Wie ich selbst wissenschaftlich arbeite – und was ich daraus für die Lehre lerne

Bekommen Sie aus den anderen Posts eigentlich den Eindruck, ich selbst wäre ein Paradebeispiel für effizientes wissenschaftliches Arbeiten? Sieht es so aus, als hätte ich vom ersten Semester an alles richtig gemacht? Dann muss ich hier wohl mal ein bisschen was klarstellen.

Meine eigene erste wissenschaftliche Arbeit

Ziemlich unbedarft bin ich in meinem Anglistikstudium in das erste literaturwissenschaftliche Proseminar gestolpert. Ich hielt es, ohne groß darüber nachzudenken, für die Verlängerung des Englisch-Leistungskurses. Diese Einschätzung sollte sich bis zum Ende des ersten Semesters nicht ändern, danach plante ich erst einmal ausgiebig für den Sommer eine zweimonatige Reise durch Kanada, und irgendwann musste eben die noch ausstehende Hausarbeit zügig verfasst werden. Das neue Semester stand ja bereits vor der Tür.

Was lag also näher, als mit der Arbeitseinstellung „Ein Aufsatz – ok, das kann ich ja“ ans Schreiben zu gehen? Für meine Literaturinterpretationen hatte ich in der Schule überwiegend positive Rückmeldungen erhalten. So falsch konnte das also nicht sein, was ich da gemacht hatte – dachte ich. Dementsprechend plante ich also, das bisherige Erfolgskonzept auf das neue Umfeld zu übertragen und einen besseren Aufsatz zu verfassen – bestehend einzig und allein aus meinen eigenen Gedanken. Weil es sich um Uni handelte und nicht mehr um Schule, gedachte ich immerhin, etwas mehr Zeit zu investieren. Mehr Mühe machte ich mir allerdings nicht. Ich recherchierte kaum Literatur und war mir sogar nicht zu schade, aus dem Anhang des Primärwerks zu zitieren. Die Rückmeldung auf diese Hausarbeit kann sich jeder ausmalen. Es gab eine freundliche Drei mit nicht ganz so freundlich klingenden Erläuterungen dazu. Heute wäre der Zugriff auf die Arbeit mit größeren Umständen verbunden (kennt jemand noch Disketten?), und ehrlich gesagt bin ich sehr froh über diesen Umstand.

Hätte ich etwas anders gemacht, wenn eine Veranstaltung zum Wissenschaftlichen Arbeiten angeboten worden wäre? Ich denke schon. Mir wäre der Stellenwert von Literaturrecherche klarer geworden. Damit steht und fällt es ja. Es geht darum, seine eigene Analyse in das bereits vorhandene Wissen zu integrieren. (Bei einer Erstsemesterarbeit wäre es wahrscheinlich auch ausreichend gewesen, nur das fremde Wissen zusammenzustellen und gut zu belegen, aber das ist ein anderes Thema.)

So beschränkte sich die Information auf ein paar wenige Sätze in der Lehrveranstaltung und ein dürftiges Heftchen der Fachschaft, das keinerlei „offiziellen“ Status hatte. Es schien, als ginge es hauptsächlich um das Einhalten formaler Anforderungen. Hauptsache, der Seitenrand und die Schriftgröße stimmen.

Mir war auch schlicht und ergreifend nicht klar, dass ich auf dem Gebiet des Wissenschaftlichen Arbeitens eine große Wissenslücke (oder besser: Kompetenzlücke) hatte. Sonst wäre ich vielleicht doch einmal losgezogen und hätte mich da eingelesen.

Fünf Jahre KVP

Der Rest meiner fünf Studienjahre ist schnell abgehandelt (so lange studierte man „vor Bologna“). In einer Art kontinuierlichem – oder manchmal auch nicht so kontinuierlichem – Verbesserungsprozess habe ich mir die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens angeeignet. Es waren schließlich einige Hausarbeiten und eine Magisterarbeit zu schreiben. „Learning by doing“ war das Motto, denn andere Möglichkeiten gab es ja nicht.

Begonnen habe ich damals damit, mehr Quellen zu suchen. Die fehlende Literaturbasis war eine einfach auszumerzende Schwäche der ersten Hausarbeit. Das Lernen des richtigen Zitierens ging mit der Recherche und der Verarbeitung der Quellen einher.

Schwieriger fand ich es da schon, eine interessante wissenschaftliche Fragestellung zu erarbeiten. Das ist mir einmal in Psychologie sehr gut gelungen, indem ich zwei eigentlich unverknüpfte Gegenstände gemeinsam betrachtet habe. Leider hat mich der Mut zu einer solchen Vorgehensweise danach wieder verlassen (warum auch immer).

Ansonsten erinnere ich mich nur noch an ein stark verbesserungswürdiges Zeitmanagement. Das hatte ich mir wohl für die Promotionszeit aufgespart.

Fast forward: Dissertation in BWL

Einige Jahre später. Die grundlegenden Methoden und Techniken wissenschaftlichen Arbeitens hatte ich also im Laufe des Studiums gelernt, zusätzlich den Umgang mit dreierlei Anforderungen (ein Hauptfach und zwei Nebenfächer). Daher war das bei der Dissertation (viertes Fach) kein Thema mehr, und es ging eher um das Entwickeln des eigenen Arbeitsstils.

In der Promotionszeit hatte ich beispielsweise Gelegenheit, den für mich geeigneten Rhythmus zu finden. Also: Wie hole ich am meisten aus einem Tag? Wann erledige ich welche Art von Aufgabe am besten? Wie viele Tage im stillen Kämmerlein brauche ich im Verhältnis zu Tagen mit Anregung von außen? All das hat sich erst im Lauf der Zeit herauskristallisiert.

Diesen Findungsprozess sollten wir den Studierenden auch zugestehen. Damit meine ich nicht, dass die Studierenden in ihren drei Jahren bis zum Bachelor genau den Weg meistern sollen, für den Doktoranden nach dem Studium noch einmal drei oder mehr Jahre benötigen. Ich denke jedoch, dass man das etwas herunterbrechen kann. Die meisten Studierenden berichten mir am Ende des Studiums auch davon, dass sie ihren Weg gefunden haben (ok, das ist ein wenig verzerrt, denn viele von denen, die ihren Weg nicht gefunden haben, haben das Studium nicht abgeschlossen…).

Meine Haupterkenntnis der Promotionszeit war, im Nachhinein betrachtet, dass unüberschaubare Projekte bestenfalls dynamisch geplant werden können. Eine Dissertation ist per se zu Beginn unüberschaubar, sonst wäre es meiner Meinung nach keine. Wenn alles offen vor einem läge (was ist genau die Forschungsfrage, welche Literatur wird mir wirklich nützen, welche Methoden soll ich verwenden, wozu genau sollen die neu gewonnenen Erkenntnisse dienen), wäre es eine x-beliebige wissenschaftliche Arbeit und keine Dissertation. Eine solche entwickelt sich, und sie ergibt sich gewissermaßen aus den Entscheidungen, die man im Lauf der Zeit trifft. Das Vorhaben, den Bearbeitungszeitraum vorab detailliert durchplanen zu wollen, muss also scheitern. Und wenn es ganz simpel daran liegt, dass ein bestimmter Knoten im Kopf nicht vorherzusehen ist, wochen- und monatelang einfach nicht platzen will und so das [beliebigen Fluch einsetzen] vierte Kapitel der Doktorarbeit nicht so früh fertig wird wie geplant.

Als Lehrende sollten wir eines nicht vergessen: Für die Studierenden ist im Regelfall die erste Hausarbeit genauso unüberschaubar wie für einen Doktoranden die Doktorarbeit. Das Gleiche gilt für die Bachelorarbeit. Sie mag den meisten Studierenden wie ein Berg von einer Aufgabe vorkommen. Ausgang ungewiss. Darauf sollten wir mehr Rücksicht nehmen, wenn uns selbst, die wir einen jahrelange Vorsprung in dem Fachgebiet haben, die Fragestellung klar, die Methodenwahl offensichtlich und die Lösung fast schon trivial vorkommen.

Heute: Alles auf einmal schreiben

Durch die Lehre im Fach Wissenschaftliches Arbeiten habe ich mich eine Zeit lang mit den verschiedenen Schreibtypen beschäftigt. Jeder geht ja etwas anders an seine Schreibprojekte heran. Bei Ulrike Scheuermann (Die Schreibfitness-Mappe) habe ich von vier Typen gelesen: Planer und Drauflosschreiber sowie Versionen- und Patchworkschreiber. Was das jeweils bedeutet, verraten die Namen ja schon fast. Der Planer plant vor dem Losschreiben, der Drauflosschreiber eben nicht. Der Versionenschreiber fertigt etliche Varianten seines Textes an, bis er ihm perfekt erscheint, und der Patchworkschreiber fügt seine Texte zusammen, indem er an vielen Ecken und Enden parallel arbeitet.

Bei mir stelle ich immer mehr fest, dass ich beim Schreiben am erfolgreichsten bin, wenn ich nicht geradlinig vorgehe. Ich würde mich demnach als „planende Patchworkschreiberin“ bezeichnen. Ich plane zwar meine Schreibprojekte, lese im Vorfeld viel (dazu weiter unten gleich mehr) und erstelle auch eine Grobgliederung, bevor ich so richtig mit der Textproduktion loslege. Dann aber schreibe ich an vielen Stellen gleichzeitig: Kapitel 2 und 4 eines Fachartikels, und/oder den nächsten, übernächsten und überübernächsten Blogartikel. Es muss nicht erst eines abgeschlossen sein, bevor das andere beginnt. Gern verteile ich meine Schreibzeit auch über mehrere Publikationen.

Für die Lehre hat mir diese Erkenntnis einen entscheidenden Punkt gebracht. Ich fordere bei der Betreuung von größeren schriftlichen Arbeiten nicht mehr vehement von allen Studierenden eine Vorab-Gliederung ein. Manchmal treffe ich auf Drauflosschreiber, die den Eindruck erwecken, sehr genau zu wissen, was sie da tun. Dann lasse ich es gut sein. Auch für Studierende, die mir nicht exakt sagen können, wie weit sie eigentlich mit ihrer Rohversion sind, habe ich seither mehr Verständnis. In vielen Fällen haben etwa Versionenschreiber schon etwas produziert, sind damit aber nicht zufrieden (und zählen es daher nicht als „echten Text“) oder es sind Patchworkschreiber wie ich.

Sprechen wir noch kurz über das Lesen. Ein Punkt, der mir auch heute noch immer wieder Probleme bereitet, ist das Abdriften bei der Literaturrecherche. Grundsätzlich finde ich viele Themen interessant und bin oft gedanklich schon bei der übernächsten Idee, bevor das ursprüngliche Projekt abgeschlossen ist. Meine derzeitige Strategie besteht darin, die Ideen und dazugehörigen Fundstellen in der Literatur an einem gemeinsamen Ort, meist einer Datei, zu notieren, um alles griffbereit zu haben, wenn der richtige Zeitpunkt dann irgendwann gekommen ist. (Wenn jemand dafür eine bessere Methode hat, immer her damit.) Für die Lehre zeigt mir dieses andauernde Problem, wie sehr man von der Fülle der Literatur „erschlagen“ werden kann. Gerade als Erstsemester fehlt einem ja auch meist noch die Fähigkeit des Einordnen-Könnens, welche Fundstellen vermutlich brauchbar sein werden und welche nicht.

Fazit: Alles gar nicht so einfach

Überlegen Sie doch einmal: Wie lange haben Sie selbst benötigt, um einigermaßen im Wissenschaftsbetrieb anzukommen und sich zurechtzufinden? Ganz zu schweigen von der Optimierung der eigenen Arbeitsweise, die oft Monate und Jahre beansprucht. Ich finde, der Blick zurück lässt einen bescheidener werden. Was hat Ihnen geholfen?

 

 

2 Kommentare zu “Wie ich selbst wissenschaftlich arbeite – und was ich daraus für die Lehre lerne

  1. Liebe Frau Klein,
    das freut mich sehr, dass Sie Ihre Erkenntnisse der verschiedenen Schreibtypen für Ihr eigenes Schreiben, aber auch für Ihre Lehre so gut nutzen können! Das ist genau das, was ich mit meinen Büchern erreichen wollte: Dass Schreibende (und diejenigen, die Schreibende zu Schreiben motivieren, sie begleiten und bewerten) mehr den Prozess mitbedenken und verschiedene Wege zum Ziel lassen, anstatt nur DEN einen. Dieser eine Weg war bisher immer: recherchieren – planen – formulieren – überarbeiten. Nun differenziert sich dieser Weg durch das Wissen aus der Schreibprozess-Forschung immer mehr und Schreibende, die andere Wege gehen, können selbstbewusster dazu stehen – und genauso gute Texte hervorbringen. Sie fühlten sich vorher eigentlich immer „falsch“ mit ihrer Art zu schreiben. Vor allem die DrauflosschreiberInnen.
    Viel Erfolg wünsche ich Ihnen weiter mit dem eigenwilligen Schreiben und der Begleitung anderer Schreibtypen.

  2. Liebe Frau Klein, liebe Frau Scheuermann und liebe Blogleser*innen,

    gern unterstreiche ich Ihre Erfahrungen und (Lehr-/Schreib-)Erlebnisse. Die Beschäftigung mit den verschiedenen Schreibtypen hat mir in den vergangenen zwei bis drei Jahren nicht nur in der Schreibberatungspraxis zu einer sensibilisierten Herangehensweise verholfen. Darüber hinaus integriere ich stets eine einschlägige Lehreinheit in meine Schreibseminare und Schulungen für Multiplikator*innen — und das obschon ich Typisierungen in den meisten Forschungsbereichen grundsätzlich skeptisch begegne.
    Während ich in Beratung und Lehre also durchaus von der jüngeren Schreibforschung profitiere und allen Kolleg*innen die Auseinandersetzung empfehlen möchte, habe ich den Bogen zur Reflexion des eigenen Schreibens noch nicht (wirklich) geschlagen. Nicht nur, dass man bei der eigenen Person gern mal Betriebsblindheit an den Tag legt, sondern es ist wohl ohnehin ein nicht endender Prozess. Denn auch nach Studium und Promotion und in Beruf und Lehre ist die Entwicklung des eigenen Schreibverhaltens keineswegs abgeschlossen — und das ist auch gut so.

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