„Das brauche ich nie wieder!“

Doch! Ich möchte laut und deutlich entgegenwerfen: Doch! Natürlich brauchen Sie das. Jeden Tag.

Angesichts der Menge an schriftlichen Arbeiten, die in manchen Studiengängen zu verfassen sind, stöhnen viele Studierende auf und stellen sich die Sinnfrage. Wozu soll das bitteschön gut sein? Wieso werden einem so viele wissenschaftliche Arbeiten abverlangt? Dieses Können braucht man doch nie wieder, wenn man nicht gerade eine wissenschaftliche Karriere einschlagen möchte! Schließlich haben Berufstätige ja wohl in den seltensten Fällen wochen- oder monatelang Zeit, um seitenlange, mit Fußnoten gespickte Arbeiten zu verfassen.

Auch wer nicht „in die Wissenschaft gehen will“, profitiert von dem, was er beim wissenschaftlichen Arbeiten lernt. Für das Studium, für sich selbst als Person, für die Zukunft. In den meisten Berufen, auf die ein Studium vorbereitet, sind genau die Kompetenzen gefragt, deren Erwerb das Anfertigen von wissenschaftlichen Arbeiten so mit sich bringt. Abgesehen davon können Erstsemester noch nicht mit Sicherheit wissen, ob sie nicht doch später wissenschaftlich tätig sein werden.

Schlüssel? Für welche Tür eigentlich?

Bekanntermaßen handelt es sich beim wissenschaftlichen Schreiben um eine Schlüsselkompetenz. Man lernt also etwas, was allgemein und überfachlich von Nutzen ist, um besser mit dem fachlichen Wissen umgehen zu können. Wer bestimmte Schlüsselkompetenzen erworben hat, kann auch neuartige Probleme lösen. Damit gelingt es, handlungsfähig zu bleiben, obwohl man mit dem aktuellen Problem noch nie konfrontiert war und demnach die Lösung dafür erst einmal finden muss.

Schauen wir doch einmal genauer hin, was die Studierenden durch die Beschäftigung mit dem wissenschaftlichen Arbeiten lernen. Ich greife ein paar Aspekte heraus:

  • die passende Herangehensweise an eine Fragestellung aus vielen möglichen Herangehensweisen auszuwählen
  • die Lösungsstrategie für ein Problem nicht nur zu planen, sondern auch umzusetzen
  • große Mengen an Text und Informationen zu finden, aufzunehmen und weiterzuverarbeiten
  • abstrakt, vernetzt, analytisch und kreativ zu denken
  • diese Gedanken nachvollziehbar zu präsentieren
  • schlüssig zu argumentieren
  • komplexe Sachverhalte verständlich und anschaulich darzustellen.

Nebenbei schulen sie ihre Ausdauer und Sorgfalt sowie ihre Fähigkeiten in Zeitmanagement und Organisation. Eigenver­antwortung und Selbständigkeit werden auch noch gefördert. Schließlich handelt es sich bei der Anfertigung einer wissenschaftlichen Arbeit um eine komplexe Aufgabe, die anfangs oft nicht überschaubar ist und die man nach mehreren Wochen, Monaten oder sogar Jahren zu Ende bringt, auch wenn man gedanklich vielleicht noch gar nicht mit ihr fertig ist. Dabei lernt man das Durchhalten, das Aushalten von Durststrecken sowie den Umgang mit Gegenwind und Selbstzweifeln. Für das persönliche und berufliche Fortkommen sind alle genannten Fähigkeiten hilfreich.

Eine Abstraktionsebene tiefer lassen sich noch die erlernten Techniken anführen, beispielsweise Recherchetechniken, Lesetechniken oder Schreibtechniken. Oder ganz banal das technisches Wissen über die Tücken der Textverarbeitung.

Die Schlüsselkompetenz „Wissenschaftliches Arbeiten“ schließt ziemlich viele Türen auf, würde ich meinen.

(Wie) Lässt sich der Nutzen in der Lehre vermitteln?

Ulmi et al. haben all das und noch viel mehr in einer Übersichtsgrafik zusammengeführt, die ich seit kurzem auch in der Lehre verwende.

ulmi_komponenten-der-schreibkompetenz

Ich nehme diese Abbildung als Gedankenanstoß für die Studierenden. In einer Art Soll-Ist-Abgleich denken sie darüber nach, was sie schon können und was sie noch lernen müssen, um gute wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben. (Wie das in etwa geht, habe ich hier beschrieben) Die damals formulierte Vorabfrage habe ich mittlerweile erweitert und umformuliert – auch noch aus anderen Gründen, aber das ist ein komplett neues Thema). Der Nutzen des wissenschaftlichen Arbeitens wird dadurch indirekt sichtbar. Denn die Studierenden erkennen, was sie lernen werden und welche Kompetenzen sie entwickeln werden.

Die allermeisten Studierende bringen einen guten Teil dieser Kompetenzen schon mit, nur ist es ihnen nicht immer bewusst. Sie lernen also nicht komplett neu, sondern lernen etwas dazu. Wir sollten die Studierenden daher weglenken von Gedanken wie „Ich habe noch nie wissenschaftlich geschrieben, also kann ich nicht schreiben.“ (nicht wahr) und hin zu „Ich habe schon einiges geschrieben. Jetzt lerne ich, wie meine zukünftigen wissenschaftlichen Texte aussehen sollten, um den Ansprüchen zu genügen.“ (wahr).

Den Nutzen auch aktiv sichtbar machen

Als Lehrende sollten wir diese Reflexionsprozesse anstoßen und in der Vorlesung verankern. Sie sollen einen festen Platz bekommen, weil sie so wichtig sind für alles Weitere.

Deswegen spreche ich das Thema zusätzlich aktiv und im Laufe des Semesters auch mehr als einmal an. (Am Anfang meiner Lehrtätigkeit habe ich abgewartet, ob es von den Studierenden jemand anspricht – und immer auch ein bisschen gehofft, dass es keiner tut. Es hat eine Weile gedauert, bis ich eine befriedigende Antwort geben konnte.) Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es den eventuell vorhandenen Widerstand gegen das Fach „Wissenschaftliches Arbeiten“ mindert, wenn ich den Nutzen von Anfang an thematisiere und anschließend den zu erwartenden Kompetenzzuwachs verdeutliche.

Bei all dem spielt es für mich übrigens keine Rolle, um welche Art von Hochschule es sich handelt. Wissenschaftliches Arbeiten ist an einer Universität so wichtig wie an einer Fachhochschule. An Berufsakademien kommt noch ein ganz anderes Feld hinzu, die Verknüpfung mit der Praxis und der Nutzen für die Praxis. Oder um im Bild mit dem Schlüssel zu bleiben: Die Türen sind ein bisschen unterschiedlich, aber Türen sind es letztlich alle.

Positive Erfahrungen ermöglichen

Das Verdeutlichen des Nutzens ist die Voraussetzung für das Entstehen von Motivation und Freude. Wenn dann noch positive Erfahrungen mit dem wissenschaftlichen Arbeiten hinzukommen, lässt sich darauf wunderbar im Laufe des Studiums aufbauen.

Es liegt auf der Hand, dass das in Lehrveranstaltungen nicht gelingen wird, in denen immerzu nur die Rede ist von „Sie müssen aber…!“ und „Sie dürfen aber auf gar keinen Fall…!“ Unsere Aufgabe als Lehrende ist es, positive Erfahrungen zu ermöglichen.

2 Kommentare zu “„Das brauche ich nie wieder!“

  1. Zuerst: Vielen Dank für Ihre spannende Seite; ich lese sie, seit ich den Link erhalten habe, immer sehr gern. Auch dieser Blog hat mich wieder zum Nachdenken angeregt.

    Selbstverständlich bin ich mit Ihnen einig, dass mit dem wissenschaftlichen Schreiben grundlegende Fertigkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens trainiert werden, gerade auch die, die Sie auflisten.

    Daneben aber verdächtige einige der gegenwärtig eingeforderten Vorgaben des wissenschaftlichen Schreibens dringend eines „Grenznutzens“. Das hohe Gewicht z.B., das den formalen Vorgaben und der Pflicht des Belegens der Argumente beigemessen wird, behindert meiner Beobachtung nach nicht selten das eigene und kritische Denken. Die Angst vor dem Plagiieren oder der Eifer des Belegens bringt Texte nicht selten eher in die Nähe von Wortballonen als zu Gehalt. Hier ein Beispiel dazu – aus einer zufällig aufgeschlagenen Dissertation: „Der Begriff des „Policyzyklus“ erlaubt, verschiedene Phasen des politischen Prozesses vom Agendasetting bis hin zum Redesign einer politischen Massnahme analytisch zu fassen (Howlett/ Ramesh 1995; 1993; Parsons 1995; Windhoff-Heritier 1987; Heritier 1993; Kingdon 1995). Diese systematische Unterscheidung ermöglicht, zu beobachten, in welcher Phase des Policyzyklus – der analytisch möglichst einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren umfassen sollte (Goggin/Orth 1997) – die Integration des Anliegens erfolgreich war und wann sie unterbunden wurde“. Hier zieht sich die Wissenschaft im Wesentlichen auf die Kunst bombastischen Belegens zurück.
    Ich denke, es lohnt sich, solche Grenznutzen im Auge zu behalten und die „Klüfte“ des wissenschaftlichen Schreibens (sie werden in der 2. Auflage unser Buches – Ulmi et al. – nun richtig „Klüfte“ und nicht mehr „Kluften“ genannt) mit den Studierenden auszuleuchten.

    1. Liebe Frau Ulmi, auf jeden Fall! Ich hoffe, ich habe nirgendwo den Eindruck erweckt, dass ich die formalen Aspekte stark gewichte. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu: Deren Überbetonung schreckt die Studierenden ab, nimmt ihnen die Freude und macht ihnen im schlimmesten Fall Angst. Das Ergebnis sind dann die von Ihnen beschriebenen Texte, die kaum noch jemand schreiben und lesen mag.
      Und danke auch für den Hinweis auf „Klüfte“ und „Kluften“ – wieder was gelernt!

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