Wissenschaftliches Arbeiten versus Wissenschaftliches Schreiben

Hat Ihnen die Überschrift ein Déjà-vu beschert? Wundern Sie sich nicht: Einen ähnlichen Artikel habe ich bereits vor über zwei Jahren veröffentlicht. Mir schien es an der Zeit, ein paar Änderungen, Ergänzungen und Aktualisierungen vorzunehmen, zumal mein Blog mittlerweile deutlich häufiger gelesen wird als damals. (Kunststück, denn damals war er auch gerade wenige Wochen alt.)


Auf meiner „Über diesen Blog“-Seite schreibe ich von Anfang an:

„Deshalb blogge ich: Weil ich meine Erfahrungen mit dieser „Prozessbegleitung“ [im Wissenschaftlichen Arbeiten] weitergeben und mich darüber austauschen möchte. Es existiert noch kein Ratgeber zur Lehre in diesem Fach. Gerade zu Beginn meiner Lehrtätigkeit vor etwa zehn Jahren hätte ich mir einen gewünscht.“

Moment mal. Kein Ratgeber? Gibt es nicht ungezählte Bücher zum Wissenschaftlichen Arbeiten? Ja, gibt es, und jedes Jahr kommen ein paar neue dazu. Mittlerweile habe ich sogar selbst einen geschrieben. Diese Publikationen richten sich allerdings an Studierende und nicht an diejenigen, die den Studierenden die Methoden und Techniken des Wissenschaftlichen Arbeitens vermitteln sollen.

Ok, aber was ist mit all den Büchern für Schreibberater, Schreibtrainer, Schreibdidaktiker und wie sie nicht heißen? Stimmt, da ist schon deutlich mehr zu holen. Sie bedienen sich der angelsächsischen Tradition des Academic Writing und haben viel zu bieten, weil das im deutschen Sprachraum immer noch nicht so verankert ist, wie es sein sollte. (In der Zwischenzeit habe ich ein, zwei davon gelesen, z.B. Beans „Engaging Ideas“ und Gottschalks/Hjortshojs „The Elements of Teaching Writing“). Sie sind für die Lehre im Fach „Wissenschaftliches Arbeiten“ und die Lehre in den Fächern allgemein ziemlich hilfreich. Und dann auch wieder nicht. Warum ist das so?

Stellen wir einmal die Inhalte der beiden Ansätze gegenüber.

Klassische Inhalte „Wissenschaftliches Schreiben“

  • Phasen des Schreibens (Fragestellung, Recherche, Gliederung, Rohtext, Überarbeitung)
  • Formale Anforderungen
  • Wissenschaftlicher Schreibstil
  • Schreibtypen und Schreibstrategien
  • Schreibübungen
  • Zeitplanung des Schreibprojekts

Das Schreiben steht hier also ganz klar im Fokus, so sagt es ja auch schon der Name. Der Ausgangspunkt aller Gedanken ist die Textproduktion in der Wissenschaft – Schreiben als Schlüsselkompetenz für ein erfolgreiches Studium. Diejenigen Phasen im Schreibprozess, die nicht direkt mit der Produktion von Hilfstexten und dem Text an sich zu tun haben (also etwa die Literaturrecherche), scheinen dem Schreiben untergeordnet oder nur ein Teil davon zu sein. Sie dienen als Mittel zum Zweck, denn ohne sie gäbe es schließlich niemals einen guten fertigen Text. Immerhin rückt die Notwendigkeit, das wissenschaftliche Lesen zu lehren, mehr und mehr ins Bewusstsein.

Diese Fokussierung auf die Textproduktion mag damit zu tun haben, dass die Schreibzentren der Hochschulen fachübergreifend tätig sind und entsprechende Kursangebote oft dezentral organisiert werden. Ein kompetenter Austausch zu den konkreten fachlichen Inhalten ist vermutlich nicht immer bzw. eigentlich nur in Ausnahmefällen zu gewährleisten. Es wäre ja schon ein großer Zufall, wenn immer ein Schreibberater aus der benötigten Disziplin verfügbar wäre.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich finde diese Vorgehensweise weder besser noch schlechter. Es ist einfach ein anderer Ansatz.

Seit kurzem bin ich übrigens Mitglied in der gefsus, der Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung, und möchte mich vor allem im Bereich der Schreibforschung engagieren. Das zeugt davon, für wie sinnvoll ich den Zugang zum Wissenschaftlichen Arbeiten über das Schreiben an sich halte.

Weiter mit der Gegenüberstellung:

Klassische Inhalte „Wissenschaftliches Arbeiten“

  • Wissenschafts- und Erkenntnistheorie
  • Themeneingrenzung und Fragestellung, Formulieren von Forschungsfrage(n)
  • Forschungsdesign und Methodenwahl
  • Literaturrecherche und -auswahl
  • Phasen des Schreibens (Gliederung, Rohtext, Überarbeitung)
  • Formale Anforderungen
  • Wissenschaftlicher Schreibstil
  • (Schreibtypen und Schreibstrategien)
  • (Schreibübungen)
  • Zeitplanung
  • und manchmal Inhalte aus angrenzenden Gebieten: Lernen lernen, Prüfungsvorbereitung, Präsentieren usw.

„Wissenschaftliches Arbeiten“ umfasst also erst einmal mehr Inhalte. Es ist meist in der jeweiligen Disziplin verortet – ohne sich dessen bewusst zu sein. Deshalb betrachten die Studierenden die Wege des Erkenntnisgewinns speziell in dem von ihnen gewählten Studienfach. Sie erhalten einen Einblick in das in ihrer Disziplin Übliche und das aktuell Mögliche. Sie erfahren meist nicht oder nur zufällig, dass Wissenschaftliches Arbeiten anderswo anders ist – weil die Lehrenden häufig sehr stark in ihrem Fach verwurzelt sind.

Daher rückt die Betrachtung des Schreibens an sich in den Hintergrund. Schreiben wird dort als ein Baustein von vielen gesehen, die zu einem erfolgreichen Studium beitragen.

Mancherorts werden genau deswegen auch noch Inhalte aus angrenzenden Gebieten gelehrt, wie etwa Lerntechniken oder das Präsentieren von wissenschaftlichen Ergebnissen. „Wissenschaftliches Arbeiten“ geht also grundsätzlicher an die Thematik heran als „Wissenschaftliches Schreiben“.

Vom alten Schlag?

Jetzt behaupte ich einfach mal etwas. Wer „Wissenschaftliches Arbeiten“ unterrichtet, ist in den seltensten Fällen gleichzeitig auch ausgebildeter Schreibberater. Eher handelt es sich wohl um (Nachwuchs-)Wissenschaftler, die dieses Fach neben ihrem eigentlichen Fach lehren.

Es würde mich also nicht wundern, wenn im „Wissenschaftlichen Arbeiten“ vielerorts noch gelehrt würde, dass man gefälligst erst dann zu schreiben habe, wenn die vorbereitenden Phasen abgeschlossen sind. So sind auch die entsprechenden Anleitungen zum Wissenschaftlichen Arbeiten verfasst. Schreiben als Weg zur Erkenntnis oder als Dialog mit sich selbst ist überwiegend noch nicht vorgesehen, auch wenn Ausnahmen existieren.

Auch bei den verschiedenen Schreibstrategien oder Schreibtypen bin ich mir nicht sicher, inwieweit diese schon in die Curricula des Wissenschaftlichen Arbeitens integriert sind. Daher auch die Klammern in der obigen Aufzählung. Ich kann mir gut vorstellen, dass der planende Schreiber als Ideal gelehrt wird – mit der Folge, dass einige Studierende im Unterricht gedanklich aussteigen, weil sie eben anders an ihre Schreibprojekte herangehen. Oder, schlimmer noch, sie versuchen, dieses vermeintliche Ideal zu erreichen, verbiegen sich dabei und kommen schlechter voran als vorher.

Voneinander lernen?

Wäre es nicht toll, wenn die beiden Ansätze „Wissenschaftliches Arbeiten“ und „Wissenschaftliches Schreiben“ voneinander lernen könnten? Wahrscheinlich bedeutet das vor allem, dass „die Fachlehrenden“ von „den Schreibberatern“ lernen. (Ich benenne die beiden Gruppen von Lehrenden jetzt einfach verkürzt so und stelle das für den Moment einmal so gegenüber). Das betrifft vorrangig die Stellung des Schreibens im Prozess der Erkenntnisgewinnung und die Techniken des Schreibens selbst.

Glücklicherweise gibt es auch den Ansatz des „Writing in the Disciplines“ und in Deutschland die Reihe „Schreiben im Studium“, herausgegeben von Swantje Lahm bzw. deren Buch „Schreiben in der Lehre“.

Und dennoch: Auch über zwei Jahre nach Erscheinen des ursprünglichen Artikels halte ich es für eines der größten Probleme, dass die Erkenntnisse aus der Schreibforschung und die vielen hilfreichen und bewährten Impulse aus der Schreibdidaktik bei den meisten Fachlehrenden gar nicht oder nur mit großer zeitlicher Verzögerung ankommen.

Was meinen Sie? Decken sich meine Beschreibungen mit Ihren Erfahrungen?

 

4 Kommentare zu “Wissenschaftliches Arbeiten versus Wissenschaftliches Schreiben

  1. Herzlichen Dank für neue Erkenntnisse! So habe ich die Unterscheidung noch nicht betrachet. Sie erklärt auch meinen Frust als Schreibberater, wenn ich höre, was den Studierenden in ihren jeweiligen Fächern als wissenschaftliches Arbeiten vermittelt wird – oder eben nicht. Anstatt gefrustet zu sein, sollte ich die Chance ergreifen, das Fachwissen mit Schreibwissen zu ergänzen.
    Die Ausnahmen gibt es jedoch auch: meist junge AssistentInnen oder ProfessorInnen, die bei mir Rat suchen oder mich in ihre Veranstaltungen einladen. Der Wandel in den Fächern mag zäh sein, aber er scheint zu passieren.

  2. Danke für das Update! Grundsätzlich stimme ich der Aufteilung in die beiden Bereiche des Wissenschaftlichen Schreibens und Arbeitens zu. Dennoch würde ich aus Erfahrung sagen, dass es in der Praxis häufig zu einer starken Vermischung kommt. Vor allem Studierende wissen nicht, wer für welchen Bereich verantwortlich ist und somit tauchen in den Schreibberatungen auch Themen auf, welche eher dem Wissenschaftlichen Arbeiten zugeordnet werden können. Ich versuche, möglichst flexibel auf die indivduellen Wünsche einzugehen. Aber langfristig würde ich mir für die Hochschulen intensivere Kooperationen zwischen den Fachbereichen und den Schreibzentren oder ähnlichen Einrichtungen mit Schreibberater*innen wünschen.

    1. Liebe Frau Gerland, danke für das Teilen Ihrer Erfahrungen. Eine intensivere Kooperation zwischen den Fachbereichen und Schreibzentren wäre sicherlich wünschenswert!

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