Oertner/St. John/Thelen: Zu kurz gedacht

Oertner, Monika, St. John, Ilona und Gabriele Thelen, (Hrsg.) (2014): Wissenschaftlich Schreiben. Ein Praxisbuch für Schreibtrainer und Studierende. Paderborn: Wilhelm Fink (UTB).

Preis: 24,99 Euro

Überblick über den Inhalt:

Einführung

1 Texte einordnen

Teil 1 Wissenschaftliche Standards

2 Gliederung

3Zitiertechnik

4 Quellennachweis

5 Plagiatsvermeidung

Teil 2 Wissenschaftlich Schreiben

6 Themenfindung

7 Recherche

8 Zusammenfassen

9 Exzerpieren

10 Wissenschaftlicher Schreibstil

11 Der rote Faden

12 Argumentation

13Überarbeitung

14 Wissenschaftlich Schreiben!

Anhang (u.a. mit Wissenstest und Analyseexempel)

 

Cover_OertnerStJohnThelen

 

Oertner/St. John /Thelen: Zu kurz gedacht

14 Kapitel für je 1,5 Stunden Lehre, so ist das Buch von Monika Oertner, Ilona St. John und Gabriele Thelen aufgeteilt. Das macht mich neugierig, denn ein Buch für Lehrende des Wissenschaftlichen Arbeitens würde ich ja gern einmal lesen.

Das Buch soll gleichzeitig ein „Praxishandbuch für Schreibtrainer und Studierende“ sein. Ob das gut geht? Gleich im Vorwort erfährt man dann, dass sich die Autorinnen an noch mehr und dabei sehr verschiedene Gruppen richten. Der Adressatenkreis des Buchs umfasst: Dozentinnen und Dozenten im Fach Wissenschaftliches Schreiben, Schreibberaterinnen und Schreibberater, Tutorinnen und Tutoren, Lehrerinnen und Lehrer der Oberstufe, Studierende, Abiturientinnen und Abiturienten in Vorbereitung auf ein Studium, Nicht-Muttersprachler (S. 8). Ich bin gespannt.

Didaktisch sehr gut aufbereitet

Alle Kapitel folgen dem gleichen Aufbau, was natürlich die Orientierung erleichtert: Ein Warm-Up aktiviert das Vorwissen der Leser, daran schließen sich immer Einzel-, Partner- und Gruppenarbeiten sowie Plenumsdiskussionen an. Natürlich erhalten die Leser auch Lösungsvorschläge zu den Übungen. Auf der Verlagsseite stehen viele der Materialien zum Herunterladen bereit.

Hilfreich sind die für jedes Kapitel formulierten Lernziele (S. 9 ff.). So können die Lernenden am Ende reflektieren, was sie verstanden haben. Zudem findet sich im Anhang ein kleiner, 20 Fragen umfassender Multiple-Choice-Test, der ihnen ebenfalls zur Überprüfung des neu erworbenen Wissens dient. Für Lehrende bietet die Liste der Lernziele einen ersten Anhaltspunkt für eine weiter auszudifferenzierende Checkliste.

Ärmel hoch und Wissen erarbeiten!

Inhaltlich setzt der Ratgeber ganz am Anfang an, als Studierender benötigt man keinerlei Vorwissen. Die Leser erhalten solides Basiswissen zu den wissenschaftlichen Standards und Arbeitsschritten, wenn sie sich durch das Buch arbeiten – und auch nur dann. Wer versucht, das Buch wie einen herkömmlichen Ratgeber zum Wissenschaftlichen Arbeiten zu lesen, wird nicht glücklich werden. Selbst aktiv werden ist gefragt.

Positiv fällt am Inhalt auf, dass das Exzerpieren, das in anderen einschlägigen Ratgebern eher vernachlässigt wird, hier seinen Raum bekommt (Kap. 9).

Problematisch erscheinen die Regeln zu den formalen Bestandteilen einer Arbeit und deren Paginierung (S. 30 ff.). Sie werden als allgemeingültig dargestellt, obwohl sie mit Sicherheit nicht an allen Hochschulen in dieser Form gelten oder gern gesehen sind.

An manchen Stellen habe ich mich gefragt, ob die Inhalte wirklich relevant sind, um das Wissenschaftliche Schreiben zu erlernen. In Kapitel 13, „Überarbeitung“, werden etwa ausgewählte Korrekturzeichen nach DIN 16511 präsentiert (S. 142), wo ein Hinweis auf die technischen Möglichkeiten der gemeinsamen Überarbeitung (Korrekturmodus u. ä.) mindestens ebenso angebracht gewesen wären. Oder Kapitel 12 zum Thema „Argumentation“: Es behandelt Mengendarstellungen von Aussagen, Logisches Schließen und Argumentsorten in derart vereinfachender Form, dass der Gewinn fraglich ist. Ich bezweifle, dass die Studierenden daraus einen echten Nutzen ziehen können.

Leider werde ich insgesamt mit dem Buch nicht richtig warm.

Welchen Studierenden kann man das Buch empfehlen?

Für Studienanfänger oder Schülerinnen und Schüler, die sich schon vor dem eigentlichen Start auf ihr Studium vorbereiten wollen, kann das Praxisbuch einen guten Einstieg bieten. Die Aufmachung erinnert sogar ein wenig an ein Schulbuch.

Das kleinschrittige Vorgehen überfordert sicher die wenigsten Leser. Eher im Gegenteil: Manchmal liegt die Latte ziemlich niedrig, beispielsweise bei der Erläuterung der römischen Zahlen (S. 26).

Die praktischen Übungen sind häufig als Partner- und Gruppenarbeiten oder als Plenumsdiskussionen angedacht. Dies dürfte für die Zielgruppe, die sich im Selbststudium mit den Inhalten befasst, schwierig werden. Viele der Übungen lassen sich zum Glück jedoch in abgespeckter Form auch allein durchführen.

Was bringt es für den Einsatz in der Lehre?

Praktische Übungen und Ideen für die Wissensvermittlung im Fach Wissenschaftliches Arbeiten finden Lehrende hier zuhauf. Jeder darf für sich selbst sehen, welche Ansätze er sowieso schon nutzt und welche sich noch in die eigene Lehre integrieren lassen. Einsteiger in die Lehre des Wissenschaftlichen Arbeitens finden sicher jede Menge Inspiration.

Als gelungen empfinde ich den Einstieg in die Thematik mit der Textsortenanalyse. Ich nutze in meinen Vorlesungen seit langem einen anderen Auftakt. Die Herangehensweise der Autorinnen gefällt mir jedoch gut, so dass ich eine abgewandelte Form davon weiter an den Anfang des Semesters ziehen werde.

Fazit: Nach der Lektüre hänge ich irgendwie in der Luft. Den Studierenden mag ich das Buch nicht bedingungslos empfehlen, und ich selbst als erfahrene Lehrende ziehe vergleichsweise wenig Nutzen daraus. Von einem solchen Buch, das explizit (auch)für Lehrende geschrieben wurde, hätte ich erwartet, dass es die typischen Schwierigkeiten bei der Vermittlung und die typischen Verständnisschwierigkeiten bei den Studierenden anspricht. Darüber ist allerdings nichts zu lesen. Hier sollten zu viele Zielgruppen auf einmal erreicht werden. Deshalb kommen leider alle zu kurz.


Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

2 Kommentare zu “Oertner/St. John/Thelen: Zu kurz gedacht

  1. Liebe Frau Klein, mir ging es ähnlich mit dem Buch – ich hätte mir auch gewünscht, mehr über die typischen Schwierigkeiten bei der Vermittlung und die typischen Verständnisschwierigkeiten bei den Studierenden zu lesen. Schön, dass es dafür Ihren Blog gibt – aus dem sich ja ein Buch entwickeln könnte, vielleicht auch in Kooperation mit anderen Lehrenden? 🙂
    Liebe Grüße aus Wien
    Johanna Vedral

    1. Herzlichen Dank, liebe Frau Vedral, für Ihren Kommentar! Es freut mich, dass Ihnen meine Beiträge gefallen.
      Das Buch zum Blog ist tatsächlich schon halb in Planung – aber erst einmal muss noch ein anderes fertig werden 😉 Danach kann ich mich intensiver damit befassen!

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