Schlüsselkompetenz Schreiben?

427 Hochschulen

427 Hochschulen gab es in Deutschland im Wintersemester 2014/15.

31 Schreibzentren

Die Zahl der Schreibzentren lag ein Jahr davor bei 31 und hat sich seitdem vermutlich etwas erhöht, es existiert keine offizielle Zählung. Einen Überblick über die vielfältigen Angebote zu erhalten, ist schwierig. Denn die Bezeichnungen variieren: Schreibzentrum, Schreibberatung, Schreiblabor… Zudem sind die Angebote institutionell unterschiedlich verankert: von der eigenständigen Einheit innerhalb der Hochschule bis zum sporadisch stattfindenden Workshop eines einzelnen Lehrenden…

381.269 Dozierende

Über 381.000 Dozierende lehren an den Hochschulen. Selbst wenn sie nicht Wissenschaftliches Arbeiten lehren, begleiten sie doch auf die eine oder andere Art die Studierenden bei deren Schreibprojekten oder bewerten die fertigen Arbeiten.

Bei den Dozierenden handelt es sich in den wenigsten Fällen ausgebildete Schreibtrainer. Und wie viele von ihnen die Methoden des Wissenschaftlichen Arbeitens und Schreibens intensiv reflektiert haben, kann keiner wissen. Damit meine ich nicht, dass die Dozierenden nicht selbst wissenschaftlich arbeiten. Ich will sagen, dass sie möglicherweise die eigene Praxis zum allgemeingültigen Standard erheben. So verwehren sie unbewusst den Studierenden den Zugang zu anderen (nützlichen!) Herangehensweisen.

Schlüsselkompetenz Schreiben

So richtig fröhlich stimmt mich das nicht. Wie geht es Ihnen damit?

7 Kommentare zu “Schlüsselkompetenz Schreiben?

  1. Danke für die spannende Zusammenstellung!

    In Österreich ist die Lage dank der leichter überschaubaren Größe etwas besser, allerdings auch erst seit einigen Jahren. Das erste und sehr lange Zeit einzige Schreibzentrum gab es in Klagenfurt, nun sind es wohl schon so an die 6 universitäre Schreibzentren geworden. Vor allem an unseren Fachhochschulen kommen die Schreibzentren stark auf!

    Eine Übersicht bietet die u.a. diese Landkarte der österr. Gesellschaft für wissenschaftliches Schreiben (GeWissS): http://www.gewisss.at/karte.html

    1. Danke für den Blick nach Österreich und den Link, liebe Frau Miljkovic. Da ist die Situation ja tatsächlich noch besser überschaubar als in Deutschland 😉

  2. Noch wichtigere Fragen: Wieviel Geld steht für die Schreibausbildung zur Verfügung – und vor allem: auf welche Dauer? Viele, zuviele Stellen sind wegen der unsicheren Finanzierung befristet, auf Teilzeit beschränkt, ohnehin unterdotiert; mit der wenig überraschenden Folge, daß vielerorts vorrangig nichtpromovierte GeisteswissenschaftlerINNEN Schreiben lehren.

    Ohne deren Leistung abwerten zu wollen, ist das in zweierlei Hinsicht ein Problem: Zum einen ist Schreiben nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch ein wichtiges Werkzeug im Forschungsprozeß selbst. Wie sich der ändert bei hochkomplexen und umfangreichen Projekten wie einer Dissertation, wie man sich über der Auseinandersetzung damit auch selbst ändert, das sollte man selbst erfahren haben. Wer das durchlaufen hat, sollte z. B. auch nicht mehr auf die Idee kommen, unrealistische Modelle zu propagieren, die Schreiben (und damit den wissenschaftlichen Arbeitsprozeß) als lineare Abfolge von Schritten darstellen: Denn echte Forschung ist niemals linear, sondern immer iterativ; für Schreiben als wissenschaftliches Werkzeug gilt das genauso.

    Zum zweiten muß sich, wenn wir wirklich gutes Schreiben vermitteln wollen, in Deutschland viel ändern; muß man abweichen von dem, was man alle Tage sieht, und den Mut haben, den Dingen sehr wissenschaftlich auf den Grund zu gehen: Worum geht es wirklich; was braucht es dazu; was funktioniert, was nicht; welche Konventionen sind hilfreich, welche sind nur Konventionen, welche gar schädlich für den Zweck? Denn der sollte in wissenschaftlicher Erkenntnis und dem Austausch darüber liegen; nicht in möglichst unverständlicher und aufgeblasener Selbstdarstellung. Den Status Quo zu kritisieren fällt aber deutlich leichter, wenn man selbst seine wissenschaftliche Qualifikation sichtbar nachgewiesen hat – und das heißt in der Regel: promoviert ist.

    Wie gesagt ist Schreiben in den Wissenschaften sehr viel mehr als ein bloßes Kommunikationsmittel; es ist auch ein mächtiges Werkzeug im Denk- und Arbeitsprozeß. Entsprechend müssen aber auch diejenigen, die sich mit dem Schreiben befassen und angehende wie ausgebildete Wissenschaftler in deren Schreiben unterstützen, über den eigenen Tellerrand hinausschauen; müssen sie Erkenntnisse aus anderen Gebieten aufnehmen, die diese Denk- und Arbeitsprozesse betreffen: namentlich aus Forschung zu Ängsten, Motivation, Kreativität (denn echte Wissenschaft zielt immer darauf, Neues zu schaffen), aber auch zum sog. agilen Projektmanagement u. a. m. Derzeit scheint mir da noch zuviel zu einseitig auf die Schreibunterstützung selbst konzentriert; neue Erkenntnisse gedeihen aber überall in den Wissenschaften besser, wenn man sich auch andernorts umschaut und sich davon anregen läßt.

    Also: Es ist viel zu tun.

    1. Liebe Frau Struve, herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar!
      „Schreiben als lineare Abfolge von Schritten“ – das sollte wirklich niemand ernsthaft behaupten, der eine Dissertation verfasst hat. Dennoch glaube ich nicht, dass eine Dissertation eine Grundvoraussetzung ist, um als Schreibberater erfolgreich zu sein und den Studierenden zu helfen, den einen oder anderen Knoten im Kopf zu lösen. Sicher hilft es aber, selbst so ein komplexes Schreibprojekt zu Ende gebracht zu haben.

      Meine Befürchtung geht in die andere Richtung. Ich denke, dass viele Lehrende, die aus ihren Fächern kommen und Wissenschaftliches Arbeiten nebenbei unterrichten, sich nicht ernsthaft mit der Nicht-Linearität des Wissenschaftlichen Arbeitens auseinandergesetzt haben. In den einschlägigen Ratgebern wird die ja auch munter weiter zum Idealbild erhoben. Da verdrängt man vielleicht gern mal, dass es bei einem selbst ganz anders war, und fühlt sich eventuell sogar ein bisschen wie jemand, der sich nicht an die Regeln gehalten hat.

      Wichtig wäre demnach auch, diese Lehrenden für die Nicht-Linearität zu sensibilisieren und ihnen zudem die Methoden des Schreibens als mächtiges Werkzeug im Denk- und Arbeitsprozess näherzubringen, wie Sie es genannt haben.

      Ich kann mich deshalb Ihrem Fazit nur anschließen: Es ist viel zu tun.

      1. Ich glaube, es muß in beide Richtungen gehen:

        Wissenschaftler aller Fachrichtungen müssen realisieren, daß Schreiben ein wichtiger Teil wissenschaftlicher Arbeit ist und als solcher (mit entsprechendem Stellenwert) vermittelt werden muß; das heißt eben auch, alle müssen sich damit auseinandersetzen.

        Schreibunterstützer müssen aber auch realisieren, daß Schreiben in den Wissenschaften vor allem dieser Wissenschaft dient, entsprechend ausgerichtet sein muß und sich selbst auch an wissenschaftlichen Anforderungen messen lassen muß. Wissenschaftlichkeit heißt nicht, sich mit irgendwelchen Zahlen oder Grafiken zu schmücken, sondern ernsthaft nach neuen Erkenntnissen zu suchen, und das methodisch und überprüfbar. Wissenschaftlichkeit heißt aber nicht zuletzt, immer wieder gerade auch das in Frage zu stellen, was derzeit als Standard gilt.

        Tatsächlich wird Schreiben an deutschen Hochschulen aber allzu oft gleichgesetzt mit der Vermittlung aktueller Konventionen, im Hinblick auf Zitierstile, Bibliographien, Gliederungen. Genau das darf es aber nicht sein! Was als wissenschaftliches Werkzeug taugen soll, muß mit einer wissenschaftlichen Haltung verknüpft werden.

          1. Als Ergänzung zum Gedanken der Nicht-Linearität:
            Mittlerweile denke ich, dass dieses Postulieren von Linearität hauptsächlich auf einen Grund zurückzuführen ist: Je überschaubarer ein Schreibprojekt erscheint, desto eher scheint es auch mit einer linearen Vorgehensweise zu bewältigen. Wenn Lehrende eine für sie vergleichsweise einfache Aufgabe stellen, kommt ihnen eventuell nicht die Idee, dass diese aus Sicht der Studierenden sehr schwierig zu bewältigen ist.

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