ihre Aussagen erscheinen nicht „banal“, aber – und das ist in der Tat ein Grund zur Freude – in zunehmendem Maße selbstverständlich. Besonders begrüßenswert erachte ich die Entwicklung, Lehre und Beratung im Bereich des wissenschaftlichen Schreibens immer stärker zu differenzieren und zu individualisieren. Den Studierenden eine breitere Auswahl an Schreibstrategien an die Hand zu geben und auf Wertungen zu verzichten, fördert Eigeninitiative und Problemlösungskompetenzen. Gleichwohl verteufle ich weder die tradierten noch jüngere Phasenmodelle – unter der Voraussetzung, sie werden explizit als offenes Angebot, als Orientierungshilfe, als eine Vorgehensweise unter vielen vermittelt. Nicht wenige Studierende empfinden es als Erleichterung, vorgegebenen Arbeitsschritten und Chronologien zu folgen. Naja, wobei wir dann doch wieder bei der individualisiert(er)en Sicht gelandet sind und den Kreis schließen dürfen.
    Nichtsdestotrotz möchte ich die kritische Frage aufwerfen, wie erreichbar, ja vielleicht sogar wie wünschenswert Ihr eingangs formuliertes Ziel einer Fachdidaktik für die Vermittlung von Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens tatsächlich ist. Sind die Konventionen und Anforderungen an das wissenschaftliche Schreiben in einzelnen Fächern respektive Fächergruppen nicht viel zu heterogen? Kann die Vermittlung wissenschaftlicher Arbeitstechniken in den Geisteswissenschaften auf derselben Didaktik fußen wie etwa in der Medizin? Läge der Preis für das Generieren einer gemeinsamen Fachdidaktik nicht in einem zu hohen Abstraktionsgrad? Beziehungsweise gelangte man nicht unweigerlich wiederum an den Punkt, disziplinenorientiert maßgeblich zu spezifizieren?
    Ein erstrebenswertes Ziel liegt vielleicht zunächst in der Verständigung auf Qualitätskriterien und -standards in der adressatengerechten Vermittlung von Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens. Das vorliegende Manifest besitzt hier Vorbildfunktion – vielen Dank!

    1. Liebe Frau Spanier,
      ohne Umschweife stürze ich mich direkt auf Ihre kritische Frage, ob eine Fachdidaktik wünschenswert oder erreichbar ist. Ich denke, es könnte nach einer Art „Y-Modell“ funktionieren: eine gemeinsame Basis mit fachspezifischer Ausdifferenzierung. Die gemeinsame (Werte-)Basis gibt es auf jeden Fall, und der interdisziplinäre Austausch würde gut dabei helfen, die Unterschiede zwischen den Herangehensweisen der Fächer zu verdeutlichen.

      In der Schreibdidaktik existieren ja sehr wertvolle Ansätze, die leider in den Fächern noch viel zu schwach aufgenommen und demnach auch nicht umgesetzt werden. Wenn das mit dem Wissen aus den Fächern zusammengeführt würde, wäre schon viel gewonnen.

      Mit der adressatengerechten Vermittlung als Etappenziel wäre ich auf jeden Fall auch schon sehr glücklich!

      1. Liebe Frau Klein,

        damit bin ich vollkommen d’accord 🙂 Ich glaube, wir haben sehr Ähnliches im Sinn. Weniger die Notwendigkeit und der Gewinn (für Studierende wie Lehrende) stehen in Frage als vielmehr die Bereitschaft der Beteiligten verschiedener Disziplinen, realistisch betrachtet. Aber ich denke, es werden derzeit allerlei Stein(chen) ins Rollen gebracht, und ich freue mich, ein Teil dieser Bewegung zu sein.
        Beste Grüße

        1. Liebe Frau Spanier!

          Als Initiatorin der Blogparade, zu der dieser Artikel von Frau Klein zählt, lade ich Sie sehr herzlich dazu ein auch mitzumachen, wenn Sie Lust haben! Hier finden Sie alle Infos dazu: http://www.plagiatpruefung.at/blogparade-zukunft-wissenschaftliches-arbeiten

          Die von Ihnen gestellte Frage höre ich sehr häufig von Lehrenden! Fast ein wenig beleidigt manchmal, so als würde man durch den Wunsch nach bzw. mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Basis des wiss. Arbeitens irgendeinem Fach etwas absprechen wollen. Auch die Befürchtung schwingt mit, dass „allgemeine“ DidaktikerInnen doch kaum die FACHdidaktik verstehen könnten. Sehr spannende Mechanismen im Gange!

          Ich habe zu dieser Blogparade auch eine Facebook-Page (https://www.facebook.com/groups/paradewissarb/) angelegt, bei Interesse auch da bitte sehr gerne teilnehmen! Werde die Frage dort auch ans Publikum spiegeln, mal sehen was die KollegInnen dazu meinen.

          Herzlichst,
          Natascha Miljkovic

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