HSW-Themenschwerpunkt 5+6/2015: Hurra, Gleichgesinnte!

Themenschwerpunkt: Anleitung zum Erwerb wissenschaftlicher Schreibkompetenzen durch Studierende

Das Hochschulwesen. Forum für Hochschulforschung, -praxis und -politik.

63. Jahrgang, Heft 5+6 2015

 

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HSW-Themenschwerpunkt: Hurra, Gleichgesinnte!

Die Doppelausgabe 5+6/2015 der Zeitschrift „Das Hochschulwesen“ widmet einen Schwerpunkt der Frage, wie Lehrende ihren Studierenden wissenschaftliche Schreibkompetenzen vermitteln können. Drei Beiträge liefern Erfahrungen aus der Praxis und vielfältige Anregungen:

  • Kühl, Stefan: Der publikationsorientierte Erwerb von Schreibkompetenzen. Zur Orientierung des studentischen Schreibens am wissenschaftlichen Veröffentlichungsprozess, S. 143-157
  • Oberzaucher, Frank, Stefanie Everke Buchanan und Benjamin Kerst: Schreibprozessorientierte Seminare wagen, S. 189-193
  • Schultz, Julia; Deutsche Grammatik als „Schreibwerkstatt“: Reflexionen zu einer Lehrveranstaltung mit experimentellem Charakter, S. 194-200

Neue Wege

Frank Oberzaucher, Stefanie Everke Buchanan und Benjamin Kerst von der Universität Konstanz befassen sich damit, wie Seminare schreibprozessorientiert gestaltet werden können. Aufbauend auf Girgensohns/Sennewalds Stufenmodell des Arbeitsprozesses beim wissenschaftlichen Schreiben legen sie konkret dar, wie sie in einem soziologischen Seminar alle fünf Phasen des Modells umgesetzt (also diese in die Veranstaltung geholt) haben.

Julia Schultz, Universität Heidelberg, beschreibt die Erfahrungen, die sie mit ihrem neuen schreibintensiven Lehrformat gemacht hat. Ausgewählte schreibdidaktische Methoden begleiteten die Studierenden durch das komplette Semester. Während sich anfangs einige erst noch an die unbekannten Methoden gewöhnen mussten, stellte sich das Experiment am Ende als gelungen heraus. Die Qualität der Texte stieg, und sowohl die Studierenden als auch die Dozentin empfanden die neuartige Lehrform als Bereicherung und Zugewinn.

Rückbesinnung

Auf den ausführlichen Beitrag von Stefan Kühl, Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld, möchte ich näher eingehen. Er schildert, wie Studierende durch ein entsprechendes Lehrkonzept systematisch an den wissenschaftlichen Publikationsprozess herangeführt werden können und welchen Nutzen sie daraus ziehen.

Kühls Ausgangspunkt ist folgender: Die ungezählten Ratgeber zum wissenschaftlichen Arbeiten entfalten nicht die gewünschte Wirkung, und viele Lehrende nehmen das gesunkene Niveau studentischer Arbeiten fatalistisch in Kauf. Gleichzeitig ist es im Sinne des Gesamtsystems jedoch wünschenswert, wissenschaftliche Standards aufrechtzuerhalten. Also müssen neue Konzepte entwickelt werden, mit denen es gelingt, die Schreibkompetenz der Studierenden zu fördern.

Bei Kühls publikationsorientierten Ansatz geht es weniger darum, dass einige wenige Studierende ihre herausragenden Arbeiten tatsächlich veröffentlichen. Vielmehr sollen alle Studierenden fünf verschiedene Textsorten (Artikel, Rezension, Buch, Forschungsantrag und Essay) kennenlernen und mit ihren Arbeiten selbst die für die Wissenschaft typischen Feedback-Prozesse durchlaufen. Anders als üblich werden die studentischen Arbeiten also nicht nur für einen einzigen Leser, nämlich den Lehrenden, verfasst, sondern für möglichst viele. Dieser Umstand wirkt auf die einzelnen Studierenden mitunter sehr motivierend. Allerdings ist das jedoch nicht immer leicht zu implementieren. Denn dieser Ansatz läuft der herrschenden Kultur entgegen – im Beisein der Lehrkraft hat man sich nicht zu kritisieren (von Kühl „Gesetz des Schulhofs“ genannt).

Im abschließenden Abschnitt des Artikels diskutiert Kühl die Möglichkeiten und Grenzen des Konzepts und ordnet es mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen in die Anforderungen an moderne Hochschullehre ein: Brauchen denn diese „Schmalspurstudierenden“, die ja nur den Bachelorabschluss anstreben, überhaupt so etwas wie eine publikationsorientierte Lehre? Die Antwort lautet natürlich ja, und mir gefällt die Argumentation (kurz gesagt: wider die direkte Verwertbarkeit).

Letztlich geht es um eine Rückbesinnung auf den ursprünglichen Zusammenhang zwischen dem wissenschaftlichen Artikel und der Prüfungsform „Hausarbeit“ (S. 145), wobei dem Konzept wohlgemerkt nichts Rückständiges anhaftet. Durch die Verortung im derzeitigen Hochschulsystem wird deutlich, wieso eine solche publikationsorientierte Vorgehensweise auch heutzutage sinnvoll sein kann.

Hurra, Gleichgesinnte!

Insgesamt hatte ich bei der Lektüre aller drei Beiträge den Eindruck, dass da Gleichgesinnte schreiben – nämlich solche, die die Studierenden voranbringen wollen und dafür neue Wege in der Lehre suchen. Ich freue mich auch immer sehr, wenn jemand offen ausspricht, dass die Gründe für die (angeblich) schlechten Schreibfähigkeiten der Studierenden nicht nur in den Studierenden selbst liegen, sondern ganz, ganz eventuell auch bei den Lehrenden zu suchen sind. Oder deutlicher ausgedrückt:

„Man muss es klar sagen, es sind oft in erster Linie die Lehrenden, die Nachholbedarf haben. Die mangelnde Schreibkompetenz der Studierenden sind auch traditionellen Vorstellungen der Konzeption von Lehrveranstaltungen geschuldet (z.B. wenige bis keine Schreibaufgaben im Semester, keinerlei Feedbackkultur oder Sensibilität für Schreibanregungen)…“ (Oberzaucher, Evereke Buchanan, Kerst, S. 193)


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

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