Zuerst üben, dann aufführen

Ein Gastbeitrag von Dr. Christian Wymann

 

 „Rehearsals are where you can screw up and feel safe to experiment.“

Bruce Dickinson, What Does This Button Do? An Autobiography, 2017

 

Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf einer Bühne mit tausenden Menschen vor Ihnen. Die Erwartungen sind groß, schliesslich haben Ihre Fans Geld und Zeit investiert, um Sie spielen zu sehen. Aber Sie haben ein Problem: Gestern habe Sie die Gitarre zum ersten Mal in die Hände genommen und daran herumgezupft; Sie haben Angst, Ihre Fans zu enttäuschen.

Selbstverständlich ist das ein unrealistisches Beispiel. Wie könnte jemand von Ihnen wissen und zu Ihrem Konzert kommen, wenn Sie vorher noch nie Gitarre gespielt haben? Doch es gibt Parallelen zum wissenschaftlichen Schreiben: Viele Schreibende kämpfen mit ähnlichen Gefühlen und Vorstellungen. Sie setzen sich zum Schreiben hin und denken, dass Sie sogleich „aufführen“ müssen, auch wenn ihnen die nötige Übung fehlt. Sie sehen nicht, dass sie zuerst üben müssen, um dann aufführen zu können.

Während Sie üben, dürfen Sie Verschiedenes tun: mit Ideen spielen; kreative Methoden austesten, um zu neuen Ideen zu kommen; oder einen ersten (schlechten) Entwurf schreiben, den Sie danach mehrmals überarbeiten. Sie dürfen jemanden um Feedback bitten, um herauszufinden, wie Sie den Erstentwurf verbessern könnten. Sie dürfen eine Weile üben, bevor es Zeit ist, den Text zu polieren und fertigzustellen. Wenn Sie den Text Ihrer Betreuungsperson, den Verantwortlichen einer Zeitschrift oder einem Verlag geben, betreten Sie das erste Mal die Bühne. Vielleicht handelt es sich erst um einen Probedurchlauf, mit den Lichtern und Effekten, aber ohne Publikum. Darauf erhalten Sie womöglich eine Rückmeldung, die es Ihnen erlaubt, Ihren Text nochmals zu überarbeiten. Und dann reichen Sie ihn endgültig ein. Sobald Ihr Text akzeptiert oder publiziert wurde, führen Sie Ihre Ideen und Einsichten vor einem Publikum auf.

In den Worten von Bruce Dickinson, Sänger von Iron Maiden, experimentieren und üben Sie zuerst (Fehler und Irrwege inklusive), bevor Sie die Bühne betreten und spielen. Genauso wie MusikerInnen das so machen, dürfen auch wissenschaftlich Schreibende das.

 

 

Dr. Christian Wymann arbeitet an der Universitätsbibliothek Bern und berät und schult mit seiner Firma Mind Your Writing Schreibberatung Studierende und Forschende. Er ist Autor von mehreren UTB-Schreibratgebern. Jüngst erschien „Checkliste Schreibprozess“ (mit Franz Neff).

www.myw.schreibcoach.ch

Der Gastbeitrag ist die Übersetzung dieses Artikels, der im November 2017 erschien.

 

 

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Wissenschaftliches Arbeiten ist wie Krafttraining

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