Fröhlich/Henkel/Surmann: Raus aus dem stillen Kämmerlein

Fröhlich, Melanie, Christiane Henkel und Anna Surmann (2017): Zusammen schreibt man weniger allein – (Gruppen-)Schreibprojekte gemeinsam meistern. Opladen und Toronto: Verlag Barbara Budrich (UTB).

Preis: 12,99 Euro

Den Überblick über den Inhalt finden Sie aufgrund seines großen Umfangs am Ende des Artikels.

Fröhlich/Henkel/Surmann: Raus aus dem stillen Kämmerlein

Schreiben in der Gruppe – die einen lieben es, die anderen hassen es. Das Buch bietet seiner Leserschaft drei Zugänge zur Thematik: über theoretische Ausführungen zum Prozess des Schreibens, über praktische Übungen und über vier Szenarien mit jeweils einem fiktiven Fall (Philipp gründet eine autonome Schreibgruppe, Esma und Jule verfassen ihre Abschlussarbeit zu zweit, Alberto muss eine Gruppenhausarbeit verfassen und Svetlana besucht begleitend zu ihrem Schreiben ein Bachelor-Kolloquium). In den vier großen Kapiteln – „Einführung“, „Anlässe“, „Prozesse“ und Praxisteil –werden diese Fälle an den passenden Stellen immer wieder herangezogen. Durch diesen Aufbau sollte der Einstieg in das Schreiben in der Gruppe nicht nur für die, die es sowieso lieben, möglich sein, sondern auch für die, die es (noch) hassen.

Die Autorinnen Melanie Fröhlich, Dr. Christiane Henkel und Anna Surmann befassen sich beruflich intensiv mit Peer Learning. Somit flossen viele wertvolle Erfahrungen in das Buch ein: Wie können Studierende beim Schreiben ihrer Arbeiten miteinander und voneinander lernen? Macht das Schreiben außerhalb des stillen Kämmerleins vielleicht sogar Spaß?

Das Buch ist nicht als eigenständige Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten zu verstehen, sondern eher als Ergänzung zu nutzen. Oder, andersherum betrachtet: Viele der Übungen lassen sich auch hervorragend für nicht-wissenschaftliche Texte einsetzen.

Sehr viel und an einer Stelle etwas zu wenig

Das Buch als solches ist mit seinen 116 Seiten eher schlank. Das dazugehörige Online-Material wiederum ist mit 46 Seiten relativ umfangreich und ergänzt den Praxisteil mit zusätzlichen Übungen. Diese sind durch ihren einheitlichen Aufbau und acht Leitsymbole sehr übersichtlich gestaltet. Besonders gefreut hat mich, dass auch psychologische Themen Beachtung finden, wie zum Beispiel Schreibzweifel (S. 87 f.).

Elektronische Tools dürften durchaus ausführlicher thematisiert werden. Sicher ist meine Sicht auf Sicht auf das Thema „Software beim wissenschaftlichen Arbeiten“ nicht ganz neutral. Dennoch denke ich, dass es nicht nur Studierenden im Fernstudium oder im dualen Studium, sondern etwa auch solchen mit Nebenjobs und anderen Verpflichtungen häufig Probleme bereitet, sich in angemessener Frequenz persönlich zu treffen, um mit ihren Schreibprojekten voranzukommen. Hier wäre es sicher hilfreich, alternative Wege der Zusammenarbeit stärker zu gewichten.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Dieses Buch dürfen Sie ohne Bedenken allen empfehlen, die gemeinsam Texte schreiben wollen oder müssen. Durch die vier verschiedenen Szenarien sind die verschiedenen Ausgangslagen sehr gut abgedeckt, und alle Schreibenden werden sich gut wiederfinden. Die Übungen lassen sich ohne Vorkenntnisse durchführen und eignen sich daher auch sehr gut für Studierende in den Anfangssemestern. Fortgeschrittene Studierende finden sicherlich auch nützliche Ansätze für die Optimierung ihrer Arbeitsweise.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Auch in der Lehre lassen sich viele der Übungen sehr gut einsetzen. Selbst wenn die Studierenden in Ihrer Veranstaltung gar keine Texte in einer Gruppe schreiben, reduzieren Sie durch die Übungen die Zentrierung auf sich als Lehrperson und können die Studierenden eigenständig und im Sinne des Peer Learning arbeiten lassen.

Ein weitere Plus: Sie selbst profitieren möglicherweise für Ihre eigenen Gruppen-Schreibprojekte, wie etwa gemeinschaftliche Publikationen.


 

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 


Inhaltsverzeichnis

1 Einführung – So können Sie dieses Buch nutzen

2 Anlässe für gemeinsames Schreiben: Szenarien

2.1 Autonome Schreibgruppe

2.2 Abschlussarbeit zu zweit

2.3 Gruppenhausarbeit

2.4 Schreiben im Seminar

3 Prozesse in gemeinsamen Schreibprojekten

3.1 Projektplanung und Zusammenarbeit

3.1.1 Projekte planen, überwachen und steuern

3.1.2 Einzel- und Zusammenarbeit organisieren

3.1.3 Gruppentreffen moderieren

3.1.4 Risiken der Zusammenarbeit entgegenwirken

3.1.5 Chancen von Zusammenarbeit nutzen

3.2 Schreibprozess und Selbstorganisation

3.2.1 Schreibstart: Ins Denken, Arbeiten, Schreiben kommen

3.2.2 Themenfindung und inhaltliche Planung

3.2.3 Literatur suchen, finden und auswerten

3.2.4 Strukturieren und einen roten Faden entwickeln

3.2.5 Textfeedback

3.2.6 Überarbeitung und Endredaktion

4 Praxisteil

4.1 Projektplanung

4.1.1 Startschuss für Schreibprojekte

4.1.2 Balkendiagramm und Klebezettel-Kalender

4.1.3 Kanban-Board

4.1.4 Moderationsplan für Arbeitstreffen

4.1.5 Moderationsplan für gemeinsame Schreibzeit

4.1.6 Sprechstundengespräche vorbereiten

4.1.7 Auswertungsgespräch

4.2 Zusammenarbeit konstruktiv gestalten

4.2.1 Probleme lösen, Entscheidungen treffen

4.2.2 Checkliste: Probleme in der Gruppe lösen

4.2.3 Synergie-Check

4.3 Schreibstart: Ins Denken, Arbeiten und Schreiben kommen

4.3.1 Arbeits- und Schreibjournal

4.3.2 Inkshedding: Freewriting in der Gruppe

4.3.3 Schreibstrategien

4.3.4 Schreiborte und Schreibzeiten

4.3.5 Schreibblockaden lösen

4.3.6 Schreibzweifel überwinden

4.3.7 Auswerten und motiviert weiterarbeiten

4.4 Themenfindung und inhaltliche Planung

4.4.1 Themenklärung und Aushandlung in Gruppen

4.4.2 Clustering

4.4.3 Themenklärung im Gespräch

4.5 Literatur: Suchen, Finden und Auswerten

4.5.1 Literatur auswählen

4.5.2 Exzerpiertabelle

4.5.3 Texte gemeinsam besprechen

4.6 Strukturieren und einen roten Faden entwickeln

4.6.1 Mindmapping

4.6.2 Strukturieren mit Karten

4.6.3 Denkbilder

4.7 Textfeedback

4.7.1 Textfeedback mit Zeichen

4.7.2 Beschreibendes Textfeedback

4.7.3 Textentwürfe überarbeiten

4.7.4 Feedbackrundlauf

4.8 Überarbeitung und Endredaktion

4.8.1 Schrittweise überarbeiten

4.8.2 Redaktionssitzung

4.8.3 Wissenschaftssprache überprüfen

5 Literaturverzeichnis

Mieg/Lehmann: Erneuerung durch Forschendes Lernen

Mieg, Harald und Judith Lehmann (Hrsg.) (2017): Forschendes Lernen: wie die Lehre in Universität und Fachhochschule erneuert werden kann. Frankfurt a.M. und New York: Campus Verlag.

Preis: 29,95 Euro

Den Überblick über den Inhalt finden Sie aufgrund seines großen Umfangs dieses Mal am Ende des Artikels.

Das Buch wurde mit Unterstützung durch Mittel aus dem Qualitätspakt Lehre erstellt.

 

Mieg/Lehmann: Erneuerung durch Forschendes Lernen

Erneuerung der Lehre durch Forschendes Lernen – so verspricht es der Untertitel des von Harald A. Mieg und Judith Lehman herausgegebenen Sammelbandes. In der Tat werden hier die Potenziale des hochschuldidaktischen Ansatzes des Forschenden Lernens sehr gut deutlich. Dazu trägt neben den Inhalten auch die Anlage des Buches bei.

Ein Sammelband mit einem Umfang von 448 Seiten (!) sollte besser sehr gut strukturiert sein, und dieser hier ist es. Die „erste Gesamtschau zum Forschenden Lernen in Deutschland“ (Umschlagtext) gliedert sich in die drei Hauptabschnitte „Prinzipien“, „Fächer“ und „Perspektiven“.

  • Der erste Abschnitt „Prinzipien“ ist noch einmal unterteilt in „Fokus Lernen“, „Fokus Forschen“ und „Fokus Studium“.
  • Die Zuordnung im zweiten Abschnitt „Fächer“ wird erst durch die Erläuterung klar: Das Herausgeberteam verzichtet auf „den Versuch einer vollständigen Fächersystematik“ und stellt statt dessen vier Klassen mit je drei typischen Beispielen vor, die restlichen Fächer folgen in alphabetischer Reihenfolge (S. 151).
  • Im dritten Abschnitt „Perspektiven“ werden die Aussichten für Hochschulen, Wirtschaft und Gesellschaft behandelt.

Zur besseren Orientierung sind das Verzeichnis der Autorinnen und Autoren sowie das Register sehr hilfreich.

Mein größtes Vergnügen

Die größte Leistung des Buches liegt sicherlich im Zusammenstellen des bestehenden Wissens zum Forschenden Lernen, davon habe ich sehr profitiert. Mein größtes persönliches Vergnügen hingegen lag in der Lektüre der drei folgenden Beiträge:

  • „Kompetenzentwicklung durch Forschendes Lernen“ von Christopher Gess, Wolfgang Deicke und Insa Wessels

Dieser Beitrag widmet sich den Kompetenzzielen auf drei Ebenen und war für mich aufgrund der Berücksichtigung der affektiv-motivationalen Komponente sowie des Beleuchtens der Forschenden Haltung hochinteressant.

  • „Prüfungen und Forschendes Lernen“ von Gabi Reinmann

Danke für die klaren Worte in Hinblick auf kompetenzorientiertes Prüfen, das nicht nur in der Praxis dem Anspruch hinterherhinkt, sondern auch theoretisch-konzeptionell bisher noch nicht sehr weit gedacht war. Die Autorin schlägt ein Modell vor, in dem sie die Prüfungsformen den Lern- und Lehrformen zuordnet.

  • „Forschendes Lernen in der Betriebswirtschaftslehre“ von Georg Müller-Christ

Der Autor rüttelt an den Grundfesten der BWL und macht mir damit Hoffnung. Das folgende Zitat möchte ich für sich sprechen lassen: „Es geht also darum, ein Lehr-Lern-Setting zu schaffen, in dem mit den Studierenden ein Raum des Erforschens, Erkundens und Staunens (Scharmer/Käufer 2014) gestaltet und gemeinsam das Neue gesucht wird. Dafür müssen die Lehrenden aus einer unfehlbaren Position zurücktreten und lernen, mit den Studierenden das Vertraute neu zu sehen.“ (S. 300 f.)

Ein weiterer positiver Aspekt: An mehreren Stellen im Sammelband wird deutlich, wie groß der Forschungsbedarf in Bezug auf das Forschende Lehren selbst ist. Zwar wird gefühlt immer wieder und von allen postuliert, dass Forschendes Lernen notwendig, sinnvoll und hilfreich ist, und die individuellen Erfahrungen stützen dies auch, aber wirklich belegt ist es eben noch nicht. Das sollte sich in den kommenden Jahren ändern.

Das Sammelband-Phänomen und ein (klitzekleines) Manko

Wenn viele Personen über ein Thema schreiben, bleiben inhaltliche Doppelungen nicht aus. Zwischendurch dachte ich, ich müsste schreien, wenn ich noch ein weiteres Mal den Hinweis auf das wegbereitende Papier der Bundesassistentenkonferenz von 1970 lese oder die Matrix von Healey/Jenkins sehe. Aus der Sicht jeden einzelnen Beitrags ist es selbstverständlich nötig, sich auf diese Quellen zu beziehen. Für mich als Leserin war es leicht unangenehm – aber bitte nicht falsch verstehen, das ist wirklich zweitrangig und mein ganz persönliches Problem.

Ein klitzekleines Manko: Die Literaturangaben am Ende jedes Beitrags sind sehr platzsparend in einer Art Fließtext gesetzt, so dass das Finden des gewünschten Titels erschwert ist. Aber auch das ist natürlich zu verkraften.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Für eine Diskussion auf der Meta-Ebene kann ich mir gut vorstellen, den Studierenden ausgewählte Beiträge als Einstiegslektüre in ein Forschungsseminar zu verwenden, zum Beispiel einen der Grundlagenbeiträge aus dem ersten Abschnitt oder den zum jeweiligen Fach passenden Beitrag.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Alle Hochschuldidaktikerinnen und -didaktiker sowie natürlich alle Fachlehrenden, die das Forschende Lernen einsetzen, sollten dieses Buch gelesen haben. Es erleichtert den Einstieg (für alle, die am Anfang stehen) und die Verortung des eigenen Tuns (für alle, die bereits „forschend lehrend“ tätig sind). Die Beiträge zeigen Möglichkeiten der Ausgestaltung im eigenen Fach und Inspirationen aus verwandten Disziplinen.

Für Schreibberaterinnen und Schreibberater erschließt sich der Nutzen der Lektüre nur mittelbar. Ich gehe allerdings davon aus, dass sich mit der (weiteren) Verbreitung des Forschenden Lernens die Anforderungen an studentische Texte ändern, weil diese eben forschungsbezogener werden. Dies gilt es zu begleiten.

 


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!


 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort Judith Lehmann

Vorwort Elizabeth L. Ambos

Einleitung: Forschendes Lernen – erste Bilanz Harald A. Mieg

I. Prinzipien

Konzepte und Fallstudien: Was die Hochschulforschung zum Forschenden Lernen weiß Peer Pasternack

Fokus: Lernen

Forschend lernen – Selbstlernen. Selbstlernprozesse und Selbstlernfähigkeiten im Forschenden Lernen Matthias Wiemer

Forschungsorientiert Lernen und Lehren aus didaktischer Perspektive Karin Reiber

»From Teaching to Learning« – Merkmale und Herausforderungen einer studierendenzentrierten Lernkultur Carmen Wulf

Fokus: Forschung

Kompetenzentwicklung durch Forschendes Lernen Christopher Gess, Wolfgang Deicke und Insa Wessels

Das forschungsbezogene Studium als Enkulturation in Wissenschaft Ines Langemeyer

Reflexion Ludwig Huber

Fokus: Studium

Prüfungen und Forschendes Lernen Gabi Reinmann

Das Peer-to-Peer-Prinzip des Forschenden Lernens Anke Spies

Inter- und Transdisziplinarität Michael Prytulay Tobias Schröder und Harald A. Mieg

II. Fächer

Fächerklasse I

Forschendes Lernen in der Lehramtsausbildung Wolfgang Fichten

Forschendes Lernen in der Sozialen Arbeit Alexandra Schmidt-Wenzel und Katrin Rubel

Forschendes Lernen in den Informationswissenschaften Antje Michel und Hans-Christoph Hobohm

Life Sciences

Forschendes Lernen in der Medizin Thorsten Schäfer

Forschendes Lernen in den Lebenswissenschaften Natascha Selje-Aßmanny Christian Poll, Matthias Tisler; Julia Gerstenberg, Martin Blum und Jörg Fleischer

Forschendes Lernen in den Gesundheitswissenschaften Kati Mozygemba, Ulrike Lahny Tobias Bernhardt und Anne Dehlfing

MINT (Mathematik — Informatik – Naturwissenschaften – Technik)

Forschendes Lernen in der Mathematik Ingolf Schäfer

Forschendes Lernen in den Naturwissenschaften Andrea Ruf, Ingrid Ahrenholtz und Sabine Matthe

Forschendes Lernen in den Ingenieurwissenschaften Thorsten Jungmann, Philipp Ossenberg und Sarah Wissemann

Kunst und Gestaltung

Forschendes Lernen in der Kunst Elke Bippus und Monica Gaspar

Forschendes Lernen im Design Matthias Beyrow, Marion Godauy, Frank Heidmanny, Constanze Langer,Reto Wettach und Harald A. Mieg

Forschendes Lernen in der Architektur Luise Albrecht

Einzelfächer

Forschendes Lernen in der Betriebswirtschaftslehre Georg Müller-Christ

Forschendes Lernen in den Bewegungswissenschaften Felix Riehl, Anna Dannemanny, Robert Zetzsche und Christian Maiwald

Forschendes Lernen in der Geographie Jacqueline Passon und Johannes Schlesinger

Forschendes Lernen in der Geschichtswissenschaft Andreas Bihrer, Stephan Bruhn und Fiona Fritz

Forschendes Lernen im Fach Jura Roland Broemel und Olaf Muthorst

Forschendes Lernen in der Kulturwissenschaft Margrit E. Kaufmann

Forschendes Lernen in der Nachhaltigkeitswissenschaft Ulli Vilsmaier und Esther Meyer

Forschendes Lernen in der Philosophie Oliver Schliemann

Forschendes Lernen in der Theologie Oliver Reis

III. Perspektiven

Forschendes Lernen als Lehrprofil von Hochschulen – am Beispiel der Universität Bremen Margrit E. Kaufmann und Heidi Schelhowe

Forschendes Lernen aus der Perspektive der Fachhochschulen Margit Scholl

Forschendes Lernen mit digitalen Medien Sandra Hofhues

Forschendes Lernen und Heterogenität Ayla Satilmis

Perspektiven für Wirtschaft und Gesellschaft? Die Frage der Beschäftigungsfähigkeit und die Umsetzung des Forschenden Lernens Karsten Speck und Wilfried Schuharth

Miljkovic/Merten: Wunderwuzzis am Werk

Miljkovic, Natascha und René Merten (Hrsg.) (2017): Erfolg in Studium und Karriere – Fit durch Selbstcoaching. Verlag Barbara Budrich (UTB): Opladen und Toronto

19,99 Euro

Die vier Hauptkapitel können auch einzeln als E-Book erworben werden.

  

Inhaltsübersicht

I. KOMPETENZEN

Soft Skills vs. Hard Skills / Soft Skills und Schlüsselqualifikationen – Welche brauchen Sie, welche haben Sie? / Schreiben für die eigene Weiterentwicklung

II. STUDIUM

Lernen lernen / Study Life Balance – Ihr Studium und Sie / Tipps für gutes wissenschaftliches Arbeiten / Tipps für wissenschaftliches Schreiben / Wissenschaftliche Unredlichkeiten und Plagiate vermeiden / Studium done or undone – Studienübergänge sind auch Gänge!

III. KONTAKTE

Netzwerke aufbauen und nutzen / Kennen und gekannt werden / Unterstützung brauchen, finden … und bieten! / Beruf und Freizeit – zusammen, was zusammengehört / Schreiben im Netz

IV. KARRIERE

Ihre Karriereentwicklung – Nehmen Sie sie in die Hand! / Der Arbeitsmarkt – Seine Schwächen sind Ihre Stärken / Self Branding und Selbstmarketing / Schreiben für die Karriere / Job Style – Ihr Beruf und Sie

Miljkovic/Merten – Wunderwuzzis am Werk

Was bitte ist ein Wunderwuzzi? Der Duden und Wikipedia haben es mir verraten: Dieser österreichische Begriff meint einen Alleskönner, einen Tausendsassa, ein Multitalent. Wieder was gelernt. Ich finde den Begriff herrlich.

Der Begriff „Wunderwuzzi“ wird im Buch verwendet als Gegenstück zum „Bummelstudi“ verwendet (S. 83), aber er beschreibt auch ganz gut, was das Buch selbst ausmacht. Es verbindet die Themen Studium und Karrieren und eignet sich somit für alle, die kurz vor ihrem Hochschulabschluss stehen oder ihn gerade hinter sich gebracht haben. Diese Zielgruppe benötigt in ihrer Umbruchphase sowohl Anregung als auch Beruhigung – beides findet sie in dem vorgelegten Ratgeber.

Werkelnde Wunderwuzzis

Natascha Miljkovic und René Merten ist es gelungen, gemeinsam mit den beiden Co-Autorinnen Regina Fenzl und Kathrin Miglar ein Buch vorzulegen, das sich angenehm leicht und zuweilen sogar spannend liest . Es hält in jedem Kapitel so vieles bereit, ohne überfrachtet zu sein. Die Sprache steckt voller Bilder und Metaphern, die das Gehirn anregen.

Der in meinen Augen wichtigste Aspekt wird dabei direkt am Anfang beschrieben: „ins Tun kommen“ (S. 11). Denn vieles dürfte den Lesern bekannt sein, aber ob sie es (jemals) umsetzen (würden), ist tatsächlich die andere Frage…. Daher ist der Ansatz mit vielen, vielen Übungen sehr gut gelungen. Wer eine Passage gelesen hat, findet immer eine Anregung, selbst etwas zu tun und anzuwenden oder zu reflektieren.

Was mir außerdem an dem Buch gut gefällt, ist die Berücksichtigung des Themas „Freizeit“ bzw. der „Study-Life-Balance“. Es handelt sich in dem Sinn um einen ganzheitlichen Ratgeber, dass Karriere nicht mit seelenlosem Arbeiten rund um die Uhr gleichgesetzt wird, sondern es wird auch das Bedürfnis nach Sinn und Ausgleich bedient. Den Angehörigen der Generation Y und aber auch denen der darauffolgenden Generation Z dürfte das entgegenkommen.

Das Werkeln an Studium und Karriere sollte den Leserinnen und Lesern nun also deutlich leichter fallen.

Wirre Wunderwuzzis

Ok, zugegebenermaßen trägt dieser Abschnitt nur wegen der Alliteration das Adjektiv „wirr“. Denn wirklich wirr ist das Buch natürlich nicht. Dennoch hätte ich mir als Leserin an manchen Stellen mehr Übersichtlichkeit gewünscht. Es wäre hilfreich, wenn die Übungen und Tipps nummeriert oder auch mit aussagekräftigen Namen versehen wären, damit man sie bei Bedarf schnell wiederfinden kann. Auch ein Sachverzeichnis zum schnellen Nachschlagen finde ich immer sinnvoll, dieses gibt es hier nicht. Bei einer hoffentlich nötigen zweiten Auflage ließen sich diese Punkte schnell integrieren.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Studierenden im letzten Studienjahr und frisch gebackenen Absolventen, die ins Berufsleben einsteigen möchten. Das Studienfach spielt dabei keine Rolle, das Buch ist so breit angelegt, dass alle einen Nutzen daraus ziehen können.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Für den Einsatz in der Lehre ist das Buch nicht konzipiert. Empfehlen Sie es Ihren Studierenden, wenn diese Ihnen sagen, dass sie sich gerade orientieren und dabei Unterstützung gut brauchen könnten.

 


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Weiterführende Links:

Interview zu Plagiatprävention mit Dr. Natascha Miljkovic

Gastartikel von Dr. Natascha Miljkovic

Danner-Schröder/Müller-Seitz: Qualitativ hochwertig

Danner-Schröder, Anja und Gordon Müller-Seitz (2017): Qualitative Methoden in der Organisations- und Managementforschung. Ein anwendungsorientierter Leitfaden für Datensammlung und -analyse. München: Vahlen.

Preis: 14,90 Euro

 

Überblick über den Inhalt:

1. Möglichkeiten und Herausforderungen qualitativer Methoden der Organisations- und Managementforschung

1.1 Problemstellung – Herausforderungen qualitativer Methoden der Organisations- und Managementforschung und Konsequenzen für diesen Leitfaden

1.2 Wie der Leitfaden zu nutzen ist

2. Fallauswahl sowie Ein- und Abgrenzung

2.1 Überblick

2.2 Forschungslücken identifizieren und Forschungsfragen ableiten

2.3 Fallauswahlstrategien

2.4 Empirische Rahmenbedingungen

3. Datensammlung

3.1 Überblick

3.2 Vorbereitende Maßnahmen und Überlegungen

3.2.1 Ethische und politische Erwägungen

3.2.2 Feldzugang herstellen

3.2.3 Gütekriterien

3.3 Interviews führen

3.3.1 Formen von Interviews

3.3.2 Entwicklung eines Interviewleitfadens

3.3.3 Hinweise, was es zu berücksichtigen und zu vermeiden gilt

3.4 (Teilnehmend) beobachten

3.4.1 Formen der Beobachtung und verschiedene Beobachtungsdimensionen

3.4.2 Das Protokollieren der erfassten Daten

3.4.3 Hinweise, was es zu berücksichtigen und zu vermeiden gilt

3.5 Dokumente und Artefakte erfassen

4. Ausgewählte Datenanalyseformen

4.1 Überblick

4.2 Sichten und sortieren der Daten

4.3 Daten kodieren und kategorisieren

5. Daten für Ergebnisdarstellungen aufbereiten

5.1 Überblick

5.2 Auswertungsprozess darstellen

5.3 Ergebnisse durch Abbildungen unterstützen

6. Fazit

Danner-Schröder/Müller-Seitz: Qualitativ hochwertig

Vorab: Das Buch erfüllt seinen eigenen Anspruch aus dem Untertitel sehr gut, es ist tatsächlich eine „anwendungsorientierte, methodische Arbeitshilfe für Seminar- und Abschlussarbeiten“. Das unterscheidet es von den meisten (allen?) deutschsprachigen Werken zu Methodenfragen. Es ist das Buch, das im Regal mit der Methodenliteratur noch fehlte.

Auf 112 Seiten geht es von der Fallauswahl über die Datensammlung und die Datenaufbereitung bis hin zur Ergebnisdarstellung. Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig bei der Datensammlung.

Zwei durchgängige Beispiele aus Danner-Schröders und Müller-Seitz‘ eigener Forschung veranschaulichen die theoretisch-methodischen Inhalte. Das ist zum einen ein Projekt der Autorin („Routinen im Katastrophenmanagement“), zum anderen ein Projekt des Autors („Umgang mit Unsicherheit“). Bei beiden Projekten handelt es sich um „echte Forschung“, nicht um Lehrprojekte.

Als Leserin erhalte ich einen detaillierten Einblick in den Ablauf von A bis Z, die Unwägbarkeiten und die zu treffenden Entscheidungen. Die Schilderungen sind dabei sehr offen, so dass noch unerfahrene Leser direkt sehen können, dass eben nicht immer alles nach Schema F wie aus dem Lehrbuch abläuft. Es werden auch Aspekte thematisiert, die sonst eher ausgeklammert werden, etwa so alltägliche (und gleichzeitig allesentscheidende!) Probleme wie der Zugang zum Feld (S. 36 f.). Weiterhin fand ich sehr wichtig, dass die ethische Dimension bei Befragungen und Beobachtungen angerissen wird (S. 26 ff.), und auch die Subjektivität qualitativer Methoden offengelegt wird. Letzteres wird zum Beispiel an der Frage deutlich, wie man denn ein Ende für seine Datenerhebung findet („Das Gefühl, dass Sie das alles schon einmal gesehen oder gehört haben, ist meist ein guter Indikator, dass Sie genügend Daten gesammelt haben“ (S. 69) – danke, dass es einfach mal jemand so offen schreibt!). Für hilfreich halte ich auch die Anregungen, wie man die Ergebnisse für die Darstellung aufbereitet (S. 98 ff.). Das kommt in vergleichbaren Werken oft zu kurz.

Zielgenau verfasst

Das Buch ist sehr gut lesbar, einfach und verständlich ausgedrückt, so dass nicht die Sprache unnötig den Zugang zu den Inhalten erschwert. Ich finde, man merkt dem Buch an, dass es „vom Leser her gedacht“ ist. Didaktisch sinnvoll der Aufbau: „Ausgewählte Lernziele“ stehen zu Beginn jedes Kapitels, es wurden viele Übungen und Beispiele integriert, und am Ende eines Kapitels finden sich oft so genannte „Anregungen aus der Literatur“. Dabei handelt es sich um Hinweise auf fremde Studien, die in Hinblick auf eine gute Nachvollziehbarkeit ausgewählt wurden. Zu guter Letzt erleichtert ein Glossar das Nachschlagen der Fachbegriffe.

Ausbaufähig an zwei Stellen

Aus meiner Sicht weist das Buch zwei kleinere Schwachstellen auf:

Erstens kommt die Transkription etwas kurz (S. 52 f.). Vor allem über den (oft unterschätzten!) Zeitaufwand finden die Leser keine Angaben und leider auch keine Hinweise auf weiterführende Literatur. Gerade bei zeitlich eng abgesteckten Arbeiten wie eben Seminar- oder Bachelorarbeiten sollten die Studierenden einen Anhaltspunkt dafür bekommen, was machbar ist, um sich notfalls auch gegen die Vorstellungen ihrer Betreuungsperson abgrenzen zu können.

Zweitens wären bei den Studierenden Lösungen oder zumindest Lösungsansätze für die vielen Übungsaufgaben und Reflexionen bestimmt gern gesehen. Hier tappen die Leser im Dunkeln, ob ihre Gedanken denn in eine sinnvolle Richtung gehen.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Die Zielgruppe des Buches sind Studierende der Wirtschaftswissenschaften und anderer Fachbereiche, insbesondere der Sozialwissenschaften, die für Seminar- oder Abschlussarbeiten qualitative Methoden einsetzen. Das bedeutet, dass die Entscheidung für die qualitativen Methoden bereits gefallen ist. Denn über die Abwägung „quantitativ vs. qualitativ vs. kombinierter Einsatz“ findet man im Buch keine Informationen oder Entscheidungshilfen – was auch nicht nötig ist, dazu gibt es andere Ratgeber.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

In der Lehre sind die vielen Beispiele und Übungsaufgaben sicher hilfreich. Bei der nächsten passenden Gelegenheit werde ich es testen.

 

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Verwandte Themen

„Empirisch forschen 101“

 

Schreiber: Das pralle Leben

Schreiber, Birgit (2017): Schreiben zur Selbsthilfe. Worte finden, Glück erleben, gesund sein. Berlin: Springer.

Preis: 19,99 Euro

 

Überblick über den Inhalt:

  • Einleitung
  • Schreiben hilft – Psychologische Grundlagen
  • Die Wirkstoffe im Heilmittel Schreiben
  • Vergangenheit anders erzählen
  • Der zerrissene Faden – nach einem Trauma anknüpfen
  • Die Gegenwart meistern
  • Wünsche verwirklichen und selbstbewusst in die Zukunft gehen
  • Ausblick: Nach dem Schreiben ist vor dem Schreiben

 

Schreiber: Das pralle Leben

Erster Eindruck: Ein kleines, feines Buch liegt vor mir. 150 Textseiten, luftig im Layout, angenehm und einladend.

Zweiter Eindruck: Dieses kleine, feine Buch hat es in sich. Es steckt voller Schreibübungen, die mich eine gute Weile beschäftigen werden.

„Ein Workshop in Buchform“

„Ein Workshop in Buchform“, so schreibt es Johanna Vedral im Geleitwort. Und es stimmt: Beim Lesen fühlte ich mich direkt angesprochen, als ob ich gerade an einem Workshop teilnehmen würde und erklärt bekäme, was als nächstes zu tun ist. Ich kann es kaum erwarten, die Übungen und das Online-Zusatzmaterial auszuprobieren.

Birgit Schreiber, Seminarleiterin, Journalistin, Schreibcoach und Biographieforscherin, kommt von der Schreib- bzw. Poesietherapie und legt mit „Schreiben zur Selbsthilfe“ einen Begleiter für all jene vor, die die Kraft des Schreibens gern im Alltag und in Lebenskrisen für sich nutzen möchten.

Wo sind da die Berührungspunkte mit dem wissenschaftlichen Schreiben? Dazu weiter unten mehr. Zunächst bleiben wir noch beim Grundsätzlichen.

Verführt zum Schreiben

In einem leichten und lebendigen Schreibstil wendet sich die Autorin an ihre Leserschaft. Alle Übungen sind als Einladung formuliert, individuelle Herangehensweisen und Lösungen sind ausdrücklich willkommen. Da will einem also niemand ein Patentrezept aufdrücken. Das macht die Lektüre sehr angenehm, Birgit Schreiber verführt im besten Sinne zum Schreiben. Denn auch ein grundsätzlich schreibwilliges Publikum benötigt wohl dann und wann gezielte Impulse. Solche findet es hier in hilfreicher Art und Weise.

Wissenschaftlich fundiert

Das Wissenschaftlerinnen-Herz schlägt höher, weil das Buch nicht, wie so viele andere, einfach nur eine Aneinanderreihung von Tipps und Übungen enthält, sondern auch gleich die theoretischen und empirischen Hintergründe dazu liefert. Alles ist fundiert und mit Quellen belegt. Dennoch ist das Buch auch für Fachfremde leicht zugänglich. Die vielen Zitate und beispielhaften Textauszüge, entweder aus der Literatur oder von Workshop-Teilnehmern, machen das Gesagte zudem lebendig und lebensnah.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Was hat das alles nun mit unserem Thema, dem wissenschaftlichen Arbeiten, zu tun? Was sollen Studierende mit dem Buch anfangen?

Vorweg: Es ist sicherlich kein Buch für die breite Masse an Studierenden. Es eignet sich vor allem für jene, die offen sind für das Schreiben und auch die Bereitschaft mitbringen, eigenständig Schreibübungen durchzuführen. Einen Bedarf dafür kann ich mir gut vorstellen: Generell werden die Anforderungen und der Druck im Studium zunehmend als hoch empfunden, wie Befragungen immer wieder zeigen. Außerdem lassen sich besonders Umbrüche wie der Übergang von der Schule zum Studium oder die Endphase des Studiums mit ihren Unsicherheiten (Prüfungen, Karriereplanung) durch Schreiben gut begleiten und verlieren dadurch etwas von ihrem Schrecken.

Was bringt das Buch für den Einsatz in der Lehre?

Die angebotenen Übungen reichen weit über das hinaus, was in regulären Lehrveranstaltungen zum wissenschaftlichen Arbeiten thematisiert wird (und werden sollte) – das pralle Leben eben. Bestimmte Übungen helfen bei der Erkenntnis, wohin man will und was einem wirklich wichtig ist. (Studien-)Motivation und Ziele könnten so ergründet werden. Wir bewegen uns hier also in einem hochinteressanten Feld. Diese Themen können jedoch nicht einfach en passant bearbeitet werden, sondern bedürfen kompetenter Anleitung und einer sinnvollen Einbettung in das Curriculum.

 

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

 

Arn: Bewegung tut not!

Arn, Christof (2016): Agile Hochschuldidaktik. Weinheim: Beltz Juventa.

Preis: 29,95 Euro

 

Überblick über den Inhalt:

1 Das Ungeplante zum Programm machen!

2 Didaktik, die aus Kommunikation entsteht: öfter als man denkt

3 Dieses Buch besteht aus …

I Grundlagen

1 Namen, Eigenschaften, Definitionen, Verhältnisse

2 Wie neu ist eine solche Didaktik?

3 Was meint die Lehr- und Lernforschung dazu?

4 Zur Haltung in der Kunst der Co-Didaktik

II Agile Didaktik lernen

1 Das Normalste der Welt neu lernen!

2 Sie können Agilität schon längst – Analogien geben Hinweise

3 Chancen wagen

4 Mit den Lernenden zusammen agile Didaktik lernen

5 Weiterlernen

III Bausteine

1 Vorbereitung ist mehr und anderes als Planung

2 Risiko und Chance – Angst und Energie

3 Ein Ziel, das zieht

4 Ein agiles Verhältnis von Theorie und Praxis

5 Zuverlässiger Wissensspeicher

6 Kann jemand dazu eine Frage stellen?

7 Methodenwahl

8 Lernwiderstand und Motivation, Disziplin und Strafe

9 Große Gruppen

10 Agile Prüfungen

11 Gute Lehre: kontinuierliches Feedback – Evaluation und Qualitätsmanagement gemeinsam

12 Wo zu viel erklärt wird, da staunt niemand mehr (Eugène Ionesco)

IV Stufen […]

Arn: Bewegung tut Not!

Mit seinem Buch „Agile Hochschuldidaktik“ setzt Prof. Dr. Christof Arn, Leiter des Zentrums Lernen und Lehren an der Hochschule Luzern, im Kopf einiges in Bewegung. Er stellt in Frage, was für uns in der Lehre selbstverständlich geworden ist.

Eine Annäherung über viele Bezeichnungen

„Agile Hochschuldidaktik“ – was soll das überhaupt sein? Zunächst einmal ist es nur ein Vorschlag für eine alternative Herangehensweise an die Lehre, die ein besseres Lernen ermöglichen soll. Weitere mögliche Begriffe, die diskutiert werden: Co-Didaktik, Mit-Didaktik, Kontaktdidaktik, Begegnungsdidaktik, Performance-Didaktik, Präsenzdidaktik, Jetzt-Didaktik, Situationsdidaktik, Systemische Didaktik. Sie haben alle gemeinsam, dass es um Interaktion und echte Begegnung mit den Studierenden geht.

Das Gegenteil der Agilen Didaktik ist die Plan-Didaktik. Eben jene Herangehensweise, die den gründlich vorbereiteten Plan über alles stellt. Sollte sich die Lehrveranstaltung dann anders entwickeln, stört das den Plan und stellt den Lernfortschritt in Frage, so die Annahme. Das ist die Art von Didaktik, die bisher wohl den meisten Lehrenden sehr stark nahegelegt bzw. „eingetrichtert“ wurde. Die agile Didaktik hingegen ist zugleich Tradition und Trend („vom Dozierenden zum Lern-Coach“). Sie setzt die passende Haltung voraus: Die Lehrenden dürfen nicht besserwissen wollen, sondern stellen sich mit ihrem Wissensvorsprung in den Dienst der Sache und sind gemeinsam unterwegs mit den Lernenden.

Agiles Lesen

Das Buch muss nicht von vorne nach hinten durchgearbeitet werden, man kann überall beginnen und findet dann entsprechende Querverweise. Dadurch ergeben sich natürlich Redundanzen, die aber nicht weiter stören.

Arn versteht es, dem Leser das zu geben, was er braucht, und ihm Stück für Stück seine Unsicherheit zu nehmen. Dabei ist zu bedenken, dass durch das Medium Buch wohl einiges verlorengeht, was in einem (agilen) Workshop transportiert werden könnte. Und trotzdem ist es ein so zugkräftiges Buch!

Kein erprobtes Konzept

Bei den vorgestellten Inhalten handelt es sich (zum Glück!) nicht um ein fertiges, erprobtes Konzept, sondern vielmehr um einen individuell auszugestaltenden Ansatz. Reflektiert und bisweilen auch selbstkritisch gibt er viele Beispiele aus seiner Praxis als Lehrender, die den Ansatz anschaulich machen. Mit seinen Ausführungen hilft er dabei, motivierende Ziele für die eigene Veranstaltung zu finden und die passende Methoden auszuwählen bzw. zu entwickeln. Arn schreibt herrlich undogmatisch und lässt viel Raum für die eigene Gestaltung.

Für mich persönlich war das Kapitel über große Gruppen hochinteressant. Auch dort kann agile Didaktik funktionieren, wenn es richtig angepackt wird.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Vielleicht empfehle ich das Buch irgendwann einmal einem Studierenden, der mit großen Erwartungen sein Studium aufgenommen hat und im Lauf der Zeit frustriert und demotiviert wurde. Die Lektüre würde ihm zeigen, dass nicht alle Lehrenden gleich sein müssen und es durchaus noch andere gibt als, die er tagtäglich erlebt. Dass keinesfalls seit Bologna alles verloren sein muss.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Sollten Sie von der Plan-Didaktik überzeugt sein, machen Sie sich besser darauf gefasst, dass das Buch die Basis Ihrer Lehre in Frage stellen wird und Sie sich eventuell komplett neu orientieren müssen (bzw. dann wohl eher „wollen“).

Vielleicht erkennen Sie aber auch Ihren Lehrstil in Ansätzen wieder und fühlen sich bestätigt. Das Buch ermutigt Sie in diesem Fall, aus bisher eher zaghaften Schritten forschere Schritte werden zu lassen.

 

Weitere Rezensionen, in denen Sie noch mehr über den Inhalt erfahren:

https://schulesocialmedia.com/2016/08/09/rezension-christof-arn-agile-hochschuldidaktik/ von Philipp Wampfler

https://www.linkedin.com/pulse/rezension-zu-christof-arn-agile-hochschuldidaktik-verlag-blum?trk=mp-reader-card von Dr. Andreas-Michael Blum

Link zur Verlagswebsite mit dem kompletten Inhaltsverzeichnis und einer Leseprobe:

https://www.beltz.de/fachmedien/paedagogik/buecher/produkt_produktdetails/31601-agile_hochschuldidaktik.html


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Wymann: Got 99 problems, writing ain’t one

Wymann, Christian (2016): Schreibmythen entzaubern. Ungehindert schreiben in der Wissenschaft. Opladen und Toronto: Verlag Barbara Budrich (UTB).

Preis: 12,99 Euro

 

Überblick über den Inhalt:

Wenn Mythen uns im Weg stehen

I Mythen zu den Schreibenden

1 Ich kann einfach nicht schreiben

2 Ich muss inspiriert sein

3 Übers Schreiben spricht man nicht

II Mythen zum Schreibprozess

1 Ich muss zuerst alles lesen und wissen

2 Ich sollte wie die anderen arbeiten

3 Ich brauche viel Zeit am Stück

III Mythen zum Text

1 Mein Erstentwurf muss perfekt sein

2 Ich darf niemals das Wort „Ich“ verwenden

3 Ich muss kompliziert und umständlich schreiben

Schluss: Mythen durchschauen

Dr. Christian Wymann arbeitet als Schreibberater an der Universitätsbibliothek Bern und außerdem als Schreibcoach für Studierende und Forschende (http://www.myw.schreibcoach.ch/ueber-mich/).

 

Wymann: Got 99 problems, writing ain‘t one

Der Buchtitel klingt verheißungsvoll: „Schreibmythen entzaubern“. Und als ob das nicht genug wäre, wird im Untertitel zusätzlich noch eine sehr, sehr verlockende Vorstellung beschrieben: „Ungehindert schreiben“. Wer wünscht sich das nicht?

Eine große Versprechung wird hier also gemacht: Wenn Du das hier liest, lieber Leser, hast Du vielleicht immer noch 99 Probleme in Deinem Leben, aber das Schreiben wird keins davon sein. (Um es einmal mit Jay-Z zu sagen.)

Ein anderer Zugang

Kann das gelingen? Kann ein einzelnes Buch diesen Anspruch erfüllen? Wer als Problemlösung einen klassischen Ratgeber mit allerlei Tipps erwartet, liegt falsch. Wymann geht anders vor. Er beschreibt insgesamt neun so genannte „Schreibmythen“. Darunter ist eine falsche Vorstellung zu verstehen, die man sich vom Schreiben macht. Diese Mythen ergänzt der Verfasser durch Schilderungen prominenter Autoren und Autorinnen und schließt daran Hilfestellungen für Schreibende an („Was Sie tun können“). Wymann stellt in dem Buch Bekanntes zusammen und erhebt auch gar nicht den Anspruch, etwas komplett Neues zu bieten, wie er selbst auf S. 10 f. schreibt. Dennoch ist das Buch sehr hilfreich, eben weil es einen anderen Zugang als herkömmliche Ratgeber bietet.

Durch die Gliederung in 3×3 Mythen erschließt sich die Struktur des Inhalts schnell: Im ersten Teil geht es um den Schreiber selbst, im zweiten Teil um den Prozess des Schreibens und im dritten um das Produkt, den Text. Mit einem Umfang von 118 Seiten lädt das Buch auch diejenigen zum Lesen ein, die vielleicht eher schnelle Hilfe suchen. Zudem ist es durch die verständliche Sprache und die klaren Formulierungen gut lesbar. An den passenden Stellen veranschaulichen Beispiele aus Wymanns Coaching-Praxis und seine eigene Erfahrungen mit dem Schreiben das Gesagte.

Durch die Schreibhölle gehen?

Im Schlusskapitel schreibt Wymann “Schreibbeschwerden empfand ich nur unbewusst als Problem, aber nicht als etwas, was ich gezielt und mit externer Hilfe hätte angehen können. Das war einfach so; da musste ich durch, meinte ich. Womöglich dachte ich insgeheim, dass es eine Art Prüfung sei, wenn man durch die Schreibhölle geht und sie durchsteht. Dass Schreiben keineswegs gleich einer Hölle sein muss, sondern ein anstrengender, herausfordernder, aber auch befriedigender Hindernisparkour sein kann, kam mir nicht in den Sinn.“ (S. 111 f.)

So geht es wahrscheinlich vielen, und damit komme ich zur Ausgangsfrage zurück. Kann ein einzelnes Buch dazu führen, dass man fortan ungehindert schreiben wird? Ja, denn um am eigenen Schreiben zu arbeiten, braucht es genau diese Erkenntnis aus dem Zitat. Durch die Lektüre des Buches reift sie früher heran. Das ist der erste und wahrscheinlich wichtigste Schritt zur Entzauberung der Mythen und damit zum ungehinderten Schreiben.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Das Buch kann allen Studierenden dabei helfen herauszufinden, ob sie falschen Vorstellungen über das Schreiben erlegen sind. Wer bereits weiß, dass er eines der neun Probleme hat, findet sich in den Beschreibungen der Schreibenden wieder und profitiert von den Denkanstößen.

Den größten Nutzen entfaltet das Buch vermutlich bei Anfängern oder, besser gesagt, bei Schreibenden, die sich noch nicht intensiv mit dem Schreiben auseinandergesetzt haben. Manche Mythen halten sich ja durchaus hartnäckig ein halbes Schreiberleben lang.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Schreibberater finden vor allem in den Beispielen gute Ansatzpunkte, um ihre eigene Beratungspraxis bei Bedarf etwas anzureichern. Fachlehrende, die sich bisher nicht in der Literatur zur Schreibforschung und -didaktik informiert haben, erhalten eine gute Vorstellung davon, was in den Köpfe ihrer Studierenden beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten passieren mag. Auch ein eigener Nutzen durch die Lektüre ist nicht auszuschließen. Vielleicht sind Sie ja auch einem Schreibmythos erlegen?


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Träger: Modernes Zitieren

Träger, Thomas (2016): Zitieren 2.0. Elektronische Quellen und Projektmaterialien richtig zitieren. München: Verlag Franz Vahlen.

Preis: 14,90 Euro

Überblick über den Inhalt:

A. Einführung

B. Grundlagen wissenschaftlicher Quellenarbeit

Sinn und Zweck von Quellenangaben und Zitaten/Wissens- und Datenquellen/Anforderungen an Quellen/Direktes, indirektes Zitat und Rezitat

C. Die korrekte Zitierweise wählen

Systematik und Priorisierung der Zitierweisen/Wahlentscheidungen beim Zitieren/Zitierstile/Überlegungen zum Zitierstil in diesem Buch

D. Zitieren aus dem Internet und von elektronischen Quellen

Besonderheiten digitaler Quellen/Qualitätskriterien und Zitierwürdigkeit elektronischer Quellen/Zitierfähigkeit der Quellen verbessern/Konkrete Zitiervorgaben nach Werks-/Medienart/Praktische Tipps für die Arbeit mit elektronischen Quellen

E. Zitieren von öffentlich zugänglichen Firmenquellen

Besonderheiten öffentlich zugänglicher Firmenquellen/Qualitätskriterien öffentlicher Firmenquellen/Zitierfähigkeit und Zitierwürdigkeit öffentlicher Firmenquellen verbessern/Konkrete Zitiervorgaben nach Werks-/Medienart

F. Zitieren von firmeninternen Quellen

Besonderheiten interner Quellen/Qualitätskriterien interner Quellen/Zitierfähigkeit und Zitierwürdigkeit interner Quellen verbessern/Konkrete Zitiervorgaben nach Werks-/Medienart/Praktische Tipps für die Arbeit mit internen Quellen

G. Fazit

Das komplette Inhaltsverzeichnis und eine Leseprobe finden Sie auf der Website des Verlags.

cover_traeger

Träger: Modernes Zitieren

Noch ein Buch über das Zitieren. Ist nicht schon alles gesagt, und zwar von allen? Ist so ein Buch denn tatsächlich nötig?

Thomas Träger, Professor an der Steinbeis-Hochschule Berlin, zieht die Motivation für das Buch aus seiner Tätigkeit als Betreuer wissenschaftlicher Arbeiten. Dabei fiel ihm auf, welche Schwierigkeiten das Zitieren vielen Studierenden bereitet, vor allem beim Wissenstransfer zwischen Theorie und Praxis.

Ja, ein weiteres Buch über das Zitieren ist also nötig, denn es fehlen noch Standards für Internet- und elektronische Quellen, außerdem für Publikationen von Unternehmen und für firmeninterne Dokumente.

Alles drin

Zunächst einmal werden Grundlagen geschaffen: Träger erklärt die beiden Begriffe „Zitierfähigkeit“ und -„Zitierwürdigkeit“ sowie die einzelnen Zitierweisen und Zitierstile. Darauf aufbauend kommt der Autor dann in den Kapiteln D, E und F zum eigentlichen Kern, dem Zitieren aus dem Internet, aus öffentlich zugänglichen Firmenquellen und aus firmeninternen Quellen.

Und hier wird es wirklich ausführlich. In die Rubik „Elektronische Quellen“ fallen Audio-Stream/Podcast, Blog, DVD/CD, e-Book, Enzyklopädie, Fachlexikon, Forum, Internetseite, Twitter, Video und You-Tube sowie Zeitschriftenartikel.

Bei den öffentlich zugänglichen Firmenquellen behandelt der Autor Broschüren, Firmenwebseiten, Geschäftsberichte, Jahres- und Konzernabschlüsse, Präsentationsfoliensätze, Prospekte, Datenblätter und Kataloge sowie Reden von Firmenvertretern.

Richtig spannend wird es bei den firmeninterne Quellen, die ja landläufig als kaum zitierfähig gelten, weil sie eben nicht öffentlich zugänglich und damit schlecht nachvollziehbar sind (Tipps zur Herstellung der Zitierfähigkeit durch eine dauerhafte Archivierung der Quellen werden natürlich gegeben). In diesem Kapitel thematisiert der Autor die folgenden Werks- und Medienarten: Arbeitsanweisung, Betriebsanweisung, Betriebsvereinbarung, Datenbankinhalte, E-Mail, Handbücher: Organisations-, Qualitätshandbuch, Interview, Intranet-Inhalte, Memos und Notizen, Organigramm, Präsentationsfoliensätze, Projektauftrag, Prozessdiagramm, Rundschreiben und Verfahrensanweisung.

Auf den Punkt gebracht

Überzeugend finde ich, dass das Buch sich voll und ganz dem Zitieren widmet und nicht alibimäßig ein kompletter Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten um die entsprechenden Kapitel herumgebastelt wurde.

Hilfreich für das Verständnis ist die Unterscheidung von Wissens- und Datenquellen (grob gesagt „Theoriequellen“ und Daten aus der realen Welt). Nach meiner Erfahrung ist das ein Bereich, der für viele Studierende schwer zu durchschauen ist. Mit diesem Begriffspaar lässt sich der Unterschied gut vermitteln, wenngleich die Begriffe nicht hundertprozentig trennscharf sind. Sie erfüllen ihren Zweck. Es wird klar, warum man mit der einen Quelle anders umgeht als mit der anderen.

Für eine eventuelle Neuauflage wäre ein Index/Sachregister wünschenswert, und wenn es nur der Vollständigkeit dient. Denn aufgrund des ausführlichen Inhaltsverzeichnisses kann sich der Leser auch jetzt schon gut zurechtfinden.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Bei Trägers „Zitieren 2.0“ handelt es sich um ein Buch, das prinzipiell für alle Studierenden nützlich sein kann. Gemäß der fachlichen Herkunft des Autors ist es zwar etwas BWL-lastig, aber das stört ja nicht weiter.

Gerade jene Studierende, die viel aus „nicht-klassischer Literatur“ zitieren, profitieren davon. Vielerorts existieren natürlich Handreichungen. Es würde mich aber wundern, wenn in diesen bereits alle hier behandelten Fälle abgedeckt wären.

Für Studierende in dualen Studiengängen, in denen laut dem Autor „die spannendsten Abschlussarbeiten“ verfasst werden (S. 121), ist das Buch eine große Hilfe. Für Studierende, die ihre Abschlussarbeit in einem oder für ein Unternehmen schreiben, gilt dies natürlich gleichermaßen.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Wenn Sie Beispiele für die Lehre suchen, werden Sie hier auf jeden Fall fündig. Auch für Nachfragen Ihrer Studierenden werden Sie nach der Lektüre gut gerüstet sein.

Ansonsten ist Ihnen die Lektüre vor allem anzuraten, wenn Sie für Ihren Fachbereich, Lehrstuhl etc. eine Handreichung für die Studierenden neu aufsetzen oder aktualisieren wollen. Mit „Zitieren 2.0“ haben Sie eine sehr gute Diskussionsgrundlage und können die Zitiervorschläge leicht an Ihre Bedürfnisse anpassen.


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

 

Lahm: Schatzkiste

Lahm, Swantje (2016): Schreiben in der Lehre. Handwerkszeug für Lehrende. Opladen & Toronto: Verlag Barbara Budrich (UTB).

Preis: 16,99 Euro

Überblick über den Inhalt:

Spaß in der Lehre?

1 Fachlich lernen durch Schreiben
2 Schreibprozesse als Lernprozesse
2.1 Schreiben können – was heißt das genau?
2.2 Schreiben im Studium: Erfahrungen und Strategien von Studierenden
2.3 Spontan, elaboriert, komplex: Fähigkeiten, die das Schreiben fordert und fördert
3 Das Schreiben in der Lehre vorbereiten
3.1 Lehre, was Du tust: die eigene Schreibpraxis erkunden
3.2 Die Latte hochhängen: anspruchsvolle Schreib- und Arbeitsaufträge entwickeln
3.3 Den Rahmen abstecken: Lehrveranstaltungen vorausdenken
4 Vom Fragen und Zuhören
4.1 „Wer nicht fragt …“: wie Schreiben das Fragenlehren unterstützt
4.2 Lesen wie der Lauscher an der Wand: Lesen lehren durch Schreiben
5 Vom Denken und Sprechen
5.1 Informell und explorativ: Denken lehren durch das Schreiben in und zwischen den Sitzungen einer Veranstaltung
5.2 Gemeinsam Wissen schaffen durch Schreiben
6 Vom Forschen
6.1 Schritt für Schritt: Forschen lehren durch Schreiben
6.2 Anleitung zur Selbständigkeit: Studierende beim forschenden Schreiben begleiten
7 Von der Neugier und der Lust auf gute Texte
7.1 Ein guter Text ist kein One-Night-Stand: Überarbeitung ermöglichen
7.2 Benoten und dennoch neugierig bleiben
8 Zum Abschluss: eine Einladung zum Austausch

cover_lahm

Lahm: Schatzkiste

Wer über „Schreibintensive Lehre“ spricht, kommt in Deutschland an Bielefeld nicht vorbei. Hier finden richtungsweisende Aktivitäten statt, mit denen das fachliche Lernen der Studierenden durch Schreiben in der Lehre gefördert wird. Studentische Texte dienen nicht nur als Prüfungsleistungen, die nach dem Benoten in der Schublade verschwinden, sondern erleichtern ihren Verfassern den Einstieg in die jeweilige Disziplin mit ihren spezifischen Denkweisen.

Augenöffner

Das vorliegende Buch von Swantje Lahm hilft hoffentlich dabei, die lange vernachlässigte Kraft des Schreibens im Lernprozess zu verdeutlichen und den Ansatz des Schreibens in der Lehre im deutschsprachigen Raum zu verbreiten. Die Autorin stellt dafür ihr gesammeltes Wissen und ihre Erfahrung aus ihrer langjährigen Tätigkeit zur Verfügung (mehr zur Autorin und ihrem Hintergrund: Interview). Dabei gelingt es ihr en passant, Verständnis für die Studierenden zu schaffen. Sie kennt deren Nöten und Sorgen sowie deren Schwierigkeiten auf allen Ebenen, wenn sie Texte verfassen sollen. Gerade denjenigen Fachlehrenden, die sich nicht intensiv mit Schreiben und Schreibdidaktik auseinandergesetzt haben, öffnet das vermutlich das eine oder andere Mal die Augen.

Stöbern in der Schatzkiste

Die Abfolge der acht Kapitel wirkt gut durchdacht: Der Leser wird behutsam in die für ihn neue Denkweise eingeführt, seine möglichen Vorbehalte („Wer soll das alles lesen?“) werden entkräftet, und er wird Schritt für Schritt in die Lage versetzt, entsprechende Änderungen in seiner Lehre vorzunehmen. Die Sprache des Buches ist lebendig, oft wird der Leser auch direkt angesprochen. Konkrete Anregungen für die Umsetzung in der eigenen Lehre bieten die integrierten Übungen, bei denen es sich sowohl um Übersetzungen aus der englischen Literatur als auch um Übungen der Autorin handelt.

Der Begriff „Handwerkszeug“ im Untertitel kommt recht schnöde daher, so passend er auch sein mag. Für mich persönlich trifft es „Schatzkiste“ besser, denn ich habe so viel Wertvolles in Swantje Lahms Buch gefunden: die Bestätigung eigener Erfahrungen, etliche Quellen zum Weiterlesen, zahlreiche Übungen und Gedankenanstöße.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Das Buch richtet sich nicht an Studierende. Übungen für Studierende sind zwar enthalten. Diese werden jedoch den Lehrenden vorgestellt und erläutert, damit sie sie gewinnbringend in der Lehre einsetzen können.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Viel, sehr viel. Das Buch baut neben der Wissensvermittlung über den Ansatz des Schreibens in der Lehre vor allem auf erprobte und kommentierte Übungen. Dadurch wird zum einen sichergestellt, dass die Lehrenden nicht mit „Übungen vom Reißbrett“ arbeiten. Zum anderen lernen sie durch die Erläuterungen, wie (und dass!) sie die Übungen an ihre Veranstaltung und ihre Vorlieben anpassen sollten. Das Auflisten in zwei getrennten Verzeichnissen („Übungen für Lehrende“ und Übungen für Studierende“) erleichtert das Wiederfinden.


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Tegtmeyer: Einladung zur Reflexion

Tegtmeyer, Inken (2014): Wozu in der Philosophie wissenschaftliche Texte geschrieben werden. Eine hermeneutische Erkundung. Würzburg: Königshausen und Neumann.

Preis: 44 Euro

Überblick über den Inhalt:

  1. Einleitung
  2. Erläuterung und Eingrenzung der Fragestellung
  3. Hermeneutische Grundlagen
  4. Leibkörperliche Dimension
  5. Narrative Dimension
  6. Soziale Dimension
  7. Historisch-kulturelle Dimension
  8. Wozu in der Philosophie wissenschaftliche Texte geschrieben werden

cover_tegtmeyer 

Tegtmeyer: Einladung zur Reflexion

Universität Hildesheim, ein Propädeutikum zum wissenschaftlichen Arbeiten. Die Studierenden legen „Widerständigkeit“ und „liebenswürdige Uneinsichtigkeit“ (S. 9) an den Tag. Sie wollen wissen, wozu in der Philosophie wissenschaftliche Texte geschrieben werden. Die großen Philosophen hätten sich der Welt schließlich in ganz anderen Textsorten mitgeteilt.

Inken Tegtmeyer nimmt diese Frage nach dem Wozu als Ausgangspunkt für eine ausführliche hermeneutische Erkundung, die zugleich ihre Dissertation ist.

Eine Störung von Selbstverständlichkeiten

Jede Frage, schreibt Tegtmeyer, sei eine Störung von Selbstverständlichkeiten. In dem vorliegenden Buch wird dann auch ausführlich gestört und so ziemlich alles hinterfragt.

Die Erläuterung und Eingrenzung der Fragestellung in Kapitel 2 erstreckt sich über etwa 20 Seiten. Mehr als die Hälfte davon behandelt allein die verschiedenen Bedeutungen des Wörtchens „Wozu“. Nur Philosophen fragen wohl so ausführlich. Für mich als Nicht-Philosophin war es eine große Bereicherung, das zu lesen.

Die Autorin geht von der Existenz eines komplexen Geflechts wechselseitiger Abhängigkeitsverhältnisse aus, das sie in der Arbeit systematisch darstellen möchte: „Die Interessen, wozu in der Philosophie wissenschaftliche Texte geschrieben werden, stehen und entstehen in einem Spannungsfeld von Wissenschaftsverständnis, Philosophieverständnis und Selbstverständnis, deren Wirkungen und Wechselwirkungen sich in Schreibpraxis und Textgestaltung zum Ausdruck bringen.“ (S. 12).

Dies geschieht in den Kapiteln 4 bis 7, in denen die leibkörperliche, die narrative, die soziale und die historisch-kulturelle Dimension des Schreibens wissenschaftlicher Texte in der Philosophie Thema sind. Der Fokus liegt dabei auf der Schreibpraxis und damit den Schreibenden, und nicht auf dem Produkt oder den Rezipienten. Sowohl das Gelingen als auch das Scheitern werden mitgedacht.

Zusammenhänge entfalten und Verflechtungen zeigen

Das Schlusskapitel fasst die „Ergebnisse“ zusammen. Oder auch wieder nicht. Die Autorin schreibt das Wort ebenfalls in Anführungszeichen. Denn – und damit hat sie Recht – wenn der Sinn der ganzen Unternehmung darin besteht, komplexe „Zusammenhänge zu entfalten und in ihren vielfachen Verflechtungen zu zeigen“ (S. 273), dann führt ein nachträgliches Vereinfachen selten zu spektakulären Ergebnissen. Es lässt die Antworten jedoch in einem neuen Licht erscheinen. Man kann noch einmal Revue passieren lassen, was man erkannt hat.

Lesegenuss

Äußerlich weist der Text eigentlich zwei Merkmale auf, die oftmals trockene, leser-unfreundliche Texte kennzeichnen: auf vielen Seiten mehr Fußnoten- als Fließtext und keine einzige Abbildung. Dennoch habe ich das Buch sehr gern gelesen. Tegtmeyer verwendet eine offene, angenehme und bisweilen auch witzige Sprache, beispielsweise bei der Einleitung zu den Ausführungen über die leibkörperliche Dimension des Schreibens: „Um überhaupt schreiben zu können, braucht man einen Körper – das zumindest scheint unzweifelhaft.“ (S. 81)

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Puh. Das Buch ist definitiv keine leichte Kost. Für die Rezension habe ich lange gebraucht, und das nicht nur wegen der gut 300 Seiten Umfang. Vielmehr musste ich die Inhalte sacken lassen und frage mich dennoch, ob ich sie wirklich gebührend erfasst habe (wahrscheinlich nicht…).

Empfehlen Sie das Buch, wenn überhaupt, Ihren Top-5%-Studierenden. Es sei denn, es handelt sich um Studierende der Philosophie. Was denen „zuzumuten“ ist, können Sie besser entscheiden als ich.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Jetzt kommen wir schon der Sache schon näher. Jeder, der wissenschaftlich schreibt oder andere dabei unterstützt, erhält hier viele neue Einsichten und Möglichkeiten, (seine eigene) Schreibpraxis zu reflektieren. Für Lehrende, „die sich über die Beschaffenheit studentischer Texte wundern“ (S. 279), sollen die Ausführungen erhellend sein, wünscht sich die Autorin. Sie werden in der Lage sein, die Komplexität und zuweilen die Widersprüchlichkeit der Konventionen beim wissenschaftlichen Arbeiten und somit den Sinn (das Wozu) besser zu vermitteln.

Nicht-Philosophen erleben bei der Lektüre des Buches zudem eine ihnen wahrscheinlich fremde Art von Erkenntnisgewinnung. Sie sehen, wie man intersubjektiv nachvollziehbar seine Leser zu neuen Erkenntnissen führen kann, obwohl man keine der ach so objektiven Methode angewendet hat.


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!


Und hier geht es zu dem Gastbeitrag von Inken Tegtmeyer, der im Mai 2016 erschienen ist: Über das Schreiben wissenschaftlicher Texte als soziale Praxis